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Bereitschaft zur Veränderung

Hier werden wir jede Woche mindestens ein allgemeines Thema eröffnen, wo jeder seine Sichtweise dazu schreiben kann.
Sunshine_33
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 3868
Registriert: 25.07.2013, 11:35

Beitrag von Sunshine_33 » 09.01.2017, 16:09

Martina schrieb:
Ich kann mir vorstellen, das das soziale Umfeld da eine prägnante Rolle spielt.
Denn oft sind der Beruf, Kollegen, Freunde, Stammdiskotheken,Familie und Traditionen mit dem eigenen (Trink)Verhalten verknüpft und es wird versucht
das Umfeld unter ausschließlich eigener Veränderung so beizubehalten und dazugehören.(da können auch Verlustängste mit einhergehen usw)
Ja, das ist wohl so.
Trocken werden bedeutet aber nun mal auch, seine "Komfortzone" zu verlassen (was in diesem Fall das nasse Umfeld ist) und Veränderungen herbeizuführen.
Was soll man denn sonst machen, wenn es anders nicht (oder nur sehr schwer) möglich ist, trocken zu werden und vor allem zu BLEIBEN ?
Wir haben es doch wohl alle OHNE gravierende Veränderungen versucht (mich eingeschlossen) und sind damit immer und immer wieder auf die Nase gefallen.
Es geht auch nicht immer darum, den kompletten Freundeskreis zu verwerfen, sondern mitunter nur um ein erneutes Sortieren.
Ich für meinen Teil konnte Freunde behalten, aber eben nicht alle.
Wer in meiner Gegenwart trinken muss, der kann nicht mehr mein Freund sein.

Ich habe übrigens auch ab und an Verlustängste aufgrund meiner persönlichen Geschichte, und ich habe das trotzdem geschafft.
Ich lasse mich nämlich nicht von meinen Ängsten derart in Schach halten, das sie mich einengen oder von meinem Überleben anhalten.
Wenn ich es nicht geschafft hätte, gravierende Veränderungen in meinem Leben vorzunehmen, wäre ich längst nicht mehr hier.
Sondern einen Meter tiefer. So siehts mal aus.

Bitte bedenke Martina, wir reden hier nicht über eine Grippe, die nächste Woche wieder vorbei ist.
Sondern über eine LEBENSBEDROHLICHE ERKRANKUNG, die ungestoppt für uns tödlich verläuft.
In Angesicht dieser Tatsache kann sich ja jeder gern mal erneut fragen, ob es der/demjenigen wichtiger ist, einer gewissen Gruppe anzugehören oder zu ÜBERLEBEN??
Ich habe damals erstmal um das ganz schlichte Überleben gekämpft (mit Hilfe der Ärzte auf der Intensiv-Station) und dann für MEIN LEBEN.
Da sieht man dann wohl gewisse Dinge ein bisschen anders... und beginnt recht schnell, darüber nachzudenken, was man wirklich will und wie man wirklich trocken werden kann.
Wenn man denn überleben will...
Im Verständnis der Spaßgesellschaft, "was kostet die Welt" und "lebe heute" wird der Ernst der Lage schnell vergessen.
Hmmm... wer einfach mal eben so eine lebensbedrohende Krankheit wie unsere "vergißt"... sorry, aber dann weiß ich auch nich mehr weiter... :roll:
Vielleicht erinnert Ihr Euch ja auch nochmal, wie schwer es schon war mit den Entzugssymptomen klarzukommen und den erschütterten Selbstwert zu restaurieren.
Entzugssymptome hatte ich keine, ich habe stationär auf der Intensivstation eines KH entgiftet. Dazu kann ich also wenig sagen.
Mein Selbstwertgefühl war allerdings völlig ramponiert. Das dauerte, die verschütteten Fragmente wieder auszugraben und zusammenzusetzen.
Trockene Einsamkeit ist auch nicht für jeden was.
Als ich noch gesoffen habe, war ich EINSAM !
Weil es niemand wissen sollte. Weil ich Verabredungen nicht mehr einhalten konnte. Weil ich mich selbst nicht mehr ertragen konnte.
Trocken habe ich es selbst in der Hand, ob ich einsam bin oder nicht.
Ich kann jederzeit etwas dagegen tun.

