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Gesunder Egoismus: Wo fängt er an, wo hört er auf ?

Hier werden wir jede Woche mindestens ein allgemeines Thema eröffnen, wo jeder seine Sichtweise dazu schreiben kann.
Carpenter
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Beiträge: 1693
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Gesunder Egoismus: Wo fängt er an, wo hört er auf ?

Beitrag von Carpenter » 27.11.2013, 09:44

Moin Forum,

nachdem im Thread von Bruce eine interessante Diskussion zum Thema Egoismus und Empathie aufgekommen ist, würde ich das gerne mal genauer wissen.

Was versteht man denn genau unter gesundem Egoismus ? Gilt dieser Egoismus dann automatisch auf allen Ebenen ? Und wie ist da das Verhältnis zwischen Empathie und Egoismus ? Bringt man die beide unter einen Nenner oder ist es gar so wie Penta sagt, Empathie ist ohne einen gewissen Egoismus gar nicht möglich ?

Ich hatte, seit ich hier bin, immer mal wieder so leichte Magenschmerzen, wenn der ein oder andere User mit diesem "erst mal auf sich selbst schaun" angefangen hat...

Bin gespannt, wie ihr das seht.

LG Andreas

schnuffig
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Beitrag von schnuffig » 27.11.2013, 10:33

Grüß dich Andreas,

ich darf niemanden ausbeuten. Weder materiell noch emotional. Weder direkt noch manipulativ.
Mich darf aber auch niemand ausbeuten. Die Versuche stoppe ich mit meinem gesunden Egoismus. Was ich nicht freiwillig gebe, behalte ich. Ob's Geld oder Worte sind oder Taten oder Gefühle spielt dann keine Rolle.
Zwang und emotionale Erpressung werde ich immer widerlich finden. Dieses: Ich meins ja nur gut mit dir und das Wenn du mich ..... dann würdest du auch....
Empathie bedeutet für mich, überhaupt mal wahrzunehmen, dass da wer ist.
Denjenigen dann mal zu grüßen, ob er jetzt eine Straßenzeitung hat und ich vorbei gehe, oder ob sie seit Jahren alleine aus dem Fenster schaut, wenn er mit dem Automaten nicht klar kommt, oder mit gesenktem Kopf vor sich hin trottet, ich bemerke sie, nehme sie war, so dass sie mich dann meistens zurück anlächeln oder winken oder mich fragen ob ich helfen kann.
Kann ich meistens.
Niemand soll sich so fühlen, als würde er nicht existieren. Finde ich.


Schönen Tag

Plejaden
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Beitrag von Plejaden » 27.11.2013, 12:39

Huhu Andreas,

ich sehe gesunden Egoismus so ähnlich wie Schnuffig. Meine Freiheit endet, wo die eines anderen anfängt. Ich denke, die Formel "gesunder" Egoismus soll von der Egozentrik abgrenzen, in der ich nur noch mich selber sehe und sprichwörtlich über Leichen gehe.

Für mich persönlich ist es schwierig, gleichzeitig empathisch und gesund egoistisch zu sein. Empathie bedeutet für mich, mit anderen Menschen mitfühlen zu können oder zumindest zu versuchen, mich in ihre Situation und Gefühle hineinzu versetzen. Da ist es dann schnell schwierig für mich, noch gesunden Egoismus zu wahren, weil ich dann dazu neige zuzulassen, dass meine Grenzen übertreten werden. Ich vergesse mich dann schnell selbst, und konzentriere mich nur noch auf den anderen.

LG
Pleja

Carpenter
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Beitrag von Carpenter » 27.11.2013, 17:16

Hallo schnuffig, hallo Pleja,

dank Euch Beiden für Eure Sichtweise, die ich so gut nachvollziehen kann.

Ich hab da wohl immer etwas Probleme, die exakte Grenze zu setzen...zu sehen, wo widerstrebt es mir eigentlich schon, dies oder jenes mitzumachen bzw. wo werde ich eigentlich schon manipuliert...wo mach ich Dinge eigentlich nur um des Friedens Willen oder aus Bequemlichkeit, um mich nicht auseinandersetzen zu müssen.
Ich frage mich immer wieder, ob ein Leben ohne Konzessionen überhaupt möglich ist. Funktioniert das, immer klar Nein zu sagen, wenn man Nein sagen will ?
Bzw. hat z.B. ein Mensch, der einem nahesteht, nicht auch in gewisser Weise das Recht, etwas mehr von mir zu fordern als andere Menschen ?

