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Sohn von traumatisierten Eltern

Hilfe für erwachsene Kinder von Alkoholikern

Moderator: Moderatoren

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Axelfoley
neuer Teilnehmer
Beiträge: 3
Registriert: 22.02.2017, 16:09

Sohn von traumatisierten Eltern

Beitrag von Axelfoley » 22.02.2017, 22:17

Hi Leute,

Ich bin neu hier. Mir ist noch nicht ganz klar wie aktiv ich mich hier beteiligen möchte. Ich weiß aber, dass ich hier erstmal richtig bin Smilie

Mein Vater ist Alkoholiker. Er hat viele Probleme aus seiner Kindheit mit in unser Familiensystem gebracht. Er hat soziale Phobien und ev. Depressionen. Vieles hat er meist und lange Zeit weggetrunken bzw macht das jetzt immernoch.
Meine Mutter wurde als Kind mishandelt. Genaues weiß ich darüber nicht. Auf jeden Fall ist sie extrem unterwürfig und wehrt sich nicht gegen die autoritäre Art meines Vaters, geschweige denn gegen seinen Alkoholkonsum.

Daraus bin ich entstanden. Ich habe als Kind viel Angst vor meinem Vater gehabt. Er hat uns nie mishandelt.
Trotzdem gab es viel Angst und eingeforderten Respekt in unserem System. Wir drei Kinder haben eine sehr strenge Erziehung erlebt in der wir auch mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen wurden oder auch andere Bestrafungen erlebt haben, wie in den Hintern treten oder unterm Tisch gegen das Schienbein treten um uns zu züchtigen. Ich habe sehr lange unter einem extrem niedrigen Selbstwertgefühl gelitten. Mit der Zeit hatte ich gute Möglichkeiten um dieses zu verbessern. Mittlerweile habe ich schon eine Langzeittherapie fast beendet und habe viele Techniken gefunden, mit denen ich mir helfen kann. Ich wünsche mir diesen Weg weiter erfolgreich zu bestreiten und mich endlich darauf konzentrieren zu können, was gut für mich ist und mir eine Vorstellung aufbauen, was gut für meine Zukunft ist.
Aktuell versuche ich sehr viel zu Hause anzusprechen. Ich begegne sehr viel Skepsis, auch von meinen Geschwistern. Wir leben alle in der Welt verstreut und haben nicht viel Bezug nach Hause. Letztes Jahr war ich 4 mal zu Hause. Jeweils ca Wochenendweise. Dieses Jahr war ich nicht zu dem Geburtstag meines Vaters zu Hause und fahre auch nicht zum Geburtstag meiner Mutter nach Hause. Aktuell lerne ich mich von zu Hause zu lösen.
Ich habe viel Mitleid mit meiner Mutter. Sie zeigt immer sehr viel Einsatz für die Familie und definiert sich über ihre aufopfernde Art. Aktuell geht ihr es gesundheitlich schlechter und sie kann sich nur noch eingeschränkt bewegen. Ich kann ihr also kaum alleine ohne meinen Vater begegnen. Mit meiner Mutter kann ich einigermaßen gut über meinen Vater reden. Trotzdem will sie nichts an der Situation ändern. Sie kauft vermehrt alkoholfreie Getränke (alkoholfreien Sekt zu Geburstagsfeiern etc) und erhoffet damit ein Statement zu erwirken. Trotzdem kann sie sich nicht aus dem System lösen und sich wirklich meinem Vater entgegenstellen, vor allem, da nichts offen angesprochen wird.
Ich lerne gerade mich abzugrenzen und auch meine Gefühle gegenüber meinen Eltern zu äußern. Alles wirklich spannenden Lernfelder. Seit ca. 3 Jahren wünsche ich mir, dass mein Vater eine Therapie macht. Langsam verstehe ich, dass dieser Wunsch eigentlich ein Ausdruck meiner Unzufriedenheit ist und vielleicht auch etwas mit Co-Abhängigkeit zu tun hat und ich eigentlich für mich lernen muss mich genau abzugrenzen, wenn ich nicht gut finde, was zu Hause passiert. Die grundlegende anstrengende direkte, taktlose Art (wenn er unsicher ist) meines Vaters oder eben seine kindische und auch agressive ausfallende eklige Art, wenn er betrunken ist.

