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Irgendwann muss man drüber reden ...

Hilfe für erwachsene Kinder von Alkoholikern

Moderator: Moderatoren

charisma
neuer Teilnehmer
Beiträge: 6
Registriert: 28.12.2006, 13:00

Irgendwann muss man drüber reden ...

Beitrag von charisma » 28.12.2006, 13:15

Hallo an alle,
ich bin ganz frisch hier, habe die ganze Nacht mit mir gerungen, doch endlich mal was zu unternehmen und bin dann durch google hier gelandet. Ich finde es wahnsinn, wie viele Leute hier schreiben. Vielleicht hat jemand von euch ein paar hilfreiche Tipps?

Ich bin zwanzig und kenne meinen Vater eigentlich gar nicht ohne Alkohol. Ich schäme mich, das hier so zu schreiben, er ist kein schlechter Mensch, aber er trinkt nichts als Alkohol. Vor einiger Zeit ist sein Bruder gestorben - an übermäßigem Alkoholkonsum. Seitdem trinkt er keine harten Sachen mehr. Morgens steht er mit meiner Mutter, die arbeiten geht, früh auf. Danach legt er sich entweder noch mal bis mittags hin oder fängt gegen elf Uhr an, Wein und Bier zu trinken. Den ganzen Tag. Weil meine Mutter ihn letztes Jahr darauf angesprochen hat, trinkt er jetzt auch oft alkfreies Bier. Trotzdem ist er jeden Abend betrunken und lallt mich mit seinem Gestammel voll. Ich weiß, das ist total abwertend, aber ich schäm mich so sehr dafür. Mein Freund und meine Freunde kriegen das natürlich auch mit. Ich weiß ja, er ist mein Vater, aber ich möchte ihn am liebsten jedes Mal packen und schütteln, wenn er mit seinem Weinglas vorm Fernseher sitzt.
Wenn mein Bruder, der eigentlich nicht hier wohnt, mal nach Hause kommt, trinkt er auch den ganzen Tag. Meistens trinkt er dann mit meinen Eltern, neulich kamen sie zu dritt nach Hause und mein Bruder und meine Mutter erzählten mir, wie witzig es doch auf dem Weihnachtsmarkt war, Papa hätte nicht mehr gehen können weil er so voll war.
Gestern früh war mein Vater geschäftlich mit uns im Sauerland. Da hatte er einen Kreislaufzusammenbruch, weil er so gut wie nichts mehr isst, vor allem morgens nicht. Ein Brötchen wollte er nicht, er hat sich dann ein Bier bestellt...


Und das geht die ganze Zeit so. Mag sein, dass ich hier ziemlich wirr schreibe aber ich "rede" das erste mal so richtig darüber. Und ich schäme mich und hab gleichzeitig Angst. Ich möchte meinen Vater nicht weiter so sehen, aber ich fühl mich auch überfordert, alleine was zu tun. Und meine Mutter lacht nur.
Ich werde dieses Jahr ausziehen. Vielleicht sollte ich einfach die Augen zumachen vor dem, was hier abgeht?
Puh, ähm, wenn ihr Fragen habt, stellt sie einfach. Bitte denkt nicht schlecht von mir, weil ich teilweise so gemein über meinen Vater schreibe. Ich bin einfach überfordert und weiß nicht, wie ich ihm helfen soll.

lavendel
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 2672
Registriert: 23.05.2006, 20:05

Beitrag von lavendel » 28.12.2006, 14:26

hallo charisma,

du musst dich nicht schämen über das was du schreibst, oder wie du denkst. ich glaube, das geht allen kindern von alkoholikern so: man schämt sich für das alkoholkranke elternteil, ist wütend, manchmal hasst man den menschen geradezu, fühlt sich hilflos, überfordert, das ganze chaos an gefühlen und gedanken. das ist für jeden einzelnen schlimm, aber es gibt viele, denen es so geht, das hast du sicher hier gemerkt. also willkommen erst einmal in diesem forum.

du fragst, was du tun tun kannst. so brutal sich das anhört: nicht viel. alkoholismus ist eine sucht, die kann man nicht einfach abschalten. dein vater müsste von selbst WOLLEN, mit dem trinken aufzuhören. das einzige was du tun kannst ist zu versuchen, mit ihm zu reden, wenn er nüchtern ist. ihm zu sagen, dass das so nicht auf dauer gut geht, dass er sich selbst und seiner familie schadet. ob er nicht einmal überlegen möchte, ob er sich in ärztliche behandlung begibt. dass du ihn lieb hast und für ihn da bist, wenn er nüchtern ist. aber dass du mit einen betrunkenen vater nicht reden und umgehen magst. gut wäre natürlich, wenn deine mutter da mitziehen würde, aber das hört sich in deinem beitrag nicht so an.