Ich könnt mir vorstellen, daß ich z.B. jemanden jeden Tag die Einkaufstasche rauftrage und dabei nicht merke, daß der Entsprechende das erkannt hat und einfach nur schamlos ausnutzt. Naiv ? Vermutlich.

Empathie ist auch so ne Sache...manche Dinge gehen mir komplett am A... vorbei, wo mancher vielleicht sagt: Oha, der Mensch hat ja nun gar kein Mitgefühl bzw. gar kein Einfühlungsvermögen. Manche Dinge lassen mich eiskalt. Dagegen bewegen mich andere Dinge wesentlich stärker als andere Menschen.

Kann man generelle Empathie zeigen oder legt man letztendlich die Grenze der eigenen Empathie selbst fest...so nach dem Motto: Das ist mir wichtig, da empfinde ich was...das andere ist mir weniger wichtig,

Denn eigentlich kann man Empathie, zumindest nach meiner Sichtweise, ja auch nur zeigen, wenn man es ernst meint...alles andere ist ja wohl nur geheuchelt und die Heuchelei recht schnell erkennbar...auch für einen selbst.

Hmm, viele Fragen...

Carpenter
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Beitrag von Carpenter » 27.11.2013, 17:19

Ups.

Liebe Grüße natürlich :-)

Andreas

inbetween
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Beitrag von inbetween » 27.11.2013, 18:43

Hallo Andreas,

ja, das finde ich auch eine spannende Frage - und es ist eine, mit der ich mich lange beschäftigt habe.
Ich finde, "Egoismus" und Empathie sind dann keine Gegensätze, wenn Egoismus die Fähigkeit zur Abgrenzung und Empathie nicht symbiotisches Erleben meint, sondern eines, das zwischen "ich" und "du" unterscheiden kann.

Weil mich die Beziehung zu meinem letzten XY in dieser Hinsicht sehr an die Grenze geführt hat, möchte ich kurz ein Beispiel nennen, das haarscharf auf dieser Grenze ist, wenn ich so im Nachhinein darüber nachdenke.

Meine Empathie und mein "gesunder Egoismus" haben mich in dieser Beziehung dazu veranlasst, Selbstverteidigungstechniken zu erlernen, denn leider sind ja Handgreiflichkeiten unter Alkoholeinfluss nicht gerade selten. Und so schrecklich es klingt: ich habe diese Technik nicht nur einmal anwenden müssen.

Dass auf dieser Basis keine Beziehung möglich ist, ist wohl sonnenklar. Aber es war aus damaliger Sicht für mich die einzige Möglichkeit, mein Gefühl der Empathie, also das Nachfühlen seiner Situation und der damit einhergehenden Begleiterscheinungen mit meinem "gesunden" Selbsterhaltungsbedürfnis zu kombinieren.

Ich habe mich nicht als Opfer in dieser Beziehung gesehen habe - sondern ich habe auch da für mich gesorgt, was jedoch bei Licht betrachtet sehr bizarre Formen angenommen hat.
Aber das war meine Entscheidung damals. - Abzuwarten, ob eine Änderung möglich ist, mich aber gleichzeitig bestmöglich zu schützen.
Ich würde das weitgehend als "gesunden" Egoismus bezeichnen, wenngleich ich ganz ehrlich keinen Wert darauf lege, diese Extremform noch einmal zu leben - ich würde heute dem Menschen gegenüber die gleich Empathie empfinden, aber ich würde mir erlauben, das aus der Ferne zu tun und mich nicht mehr daneben zu stellen.

Keine Ahnung, ob klar ist, wie ich das alles gemeint habe?

Viele Grüße
Lea

Penta
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Beitrag von Penta » 27.11.2013, 18:48

