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Zivilcourage

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Slowly
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Beiträge: 1437
Registriert: 28.02.2014, 01:29

Zivilcourage

Beitrag von Slowly » 16.07.2014, 09:52

Guten Morgen,

ich hätte da mal eine Frage.

Wie hättet ihr reagiert ?

Samstag Abend in einer deutschen Stadt.
In der Fußgängerzone nur noch vereinzelt ein paar Leute.
Ein Bekannter und ich spazierend, im Gespräch.

Plötzlich vor uns ein Kind ca. 6 Jahre das auf dem Boden sitzt, weinend, ein paar Plastikflaschen liegen um das Kind herum, sein Fahrrad liegt neben ihm.

Ein vor Wut aufgelöster Vater schimpft auf das Kind ein. ein Kleinkind, ca. 2 Jahre alt, daneben.

Wie mein Bekannter gesehen hat, hatte der Vater dem Kind eine der Flaschen in den Bauch geworfen.

Mein erster Impuls, hin zu gehen wird von meinem Bekannten gestoppt.

Er meint, erst Recht Aggressionen beim Vater zu schüren und dem Kind durch das Einschreiten eher noch zusätzlich zu schaden, sollte der Vater auch uns gegenüber aggressiv oder sogar handgreiflich werden.
Ausserdem könnt es sein, dass der Vater, wenn wir dann wieder weg sind das Kind umso stärker misshandelt

Ich bestehe darauf in des Vaters Sichtweite auf eine Bank zu sitzen und das Geschehen zu beobachten.

Mir gehen Gedanken durch den Kopf an Polizei oder Kinderschutzbund.

Ich fühle mich unschlüssig und irgendwie hilflos.

Als der Vater sich beobachtet weiß, wird er ruhiger und das Kind beruhigt sich auch.

Irgendwann hat sich das Geschehen wieder ganz beruhigt, wir gehen weiter.

Nun bin ich seit Tagen am überlegen ob ich falsch reagiert habe und ich zu dem Kind hätte hin gehen müssen ! , um es zu beruhigen und ihm das Gefühl zu geben, dass es nicht alleine ist.
Und dem gewalttätigen Vater zu zeigen, dass er gesehen und notfalls angezeigt wird.

Ich fühle mich schuldig.

Mein Bekannter besteht darauf genau richtig reagiert zu haben, meint aber bei Gelegenheit einmal bei Kinderschutzbund etc. nachfragen zu wollen, wie wir in solchen Situationen in Zukunft besser reagieren können.

Über Meinungen oder auch Erfahrungen würde ich mich sehr freuen !

Liebe Grüße

Slowly

garcia
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Beiträge: 1217
Registriert: 20.01.2012, 19:54

Beitrag von garcia » 16.07.2014, 10:40

Moin Slowly. Du schreibst:

"Ich fühle mich schuldig."

Warum? Für was? Du warst doch da, hast dich im Rahmen deiner Möglichkeiten gekümmert (im Gegensatz zu manch gleichgültigen Passanten)...

Du hast dich richtig verhalten. Mehr geht eben nicht. Laß es damit gut sein und Wende dich deinen eigenen Baustellen zu, Das wär mein Rat... Oder willst du die Welt retten? Klappt eh nicht und wär nasses Denken - so bös das klingt, es ist so.

Schön daß es Leute gibt die nicht einfach vorbeilaufen. Daß find ich gut :-)

LG Frank

silberkralle
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Beiträge: 7198
Registriert: 04.12.2009, 12:40

Beitrag von silberkralle » 16.07.2014, 14:52

glück auf slowly

ich denk, du hast richtig gehandelt.
wenn ich in so ner situation direkt eingreif, zieh ich die aggression auf mich ... kann ich damit umgehn? wie?

hättest n foto machen können?
hättest die polizei rufen können? hätten die was unternommen?

ich denk, du hast richtig gehandelt.

schöne zeit

:D
matthias

Eniba
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Beitrag von Eniba » 16.07.2014, 21:39

Hallo Slowly,

ich denke auch, dass Ihr richtig gehandelt habt. Mein erster Impuls wäre sicherlich auch das direkte Eingreifen gewesen. Aber das kann richtig nach hinten losgehen, so musste ich es leider einmal erleben. Das Ihr die Situation weiter beobachtet habt, war, denke ich, eine GUTE u. sichtlich wirksame Entscheidung.

Und das aller-, aller wichtigste ist, dass Ihr aufmerksam gewesen seid. TOLL!!! Wie viele Menschen gehen einfach weiter...