für dich kann ich dir nur raten, dich so weit wie möglich abzugrenzen. du schreibst, dass du ausziehst - das ist gut. du musst dein leben leben und musst versuchen, dich nicht noch weiter in dein heimisches schlamassel hineinziehen zu lassen, da DU aller voraussicht nach nichts ändern kannst. du hast auch keine schuld und keine verantwortung für deinen vater, es ist sein leben. wichtig ist, dass du auf dich aufpasst.

wenn du dich weiter informieren magst, findest du hier im forum viel zu lesen, du kannst auch alle deine fragen stellen, es wird dir immer jemand antworten. vielleicht tut es dir auch einfach mal nur gut, hier drüber zu "reden".

wünsche dir viel kraft

lavendel

Kerstin1978

Beitrag von Kerstin1978 » 28.12.2006, 22:32

Hallo Charisma,

willkommen im Forum ;-)

Ich kann Lavendel nur zustimmen. Ändern können wir Kinder von Abhängigen nichts, auch wenn wir dies noch so sehr wollten. So lange keine Einsicht des Kranken besteht, wird sich nichts ändern.
Bei meinem Vater ist es nicht anders. Ab und an (wie z.B. jetzt auch) holt er sich alkoholfreies Bier bzw. lässt es sich von meiner Mutter holen... . Und nach kurzer Zeit geht er doch wieder an das "normale" Bier. Meine Mutter hat schon mal nen kompletten Kasten Alkoholfreies weggeschüttet, weil er nicht mehr dran gegangen ist.
Das Gefühlschaos kenne ich zugut. Mit Knallfröschen in den Zigaretten wollte ich meinem Vater das Rauchen abgewöhnen. Aus Angst vor seiner Reaktion habe ich es dann doch nicht gewagt, damals war ich noch in der Grundschule (klingt als wär ich 50 *g*).
Zwischendurch hatte ich Mitleid mit ihm, gab uns (meinen Geschwistern, meiner Mutter und mir die Schuld an dem Dilemma..."ist er überfordert?"). Heute ist es mir nur noch gleichgültig. Auch wenn er hier und da mal gute Seiten zeigt, so überwiegen die schlechten und das macht es mir schwer, zu hoffen, dass er eines Tages zur Einsicht kommen wird.

Es tut weh, ich weiß.....war bei mir anfangs auch so. Aber seitdem mir richtig bewusst wurde, dass ich wegen ihm keine Kindheit und schon gar keine Jugend hatte, ist er mir egal....denn DAS tut mir mehr weh, dass er mir viele, viele Chancen im Leben verbaut hatte (allerdings auch meine Mutter, ob aus Hilflosigkeit oder aus welchem Grund auch immer, mag dahin gestellt sein, aber das ist ein anderes Thema).

Ich kann Dir nur aus eigenener Erfahrung raten: Ziehe weiter weg als nur 10 Autominuten von Deinen Eltern entfernt (war damals mein Fehler), nimm Dein Leben in die Hand....denn ich bin mit 28 und meiner mittlerweile 3jährigen Tochter erst JETZT an dem Punkt angelangt, MEHR aus meinem Leben zu machen, als arbeiten zu gehen und nach der Arbeit und auch am Wochenende tagtäglich bei meinen Eltern zu hängen, wo Zigaretten und Alkohol an der Tagesordnung sind... .

Du bist verdammt mehr wert, als in den 4 Wänden mit einem Alkoholiker und einer Mutter, die scheinbar leider nicht begreift, was da abgeht, zu leben.

Tu Dir selbst diesen Gefallen, trenne Dich gedanklich von dem Mist (sorry, für den Ausdruck) und trenne Dich auch räumlich von Deinen Eltern.

Es wird Zeit, dass Du an DICH denkst....bei mir ist es fast zu spät gewesen....

Gruß,
Kerstin

Maria-Nicole
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Registriert: 18.11.2006, 15:54

Beitrag von Maria-Nicole » 29.12.2006, 11:32

Liebe Charisma,

erst einmal: DU kannst nichts dafür, DU bist nicht schuld, DU musst dich nicht schämen, weder für die Alkoholkrankheit deines Vaters noch für deine Gedanken und Gefühle.

Diesen Satz sage ich mir selber seit Jahren mindestens 2 mal am Tag auf, da ich weiß das solche Gefühle wie Scham oder Hass trotzdem bei einem selber auftauchen.

