Abgrenzung von meinen Eltern

Hilfe für erwachsene Kinder von Alkoholikern
Tivia
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Abgrenzung von meinen Eltern

Beitrag von Tivia » 21.11.2015, 16:32

Hallo,

ich bin Tivia, 33, und meine Eltern trinken beide, schon so lange ich denken kann. Vermutlich noch länger.

Ich möchte nicht meine ganze lange Geschichte hier aufschreiben, ich kann nur sagen, ich habe schon sehr viel gemacht und versucht, sicher die klassischen Dinge, die man als coabhängiges Kind so tut, aber später und mit etwas Abstand dann auch Dinge für mich und meine Entwicklung. Ich bin derzeit wieder in Therapie.
Da es mir nach dem Kontakt zu meinem Elternhaus immer sehr schlecht geht (bis hin zu tagelangen Suizidgedanken), stellt meine Therapeutin nun in den Raum, dass ich den Kontakt einschränken (oder eine Zeit lang abbrechen) soll, um mich mehr auf mein Leben fokussieren zu können, um diese Fußfesseln endlich mal loswerden zu können.

Ich fühle mich damit wie ein Verräter, ich lasse meine Familie im Stich. Ja, immer noch, obwohl ich das ganze Familiensystem durchschaue. Aber emotional hänge ich noch drin. Wünsche mir immer noch, es könnte alles anders sein. Nun, die Depressionen nach diesen Treffen zeigen mir, dass da was nicht stimmt.

Meiner Mutter geht es mittlerweile gesundheitlich richtig schlecht. Phasenweise kann sie kaum noch aufstehen, hat alle möglichen Schmerzen, sieht furchtbar aus (gelb & aufgequollen), ich nehme an, ihre Leber ist schon stark geschädigt, aber genaues weiß ich nicht. Mir wird schlecht, während ich das schreibe. Ich habe große Angst, dass etwas passiert. Auch, dass meinem Vater etwas zustoßen könnte (der ist gesundheitlich noch nicht ganz so stark in Mitleidenschaft gezogen). Die Befürchtung, dass ich dann wieder für alles in der Verantwortung stehe, alles regeln muss, ist sehr groß, weil ich das schon immer gemacht habe. Auch weil noch meine alte kranke Großmutter in diesem Haus mit meinen Eltern lebt und ich sie nicht im Stich lassen möchte.

Puh, nun wird es doch lang. Fakt ist, ich muss eine Form der Abgrenzung finden. Aber wie? Ich versuche seit ein paar Tagen einen Brief an meine Mutter zu schreiben, in dem ich Abstand ankündige, aber ich weiß, damit ist es nicht getan, ich werde das immer wieder tun müssen, meine Grenzen wahren, weil meinen Eltern versuchen werden, sie zu übertreten. Wie habt ihr das gemacht, vor allem in dem Wissen, dass jederzeit etwas passieren kann?

LG
Tivia

Morgenrot
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Beitrag von Morgenrot » 21.11.2015, 19:34

Hallo Tivia,

herzlich Willkommen bei uns im Forum.

Ich fühle mich damit wie ein Verräter, ich lasse meine Familie im Stich
du bist kein Verräter, du setzt ein sichtbares Zeichen, und wenn es dir gut tut, ist es völlig in Ordnung.
Meine Tochter hat auch den Kontakt zum Vater abgebrochen, sie hat es ihm klar und deutlich mitgeteilt, aber das ist auch nicht angekommen.
Nasse Alkoholiker erreichst du nicht, ihr Vater tut jedenfalls so, als sei da nie drüber gesprochen worden.

Ich möchte dir etwas aus eigener Erfahrung mitgeben, du schreibst von Fußfesseln, die streifen sich nicht so schnell ab.
Fußfesseln können auch erlernte Muster sein, mit denen du bis jetzt überlebt hast.
Sei nicht zu enttäuscht, wenn diese alten Muster eine gewisse Hartnäckigkeit an den Tag legen.
Hab Geduld mit dir.


lg Morgenrot

Tivia
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Beitrag von Tivia » 22.11.2015, 13:32

Hallo Morgenrot,

vielen Dank.
Ja, das mit dem nicht erreichen...ist mir heute noch mal klar geworden. Danach ist es mir leichter gefallen, den Brief an meine Mutter abzuschicken, allerdings weiß ich, dass die Hauptarbeit hinterher kommt, wenn sie gut drauf ist und ich ihr immer wieder sagen muss, dass ich Abstand möchte.