Ich selber bin zur Zeit arbeitslos. Ich habe Physik studiert und auch einen guten Abschluss. Nach meinem Abschluss bin ich aber wie in eine Sinnkrise gefallen, war nochmal länger reisen und bin mit einer leichten Depression/Anpassungsstörung zurückgekommen und habe direkt mit Therapie angefangen. Aktuell weiß ich nicht wohin, finde keine Motivation mir berufliche Ziele zu setzen und zweifle sehr an mir selber. Ich habe Techniken gelernt mir selber weiterzuhelfen, wenn ich mich nicht gut fühle. Es gibt gute Tage und es gibt schlechte Tage. Manchmal bin ich wütend, warum meine Eltern Kinder bekommen haben. Ich kenne Kinder die sehr resilient sind, die viel Sicherheit in ihrer Kindheit erfahren haben. Mein Vater hätte wissen müssen, dass nicht alles einfach wird, wenn man Kinder bekommt. Ich frage mich wirklich was er gedacht hat. Auch meine Mutter wusste, dass mein Vater Probleme hat und schwierig ist, gerne trinkt. Irgendwie ergänzen sie sich beide natürlich auf wunderbar schreckliche Weise. Angst alleine zu sein? Naivität? Das alles macht mich sehr traurig. Ich weiß, dass ich es deutlich besser machen würde. Mitte 2016 (als ich also schon Therapie machte) ging es mir wirklich nicht gut. Ich hatte auch eine Phase mit Selbstmordgedanken und sah keine Perspektive für mein Leben. Seit dem habe ich den Glauben an mich selber verloren und befürchte immer wieder Überforderungsgefühle bekommen zu können. Seit dem halte ich es auch für eine dumme Idee Kinder zu bekommen. Aktuell bin ich gerade wieder sehr verliebt und es kommt auch wieder ein Kinderwunsch in mir hoch. Irgendwie habe ich das Gefühl wirklich sehr ähnliche Krisen wie mein Vater zu durchleben. Die sehen wirklich anders aus und ich weiß auch, dass vieles bei mir besser läuft als bei meinem Vater. Trotzdem scheint sich irgendwie der Kreis der Sche*** zu schließen. Wenn ich mich einsam fühle oder nach dem Sinn des Lebens frage kommt tatsächlich der Wunsch hoch Kinder zu bekommen, weil ich denke, ich könnte damit Fragen in mir beantworten. Dann denke ich mir, dass das wirklich dumme und egoistische Gründe sind Kinder zu bekommen. Man sollte Kinder bekommen, wenn man das Gefühl hat, dass man das kann und ihnen ein sicheres zu Hause geben kann und die Kinder auch wieder frei lassen kann. Wenn ich mir meine Eltern anschaue, speziell meinen Vater weiß ich nicht, warum er Kinder haben wollte. Ich habe nicht das Gefühl, dass ihm das etwas gebracht hat. Niemand von uns mag ihn eigentlich. Natürlich gibt es auch eine Verbindung, aber niemand verbringt gerne Zeit mit ihm. Es ist uninteressant was er sagt. Seine politische Meinung, seine Einstellung zum Leben. Wenn er redet empfinden es eigentlich meistens alle beteiligten als anstößig. Das nahste was ich ihm gegenüber empfinden kann ist Mitleid. Ich hab keine Ahnung was er durchgemacht hat. Es muss aber richtig Sche*** gewesen sein. Nach dem Krieg war die Familie richtig arm, der Vater kam aus der Kriegsgefangenschaft krank nach Hause. Erst langsam ging es wieder bergauf. Dafür ist es dann eigentlich wieder richtig respekteinflößend, was er aufgebaut hat (ein Haus mit Garten, finanzielle Absicherung).
Ich will im Moment aber keine Kinder. Ich traue es mir einfach nicht zu und dafür will ich es zu wenig. Auch finde ich es normal, dass man im Leben irgendwie leiden muss, speziell wenn man etwas erreichen will und nicht eifnach glücklich sein kann. Trotzdem bleibt das Leben das Leben und man sollte nur tun, was man sich auch irgendwo zutraut.