Lavendel und Kerstin haben es schon gesagt: du kannst nichts machen, die Einsicht muß von deinem Vater selbst kommen. Vielleicht redest du (noch)mal mit deiner Mutter. Sie hat die Alkoholkrankheit deines Vaters scheinbar noch nicht begriffen, vielleicht weiß sie es, aber begriffen hat sie es wohl nicht.

liebe charisma, es ist wichtig, das du DEIN Leben lebst (wichtig für DICH), grenze dich ab und tu dir was gutes, vielleicht ein schönes Hobby.

charisma
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Beitrag von charisma » 29.12.2006, 11:46

Danke euch dreien für eure Antworten.
Erst war ich, hm, ja, erschrocken, dass ihr alle der Meinung seid, dass man da nicht viel machen kann. Dann hab ich aber noch mal richtig nach gedacht und glaube, dass ihr recht haben könntet, ich das aber nie schaffen würde. Ich hab dann doch immer den Gedanken im Kopf, dass ich meine Familie damit doch nicht alleine lassen kann. Gleichzeitig ist das aber ja auch Schwachsinn - das wird mit mir und ohne mich so weiter gehen.

Wisst ihr, am schlimmsten ist für nmich, dass das hier alles so unausgesprochen im Raum steht. Jeder weiß es aber niemand sagt was. Ganz gute Beispiele: Meine Oma, die sagt "Na, war er gestern wieder dicke? (lach lach)"
und meine Mutter, die am Weihnachtsabend stocksauer auf meinen Vater ist, weil er zwei meiner Weihnachtsgeschenke verlegt hat und nicht wieder findet.
Vielleicht wäre es gut, wenn jemand mal sagen würde, was Sache ist. Einfach mal ansprechen. Aber mir trau ich das gar nicht zu, ich wüsste nicht, wie oder wo ich anfangen sollte. Bei uns redet man eben nicht über Probleme und da hab ich so schon Hemmungen. Deshalb hab ich auch irgendwie eine Blockade, ihm zu sagen, dass ich mir Sorgen um ihn mache (wie lavendel das vorgeschlagen hat).

Gestern hab ich hier im Forum auch noch ein bisschen gelesen und war mir dann auf einmal wieder unsicher, ob ich nicht übertreibe. Man Vater trinkt selten heimlich, fast immer ganz offen (naja, warum auch nicht - es stört sich ja niemand dran). Er trinkt auch nicht Kistenweise oder so. Er fängt eben nur früh morgens an, gammelt nur ab, isst kaum noch, sucht jede Gelegenheit um zu trinken, ist abends betrunken, aber nicht aggressiv oder so. Vielleicht interpretiere ich da auch zu viel rein?

Vielen Dank, dass ihr euch die Mühe macht und hier antwortet. Tut gut, zu lesen, das andere das auch kennen und wie sie sich geholfen haben!

Kerstin1978

Beitrag von Kerstin1978 » 29.12.2006, 20:25

Hallo Charisma,

sicher ist, dass ein Problem besteht !
Deine Familie handelt ähnlich wie meine, nur dass sich keiner drüber lustig macht. Bei uns regt sich jeder drüber auf, aber nur wenn mein Vater nicht anwesend ist. Ist auch nicht immer leicht, zumal ich momentan versuche, dass alles einfach stur zu "übersehen". Ich will mit dem Kram wenigstens gedanklich nichts mehr zu tun haben, denn es macht mich nur fertig.

Dass Du eine Blockade hast, ihm gegenüber Deine Ängste und Sorgen mitzuteilen, kann ich gut verstehen. Ich habe bis heute nicht mit meinem Vater drüber gesprochen, weil ich der Ansicht bin, dass es nicht meine Aufgabe sein kann, ihn zur Vernunft zu bringen oder ihm den Kopf zurecht zu rücken. Klar, vielleicht würde mein Vater dann auf mich hören und wirklich realisieren, was schief läuft. Aber wo führt das hin ? Selbst wenn er versuchen sollte, nen Entzug zu machen, so würde dieser aufgrund seines geringen eigenen Willen scheitern und wir würden bei Null anfangen.... .

Ich kann Dir nur sagen, Du bist nicht verantwortlich, was da läuft....übertreiben tust Du mit Sicherheit nicht, denn Dein Vater IST krank. Mein Vater hat auch nicht den Bierkasten neben sich stehen, geht zur Arbeit, ist nicht aggressiv (noch nicht ?).....nach außen hin ist er über viele Jahrzehnte nicht aufgefallen. Erst in den letzten 3 Jahren machen sich Bekannte Sorgen um ihn, mahnen meine Mutter, ihm ins Gewissen zu reden, etc.

