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Warum muss ich Stärke zeigen?

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum.
Ein neues Thema bitte erst ab ein Jahr Trockenheit eröffnen.

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Sunshine_33
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Re: Warum muss ich Stärke zeigen?

Beitrag von Sunshine_33 » 07.02.2019, 01:32

NNGNeo schrieb:
jetzt wo ich trocken bin schaue ich vielleicht manchmal zu sehr auf andere und zu wenig auf mich selbst. vielleicht ist es das schlechte gewissen was ich damit wieder gutmachen will.
mich würde mal interessieren, ob es dir genau so geht? ist das vielleicht ein typisches verhalten von trockenen alkoholikern?
Karsten schrieb darauf:
denn alles kann ich eh nicht wieder gut machen, was ich während meiner Saufzeit angerichtet habe.
Wenn ich das lese, frage ich mich, ob denn die Krankheit Alkoholismus hier WIRKLICH angenommen wurde, ob das wirklich innendrin angekommen ist, das es sich bei Alkoholismus tatsächlich um eine Krankheit handelt?
Und ich frage mich, ob sich Männer mit der Annahme einer Krankheit grundsätzlich schwerer tun als Frauen?
Ich habe jedenfalls mitunter dieses Gefühl.

Mich plagt kein schlechtes Gewissen, muss ich ganz ehrlich gestehen, vielleicht aber auch deshalb, weil ich "zu wenig" angrichtet habe zu Saufzeiten, keine Ahnung.
Ich habe während der nassen Zeit meiner Erkrankung typische Symptome und typisches Verhalten gezeigt.
Das gehört zu meiner Krankheit. Ich habe das aber nicht absichtlich getan oder weil ich ein böser Mensch bin!
Ich war gefangen in der Alkoholsucht. Und habe es lange Zeit nicht geschafft, mich daraus zu befreien.
Ich benutze das nicht als Ausrede, und es hat mir auch bisher niemand Vorwürfe gemacht für mein Verhalten während meiner nassen Zeit.
Die Leidtragenden haben wohl begriffen, das es sich wirklich um eine Krankheit handelt, von der ich betroffen war (und ja auch noch bin).
Und diese Menschen haben auch miterlebt, das ich nasses Verhalten ablegte, als ich trocken werden konnte.
Ergo hatte mein Verhalten mit der Krankheit zu tun, das haben meine Angehörigen und Freunde begriffen, ohne das ich es ihnen erklären musste.
Sie haben es ja gesehen und miterlebt.
Das Ablegen von nassem Verhalten sehe ich im übrigen nicht als besondere Leistung, denn ich brauchte das Verhalten einfach nicht mehr,
also konnte ich es ablegen ohne große Schwierigkeiten.

Karsten schrieb:
Es soll ja ein neues Leben sein, wo Werte, wie fair und Respeckt eine Bedeutung und nicht nur Worte sind.
Beziehst Du Dich damit auf das trockene Leben allgemein?
Wenn ja, wer sagt denn, das das trockene Leben so zu sein hat? :wink:
Ich kenne trockene Alkoholiker, die sich nicht groß geändert haben in die von Dir angegebene Richtung.
Ein trockenes Leben macht doch noch lange keinen "Gutmenschen" aus einem :wink:
Und ich denke, das muss es auch nicht.

Ich für meinen Teil habe mich übrigens auch nicht um 180° gedreht, ich habe nach wie vor Schwächen und auch dunkle Seiten.
So wie jeder andere Mensch auch.
Ich bin auch trocken nicht perfekt geworden, war allerdings auch nie mein Ziel.
Und ich muss auch nicht dauernd an mir herumwerkeln in Richtung Gutmensch oder sonstwas in dieser Richtung.
Ich erlaube mir auch dunkle Seiten, Unperfektionismus und manchmal bin ich bestimmt auch unfair, wenn ich nen schlechten Tag habe.