Dass da meine erlernten Muster greifen, und sicher auch der Wunsch, einfach nur sowas wie Liebe von meinen Eltern zu bekommen, macht das Ganze eben so schwer.
Die Geduld werde ich wirklich benötigen.

Lieben Gruß
Tivia

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Beitrag von Lanna » 25.11.2015, 11:53

Hallo, Tivia,

ich kenne mich mit dem Thema Pflege und Betreuung nicht aus, aber hast du dich schon einmal über rechtliche Vormundschaft (oder wie es heißt) informiert. Vielleicht weiß jemand anderes aus diesem Forum darüber zu berichten, wie die Einleitung einer Vormundschaft funktioniert und was der Vormund dann regelt und wofür er zuständig ist.

Mein Gedanke war, dass es dir vielleicht hilft zu wissen, dass du rein rechtlich gesehen, nicht für deine Eltern zuständig sein musst, wenn etwas passiert.

Viele Grüße

Lanna

Tivia
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Beitrag von Tivia » 01.12.2015, 17:49

Danke Lanna. Ich werde mich dahingehend mal informieren. Doch sowas muss sicherlich auch finanziert werden...

Inzwischen ist der Brief an meine Eltern ja seit einer Woche angekommen - es hat sich bisher keiner bei mir gemeldet. Ruhiger macht mich das nicht gerade, aber es war ja das, was ich mir erbeten hatte - weniger Kontakt.

Lanna
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Beitrag von Lanna » 30.01.2016, 10:24

Hallo Tivia,

wie ist es mit deinen Eltern weitergegangen? Haben sie sich gemeldet? Wie geht es dir jetzt?

Liebe Grüße
Lanna

flocke14
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Beitrag von flocke14 » 02.02.2016, 12:10

Hallo Tivia,

ich kenne deine Situation, bei mir war es der Vater, der abhängig war.
Mittlerweile ist er an den Folgen des Alkoholkonsums gestorben bzw. der starken
Schädigung der Leber.
So hart es klingt, das ist etwas auf das du dich evtl. leider auch einstellen musst.
Ich habe mich gegen Ende auch sehr stark von meinem Vater abgewendet und es hat mir geholfen.
Du musst dir vor Augen halten, dass es NICHT deine Verantwortung ist, auch wenn du schon erwachsen bist. Du willst
dein eigenes Leben haben.
Ich bin 28 und dachte vor Jahren auch noch, dass ich etwas ändern kann und meinem Vater unter die Arme greifen kann.
Er wollte nicht wirklich, es war leider kein Wille zur Veränderung da. Zwei Entzüge schlugen fehl.

Wenn du die Symptome deiner Mutter beschreibst, ja, die kenne ich und habe ich auch bei meinem Vater erlebt. Sehr gelb und eine starke Wasseransammlung. Ist bei ihr denn eine Leberzirrhose diagnostiziert worden? Wenn ja, in welchem Stadium? Ich bin kein Experte, aber die Lebenserwartung sinkt rapide. Bei meinem Vater ging es dann alles ganz schnell.
Er kam ins Krankenhaus und lag dann 2 Tage später im Leberkoma. Knapp 2 Wochen später ist er dann an geplatzten Krampfadern gestorben. Das war ziemlich unschön.
Mein Rat an dich, halte deinen Eltern und vor allem deiner Mutter vor Augen wie lebensbedrohlich die Situation ist bzw. werden kann.
Wenn das nicht funkt würde ich mich an deiner Stelle abwenden! Das ist wichtig für dich. Mehr kannst du nicht tun. Entweder der Wille ist da oder nicht. Das war zumindest meine Erfahrung, vielleicht sind deine Eltern etwas aufnahmefähiger. Ich würde es dir wünschen.

Viel Erfolg.
Du kannst dich gerne auch mal per PN melden.

Grüße
Florian

Tivia
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Beitrag von Tivia » 11.02.2016, 09:25

Hallo Florian,

vielen Dank für deinen Beitrag. Was du geschrieben hast hört sich sehr hart an, tut mir sehr leid was dir passiert ist.

Ich war jetzt länger nicht hier im Forum.
Gerade brauche ich wieder einen Augenöffner, einen Weg heraus. Ich merke wie mich immer mehr die Kraft für mein Leben verlässt, und dass ich eine Lösung von meinen Eltern brauche (anstatt eine Lösung für sie). In welcher Form, das weiß ich nicht. Es zerreisst mich diesen Schritt zu gehen.

* wurde auf Wunsch von Tivia editiert* Morgenrot

Vielleicht liest du ja hier noch mal mit.

Viele Grüße
Tivia

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