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Meine alkoholkranke Mutter ist verstorben - ich bin traurig

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helen38
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Meine alkoholkranke Mutter ist verstorben - ich bin traurig

Beitrag von helen38 » 19.12.2015, 13:21

Hallo ihr!

Vor einiger Zeit hatte ich hier schon einmal gepostet. Wer es sich durchlesen mag, es findet sich in den untenstehenden Threads:


http://www.forum-alkoholiker.de/ftopic26900.html

http://www.forum-alkoholiker.de/ftopic29875.html

Das Zusammenleben mit meiner Mutter war alles andere als einfach. Aufgrund einer gescheiterten Beziehung (und mal wieder dem Gefühl alleingelassen worden zu sein - was aus meiner Familiengeschichte resultiert) und sich dem verschlimmernden Verhalten meiner Mutter, habe ich entschieden Distanz zu ihr einzunehmen, d.h. wir hatten in den letzten 2,5 Jahren nur noch telefonischen Kontakt, der meistens oberflächlich war.
Ein Nachbar rief mich dann an, dass er sie ins Krankenhaus gefahren hätte. Ab diesem Zeitpunkt haben meine Schwester und ich sie im Krankenhaus besucht. Zuerst täglich, dann abwechselnd alle 2 Tage. Ohne den Mist - Alkohol waren zum ersten Mal wieder vernünftige und auch tiefe Gespräche möglich und ich habe gemerkt, wieviel Liebe und Sehnsucht ich die ganzen Jahre doch für meine Mutter hatte. Alles nur zu meinem eigenen Schutz weggedrückt. Ich hatte teilweise das Gefühl am liebsten in sie "hineinkriechen" zu wollen, um verpasste Dinge nachzuholen. Zuerst hieß es, es würde wieder besser werden und wir haben sie in einem Pflegeheim angemeldet.
Meine Hoffnung auf eine normale Beziehung mit meiner Mutter war so groß, wenn sie dann hoffentlich unter Aufsicht und unter Menschen wäre (meine Mutter war sehr einsam). Ich habe ihr auch gesagt, dass ich gerne einen Neuanfang machen würde und ich nicht möchte, dass es wieder so schlimm wird wie vorher. Sie wollte das auch und es war möglich, dass wir uns sagen, dass wir uns lieb haben.
Leider stellte sich dann im Laufe der Behandlung heraus, dass sie an ihrer Erkrankung versterben wird. Sie ist jetzt vor einer Woche verstorben, ohne das Krankenhaus verlassen zu haben. Wir hatten nur noch 5 Wochen.
Nur wenige haben Verständnis für meine Gefühle, da ich so häufig auf meine Mutter geschimpft habe. Davon ist momentan nicht mehr viel übrig. Momentan sehe ich eher das traurige Leben meiner Mutter (Kriegsflüchtling, traumatisierte Mutter, mein Vater, der sie häufig mit anderen Frauen betrog(ist bereits vor 10 Jahren verstorben)). Ich habe Schuldgefühle, da ich auf Abstand zu ihr gegangen bin und auch auf Angebote durch die Blume auf ein Treffen mit ihr nicht eingegangen bin (weil ich Angst hatte, wieder in den Strudel hineingezogen zu werden - ich war schon einmal ein Jahr depressiv erkrankt wg. der Familiengeschichte). Schuldgefühle wegen der verdreckten Wohnung - wie wird sie die letzten Wochen dort gelebt haben?
Jetzt ist es zu spät, es wird keine Annäherung mehr geben, keine Chance mehr auf ein Happy End. Schade um die vielen verlorenen Jahre.

Mir geht es nicht gut und meine Gedanken rotieren und wieder mal ist das Gefühl alleingelassen worden zu sein so dominant. Immer wieder dieses Gefühl in meinem Leben...nicht leicht auszuhalten. Ich habe keinen Partner und keine eigene Familie :(

Ich musste meine Gedanken mal mit jemandem teilen, der mich vielleicht auch verstehen kann und vielleicht habt ihr ja Tipps wie es mir wieder besser gehen könnte...

