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Darf ich ihn dafür hassen??

Hilfe für erwachsene Kinder von Alkoholikern

Moderator: Moderatoren

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Giny
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Registriert: 30.01.2007, 20:43

Darf ich ihn dafür hassen??

Beitrag von Giny » 30.01.2007, 21:03

Hallo,
ich hoffe dass meine Frage nicht falsch verstanden wird, aber ich wollte einfach mal die Meinung von Leuten hören, die vielleicht selbst betroffen sind. Mein Vater war Alkoholiker und hatte viele psychische Probleme, Psychologen haben mir gesagt, er hätte mich von Anfang an psychisch missbraucht...in wieweit das stimmt kann ich noch nicht wirklich beurteilen. Jedenfalls hat er dazu beigetragen, dass ich eine Sozialphobie, Depressionen und Essstörungen entwickelt habe seit ich 4 Jahre alt bin. Ständig haben mein Bruder und ich ihn irgendwo halb bewusstlos und total betrunken gefunden, er hat Selbstmordversuche vorgespielt und mir die Schuld daran gegeben, er hat uns mit einer Waffe gedroht, er war ständig aggressiv usw., wenn ich das jetzt alles aufzählen würde, würde es zu weit führen. Mit 10 war ich das erste Mal in einer stationären Therapie, unfreiwillig muss ich dazu sagen, seitdem mache ich eigentlich eine Therapie nach der anderen, ich bin jetzt 21. So lange ich mich erinnern kann bestand mein Leben eigentlich nur aus Angst und Depressionen und daran hat er die größte Schuld, mal abgesehen davon, was er meinem Bruder angetan hat. Er wurde von seinem Vater genauso behandelt wie ich von ihm, deswegen kann ich auf der einen Seite nachvollziehen, dass er so geworden ist. Auf der anderen Seite hab ich unheimliche Hassgefühle ihm gegenüber, weil er bis jetzt nicht eingesehen hat, was er eigentlich falsch gemacht hat. Vor 1 1/2 Jahren hat meine Mutter sich von ihm scheiden lassen und er ist ausgezogen, seit einem halben Jahr fragt er mich immer wieder ob wir die Vergangenheit nicht endlich Ruhen lassen können. "Ich könne ihm nicht ewig vorhalten dass er mal Fehler gemacht hat" wirklich entschuldigt hat er sich nie und ich hab das Gefühl ihm ist gar nicht klar, wie sehr seine "Fehler" mein Leben jetzt beeinträchtigen. Einerseits tut er mir leid, andererseits hasse ich ihn für das was er getan hat, findet ihr dass ich falsch reagiere? Könnt ihr euren Verwandten oder Bekannten das einfach so verzeihen oder habt ihr auch diese Wut im Bauch? Und wie geht ihr damit um? Vielleicht kann mir ja jemand ein paar Tips geben, wäre wirklich nett. :) Liebe Grüße

Apfel
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Registriert: 21.10.2006, 07:55

Beitrag von Apfel » 30.01.2007, 22:45

Hallo Giny,

es ist völlig normal, dass du eine stinkwut auf deinen vater hast. und ich glaube auch, dass es gut ist, diese gefühle zu entwickeln, es zeigt, dass grenzen überschritten worden sind.

ich möchte dich gern fragen, ob dein vater momentan trocken ist oder weiterhin trinkt?

trinkt er weiter: ist es das beste abstand zu halten, denn du kannst sein leben nicht beeinflussen.

ist er trocken: vielleicht kannst du mit ihm reden und einen völlig neuen vater kennenlernen?

noch eins, dein vater ist krank und er ist es nicht absichtlich geworden. so schlimm deine vergangenheit auch sein mag, es lag nicht in seiner absicht.



gruß apfel

lavendel
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Beitrag von lavendel » 31.01.2007, 06:07

hallo giny,

herzlich willkommen hier im forum.

zu diener konkreten frage, ob du ihn hassen "darfst"? du "darfst" alles, die frage ist, ob es dir gut tut.

mir ging es mit meinem vater ganz ähnlich, er hat auch nie verstanden, was er mir angetan hat. er hat zwar mal gesagt, dass ihm das alles furchtbar leid tut, aber im nächsten moment auch, dass es ja alles nicht so schlimm gewesen sei :roll: . da hab ich mich auch nicht ernst genommen gefühlt und war richtig sauer. aber letztlich nützt das nichts, du leidest ja selbst darunter.

ich hab mich dann nach und nach abgegrenzt, es hatte sowieso keinen sinn, es ihm verständlich machen zu wollen. irgendwann vergeht auch der hass, glaube ich. wenn man mehr auf sich guckt als auf das gegenüber.