Gruß
Enib

NNGNeo
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Beitrag von NNGNeo » 16.07.2014, 23:58

hallo slowly

wie ich reagiert hätte? keine ahnung, ich war noch nie in so einer situation, ich finde du hast richtig reagiert, und hätte dieser vater sein kind nochmal geschlagen, dann wäre ich dazwischen gegangen und hätte die polizei gerufen. ist ja dank handys heutzutage kein großes problem mehr.
grüße
NNGNeo

Slowly
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Beitrag von Slowly » 17.07.2014, 06:50

Guten Morgen,

vielen Dank für eure Beiträge Frank, Matthias, Eniba und NNGNeo, sie haben mich etwas beruhigt und mir selbst und meinem Bekannten gegenüber milder gestimmt.


Manchmal setzte ich vielleicht zu hohe Maßstäbe an mich und ( ärgerlicher ) auch an andere.
Das steht mir dann im Weg.....und der Beziehung zu den anderen eventuell auch. ;)

Danke Frank für deine Worte, ich habe länger darüber nachgedacht.

Klar, will ich dich Welt verändern ;), vor allem wenn ein Teil davon weinend und hilflos ein paar Meter von mir entfernt auf dem Boden liegt.

Für dieses Kind kann doch dieser Moment sein ganzes Leben beeinflussen und ich habe einfach nur zugeschaut.

Habe die Situation verstreichen lassen, in dem es vielleicht das erste Mal gespürt hätte, dass es Menschen gibt die sein Unglück sehen und es darauf aufmerksam gemacht hätten, dass das was sein Vater macht nicht ok ist.

Dass ich mir darüber Gedanken mache und mich für meine mangelnde Hilfe schuldig fühle, empfinde ich nicht als nasses Denken.

Womit du aber recht hast ist, dass ich mich meinen Baustellen zuwenden darf. ;)
Versuche ich zu machen :), unter anderem auch mit diesem Faden.

Parallel zu mir hat sich mein Bekannter/Freund mit dieser Frage auch an ein größeres Publikum gewandt.

Innerhalb der anderen Gemeinschaft war der Konsens eher pro Einschreiten ( in einem ruhigen Ton ) und mit der Polizei drohen oder sie eventuell auch rufen.

Nun haben er und ich durch die Auseinandersetzung mit diesem Thema auch einiges über uns selbst gelernt.

Ich finde "trockenes" Denken ( um bei diesem Bild zu bleiben ) beginnt da, wo man volle Verantwortung für sein Handeln übernimmt.

In diesem Sinne einen glücklichen und friedlichen Tag !

Slowly

Linde66
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Beitrag von Linde66 » 17.07.2014, 09:09

Hallo Slowly,

ich hatte mal ein ähnliches Erlebnis in einem Supermarkt. Die Mutter war von ihrem pausenlos schreienden Kind völlig genervt. Ich hatte den Eindruck, daß es ihr auch peinlich war, daß sie das Kind nicht ruhig bekam. Sie wurde immer verzweifelter und lauter, drohender. Ich habe ganz anders reagiert. Bin erst in die Nähe und dann hin und habe sie ganz nett und fröhlich angesprochen. Irgendwie sowas wie, ach das ist ja aber ein kleiner Rebell, hat keine Lust mehr zum Einkaufen, will nach Hause ins Bettchen, wie lieb der schaut usw.. Habe mich dann vor den Kinderwagen gehockt und mit dem Kleinen direkt geredet, na was bist du denn für ein Rocker, dich nervt das alles hier, willst nach Hause, nicht wahr...

Sofort entspannte sich die Situation, vor allem bei der Mutter. Auch der Kleine war ganz perplex von der anderen Stimme und dem fröhlichen Ton. Die Mutter konnte total rasch umschwenken und den Druck rausnehmen. Wir redeten noch kurz, wie anstrengend es sein kann, mit den Kindern einkaufen gehen zu müssen, daß das jedesmal wie ein Sechser im Lotto ist, wenn man ohne Schreierei wieder heimgekommen ist usw.

Ich weiß nicht, aber Drohung mit der Polizei hätte in dem Moment ja nur den Streß der Mutter erhöht. Auch das Begafftwerden von den anderen Leuten war Druck pur für die sie. Freundlich hinwenden, Zuhören und fragen ob man ihr helfen kann, das hat den Druck sofort rausgenommen. Es sind ja nicht alles Kinderprügler, wenn man so eine Situation beobachtet. Manchmal ist es einfach eine ganz kurzfristige Überforderung, wo jemand an seine Grenzen kommt, dachte ich mir.