Ich glaube an den Weg aus meiner Misere. Ich glaube, dass mich die aktuelle tiefgründige Selbstreflektion weiterbringt.

Euch allen, alles Gute. Ich freue mich auf einen fruchtbaren Austausch!

Aurora
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Registriert: 02.05.2007, 13:47

Beitrag von Aurora » 23.02.2017, 11:42

Hallo Axelfoley,

willkommen im Forum!
Ich habe als Kind viel Angst vor meinem Vater gehabt. Er hat uns nie mishandelt.
Das sehe ich anders, wenn ich deinen Beitrag lese. Da haben sehr wohl Misshandlungen statt gefunden! Tritte, Schläge in's Gesicht und psychische Dinge sind sehr wohl Misshandlungen.

Du bist gut informiert und ich merke, dass du in der Therapie schon eine Menge erfahren hast und weißt. Das ist klasse, denn dann ist deine Therapie auch nützlich und kann dir helfen. Bzw. dir Werkzeug an die Hand geben, wie du dir selbst helfen kannst.

Dass System zwischen deinen Eltern wird niemand von euch unterbrechen oder zerstören können. Das ist ganz klar. Auch wenn dir deine Mutter leid tut, sie entscheidet es ja selbst, dass sie das so weitermachen möchte. Warum auch immer. Das liegt in und an ihr.

Deinen Wunsch nach Kindern kann ich gut verstehen! Es ist doch einfach nur auch menschlich, eine Familie haben zu wollen. Grundsätzlich ist daran ja nichts schlecht. Es zeugt aber von großer Verantwortung zu überlegen, was du deinen Kindern aktuell bieten könntest. Materiell natürlich, aber auch emotional.

Es heißt ja nicht, dass sofort ein Kind da sein muss. Deine Zeit ist dafür einfach noch nicht da. Du bist noch sehr stark damit gefordert, zu dir selbst zu finden und deinen Frieden mit deiner Kindheit zu machen. Das ist aktuell dein Thema. Und da bist du dicke dabei!

Also bewahre dir doch den Wunsch nach einem Kind, Kindern. Wünsche müssen sich ja nicht immer sofort, auf der Stelle erfüllen...

Liebe Grüße
Aurora

Axelfoley
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Beitrag von Axelfoley » 23.02.2017, 12:59

