Hallo! Ich bin überfordert vom überfordert sein

Hilfe für erwachsene Kinder von Alkoholikern
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ElliPy
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Hallo! Ich bin überfordert vom überfordert sein

Beitrag von ElliPy » 05.01.2018, 22:44

Hallo liebes Forum,

ich bin neu, mein Name ist "Elli", ich bin 28 und eigentlich ist fast mein ganzes Leben vom zusammen leben mit Alkoholikern geprägt. Ich brauche dringend Austausch mit euch, weil mir so viel auf der Seele brennt, was ich mit meiner Familie nicht besprechen möchte, da ich nicht auch noch zur Belastung werden möchte, weil ich eventuell den ein oder anderen Rat gebrauchen könnte, wie ich mich Verhalten kann und einfach Menschen brauche, die mit dem Thema vertraut sind und mich eventuell verstehen und mich das wissen lassen.

Mein leiblicher Vater trank, das habe ich allerdings erst mitbekommen, als er damit so richtig öffentlich während langer Krankheit anfing, an der er verstarb. Damals war ich noch jung und verstand nicht, dass das nicht gut ist, ich dachte, wenn es ihm dadurch besser geht, dann ist das doch eine gute Sache, dass das allerdings alles verschlimmert, habe ich nicht gesehen.

Der jetzige Lebensgefährte von meiner Mutter ist ebenfalls Suchtkrank, seit einigen Jahren schon. Es ist wie eine on/off Beziehung mit Alkohol, mal trinkt er extrem, mal gar nicht, mal nur so, dass keine Entzugserscheinungen auftreten und man nur mutmaßen kann, ob er sich gegönnt hat oder nicht.
Derzeit ist wieder eine akute Phase und ich bin maßlos mit mir überfordert. Im Prinzip könnte ich mich abschotten und das komplett ignorieren, da ich nicht im selben Haushalt wohne, aber ich habe einen großen Beschützerinstinkt gegenüber meiner Mutter.
Wahrscheinlich würde ich auch besser damit umgehen können, wenn er einfach nur trinken würde, ohne zu lügen, ohne anderen Vorwürfe zu machen und seine Sucht in vollen Zügen zu genießen.

Bis vor kurzem war ich noch immer diejenige, die ihn ein bisschen in Schutz genommen hat, da es immer wieder momente gespielter Reue gab, in denen er Hilfe gesucht hat, die er nicht wollte oder dadurch besänftigt hat, dass eine trockene Phase kam.

Momentan möchte ich aber eigentlich nur ausrasten, in mir ist sehr viel Wut, Verzweiflung und ich ekel mich selbst vor dem Wort, aber tatsächlich ein bisschen Hass. Ich würde ihm zu gerne sagen, dass ich es satt bin, angelogen zu werden, satt bin, dass meine Mutter für seine Sucht verantwortlich gemacht wird, dass er im Rausch Dinge über uns alle erzählt, die nicht wahr sind, dass er bewusst los zieht, um sich Raum für seine Sucht zu schaffen, anstatt wirklich mal etwas dagegen zu tun, bzw einen Versuch wirklich ernst zu nehmen und nicht beginnt und einfach weiter trinkt und denkt, dass man es nicht merkt, dass er hackenstramm ist.

Es ist auch unfassbar schlimm für mich zu wissen, dass er sich betrunken in sein Auto setzt, um noch mehr zu trinken und so traurig es ist, geht es mir dabei in keiner Weise um seine Sicherheit, sondern nur um die der anderen, ich fühle mich schlecht, dass ich in der Hinsicht so emotionslos bin, aber ich kann bei dem Gedanken daran nur noch denken "selbst Schuld".

Am liebsten würde ich zu seinem Arzt gehen, der ihn, ohne es zu merken, in seinem Verhalten bestärkt, da bei ihm leichte Züge vom Münchhausen Syndrom zu erkennen sind, die er dazu nutzt um sich Freiraum zum trinken zu schaffen. Ich würde auch gerne zum Rest seiner Familie gehen, die ihn damit bestärken, dass sie ihn bemitleiden, weil er ja so schwer an einer sehr schlimmen Krankheit leidet, aber widerum auch kein interesse daran zeigen, dass er von dieser schlimmen Krankheit erlöst wird, die nicht sehen wollen, wie sehr er anderen Menschen schadet, andere gefährdet.
Ihn bei der Polizei anzeigen, weil er rum fährt, sich irgendwo seinen Stoff besorgt und dann wirklich massivst betrunken Auto fährt.

