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Ist mein Vater alkoholabhängig?

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Alishanda
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Registriert: 02.02.2007, 00:51

Ist mein Vater alkoholabhängig?

Beitrag von Alishanda » 02.02.2007, 01:35

Hallo,
für mich bedeutet das ein großer Schritt hier etwas zu schreiben, denn bis jetzt habe ich immer verdrängt, dass mein Vater vielleicht alkoholabhängig ist. Auch jetzt noch schäme ich mich, denn wie oft habe ich gedacht, das passiert sowieso nur den anderen.
Ich brauche einen Rat, denn ich weiss nicht weiter.
Angefangen etwas zu bemerken, habe ich schon relativ früh, so mit 7 oder 8 Jahren, als ich meine Mutter fragte, warum mein Vater abends denn immer so müde sei. Im Laufe meiner Kindheit und Teenager-Zeit habe ich dann begriffen, dass etwas schief läuft.
Ich muss dazu erklären, dass mein Vater bevorzugt am Abend trinkt, und da holt er den ganzen Tag ein. Wenn er bei Geschäftsessen zu Mittag schon einige Glas Wein getrunken hat, und dann noch am Abend die Dosis, ist er spätabends eine anderer Mensch. Er torkelt, die Augen schielen, und er hat sich einfach nicht mehr unter Kontrolle. Wie oft habe ich ihn an Silvester sturzbetrunken gesehen, während andere Väter mit ihren Kindern ganz normal feierten.. Wie oft habe ich mich beim Abendessen im Urlaub für ihn geschämt, weill er so torkelte.
Ich weiss, dass er manchmal auch nach einem Mittagessen mit Geschäftspartnern angetrunken ist, denn am Telefon höre ich so etwas sofort heraus. Allerdings trinkt er nie schon in der Früh, und auch nicht zwischen Mittag- und Abendessen.
In den letzten Jahren scheint er immer weniger zu vertragen, er wird viel schneller betrunken und hat enorme Gleichgewichtsprobleme. Mein Vater hat sich in betrunkenem Zustand schon mehrmals beim Hinfallen die Rippen gebrochen, und einmal beim Hinfallen auf der Toilette den Kopf auf dem Boden blutig geschlagen.
Heute habe ich mich entschieden hier zu schreiben, denn meine Mutter rief mich an, verzweifelt, mutlos, vollkommen anders als die starke Frau, die unsere Familie trotz allem immer zusammengehalten hat. Gestern Nacht ist mein Vater wieder gestürzt, aber diesmal auf einen Glastisch, den mit den extra dicken Scheiben. Meine Mutter erzählte mir, dass er einfach dalag, in den Millionen Glassplittern, und sie zitternd daneben stand und nicht mehr wusste, was sie machen sollte. Die Dummen haben immer Glück, er blieb unverletzt. Heute morgen tat er aber wieder so, als sei nichts geschehen.
Was soll ich nur tun? Da ich im Ausland studiere, kann ich nicht immer schnell nach Hause fahren, ich muss meine Mutter da alleine lassen, kann und darf ich das überhaupt? Nach fast dreißig Jahren in denen sie jede Nacht :!: meinen Vater betrunken ins Bett gehen sieht, kann sie selber kaum noch schlafen und ist ständig nervös und gereizt. Ich versuche sie oft anzurufen und zu unterstützen, aber reicht das aus?
Wie oft habe ich mit meinem Vater darüber gesprochen, aber er will es einfach nicht einsehen. Ich weiss er liebt mich, aber trotzdem will er einfach nicht zum Arzt wegen seinen Gleichgewichtsstörungen. Ich liebe meinen Vater, deshalb geniere ich mich jedesmal mit ihm darüber zu sprechen, aber auf der anderen Seite weiss ich, was er damit meiner Mutter antut. Ich sitze zwischen den Stühlen...
Ich hoffe von Euch einen Rat zu bekommen, was ich tun soll, und ob mein Vater ein Alkoholiker ist.
Ich danke Euch von ganzem Herzem und ich bin froh endlich Gleichgesinnte zu treffen.
Alles Gute,
Alishanda

lavendel
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Beitrag von lavendel » 02.02.2007, 11:46

hallo alishanda,

herzlich willkommen hier im forum, schön, dass du hergefunden hast. wenn du hier liest wirst du feststellen, dass es vielen ganz ähnlich geht wie dir.