Liebe Grüße

Helen38

Karsten
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Beitrag von Karsten » 19.12.2015, 13:28

Hallo Helen,

mein herzlichstes Beileid zum Tod deiner Mutter.
Ich kann dich gut verstehen, wenn du an deinem Verhalten von früher jetzt vielleicht zweifelst.
Vergangene Dinge kann man leider nicht mehr ändern und das tut mitunter sehr weh.
Ich erlebe momentan ähnliche Gefühle, die aber aus meinem Verhalten als Alkoholiker kommen und die ich nicht mehr gutmachen kann, weil er vor 20 Jahren an Weihnachten gestorben ist.
Ich wünsche dir für die nächste Zeit sehr viel Kraft.

Gruß
Karsten

viola
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Beitrag von viola » 19.12.2015, 13:53

Hallo helen,

es tut mir sehr leid, dass deine Mutter verstorben ist, und wie die Umstände für euch alle waren.
Mein herzliches Beileid!

Natürlich kannst du nichts nachholen.
Aber tröstlich ist doch, dass ihr 5 sehr intensive Wochen hattet zum Schluss, und dass ihr euch näher gekommen seid. Dass ihr aussprechen konntet, dass ihr euch lieb habt.
Das ist nicht Nichts! Auf lange Sicht wird dich das bestimmt trösten, auch wenn du jetzt traurig und schwer zu trösten bist.

Alles Gute für durch und trotz allem schöne Feiertage,
LG viola

Linde66
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Beitrag von Linde66 » 19.12.2015, 14:04

Hallo Helen,

mein aufrichtiges Beileid zum Tode deiner Mutter. Fühl dich umarmt, wenn du möchtest.

Ich kann dich gut verstehen. Alles nur zu meinem eigenen Schutz weggedrückt, hast du geschrieben. Das ist bei mir auch so gewesen. Wie anders hätte es denn sonst auch gehen sollen für eine kleine Tochter, für eine Jugendliche oder junge Frau...? Heute, als Erwachsene, kann ich anders damit umgehen. Aber wenn man mit einer alkoholkranken Mutter aufwächst, dann greifen - hoffentlich bzw. zum Glück - die Selbstschutzmechanismen, sonst würde man emotional kaputtgehen.

Ihr hattet 5 intensive Wochen von Annäherung, Liebe, Verständis und Verzeihen, macht es den Eindruck. Das wird ihr viel bedeutet haben, und euch ja auch. Schau aufs Jetzt, schau auf diese intensive Zeit. Die ist kostbar gewesen und eine kostbare Erinnerung. Deine Mutter, so wie meine Mutter auch, hat ihre Lebensentscheidungen so getroffen, wie sie sie getroffen hat - mit verdreckter Wohnung etc. Manchmal kann man nur Abstand halten, wenn man nicht mit kaputtgehen will. Aber schau, was in diesem Abstand in dir für eine innere Kraft gewachsen ist, sodaß du deine Mutter jetzt auf ihrem letzten Weg überhaupt begleiten können hast!

Das Gefühl alleinegelassen worden zu sein, das ist soo ein starkes Gefühl. Als Kind in die stumpfen Augen einer betrunkenen Mutter zu schauen, das macht total Angst. Vielleicht resultiert daraus auch Verunsicherung, Lebensunsicherheit und Zweifel an der Möglichkeit bzw. eigenen Fähigkeit zu einer erfüllenden Beziehung und Bindung. Mich wundert das nicht mehr. Ich merke, wie tiefgreifend meine Persönlichkeit durch den jahrzehntelangen Alkoholismus meiner Mutter betroffen ist.

Habe später lange das Gefühl gehabt, im Reparaturmodus zu sein. Manches kann nachreifen oder heilen. Manches ist wie es ist. Aber man kann sich aus der inneren Opferhaltung aktiv herausbewegen. Alleingelassen hat was von sitzengelassen worden zu sein. Aber sitzen ist so passiv. Ich könnte stattdessen jetzt alleine aufstehen und losgehen: In die Trauer, durch die Trauer, aus der Trauer heraus - was immer gerade dran ist. Das kann was sehr Lebendiges werden. Klar wäre es schöner gewesen, schon als Kind und Jugendliche lebendig geworden zu sein. Aber jetzt ist das Schritt für Schritt auch möglich. Hat sowas von Selbstverantwortlichkeit. Früher waren die Eltern verantwortlich, ob sie das wirklich waren, nun ja, nicht wirklich. Jetzt sind wir selber verantwortlich, das haben wir in der Hand.