Ich merke immer wieder, wie aggressivität in mir aufsteigt, wenn er betrunken nach Hause kommt und muss mich dann entfernen, weil ich das Gefühl bekomme, bei einem falschen Wort oder einer falschen Tat zu explodieren und meine Mutter dann die Leidtragende ist, fühle mich dann allerdings schlecht, weil ich sie dort alleine lasse.
Ich fühle mich auch schuldig, weil ich den Luxus habe, dass nicht jeden Tag ertragen zu müssen und sie jeden Tag zu kämpfen hat.
Es gab Zeiten, da hat meine Mutter ihn noch darauf angesprochen, aber er trinkt ja nicht, auch wenn es sehr offensichtlich ist, er hat auch nie getrunken auch nüchtern bestreitet er das immer, daher hat sie irgendwann aufgehört irgendwas zu sagen, quasi resigniert und das tut mir unheimlich weh.

Ich würde gerne irgendwann mit meinem Partner zusammen ziehen, aber ich habe angst davor und ein schlechtes Gewissen, ich kann doch meine Mutter nicht alleine lassen... Und ich weiß auch, dass das nie aufhören wird, weil er keine Hilfe möchte und das nur ab und zu sagt, um die Gemüter zu besänftigen. Ich höre immer wieder "Suchtkranke müssen fallen, damit sie begreifen, wie sehr sie sich schaden." Er ist allerdings so oft gefallen und jedes Mal war da ja nichts. Es wird einfach abgetan und runtergespielt und dann geht es von vorne los und durch einige bestimmte Gegebenheiten ist es eigentlich schon gesichert, dass er daran zu Grunde geht und bei momentanem Konsum, sehr rasant.

Dieser lange Text tut mir leid, es musste raus und auch jetzt fühle ich mich schlecht, weil ich das Gefühl habe, zu hetzen oder ihn schlecht zu machen und eventuell verärgert das einige, das tut mir leid. Das ist allerdings meine momentane Gefühlslage und ich hoffe irgendwer kann mich verstehen und mir vielleicht ein bisschen von sich erzählen, wie er/sie damit lebt/gelebt hat, ob es irgendwelche tricks gibt, mal für ein paar Minuten nicht daran zu denken, was noch alles passieren kann, sich zu sorgen bzw generell die ganze Zeit über die Person und seine Sucht nachzudenken.

Falls ihr bis hier hin gelesen habt, Respekt!

Liebe Grüße,

Elli

Aurora
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Beitrag von Aurora » 06.01.2018, 11:47

Liebe Elli,

willkommen hier!

Ich habe deinen Text gelesen und konnte regelrecht spüren, wie das alles aus dir raus gesprudelt sein muss. So viel Druck ist in dir. Mir ging es am Anfang genau so! Ich kann deine Gefühle zu 100% nachvollziehen, ich hatte sie auch so. Bei mir ging es allerdings um meinen Exmann, gewissermaßen war ich in der Rolle in der deine Mutter jetzt steckt. Mein Fädchen hier im offenen Bereich heißt "Liebe und Hass", ich hatte nämlich auch dieses "böse" Gefühl Hass...

Ich kann verstehen, dass du deiner Mutter gegenüber Verantwortung spürst, sie ist deine Mutter. Aber sie ist auch erwachsen! Sie muss doch nicht an diesem Mann kleben bleiben. Du sagst du hast ein schlechtes Gewissen, wenn du gehst wenn ER besoffen ankommt. Genau so gut kann deine Mutter doch dann mit dir mit gehen. Wer zwingt sie denn, da zu bleiben?

Es ist super, dass du dir Hilfe suchst, denn du musst lernen, dich da auch von deiner Mutter abzunabeln. Du kannst ihr einfach nicht helfen, wenn sie es nicht möchte. Genau so wenig wie du diesem Mann nicht helfen kannst.

Ich weiß, wie erleichtert meine Kinder (die waren da auch schon erwachsen) waren, als ich mich endlich von ihrem Vater getrennt habe. Ich bin ja all die Jahre mit ihm zusammen kaputt gegangen. Aber ich habe auch an dem Mann geklebt, obwohl es mir nicht gut getan hat. Ich musste was für mich machen, selbst aktiv werden, um da raus zu kommen.