NNGNeo, vielleicht bist Du einfach nur ein hilfsbereiter Typ, der das auch gerne ist?
Muss man das gleich mit dem Drang zur Wiedergutmachung in Zusammenhang bringen?
Ich sehe da nicht grundsätzlich eine Verbindung.
Ich bin beispielsweise auch ein hilfsbereiter Typ, der auch eher mehr gibt als er nimmt.
Ich denke allerdings, das ist ein Wesenszug von mir, das war auch schon immer so in mir drin, es gehört zu meiner Persönlichkeit.
In nassen Zeiten konnte ich das aber nicht mehr so ausleben (Hilfsbereitschaft beispielsweise), die Krankheit erlaubt ja sowas eher nicht, zumindest schränkt sie einen auch in dieser Sache stark ein.
Nun kann ich aber wieder so sein, wie ich wirklich bin, nämlich grundsätzlich hilfsbereit. Und mich auch daran erfreuen.
Ich sehe da bei mir keinen Zusammenhang, etwas wieder gutmachen zu wollen.
Ich kann doch jetzt ab und zu mal was Gutes tun :) einfach nur so.

Vielleicht sagt nun jemand, ach Du machst es Dir aber zu leicht !
Dann antworte ich: Nö ! Ich mache es mir nur nicht unnötig kompliziert und muss nicht alles hinterfragen, analysieren und pipapo...
Manchmal kann man auch einfach nur mal so machen... und gut isses. :P

LG Sunshine

Karsten
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Re: Warum muss ich Stärke zeigen?

Beitrag von Karsten » 07.02.2019, 05:48

Hallo Sunshine,

natürlich ist der Alkoholismus eine Krankheit, aber ich für mich, möchte nicht jedes Fehlverhalten während meiner Saufzeit damit entschuldigen.
Da würde ich es mir halt zu einfach machen.

Gruß
Karsten

Karsten
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Re: Warum muss ich Stärke zeigen?

Beitrag von Karsten » 07.02.2019, 06:53

Hallo,

in dem Zusammnhang fällt mir noch ein, dass ja Beschaffungskriminalität ( meist bei Drogenabhängigen, auch suchtkranke Menschen ) ja auch estraft wird, obwohl es um die Suchtbefriedigung geht.

Auch Angehörige werden da ihre Sichtweise haben, ob alles mit der Suchtkrankheit zu entschuldigen ist.
Eine andere Suchtgemeinschaft hat ja auch in ihrem Programm, dass man versuchen sollte, Fehlverhalten wider gutzumachen, soweit es möglich ist.

Gedanklich habe ich mich da jedenfalls sehr verändert und stelle meine eigenen Bedürfnisse manchmal hntenan, wenn ich jemanden anderen etwas Gutes tun kann.
Dabei geht es natürlich nicht um große Dinge, aber vor allem ein faires Verhalten gegenüber anderen Menschen.

Gruß
Karsten

Mario B.
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Re: Warum muss ich Stärke zeigen?

Beitrag von Mario B. » 07.02.2019, 14:37

Karsten hat geschrieben:
04.02.2019, 14:19
Wie hat sich euer Verhalten in dieser Richtung geändert?
Hallo,

bei mir hat sich dies auch um komplett 180% gedreht.

Heute springe ich nicht mehr für Hinz und Kunz wenn denen gerade danach ist.

Als ich noch gesoffen habe früher, waren mir meine Bedürfnisse komplett egal, erst kamen die anderen, danach immer öfter der Alkohol, dann lange Zeit nichts und dann irgendwann mal meine Bedürfnisse und Empfindungen. An dem Zeitpunkt merkte ich dann dass ich ein grosses Problem mit den Auswirkungen des Alkoholkonsums habe.

Heute stecke ich nicht mehr kopfnickend zurück und sage stattdessen sehr oft auch mal (nach aussen oder innerlich) einfach Nein.

Gruss,

Mario B.

Karsten
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Re: Warum muss ich Stärke zeigen?

Beitrag von Karsten » 07.02.2019, 15:58

Hallo Mario,

als ich gesehen habe, dass du hier geantwortet hast, hatte ich schon in Gedanken, dass du das Thema von der anderen Seite betrachten wirst :)

Es ist natürlich auch richtig, auf sich zu schauen, aber das ist hier leider nicht das Thema.