Von außen gesehen hattet ihr ein Happy End. Ihr seid euch so nah gekommen. Konntet euch eure Liebe zeigen. Und zur Liebe gehört glaube ich die Trauer dazu. Umgib dich mit Menschen die dir gut tun und deine Gefühle und die Veränderung deiner Gefühle so stehenlassen können. Es ist doch ein Prozeß. Ich habe früher auch ganz anders zu meiner Mutter gestanden als heute. Wäre traurig, wenn es nicht so wäre. Wer das nicht versteht...

Lieber Gruß, Linde

Sunshine_33
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Beitrag von Sunshine_33 » 19.12.2015, 16:26

Liebe helen,
auch von mir mein aufrichtiges Beileid zum Tod Deiner Mutter.

Mache Dir bitte keine Vorwürfe, Du kannst am vergangenen sowieso nichts mehr ändern.
Und Du hast doch damals so gut gehandelt, wie Du konntest.
Das tun wir doch im Grunde Alle immer.
Das man es später evtl. anders gemacht hätte, das ist einfach so.
Darum war die alte Entscheidung zum dem damaligen Zeitpunkt aber trotzdem nicht falsch.

Ich weiß, wie es ist, wenn man plötzlich erfährt, das die verbleibende Zeit nur noch kurz sein wird.
Bei meiner Mutter war es ebenso, ihre Erkrankung hatte allerdings mit Alkohol nichts zu tun.
Wir bekamen auch mitgeteilt, das meine Mutter austherapiert ist und die Ärzte nichts mehr tun können.
Das war wie ein Hammerschlag und andererseits fühlte es sich so unwirklich an.
Ich erinnere die letzten Tage und Stunden, die im Grunde schrecklich für mich waren, so bedrückend und traurig und belastend.
Ich habe mir nichts davon anmerken lassen gegenüber meiner Mutter, nur die Traurigkeit.
Sie verstarb dann auch noch im KH, das war vor fast genau 4 Jahren.

Ich merke jetzt mit der Zeit, wie diese Erinnerungen und Bilder der letzten Tage so langsam verblassen und die schönen Erinnerungen immer mehr überwiegen.
Und ich habe mir auch für einiges Vorwürfe gemacht. Auch für Dinge, die ich nicht mal hätte ändern können.
Auch das verblasst so langsam.
Die Zeit richtet und heilt da einfach einiges... wenn man es zulässt.

Ihr hattet noch die letzten Wochen, wo ihr Euch wieder annähern konntet und mehr.
Das ist doch SEHR viel.
Und das wirst Du auch in einiger Zeit noch mehr wertschätzen können.
Schau lieber auf diese Zeit, alles andere kannst Du nicht mehr ändern und musst Du auch nicht.
Ich würde es auch letztendlich als "Happy End" bezeichnen, trotz dem andererseits traurigen Ende.

Tipps, wie es Dir besser gehen könnte?
Ich glaube, nach einem Todesfall braucht es erstmal Zeit um überhaupt zu begreifen.
Und Zeit zum Trauern. Das wird alles noch dauern.
Mir hat es ansonsten geholfen, wieder am ganz normalen Leben teilzunehmen. Auch wenn es erst schwer fiel.
Ich habe versucht, nicht zu grübeln und auch nicht, Dinge nochmals auseinanderzudröseln, weil das viel zu schmerzhaft war.
Dafür war erstmal nicht die Zeit, viel zu früh.
Das konnte warten, da läuft ja nix weg.
Und später stellte ich fest, das es gar keinen Sinn mehr macht, weil die Situation eh unabänderlich ist und nichts mehr rückgängig gemacht werden kann.
Und wie gesagt, die schlimmen Erinnerungen an die letzten Tage heilten mit der Zeit auch immer mehr.