Hallo Aurora,

danke für deine Worte und deine persönliche Einschätzung!
Aurora hat geschrieben:
Das sehe ich anders, wenn ich deinen Beitrag lese. Da haben sehr wohl Misshandlungen statt gefunden! Tritte, Schläge in's Gesicht und psychische Dinge sind sehr wohl Misshandlungen.
Hm ok. Also ins Gesicht schlagen habe ich auch wirklich als erniedrigend empfunden. Ich leide ja immernoch an einem schlechten Selbstwertgefühl. Das hängt damit und mit der eigenen Störung meiner Eltern irgendwie zusammen. Ich hab das nur nie in Verbindung mit dem Alkohol gebracht. Mein Vater war laut und agressiver, wenn er alkoholisiert war. Es war aber zumindest nie so, dass er im Suff komplett die Kontrolle verloren und uns verprügelt hat.
Aber ok. Ich wusste dass das eine schlechte und verletzende Art der Erziehung ist. Bis jetzt hab ich trotzdem noch nie die Schläge und die psychische Gewalt direkt unter den Begriff Misshandlung eingeordnet. Das werde ich mir nochmal genauer angucken.
Aurora hat geschrieben: Dass System zwischen deinen Eltern wird niemand von euch unterbrechen oder zerstören können. Das ist ganz klar. Auch wenn dir deine Mutter leid tut, sie entscheidet es ja selbst, dass sie das so weitermachen möchte. Warum auch immer. Das liegt in und an ihr.
Das versuche ich auch gerade zu akzeptieren. Ist auf jeden Fall nicht leicht. Meine Geschwister versuchen das auch gar nicht. Sie finden das nicht toll wenn Sie zu Hause sind und fühlen sich unwohl. Sie wehren sich aber auch nicht dagegen und ordnen sich dem System unter. Das finde ich untersträglich. Alle einschließlich meiner Mutter ertragen die Situation und sind so harmoniebedürftig, dass sie es hinnehmen. Ich lerne gerade mich abzugrenzen und mich von meinem Vater zu lösen.
Weihnachten hat es geknallt. Zum ersten mal in meinem Leben bin ich meinem Vater gegenüber richtig laut geworden und hab ihn direkt zur Rede gestellt und ihm gesagt, was mir nicht passt. Meine Mutter war auch dabei. Sie hat geheult, weil sie den Harmoniebruch nicht ertragen konnte. Für mich war es eine riesen Erleichterung, weil ich endlich die Angst überwinden konnte mich meinem Vater richtig entgegenzustellen und ihm zu sagen, dass ich es schlecht finde, wenn er meine Mutter erniedrigt oder uns beleidigt, weil ihm irgendwas nicht passt. Das ganze ist in einem riesigen Knall geendet und mein Vater hat mich abends um acht in einem kleinen Dorf aus meinem Elternhaus rausgeschmissen. Ich bin dann spontan nach Berlin getrampt. Auch eine tolle Geschichte. Ich hab mich sowieso erstmal zwei Wochen gefühlt wie ein König, dass ich endlich diese Schwelle durchbrochen habe. Jetzt müssen wir sehen, wie wir damit umgehen, ob, wann und wie lange ich nach Hause komme bzw. unter welchen Bedingungen. Ich versuche mir gerade zu überlegen, was ich festlegen könnte. Welche Bedingungen ich stellen könnte.
Ich finde es schwierig mich zu lösen. Beiträge von anderen haben mir da schon ein bisschen geholfen zu verstehen, dass ich mich ganz auf mich konzentrieren muss, was mir gut tut und was ich zu Hause nicht erleben möchte.

Vielleicht hat da ja jemand einen Tipp. Habt ihr irgendwann gesagt ihr fahrt nicht mehr nach Hause? Was war die längste Zeit, die ihr keinen Kontakt mehr zu euren Eltern hattet? :?

Meadow
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Registriert: 27.02.2015, 18:15

Beitrag von Meadow » 24.02.2017, 16:49

Lieber Axelfoley,

Willkommen hier im Forum.

Ich habe seit über einem Jahr keinen Kontakt mehr zu meinen Eltern. Ich weiß nicht, ob der Kontaktabbruch für immer ist oder nicht. Ich sag mir, dass ich immer wieder neu entscheiden darf.

Ich habe die Besuche erst stark reduziert und dann beschlossen, dass ich Zeit für mich brauche und gar nicht mehr hinfahre.

Liebe Grüße, Meadow

Axelfoley
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Beitrag von Axelfoley » 25.02.2017, 12:42

Hey Meadow,

danke für deine Antwort. Sorry, dass meine Einleitung so lang ist. Ich dachte ich schreib wenn gleich mal richtig :)

Fühlst du dich besser seit dem du nicht mehr hinfährst? Wie wirkt das auf dich?

Grüße

Meadow
aktiver Teilnehmer
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Beitrag von Meadow » 26.02.2017, 12:30

Lieber Axelfoley,

am Anfang war es sehr schwierig für mich. Ich habe mir ständig Selbstvorwürfe gemacht und mich schlecht gefühlt, konnte mich gefühlsmäßig schlecht abgrenzen. Aber ich habe mir dann immer gedacht, dass es sich irgendwann besser anfühlen wird, wenn ich es durchhalte. Und so war es dann auch. Ganz langsam nach und nach.

Es hat sich gelohnt.

Liebe Grüße, Meadow

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