Startseite - PortalHilfsangebote der SuchthilfeSelbsthilfeforumInformationen zur Suchthilfe

Musikthread

Dieser Bereich kann für alle Themen, wie Hobby, Freizeitgestaltung und andere Interessen zum Erfahrungsaustausch genutzt werden
c2h5oh
neuer Teilnehmer
Beiträge: 290
Registriert: 07.11.2012, 09:15

Beitrag von c2h5oh » 09.01.2013, 10:24

schnuffig hat geschrieben: Aber wenn Fafner kommt verlangsamt sich mein Herzschlag. Wenn Siegfried stirbt, dann schlägt mir die Musik von innen gegen den Magen und drückt ihn zusammen. Hätte ich was in der Hand würde ich es fallen lassen. (Ein Teller hab ich deswegen eh weniger) und wenn das Ende kommt, verlasse ich mit der Musik die Erde und spüre den Tod und die Geburt eines Sternes.
Um den Ring zu hören brauche ich alles was ich bin. Für das andere reicht ein Bein oder ein wenig Herz.

Liebe Grüße
Hallo schnuffig,

ich habe selten so etwas Schönes und Treffendes(!) gelesen. Du hast eine Beziehung zu Musik, die meiner nicht unähnlich ist. Auditiv-motorisch wie ich schießen auch bei dir Schlag (Primat bei Strawinsky) und Atem (Primat bei Schönberg) zusammen.

Liebe Grüße
Jonas

schnuffig
aktiver Teilnehmer
Beiträge: 842
Registriert: 17.07.2011, 09:41

Beitrag von schnuffig » 09.01.2013, 12:30

Hallo Jonas!

Danke. Ich glaube du tippst mir nicht mit dem Zeigefinger an die Stirn, deswegen denke ich jetzt laut.
Vielleicht hat es sogar einen Grund, warum ich mir ab und an denke, die originellste Art mich zu ermorden, wäre mich bei Schönbergs Musik in ein fahrendes Auto zu sperren, dann ersticke ich nämlich. Überhaupt ist mir für seine Musik bald mal ein Raum zu klein und bewegen darf er sich schon gar nicht.
Strawinskys Frühlingsopfer höre ich jedes Jahr im Frühling, tanzend, und beim ersten Mal hören habe ich mir gedacht, der weiße Hai kann ja doch an Land.
Na gut, ich denke es mir jedes Jahr wieder.
Was ich nicht mag ist das moosgrün ockere Zeug, das nach Moder riecht. Ich glaube das ist alles was mit Jagd zu tun hat.
Und bei Cembalos muss ich niesen.
Es ist schön, ohne irgendeine Art von Fachwissen hier reden zu dürfen.

Liebe Grüße

c2h5oh
neuer Teilnehmer
Beiträge: 290
Registriert: 07.11.2012, 09:15

Beitrag von c2h5oh » 09.01.2013, 13:00

schnuffig hat geschrieben: Ich glaube du tippst mir nicht mit dem Zeigefinger an die Stirn, deswegen denke ich jetzt laut.
Hallo schnuffig,

nein, ich tippe ganz und gar nicht mit dem Zeigefinger. Die beschreibst eine zauberhafte Synästhesie. Wusstest du, dass Robert Schumann unterschiedliche Farben bei unterschiedlichen Tonarten sah? Deine präzise Beschreibung der Räume, Bewegungen, deiner Gemütszustände, die du mit bestimmten Werken verbindest, ist für mich außerordentlich faszinierend.

Liebe Grüße
Jonas

schnuffig
aktiver Teilnehmer
Beiträge: 842
Registriert: 17.07.2011, 09:41

Beitrag von schnuffig » 11.01.2013, 09:21

Hallo Jonas!

Da bist du der erste und einzige, der je sowas zu mir gesagt hat. Deswegen bin ich so ruhig.
Kannst du beschreiben wie du hörst? Das würde mich sehr interessieren.

Liebe Grüße

c2h5oh
neuer Teilnehmer
Beiträge: 290
Registriert: 07.11.2012, 09:15

Beitrag von c2h5oh » 11.01.2013, 09:57

schnuffig hat geschrieben:Hallo Jonas!

Da bist du der erste und einzige, der je sowas zu mir gesagt hat. Deswegen bin ich so ruhig.
Kannst du beschreiben wie du hörst? Das würde mich sehr interessieren.
Hallo schnuffig,

als auditiv-motorischer Typ wandere ich beim Musikhören (nicht nur dabei, auch wenn ich über etwas spreche, und wenn ich schreibe oder komponiere, stehe ich immer wieder auf und wandere) eine bestimmte Strecke in meinem Arbeits- und Musikzimmer. Diese 4m lange Strecke muss immer frei bleiben dafür. Ich höre vertikal von unten nach oben, höre das Werk von der Bass- zur Sopranstimme durch. Es geschieht, dass ich bei besonders guter Stimmführung oder einem guten musikalischen "Einfall" in ein kurzes "Juchzen" ausbreche oder ein "Honigkuchenpferdgrinsen" sich (wohl) zeigt, dazu gesellen sich "Schauer" und "Gänsehaut". Auch zu bestimmten Tonarten habe ich ein innigeres Verhältnis als zu anderen. Das mag aber mit Werken zu tun haben, die mein Vater spielte, als ich noch ein kleines Kind war.
Fachwissen erweitert das Höruniversum, aber am Anfang stehen Ergriffenheit, "Gänsehaut", Faszination.