ein satz aus deiner beschreibung hat mich gleich "angesprungen":
Was soll ich nur tun? Da ich im Ausland studiere, kann ich nicht immer schnell nach Hause fahren, ich muss meine Mutter da alleine lassen, kann und darf ich das überhaupt? Nach fast dreißig Jahren in denen sie jede Nacht Ausrufezeichen meinen Vater betrunken ins Bett gehen sieht, kann sie selber kaum noch schlafen und ist ständig nervös und gereizt. Ich versuche sie oft anzurufen und zu unterstützen, aber reicht das aus?
ja, du "darfst" deine mutter alleine lassen. es "reicht" auch völlig, wenn du sie anrufst. soviel erst mal dazu.

das einzige, was du als kind tun kannst ist mit deinem vater zu reden (wenn er nüchtern ist), ihm deine sorgen zu schildern und ihm den "normalen" weg aufzuzeigen: arzt, entgiftung, therapie. so wie du schreibst, will er das aber nicht, und indem deine mutter das seit jahrzehnten mitmacht und wahrscheinlich auch vertuscht, unterstützt sie ihn noch darin, weiterzutrinken. wenn er stürzt, sollte sie den notarzt rufen und versuchen, ihn ins krankenhaus einweisen zu lassen.

so schwer das zu verinnerlichen ist: du bist nicht verantwortlich für deine eltern. weder für deinen vater noch für deine mutter. deine mutter ist erwachsen, sie müsste die schritte tun und konsequent sein. das will oder kann sie aber scheinbar nicht. und daran kannst du wahrscheinlich auch nichts ändern. ich weis nicht, ob sie mit dem internet umgehen kann, aber vielleicht kannst du ihr dieses forum mal ans herz legen zum lesen?

mir ging es wie dir, ich hab auch im ausland studiert, als zuhause die größten katastrophen passiert sind. für mich war das die zeit, wo ich endlich den absprung von der ewigen verantwortlichkeit geschafft habe. ich war sooooo froh, dass ich nicht mehr einfach in den zug steigen konnte, um nach hause zu fahren und alles wieder auszubügeln. das hab ich natürlich nicht laut gesagt, aber gedacht. und danach konnte ich mich emanziperen und sagen "das ist euer leben". sieh also dein weit-weg-sein als chance für DICH, unabhängig von etwas zu werden, was du nicht zu verantworten hast. konzentrier dich auf dich und das, was dir guttut. die ständige sorge um eltern, die sich selbst kaputtmachen, tut dir sicher nicht gut.

lieben gruß

lavendel

Alishanda
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Beitrag von Alishanda » 02.02.2007, 12:39

Liebe Lavendel,
ich danke Dir von ganzem Herzen für Deine aufmunternden Worte. Es ist so erleichternd zu wissen, dass man nicht allein ist, und es hat mir gut getan, das, was ich seit Jahren denke, mal Geschrieben vor mir zu sehen.
Es stimmt, ich habe oft zu meiner Mutter gesagt, sie solle den Notarzt anrufen, und nicht meinen Vater mitten in der Nacht ins Krankenhaus fahren, damit er einige Stunden später wieder herauskommt. Aber sie ist es von Anfang an gewöhnt, die Führung zu übernehmen und sich um alles zu kümmern.
Das Problem warum mein Vater nichts einsehen will, ist, dass schon in seiner Familie viel getrunken wurde. Als die Großeltern noch jünger waren, war es völlig normal, dass jeder Gast seine eigene Weinflasche hatte, und ich denke, wenn man so groß wird, verschieben sich die Grenzen.
Du schreibst, dass ich mit meinem Vater reden sollte. Ich versichere Dir es schon unendliche Male getan zu haben, auch meine Mutter. Wie oft haben wir mit meinen Großeltern gesprochen, aber auch die meinen, es sei übertrieben. Aber ich weiß, dass unter vorgehaltener Hand in der Familie darüber gelästert wird.
Ich habe Angst, dass mein Vater irgendwann kein Glück mehr hat, und es dann nicht mehr so glimpflich abläuft, wie vorgestern Nacht. Auf der anderen Seite erwische ich mich dabei manchmal zu wünschen, dass er sich wieder was bricht und von fremden Menschen ins Krankenhaus gebracht wird, damit er einen Schockmoment erlebt, der ihn vielleicht aufrüttelt.
Diese Familiengeschichte beeinflusst auch mein persönliches Leben. Wenn ich ausgehe und bei Parties jemand betrunken ist, dann ist für mich dieser Mensch gestorben. Kein Kontakt mehr, auch nicht, wenn es eine einmalige Sache war. Wie wird es sein, wenn ich mal einen Freund meinen Eltern vorstelle und er dann Reisaus nimmt, weil er nicht mit so einer Familie zu tun haben will?
Ich danke Dir nochmal, liebe Lavendel, dass Du mir geschrieben hast, ich werde meiner Mutter dies alles zeigen, vielleicht hilft es.
Beste Grüße,
Alishanda