Aber so lange die Kranken nicht sehen, DASS sie krank sind, kann man genauso versuchen, nen Stein zum Christentum bekehren zu wollen... .

Nimm allen Mut zusammen und verlass das Schiff, bevor es am Eisberg zerschellt ist !!!

Sonst sitzt Du eines Tages wie ich mit 28 da, und fragst Dich, warum Du nicht eher schon nen gedanklichen Schlußstrich gezogen hast und warum Du nicht schon eher gesagt hast "So nicht!"

Sollte mein Vater in der nächsten Zeit wieder einen seiner Anfälle bekommen (Kontrollwahn) und über mich und mein Leben bestimmen wollen, dann kracht´s und ich garantiere für nichts.... .

Lass also DU es nicht so weit kommen.....

Krümelmonster
neuer Teilnehmer
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Registriert: 11.12.2006, 20:19

Beitrag von Krümelmonster » 29.12.2006, 20:41

Hallo!

Auch von mir ein herzliches Willkommen!

Es ist schön, dass Du Dir Hilfe suchst und wie Du bemerkt hast bist Du nicht alleine mit Deinen Problemen, die Dir verständlicherweise übertrieben und absonderlich vorkommen mochten.

Als ich mich hier im Forum das erste mal "rein-las", war es wie ein Stoß vor den Kopf für mich. Meine ersten Gedanken waren: Oh Gott! SO VIELEN geht es genauso wie mir? So VIELE haben fast die selben oder zumindest annähernd ähnliche Erlebnisse wie ich gesammelt? Haben das selbe gefühlt und sich die selben Vorwürfe gemacht?

Für mich war das eine unglaubliche Erleichterung. Und ich würde Dir wünschen, und jedem Neuen der den Weg hierher ins Forum findet, dass ihm oder ihr dasselbe wiederfährt ;-) aber vor allem die Kraft und den Willen weiter zu machen, weiter Hilfe anzunehmen und sie auch zu WOLLEN.
Das war und ist auch heute noch zum Teil ein Problem, mit dem ich zu kämpfen habe. Aber für mich selber habe ich erkannt dass ich es ohne Hilfe und Beistand nicht schaffe, aber ich muss bereit sein dies zu suchen und auch anzunehmen, die Dinge dann auch umzusetzen kann ich dann Schritt für Schritt.
Am liebsten wäre mir auch jetzt noch ein "Allheilmittel" dass JETZT und SOFORT funktioniert. Geduld ist für mich etwas ganz besonderes, etwas kostbares, für das ich hart arbeiten muss...
DU hast den ersten Schritt bereits getan. Du hast gemerkt dass es so nicht richtig ist wie es ist, und hast angefangen einen neuen Weg zu suchen. DU bist auf einem guten Weg. Schrecke nicht davor zurück vor dem was Dich erwartet. Es kann nur besser werden, selbst wenn Du es anfangs nicht gleich erkennst und Dir alles fremd, neu und vielleicht sogar furchtbar anstrengend vorkommt. :wink:
Du warst bereit etwas zu ändern und das ist das, was eigentlich zählt.
Ich wünsche Dir die Kraft die Du brauchst um das zu erreichen, was Du Dir erhoffst.
Ganz liebe Grüße von Krümelmonster

chrissyta
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 1047
Registriert: 23.03.2005, 11:17

Beitrag von chrissyta » 29.12.2006, 21:18

hallo charisma,

du interpretierst da ganz sicher nichts hinein. auch wenn dein vater nicht kistenweise und auch nicht heimlich trinkt, so hat er doch ein starkes alkoholproblem. du schreibst er fängt morgens an zu trinken, dieses bedeutet der körper braucht den alkohol schon. den kreislaufzusammenbruch, den dein vater hatte, er könnte eine folge von entzugserscheinungen gewesen sein, denn er hatte an dem tag ganz sicher nicht seinen gewohnten alkoholspiegel.

ihr solltet wirklich einmal offen mit deinem vater sprechen, vielleicht ist er ja bereit hilfe anzunehmen, weil ohne professionelle hilfe wird er es nicht schaffen auf den alkohol zu verzichten. natürlich muss er es wollen, sonst könnt ihr nichts erreichen.
Meine Oma, die sagt "Na, war er gestern wieder dicke? (lach lach)"
ich verstehe nicht wie man das alles noch ins lächerliche ziehen kann, denn wenn dein vater schon kaum noch etwas essen tut und nur trinkt, dann dauert es nicht mehr lange und er bekommt ernste körperliche beschwerden.

lieben gruss
chrissyta

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