LG Jonas

garcia
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 1212
Registriert: 20.01.2012, 19:54

Beitrag von garcia » 11.01.2013, 11:50

Hallo Jonas,

du schreibst: " Fachwissen erweitert das Höruniversum, aber am Anfang stehen Ergriffenheit, "Gänsehaut", Faszination.".

Ich gebe dir vollkommen recht. Allerdings bedauere ich meinen Mangel Wissen immer wieder sehr.

Vorgestern habe ich einmal von meinem Bach und Mozart aus einen Ausflug in die Moderne genommen und bin in meiner CD-Sammlung auf ein paar alte Pendereckiaufnahmen gestoßen. Habe mir sein Cellokonzert angehört. Nichts "verstanden", natürlich (wenn es da überhaupt groß etwas zu verstehen gibt), aber diese Intensität, die da rüberkam, die dunklen Klangfarben, die Rhytmik, das ging sehr tief, in ein Zentrum in mir. Herzklopfenmusik bei permanenter geistiger (Beinahe-)überforderung... danach konnte ich erstmal garnichts mehr hören. Gänsehaut, Faszination, genau das war es.

Ich werde mich in diesen Bereichen mal mehr umsehen. Außer Penderecki (den ich früher häufiger gehört habe, zu der Zeit als auch recht freier Jazz seine Zeit hatte) kenne ich keine modernen Komponisten. Ich habe deine hohe Meinung zu Ligeti im Hinterkopf, und ich lese viel in meinem Konzertführer; wahrscheinlich gibt es in diesen Bereichen Vieles womit ich gar nichts anfangen könnte...

Ich geh also mal auf Perlensuche und halte dich auf dem Laufenden was dabei herumkommt...

LG Frank

c2h5oh
neuer Teilnehmer
Beiträge: 290
Registriert: 07.11.2012, 09:15

Beitrag von c2h5oh » 11.01.2013, 12:17

garcia hat geschrieben: Ich geh also mal auf Perlensuche und halte dich auf dem Laufenden was dabei herumkommt...
Hallo garcia,

da freue ich mich schon drauf. Was das Fachwissen angeht, sorge dich nicht. Du leidest an deinen mangelnden Kenntnissen. Das wird dich zum Glück nicht ruhen lassen. Du wirst gute Radioprogramme (kannst du BBC Radio 3 empfangen?) nach Einführungen mit Hörbeispielen durchsuchen, dir anderes einführendes Material "von der Gregorianik bis Varèse" besorgen und dich langsam bis zu differenzierteren Werkanalysen durcharbeiten. Du bist ein Mensch, der aufs Ganze geht. Das schätze ich an dir.

LG Jonas

c2h5oh
neuer Teilnehmer
Beiträge: 290
Registriert: 07.11.2012, 09:15

Beitrag von c2h5oh » 12.01.2013, 07:48

@Frank

Guten frühen Morgen,
meine Töchter warten auf den Kriminalroman, deshalb sitze ich hier schon seit einiger Zeit. Ich möchte versuchen, dir eine erste Methode des strukturellen Musikhörens zu beschreiben und näherzubringen, die ohne Noten- und andere Grundkenntnisse auskommt. Das Notenlesen und -schreiben ist übrigens sehr einfach zu erlernen, das lernst du wie ein dir fremdes Zeichensystem einer Sprache.
Zu dieser ersten Einführung nehmen wir eine Bachfuge, etwa die C-Dur-Fuge aus dem 1. Teil des Wohltemperierten Klaviers. Das ist eine 4-stimmige "einfache" Fuge. "Einfach" bedeutet, dass sie nur ein Subjekt (Fugenthema) enthält, sonst spricht man von Doppel-, Tripel- oder Quadrupelfuge.

Wir konzentrieren uns zunächst nur auf das Fugenthema (Dux), das die Fuge einleitet. Spiel dieses Thema solange, bis du es dir gut eingeprägt hast. Die einzelnen Töne bewertest du mit lang, kurz, nach oben führend, nach unten führend. Dann hörst du ein Stück weiter. Du stellst fest, dass das Thema auf einer anderen Tonstufe (5 Töne höher = Quinte) wiederholt wird, während das Ursprungs-Thema zum "Begleiter" (Comes) wird. Höre zunächst wiederholt nur das Zusammenspiel der beiden Stimmen. Wie bewegen sich die Stimmen? Parallel? Bewegt sich eine eine nach oben, die andere nach unten? Wenn du dir ein klares Bild der Stimmenbewegung gemacht hast, höre wieder etwas weiter. Das Thema setzt erneut ein, dieses Mal wieder in der Grundtonart (nur tiefer). Jetzt versuchst du, die Führung der drei Stimmen zu erfassen. Wieder versuchst du zu ermitteln, welche Bewegungen zwischen den drei Stimmen stattfinden. Es setzt dann die vierte und letzte Stimme mit dem Thema wieder 5 Töne verschoben ein, aber für die erste Hörstunde ist das genug. Nach dieser konzentrierten Hörarbeit gönne dir die ganze meisterhafte Fuge. Du wirst vielleicht überrascht sein, dass du "so ganz nebenbei" einige der fugeneigenen Abenteuer erlebst (aha, wieder das Thema, aber dieses Mal in Moll...mhm, wird da das Thema etwa gespiegelt? Huch...die Symmetrie passt genau zu den anderen Stimmen).

Was mir eine (gute) Fuge so wertvoll macht: sie stellt die Regeln selbst auf, die sie dann befolgt.

LG Jonas

Antworten