lavendel
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Beitrag von lavendel » 02.02.2007, 13:06

hallo alishanda,
Alishanda hat geschrieben: Aber sie ist es von Anfang an gewöhnt, die Führung zu übernehmen und sich um alles zu kümmern.
böse gesagt: vielleicht "braucht" sie das? das ist ein zeichen der sogenannten co-abhängigkeit, dass manche menschen eine gewisse "befriedigung" darin finden, sich mehr als beiden gut tut um andere zu kümmern. sich quasi aus dieser situation heraus zu definieren: mein mann braucht mich also bin ich, mal etwas überspitzt formuliert. aber das ist nicht DEIN problem, soondern das deiner mutter.
Das Problem warum mein Vater nichts einsehen will, ist, dass schon in seiner Familie viel getrunken wurde. Als die Großeltern noch jünger waren, war es völlig normal, dass jeder Gast seine eigene Weinflasche hatte, und ich denke, wenn man so groß wird, verschieben sich die Grenzen.
das stimmt. aber trotzdem sind wir denkende menschen, und sollten unterscheiden können. manchmal ist die ausrede auch der einfachste weg "das ist doch normal, andere trinken doch auch viel."
Du schreibst, dass ich mit meinem Vater reden sollte. Ich versichere Dir es schon unendliche Male getan zu haben, auch meine Mutter. Wie oft haben wir mit meinen Großeltern gesprochen, aber auch die meinen, es sei übertrieben. Aber ich weiß, dass unter vorgehaltener Hand in der Familie darüber gelästert wird.
vielleicht hilft dann wirklich nur ein rausziehen. ich halte es so, dass ich jeglichen kontakt mit meiner mutter verweigere, wenn sie angetrunken ist. am telefon lege ich einfach auf. das hab ich ihr mal gesagt. sie reagiert zwar jedes mal konsterniert "ich hab doch garnichts getrunken", aber das weiss ich besser. du könntest eine strategie entwickeln zu sagen "ich komme euch nur besuchen, wenn papa nüchtern ist. sobald er was trinkt, fahre ich wieder". damit schützt du dich und zeigst deutlich, dass du ncht bereit bist das zu tolerieren.

Ich habe Angst, dass mein Vater irgendwann kein Glück mehr hat, und es dann nicht mehr so glimpflich abläuft, wie vorgestern Nacht. Auf der anderen Seite erwische ich mich dabei manchmal zu wünschen, dass er sich wieder was bricht und von fremden Menschen ins Krankenhaus gebracht wird, damit er einen Schockmoment erlebt, der ihn vielleicht aufrüttelt.
das kenne ich. ich hab mir auch, wenn es mal wieder immer schlimmer wurde gewünscht, dass es den richtigen crash gab, damit sie eben ins krankenhaus kamen und entgiftet wurden. das hat zwar meist nicht lange angehalten, aber es war allemal besser als eine tickende zeitbombe zu hause zu wissen, wo man immer angst hat, dass etwas passiert.
Diese Familiengeschichte beeinflusst auch mein persönliches Leben. Wenn ich ausgehe und bei Parties jemand betrunken ist, dann ist für mich dieser Mensch gestorben. Kein Kontakt mehr, auch nicht, wenn es eine einmalige Sache war. Wie wird es sein, wenn ich mal einen Freund meinen Eltern vorstelle und er dann Reisaus nimmt, weil er nicht mit so einer Familie zu tun haben will?
das kenne ich auch. menschen, die nicht mit alkohol umgehen können, sind mir zuwider. deshalb mag ich auch keinen karneval oder so etwas, wo eben viel betrunkene rumlaufen. bei mir ruft das immer noch eine mischung aus hass und ekel hervor. ich denke, dafür ist man einfach zu sehr geprägt, das ist fast wie ein reflex, obwohl ich ja weiss, dass das fremde sind, und es mir egal sein könnte. ist es aber nicht, allein der geruch *schüttel*.

tja, und zu einem freund und vorstellen? das ist schwierig. ich weiss ja nicht wie alt du bist, und ob du ihn überhaupt vorstellen "musst". ich würde vorher ganz offen reden. du kannst nichts für deinen vater. es ist eine krankheit, du hast sie nicht, und du bist nicht deshalb ein schlechter mensch, weil dein vater trinkt. und wenn dein freund es wert ist dein freund zu sein, wird er das auch so sehen. ich hab meinem freund von meiner mutter erzählt, und mir war klar, dass wir sofort wieder gehen würde, wenn sie angetrunken wäre. du musst einfach differenzieren: ich bin ich und meine eltern sind meine eltern.

wünsche dir viel kraft

lavendel

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