Ich erinnere mich aber auch an eine Situation, die mir lange, lange nachgegangen ist. Da war ich ungefähr 20. Abends konnte ich von der Straße aus durch den Vorhang in ein erleuchtetes Fenster schauen, wie ein Mann ein schreiendes Kind prügelte. :( Und ich konnte nichts, aber auch gar nichts machen. Ich war wie gelähmt. :oops:

Lieber Gruß, Linde

RenateO
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Beitrag von RenateO » 17.07.2014, 13:35

Hallo Linde und alle
Dein Beispiel mit der Mutter in Laden hat ja gut geklappt.
Ich hatte vor einem Jahr eine unschöne Situation hier im Haus in der Wohnung über mir.
Nachts kurz nach 1 Uhr schreit das kleine Mädchen laut los, kurz darauf höre ich Schritte und einen Mann der laut schimpf,das machst du extra etc er brüllt bedrohlich ,dann höre ich dumpfe Schläge und das Kind(damals 4) ist abrupt still.
Ich stand inzwischen mit laut klopfendem Herzen vor meinem Bett was ist zu tun,besonders diese absolute Stille des Kindes beunruhigt mich.
Dieser Vorfall wiederholte sich ca 3 Wochen später nochmal genauso,ich wage nicht nach oben zu gehen und zu schellen,sollte ich die Polizei rufen?
Ich saß in dieser Nacht noch lange wach in meiner Küche,besprach es am nächsten Tag mit einer Therapeutin und dem Jugendamt.
Dann war eine Weile nichts mehr......
Der Mann wurde dann auch nichtmehr hier im Haus gesehen (Frau lebte vorher alleine mit dem Kind dort) Dann wieder so ein Vorfall , immer gleicher Ablauf nur diesmal war die Frau alleine mit dem Kind,sie schrie es an und dann ein poltern als ob jemand ne ganze Schrankwand umgeworfen hätte.
Da bin ich raufgegangen ,hab geschellt und sie öffnete auch nach einer gefühlten Ewigkeit.
Ich fragte ob sie überfordert ist evtl Hilfe brauch und ob es dem Kind gutgeht.
Daraufhin wurde ich dermaßen bechimpft und bekam viele unschöne Titel.
Da habe ich zu ihr gesagt ok wenn es so nicht geht dann anders und hab die Polizei gerufen,die kamen auch schauten sich meine Wohnung an,ließen sich alles schildern und gingen dann nach oben (insgesamt ca. 1 Stunde später)
Die Frau hörte ich dann keifen und schimpfen.
Einige Zeit später stand die Polizei dann bei mir!!
Es folge ein langes gespräch ,ähnlich einem Verhör (als ob ich die Beschuldigte wäre.)
Es wurde gefragt ob auch andere Nachbarn was gehört hätten etc und die Frau würde sich vorbehalten mich wegen übler Nachrede etc anzuzeigen.
Ich dachte ich bin im falschen Film!
Nun sie hatte dann kurze Zeit später einen anderen Mann bei sich und den setzte sie regelrecht auf mich an.
Der sprang mir vors Auto ,bedrohte mich bei jeder Gelegenheit und lauerte mir auch auf,immer halbe Sätze und Drohungen aussprechend.
Ich ging deshalb zur Polizei ,tja solange der die Sätze nicht fertigspricht also nicht konkret droht konnten die mir nicht helfen...............
Sie hatte an diesen Aktionen sichtbar Spass.
Das ganze zog sich über mehrere Monate (wo mein ex im Entzug und in der Tagesklinik war)
Ich stand dieser Situation also ganz alleine gegenüber.
Nach einem weiteren Vorfall früh morgens als das Kind laut schreiend durchs Treppenhaus gezogen wurde und ich meine Wohnungstür öffnete um zu sehen was da passiert, hatte Der Typ dann schon seinen Kopf in meiner Wohnung.
Einen Tag später hatte mein Auto 3 Schnitte im Faltdach, die konnte ich bei der Polizei anzeigen (habs aber gelassen)
dann war kurz Ruhe, bist dieser Mann wie vom Himmel gefallen vor einem Diskouter plötzlich vor mir stand und mich wieder massiv bedrohte, sie ging dann lachend dazuwischen und verkündete das ich nun Post bekommen würde von ihrem Anwalt.
Die war am nächsten Tag im Kasten, sie wollte 6000€ Schmerzenzgeld von mir!!! ich hätte ihren Ruf geschädigt weil das Jugendamt im Kindergarten Fragen gestellt hat und sie auch besucht hatte ,desweiteren hätte ich sie im Haus unmöglich gemacht etc.

Ich war platt und mußte mir auch einen Anwalt nehmen.
Die Sache verlief im nichts weil sie keine Zeugen bringen konnte/ich hatte auch nicht mit den Nachbarn darüber gesprochen.
Der Typ war bald danach übrigens auch weg.
Ich dachte immer Zivilcourage ist wichtig und richtig inwischen zweifle ich daran weil ich zuletzt die Gehetzte und völlig Schutzlos war.
Wie und ob ich in einer ähnlichen Situation zukünftig handeln würde ....viele Fragezeichen!!!???
LG R..

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