für dich solltest du spätestens da die grenze ziehen, wenn er angetrunken mit dir kontakt haben will (sollte er noch trinken, das geht nicht so richtig aus deinem beitrag hervor).

lieben gruß

lavendel

einfach*ich
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Beitrag von einfach*ich » 31.01.2007, 07:23

Hallo Giny,
ich kann gut verstehn, daß du es nicht vergessen kannst. Hatte eine ähnliche Kindheit. Ich war das Stiefkind und mußte oft genug für die Fehler meiner andern Geschwister herhalten. Lange Zeit hab ich sogar diese dafür gehaßt. Áls mein Stiefvater dann wieder in einem schlimmen Zustand sich gegen einen Laster fuhr, und daraufhin verstarb, empfand ich nicht außer Erleichterung. Ja, ich schämt mich dafür, daß ich kein bißchen traurig war.
Nur, wie schon Lavendel schreibt:
zu diener konkreten frage, ob du ihn hassen "darfst"? du "darfst" alles, die frage ist, ob es dir gut tut.
Es wird immer mal wieder in dir hochkommen, denn vergessen wird man es glaub ich nie, aber dauraus lernen kann man.
Lieben Gruß und weiterhin Kraft

Giny
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Registriert: 30.01.2007, 20:43

Beitrag von Giny » 31.01.2007, 10:38

Hallo,
danke für eure Antworten. Ob mein Vater trocken ist kann ich nicht beantworten...2 Wochen nachdem er damals ausgezogen ist, hat er uns erzählt, dass er nicht mehr trinkt, ausser am Wochenende mal ein Bier...das ist für mich schon ein Widerspruch in sich. Er hat weder eine Therapie noch sonst irgendwas gemacht, deswegen glaub ich ihm eigentlich kein Wort.Wenn ich mit ihm Kontakt habe, was eigentlich nur alle paar Wochen passiert, dann ist er irgendwie komisch, wie ein fremder Mann....das liegt aber wahrscheinlich an mir denke ich. Aber er hat halt immer noch die ganzen Anzeichen eines Alkoholikers, er vergisst die Hälfte, seine Augen sind irgendwie durchsichtig, als wenn er an mir vorbeischaut, er verharmlost alles und er ist zittrig und irgendwie nicht richtig anwesend, mir kommt es manchmal so vor als wenn er komplett den Sinn für die Realität verloren hat...betrunken ist er aber nicht mehr wenn wir uns sehen. Meint ihr es ist möglich, dass er ohne Therapie und Entziehungskur trocken geworden ist? Ich weiß dass er damals zeitweise "nur" Pegeltrinker war, aber ganz vom Alkohol wegkommen wird er ohne Hilfe wohl nicht oder?Liebe Grüße

baggerschen
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Beitrag von baggerschen » 31.01.2007, 10:50

Hallo Giny...

Ja .. du darfst hassen .... Ja du musst sogar erstmal hassen... irgendwann wandelt der Hass sich um in Gleichgültigkeit .... dann bist du in der Lage das Erlebte aufzuarbeiten ...Die Emotionen must du erstmal erleben um die Chance zu haben dich selber zu verstehen ...Du wünschst dir immernoch ... das dein Vater erkennt und sieht was er angerichtet hat ... du wünschst dir das er sich entschuldigt .. dir zuhört .. dich ernst nimmt und du wünschst dir das er sich schämt .... genauso wie dur dir wünschst ... das er auf Knien vor dir rumrutscht .... weil ... du möchtest das er annähernd in der Lage ist so zu fühlen wie du fühlen musstest... du möchtest ihn so verletzen wie er dich verletzt hat ...das ist dein Hass... dein Hass sagt dir aber auch gleichfalls das nur du selber diese Empfindungen hast und er es niemals so erleben wird .... keine Angst .... es legt sich wieder ... es wird Gleichgültigkeit.... aber selbst dann dauert es Jahre bis du fertig bist mit aufarbeiten... oder bis du soweit bist das du mit den Erlebnissen leben kannst ...
Liebe und Hass gehören zusammen ... wer nicht liebt .. kann auch nicht hassen ... du willst deinen Vater ja eigentlich lieben und du willst von ihm geliebt werden ... aber das klappt nicht deshalb wandelst du die Emotionen um...
Keine Angst du findest einen Weg der dich zum Ziel bringt ... mit oder ohne deinem Vater...
hoch mit dem Kopf und immer der Nase nach...du bist stark!

in diesem Sinne....

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