Gruß
Karsten

NNGNeo
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Re: Warum muss ich Stärke zeigen?

Beitrag von NNGNeo » 07.02.2019, 19:58

hallo karsten
Karsten hat geschrieben:Vielleicht ist es die neue Welt für mich, wo ich schaue, andere nicht auszunutzen, sondern lieber mehr zu geben.
Schließlich habe ich viele, viele Jahre genau das Gegenteil gemacht.
eben genau deswegen. ich für mich persönlich möchte lieber etwas von dem zurück geben was ich mir jahrelang genommen habe.
Karsten hat geschrieben:natürlich ist der Alkoholismus eine Krankheit, aber ich für mich, möchte nicht jedes Fehlverhalten während meiner Saufzeit damit entschuldigen.
sehe ich auch so. ich will damit auch nicht jeden mist den ich gebaut habe damit entschuldigen, auch wenn ich teilweise dafür nichts konnte.
natürlich war es viel die Krankheit die mich manche sachen hat tun lassen, aber letztendlich stehe ich doch selbst dafür gerade.

aber wie dem auch sei, es ist heute so wie es ist und damit kann ich auch ganz gut leben.
grüße
NNGNeo

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Re: Warum muss ich Stärke zeigen?

Beitrag von NNGNeo » 07.02.2019, 20:21

hallo sunshine
Sunshine_33 hat geschrieben:NNGNeo, vielleicht bist Du einfach nur ein hilfsbereiter Typ, der das auch gerne ist?
Muss man das gleich mit dem Drang zur Wiedergutmachung in Zusammenhang bringen?
es stimmt schon das ich hilfsbereit bin, das war ich auch schon früher, zu einer zeit bevor es den alkohol in meinen leben gab.
und eben auch heute, nach dem alkohol bin ich eben auch wieder hilfsbereit, vielleicht sogar ein bisschen mehr als früher.
es geht mir dabei nicht um wiedergutmachung, vieles kann ich nicht wieder gut machen aber manchmal überkommt mich dann schon ein schlechtes gewissen für all das was ich eben anderen menschen mit meiner sauferei angetan habe. und sei es eben auch nur das ich mich nicht an verabredungen gehalten habe oder ich nicht jemanden bei etwas geholfen habe obwohl ich bereits meine hilfe zugesagt habe.

es ist jetzt nicht so das ich ständig mit schuldgefühlen durch die welt laufe oder ich jemanden etwas schuldig bin. das wäre ja schrecklich.
aber in so stillen momenten denke ich doch manchmal an meine zeit zurück als ich noch nass war und an den mist den man gebaut hat. da kommt dann schon mal das eine oder andere schlechte gewissen hoch.

ich habe aber trotz allem das glück das mir von meiner familie, freunden und bekannten nichts vorgeworfen wird und sie würden niemals von mir erwarten das ich etwas gut zu machen hätte. das macht es natürlich um so einiges leichter.

es ist eigentlich auch schon gut so wie es ist. vielleicht mache ich mir auch manchmal einfach zu viele gedanken :wink:
aber damit kann ich leben
grüße
NNGNeo

Karsten
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Re: Warum muss ich Stärke zeigen?

Beitrag von Karsten » 07.02.2019, 20:46

Guten Abend,

im Grunde genommen, spiegelt es ja auch die Gesellschaft wieder.
Da werden wir nicht anders sein.
Es gibt Menschen, die nur an sich denken und Menschen, die auch an andere Menschen denken, um das mal in den Farben schwarz und weiß zu beschreiben. :)
Natürlich gibt es auch viele Grautöne.

Ich wollte auch keine wirkliche Diskussion über ein schlechtes Gewissen, aber mich hat das Thema beschäftigt, als ich es vor ein paar Tagen geschrieben habe.

Ist aber auch interesant, wie geantwortet wurde.
Langsam muss ich aufpassen, nicht ins Schubladendenken zu verfallen :)

Gruß
Karsten

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