Kontakt zu co-abhängiger Mutter abbrechen?

Hilfe für erwachsene Kinder von Alkoholikern
Julikind
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Kontakt zu co-abhängiger Mutter abbrechen?

Beitrag von Julikind » 16.04.2017, 21:41

Hallo zusammen,

mir macht seit langer Zeit der Kontakt zu meiner Mutter zu schaffen, und ich überlege, ob es für mich besser wäre, diesen abzubrechen.

Zum Hintergrund:
Mein Vater ist Alkoholiker, als ich Kind war, hat unsere Familie viel durchgemacht (er gehörte zu der agressiven Sorte wenn er getrunken hat). Nach über 10 Jahren hat meine Mutter dann mit Scheidung gedroht, und er hat einen Entzug gemacht. Er war nun über 20 Jahre trocken, dann ist er rückfällig geworden.

Das allein hat mich unheimlich aus der Bahn geworfen. Ich habe mittlerweile selbst Kinder, und da mit meinem Vater nicht zu reden war/ist, habe ich vor über 2 Jahren den Kontakt zu ihm abgebrochen.

Im Alltag heißt das, ich besuche mein Elternhaus nicht mehr, meine Mutter kommt nur zu mir und besucht mich/ihre Enkel...
Für meine Mutter ist der Rückfall natürlich auch schlimm, ABER sie zieht keine Konsequenzen daraus und lügt im Familein/Freundeskreis darüber. So darf z.B. meine Großmutter nichts wissen, und ich - die eigentlich offensiv mit dem Thema umgehen will - verstricke mich dann auch in dieses Lügengebilde.

Ich habe mit meiner Mutter seit dem Rückfall ein großes Problem. Nachdem ich das Trauma aus der Kindheit nie aufgearbeitet habe (es wurde da in der Familie nie drüber geredet), kommt nun alles von damals hoch, und diese Verlogenheit, mit der sie jetzt damit umgeht, kann ich kaum aushalten.
Am liebsten würde ich den Kontakt zu ihr auch abbrechen.

Das wäre allerdings ein großer Bruch. Meine Bedenken sind, dass sie ja nichts für den Rückfall meines Vaters kann. Und ich will auch meinen Kindern nicht noch die Oma nehmen, nachdem sie schon nicht wissen, dass es auch einen Opa gibt. Für meine Mutter wäre es sicher eine "schlimme Bestrafung", und irgendwie denke ich, ist es ja nicht meine Sache, wie sie mit der Alkoholsucht umgeht. Dass ich den Kontakt abgebrochen habe, ist mein Ding, aber ich kann ihr ja nicht vorschreiben, was sie zu tun hat...?!?!

Hat jemand vielleicht eine Ratschlag, Tipp, vielleicht ähnliches erlebt?
Bin dankbar für jeden Gedanken und hoffe, mal aus diesem Hamsterrad rauszukommen...

viele Grüße
das Julikind

Sagara
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Beitrag von Sagara » 17.04.2017, 10:11

Grüß' dich, Julikind!

Kannst du dir vorstellen, ein Gespräch mit deiner Mutter zu führen,
in welchem du ihr auch mitteilst, wie es dir geht & ging?

Lieben Gruß,
Sagara

Martin

Beitrag von Martin » 17.04.2017, 12:12

Hallo Julikind,

ich bin trockener Alkoholiker und mir ist das aufgefallen.
Ich habe mit meiner Mutter seit dem Rückfall ein großes Problem. Nachdem ich das Trauma aus der Kindheit nie aufgearbeitet habe (es wurde da in der Familie nie drüber geredet), kommt nun alles von damals hoch, und diese Verlogenheit, mit der sie jetzt damit umgeht, kann ich kaum aushalten.
Am liebsten würde ich den Kontakt zu ihr auch abbrechen.
Ich vermute dass deine Mutter evtl. Co-Abhängige ist und somit ein ganz "normales" Verhalten zeigt.