Mein Tipp wäre also, langsam wieder ins normale Leben zurückzukommen. Und die Zeit ihr Werk tun lassen. Und sich selbst vielleicht was Gutes zu tun? Fiele Dir irgendwas dazu ein?

LG Sunshine

helen38
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Beitrag von helen38 » 21.12.2015, 16:06

Ich möchte euch erstmal für eure lieben Worte danken!

Besonders Lindes und Sunshines Worte haben ziemlich genau getroffen, was ich fühle. Es ist schön so verstanden zu werden.

Ja, wir sind uns in Liebe begegnet, obwohl meine Mutter nie sehr überschwänglich war. Körperkontakt war nicht ihres. Wir haben häufig mal ihre Hand genommen, sie konnte das wohl nicht so.
Da sie sehr krank war und dann schnell ermüdet war bei Besuchen, gab es dann (wahrscheinlich) doch das ein oder andere böse Wort von ihr, z.B. hat sie einmal gesagt, dass ich ihr schon früher hätte helfen können und nicht erst jetzt.
Dabei hätte ich ihr immer geholfen, wenn sie hätte es etwas gegen ihre Sucht tun wollen. Alles andere konnte ich nicht mehr. Diese Gefühlsachterbahn war einfach zuviel.
Solche Aussagen rotieren jetzt aber im Kopf inklusive der verpassten Zeit, die man nicht miteinander verbracht hat und die jetzt auch nie nachgeholt werden kann. Verdammt. Die Gefühle, die ich gegenüber meiner Mutter hatte, als sie noch getrunken hat, sind verschwunden. All die Wut, die Enttäuschung, nur noch Trauer ist da.
Hat sie gewusst, dass sie stirbt? Sie hat noch in unserem Beisein Pläne gemacht. Meine Schwester hat mal versucht ein Gespräch in diese Richtung zu lenken, sie ist darauf nicht eingegangen.
In der letzten Nacht soll sie randaliert haben und harte Dinge gegen die Fensterscheiben geworfen haben. Ich frage mich, was hat sie dort gesehen? War sie wütend? Oder war sie einfach verwirrt? Sie hat auch während der Zeit im Krankenhaus Dinge gesehen, die nicht da waren.

Wir konnten ihr ihr ganzes Leben land nicht helfen. Das ist so traurig.

Trotzdem muss ich ins Leben zurück. Zum Glück habe ich liebe Menschen um mich herum, die zumindestens zeitweise für mich da sein können. Leider ist die Zeit, die man mit seinen Gedanken doch allein ist lang.

Ach, das was einem das Leben präsentiert ist schon nicht einfach...

LG, Helen38

Linde66
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Beitrag von Linde66 » 26.12.2015, 11:41

Hallo Helen,

ich möchte dich am liebsten einfach feste umarmen.

Was deine Mutter in ihren letzten Tagen mit sich selber ausgemacht hat, das wird keiner ahnen können. Vielleicht ging ihr eben genau das im Kopf herum, was du schreibst: ...inklusive der verpassten Zeit, die man nicht miteinander verbracht hat und die jetzt auch nie nachgeholt werden kann. Denn genauso war es für sie ja auch. Vielleicht ist ihr das bewußt geworden? Wer weiß.

Ich freu mich, daß du liebe Menschen um dich herum hast.

Wie geht es dir inzwischen? Wie verbringst du die Feiertage?

Lieber Gruß, Linde

Kitze
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Beitrag von Kitze » 28.12.2015, 22:50

Hallo Helen,
mein Beileid. Ich wünsche dir viel Kraft und Mut für den Weg durch die Trauer, die Trauer und den Schmerz wird dir niemand nehmen können. Sei froh um diese Zeit die ihr so offen und nah habt beieinander sein können und nimm es als Geschenk. Auch wenn sich die Uhr nicht zurück drehen lässt, und man weiß nie was hätte anders laufen können, mach dir keine Vorwürfe, schließlich war deine Mutter erwachsen und hätte selbst Verantwortung übernehmen können. Nun habt ihr vielleicht noch gute Gespräche geführt und wurdet nicht im Argen getrennt, das war doch noch eine gute Chance die ihr scheinbar auch genutzt habt.
Alles Liebe

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