Hallo Carpenter,

ich finde schon, dass man, also ich, manchmal die Grenze meiner Empathie festlege. Meistens schraube ich sie hinaus, wenn mir bewusst wird, was es ist, was mich davon abhält, Mitgefühl zu zeigen oder von vornherein abzuwehren, denn das liegt meistens bei mir und meinen Gefühlen.
Ich kann manche Gefühle verstehen, auch wenn ich sie selbst nicht habe oder empfinde.
Das führt dazu, dass ich durchaus verstehen kann, warum mich die Kollegin gerade anmotzt, wenn irgendwas nich richtig funktioniert. Nett finde ich das deshalb trotzdem nich und gefallen lasse ich mir deshalb auch nicht alles. Aber verstehen kann ich es schon. Zumindest will ich es inzwischen und es klappt immer öfter.
Das verändert vieles. Die Kommunikation, mein Gefühlsleben wegen der immer öfter fehlenden Konfrontation und ich kann recht ungestört arbeiten.
Mein gesunder Egoismus besteht dann auch noch im Setzen von Grenzen. Aber hauptsächlich im Setzen von Grenzen für mich. Mich zurücknehmen, nicht dem ersten Impuls folgen, Anschauen und dann irgendwann, wenn's einigermaßen sortiert is, reagieren. Oder, wenn mir das sinnvoll erscheint, nicht reagieren oder absagen oder im übertragenen Sinne zurück rudern. Das ist für mich die weitaus schwierigere Seite.
Selbstfürsorge ist für mich gesunder Egoismus und hat nichts mit Egoismus im engeren Sinne oder Selbstherrlichkeit zu tun, sondern nimmt mich in die Verantwortung und trennt meins von dem anderer.
Am Anfang jeder Rettungsaktion steht die Eigensicherung. Ich übertrage es durchaus auch auf andere "Disziplinen".

Gruß Penta

Katharsis
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Beitrag von Katharsis » 28.11.2013, 08:00

Guten Morgen,

in mir sind Empathie und Egoismus getrennt, denn Empathie bedeutet für mich nur die Fähigkeit, den Fluch?, Gefühle Anderer nachvollziehen zu können. Ich kann sie verstehen, habe oft dasselbe bereits erlebt und kann mich in ihre Lage hineinversetzen.
Manche Menschen finde ich zum Brechen, doch der „Mechanismus“ ist immer derselbe, die Entscheidung zur Unterstützung fälle ich separat.

Ich unterscheide weitergehend zwischen Egoismus und Helfersyndrom. Kopf und Bauch sagen mir ganz genau, ob ich gerade jetzt Zeit, Raum und Energie genug habe, um für Andere / mit Anderen in die Bresche zu springen oder ob ich dieses Potential jetzt für mich selbst dringend benötige. Ignoriere ich meine eigenen Gefühle, zahle ich dafür mit Erschöpfung oder selbstgemachtem Druck, denn für meine eigenen Angelegenheiten war keine Kraft mehr und keine Zeit.
Wer mich dauerhaft be-/ausnutzt, fliegt raus, das sind Erfahrungswerte.

Da viele Suchtkranke ein Helfersyndrom entwickelt haben auf der Suche nach Anerkennung oder Zuneigung, macht mir der Vorsatz, „erst einmal auf sich selbst zu schauen“, keine Magenschmerzen. Wenn ich normales Verhalten in diesem Punkt nicht gelernt habe, beschränke ich mich zunächst auf Veränderungen bei mir selbst auf der Suche nach dem „gesunden Maß“. Wer sich allerdings dann ausschließlich nur noch auf sich selbst konzentriert und es ablehnt, Andere zu unterstützen, wenn sie ihm vor die Füße fallen, wird früher oder später die Quittung bekommen. Es ist für mich auch nicht das Ziel in einer Gemeinschaft, die wir nun einmal sind. Selbstfürsorge ist ein Begriff, der mir total gut gefällt.

Selbstverteidigungstechniken zu lernen in einer Beziehung mit einem gewalttätigen Partner erscheint mir weder empathisch noch klingt es für mich nach „gesundem Egoismus“. Es klingt für mich nicht einmal gesund, sondern eher wie der Versuch, sich selbst glauben zu machen, man hätte auf irgendeine Art und Weise noch etwas unter Kontrolle. Ich habe auch hier versucht, mich in diese Situation hineinzuversetzen. Die Frage, die ich mir als erstes stellen würde, wäre: „Würde ich auch so hartnäckig an dieser Beziehung festhalten und versuchen, den Anderen quasi „mit Gewalt zu verstehen“, wenn es sich um eine(n) x-beliebige(n) Freund(in) handeln würde?“ Eventuell würde ich dann unvermittelt bei dem Gedanken an Co-Abhängigkeit landen und mich dann selbst fragen, ob diese Hartnäckigkeit, die ein Teil meiner Persönlichkeit ist und ja nicht per se eine schlechte Eigenschaft, in diesem Fall vielleicht verhindert, dass ich loslassen kann, was losgelassen werden muss.

Ich versuche also, zu verstehen, zu unterstützen, Grenzen zu setzen und für mich selbst zu sorgen – und alles voneinander zu unterscheiden, damit ich nicht wieder den Bach runtergehe 

Gruß
Katha

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