Das ist bestimmt nicht böse gemeint von ihr dass sie sich so verhält, sie lebt schon so lange mit einem Alkoholiker.

Hast du schon bei den Co's hier gelesen ? Vielleicht verstehst du sie dann besser.

LG Martin

Julikind
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Beitrag von Julikind » 17.04.2017, 22:08

Hallo zusammen,

vielen Dank für eure Antworten soweit!

@Sagara: ich habe mit meiner Mutter schon gesprochen. Nach dem Gespräch ging es mir kurzzeitig besser, es hat aber an der Situation selbst nichts geändert.

@Martin: meine Mutter ist sicher eine Co-Abhängige, und ich kann ihr Verhalten schon verstehen und irgendwie nachvollziehen. Sie sagt, dass sie den Schein nach außen wahren will, weil sie von damals weiß, was die Konsequenzen auch für sie als Ehefrau sind, wenn sie das Problem öffentlicht macht. Sie meinte, Freunde distanzieren sich und das soziale Umfeld bricht auch für sie zusammen, obwohl sie ja eigentlich keinen Fehler gemacht hat.
Aus der Brille kann ich das verstehen, und mir tut es dann auch unheimlich leid, dass sie da so in der Zwickmühle steckt.
Aber was ist mit mir??

Das mein Vater (wieder) trinkt ist das eine Problem. Ich habe den Kontakt abgebrochen und das ist für mich der richtige Weg. Das zweite Problem ist aber dieser unterschiedliche Umgang von mir und meiner Mutter mit Rückfall.
Jetzt, nach über 20 Jahren nach all den Abstürzen und letztlich dem Entzug meines Vaters, habe ich vieles aufzuarbeiten. Mein Wunsch ist daher, über alles zu reden, und ich will kein Geheimnis mehr daraus machen, eben nicht so wie früher.
Und meine Mutter ist das genaue Gegenteil. Und das reibt mich auf.

Z.B. darf meine Großmutter auf Wunsch meiner Mutter nichts von dem Rückfall wissen, sie sei zu alt, würde sich nur unnöig aufregen etc. Da ich mich aber weigere, mit meinem Vater in einem Raum zu sein, heißt das für mich, dass ich jeder Familienfeier fern bleibe und meiner Großmutter entsprechende Ausreden auftische (ich krank, Kinder krank....). Das tut mir zum einen weh, weil ich erstens meine Großmutter damit enttäusche, und zweitens ich selbst den Rest meiner Familie gar nicht mehr zusammen zu sehen bekomme.
Soll ich meiner Mutte die Pistole auf die Brust sezten und sagen: du kannst erzählen was du willst, aber ich werde nicht mehr lügen?

Das bringt mich wirklich in ein Dilemma....

LG Julikind

Slowly
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Beitrag von Slowly » 18.04.2017, 06:36

Hallo Julikind,
Z.B. darf meine Großmutter auf Wunsch meiner Mutter nichts von dem Rückfall wissen, sie sei zu alt, würde sich nur unnöig aufregen etc. Da ich mich aber weigere, mit meinem Vater in einem Raum zu sein, heißt das für mich, dass ich jeder Familienfeier fern bleibe und meiner Großmutter entsprechende Ausreden auftische (ich krank, Kinder krank....). Das tut mir zum einen weh, weil ich erstens meine Großmutter damit enttäusche, und zweitens ich selbst den Rest meiner Familie gar nicht mehr zusammen zu sehen bekomme.
Soll ich meiner Mutte die Pistole auf die Brust sezten und sagen: du kannst erzählen was du willst, aber ich werde nicht mehr lügen?
Genau das würde ich machen.

Es ist ein Unding, dass du deine Oma anlügen sollst und um weiterhin Familiengeheimnisse zu wahren, bist du meiner Meinung nach nun zu weit in deinem Verständnis und deiner positiven Haltung deinen eigenen Bedürfnissen gegenüber.