Und das ist das, was du für deine Mutter tun kannst! Du kannst sie ermutigen, sich Hilfe zu holen. Suchtberatungsstellen haben auch Angebote für Coabhängige, und das seid ihr. Deine Mutter von diesem Mann, du von deiner Mutter. Du bist hier gelandet in unserer Online-Selbsthilfegruppe. Deine Mutter kann sich auch eine Selbsthilfegruppe suchen. Alle Organisationen haben sowas auch für Angehörige.

Caritas, Anonyme Alkoholiker und wie sie alle heißen. Du hast für dich diesen Schritt hierher gemacht! Das ist echt super! Deine Mutter muss diesen Schritt für sich noch tun und ich wünsche ihr, dass sie die Kraft und den Mut aufbringt. Vielleicht könnt ihr erst mal auch Wege zusammen machen, also zur Suchtberatung zum Beispiel. Aber im Prinzip muss deine Mama das wollen, du kannst sie leider nicht zwingen.

Liebe Grüße
Aurora

ElliPy
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Beitrag von ElliPy » 25.01.2018, 01:58

Liebe Aurora,

lieben Dank für deine Antwort! Ich habe es leider nicht früher geschafft mich nochmal zu melden, bei mir ist momentan einiges los.

Momentan sinkt der Alkoholpegel beim Freund meiner Mutter etwas, aber von Einsicht ist er noch weit entfernt.

Meine Mutter sagt immer, dass sie nicht weg möchte, nicht wegen ihm, sondern wegen dem Zuhause, dass sie dort aufgebaut hat. Sie hat ohne Hilfe im Laufe der Jahre einiges renoviert und saniert und das möchte sie nicht aufgeben. Einerseits verstehe ich das, andererseits überhaupt nicht.
Momentan ist sie allerdings dabei, sich ein eigenes Reich zu schaffen, damit sie sich einfach zurück ziehen kann, wenn es unerträglich wird und das beruhigt mich ein bisschen.

Ich versuche mich momentan auch so wenig wie möglich dort aufzuhalten. Ich habe demnächst Prüfungen und muss mich um mich selbst kümmern jetzt. Das alles hat mich in ein ziemlich depressives tief gezogen und da muss ich dringend wieder raus, denn momentan schaffe ich es kaum aus dem Bett, ohne mich schon komplett elendig zu fühlen und manchmal schaffe ich es auch wirklich tagelang nicht. Das muss aufhören.

Meine Mutter versteht es zum Glück auch, dass ich sie momentan nicht besuchen möchte und kommt ab und an jetzt bei mir vorbei, ich denke,,dass das uns beiden gut tut.

viola
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Beitrag von viola » 25.01.2018, 19:13

Hallo,

danke für deine Geschichte.

Du kreist mit deinen Gedanken um die Sucht, die Süchtigen, deine Rolle im Bezug auf die Sucht etc.
Das ist völlig normal, du bist ja selber mitten in der Situation. Da kannst du keine Distanz aufbauen.

Trotzdem möchte ich dir Mut machen, zumindest gedanklich mit der Distanz zu beginnen.
Du kannst die anderen nicht ändern. Du kannst die Sucht nicht "besiegen".
Du kannst aber bei dir anfangen. Schauen, womit es dir gut geht und was du brauchst. Mit der Bestimmung des eigenen Aufenthaltortes hast du ja schon begonnen, gut so! Geh weiter, such dir Freiräume, sorge für schöne Momente in deinem Leben.
Übernimm die Verantwortung, und zwar für dein eigenes Leben. Und lass die Verantwortung für die Leben der anderen bei ihnen. Hört sich vielleicht schräg an, du hast ja Mitleid, du machst dir Sorgen etc. - ist aber ein Ansatz, der dich weiterbringen kann.
ich kann doch meine Mutter nicht alleine lassen
Doch, kannst du.
Jede junge Frau nabelt sich irgendwann von ihrer Mutter ab. Da ist ein notwendiger Schritt zum Erwachsenwerden.
Deine Mutter trifft ihre eigenen Entscheidungen. Triff du deine.

LG viola

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