Deine Oma wird eh wissen oder spüren, dass da etwas im Busch ist.

Wie genau du es ihr erzählen kannst, damit es für sie so schonend wie möglich ist, dazu könntest du zuvor mit einem Psychologen reden, der sich im Thema Familie gut "auskennt".

Ich habe das auch so gehalten in (einem anderen Zusammenhang) und das psychologische Coaching hat mir ( trotz seiner Begrenztheit ) sehr geholfen.

Sind halt doch Profis ( manche ;) )

LG Slowly

Morgenrot
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Beitrag von Morgenrot » 18.04.2017, 09:05

Hallo Julikind,


herzlich willkommen bei uns im Forum,

An deinem geschriebenen sehe ich mal wieder, das Alkoholismus wirklich eine Familöienkrankheit ist.
Soll ich meiner Mutte die Pistole auf die Brust sezten und sagen: du kannst erzählen was du willst, aber ich werde nicht mehr lügen?
genauso würde ich es machen. Lass dich nicht von deiner Mutter zum lügen verdonnern.
Ich kenne all die Argumente deiner Mutter, die angeblich gegen eine Offenheit sprechen. Ich habe selbst jahrzehntelang dafür gesorgt, das mein xy weiter trinken kann.
Ich hatte mich zurückgezogen, habe nur Nachtdienst gemacht, damit auf möglichst wenige Feiern mitgehen brauchte. Denn alldas konnte ich nicht mehr ertragen.
Irgendwann kam aber die Einsicht, das es so nicht weitergehen kann. Ich fand dieses Forum, und die Zeit der Offenheit begann.
Plötzlich erfuhr ich, wieviele es gewußt hatten, aber nie etwas gesagt hatten. Ich erfuhr aber auch Hilfe, kam wieder in meine alten sozialen Kontakte zurück und das Leben wurde wieder lebenswert.
Was ich sagen will, das alles muß von deiner Mutter ausgehen.
So wie du den Alkoholiker nicht vom trinken abhalten kannst, genauso wenig läßt sich eine CO ihre Rolle von außen weg nehmen.
Die einzige dem du helfen kannst, bist du selbst.
Wenn du aus dem Kreislauf des vertuschens und leugnen raus willst, dann tue es für dich
Dadurch wird sich sicher auch etwas in der Familie ändern, aber dazu braucht es einen "Aussteiger".
Ich kann dir nur Mut machen, diesen Schritt zu wagen, denn es spricht sich später auch viel leichter, denn der Druck wird auch weniger.


lg Morgenrot

Julikind
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Beitrag von Julikind » 20.04.2017, 10:39

Vielen Dank für das Feedback!

Ich habe lange nach gedacht, und obwohl mir schnell klar war, dass ich die Lügerei beenden möchte, hat es mich doch viel Kraft gekostet, das auch zu tun.

Ich habe im ersten Schritt nun mit meiner Mutter gesprochen, und ihr angekündigt, dass ich nicht mehr lügen möchte. Sie hat erstaunlich positiv reagiert, ja, mich sogar darin bestärkt und gemeint, wenn es das ist, was mir gut tut, dann muss ich das tun.
Wie und wann genau ich das nun meiner Großmutter beibringe, da ist allerdings noch ein Fragezeichen dran...Ich finde die Idee gut, das mit jemand außerhalb zu besprechen, um es ihr zumindest möglich schonen beizubringen.

LG
Julikind

Morgenrot
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Beitrag von Morgenrot » 20.04.2017, 11:58

Hallo Julikind,

die Reaktion deiner Mutter geht mir sehr nahe, denn sie zeigt mir, das sie auch aus dem Hamsterrad raus will, nur den Ausgang (noch) nicht findet.
Du hast keine Eile, ein Schritt nach dem anderen in deinem Tempo, das ist wichtig.


lg Morgenrot

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