Ich für meinen Teil mache mich übrigens nicht über Frischlinge lustig, und ich wüßte auch gar nicht, wer sowas tut.
Wir standen schließlich alle mal ganz am Anfang.

LG Sunshine

Tina
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 6415
Registriert: 11.05.2008, 22:47

Beitrag von Tina » 09.01.2017, 16:10

Hallo !

Das Einzige, was mir an Martins Satz nicht gefällt, ist der Ausdruck "Frischling". Dabei handelt es sich allerdings nicht um eine Worterfindung von Martin und ich mochte den Begriff auch schon nicht, als ich noch "frisch" nüchtern war. Genauso wenig mag ich allerdings den Ausdruck "Alte Hasen" Er ist für mich mit Überheblichkeit gleich zu setzten. Dennoch handelt es sich bei beiden Begriffen nur um Wörter, die den, ohnehin schwierigen kommunikativen Umgang hier, vereinfacht. Insofern kann ich damit leben, sie ab und an zu lesen, ohne sie selber zu benutzen.

Inhaltlich ist Martins Satz allerdings für mich vollkommen treffend - zumindest wenn man Martin schon eine Weile kennt und zu wissen meint, wie er es meint :lol:.

Als ich hier ankam, war ich dankbar für Hinweise und Tipps, was ich z.B. besser unterlassen oder verändern sollte. Ich wollte aus den Fehlern der anderen lernen, denn es ersparte mir, sie selber zu begehen. Ich bin zwar nicht fehlerfrei, aber bewusst vermeidbare begehen, brauch ich nun auch nicht.

Ich nutze ja auch so viele Erfahrungen, die ich nicht selber gemacht habe - täglich und immer wieder aufs Neue. Ihr doch auch. Oder hat jeder von Euch die Erfahrung selber gemacht, dass es nicht ratsam ist ... hm ... bei Rot über eine stark befahrene Straße zu gehen, falschherum auf die Autobahn zu fahren, die heiße Herdplatte anzufassen, eine Spraydose anzuzünden usw. ? :wink:

Ob das nun mit Veränderungen gleichzusetzen ist ? Klar !
Ich wollte ja die Veränderung, denn mein nasses Leben gefiel mir nicht mehr.
Ich wollte nicht mehr trinken.
Ich wollte, dass sich was Gravierendes tut in meinem Leben, denn ich wollte das Wichtigste darin behalten und für das Wichtigste kann ich gut auf weniger wichtiges verzichten.

Wenn ich nun im Straßenverkehr bleibe (als Vergleich) und ich mich bisher vielleicht jeden Morgen über eine vielbefahrene, breits Straße gekämpft habe, dann freu ich mich doch über den Hinweis "Hey, da ist ne Ampel, versuchs mal da." Ich geb zu, es hinkt ein wenig, aber vielleicht könnt Ihr trotzdem was mir anfangen.

Liebe Grüße
Tina

Hartmut
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Beitrag von Hartmut » 09.01.2017, 16:21

Hallo
Ich kann mir vorstellen, das das soziale Umfeld da eine prägnante Rolle spielt............................................Und genau das macht es schwer bis nicht machbar.
Natürlich ist es machbar. Kommt eben immer drauf an für wen ich Trocken bin . Ich kenne keinen längeren trocken Alkoholiker der in einer Vereinsamung lebt ,nur welche die schon immer einsam waren .

Einige "Neue" die hier aufschlagen ,sind eben (noch) nicht bereit Veränderungen umzusetzen. Viele saufen dann eben wieder. Zwischen den eigenen Vorstellungen stehen die Erfahrungen von den längeren Trockenen gegenüber. Warum diese nicht angenommen werden liegt in der eigene Bequemlichkeit Veränderungen umzusetzen.

Gruß Hartmut

Martina02

Beitrag von Martina02 » 09.01.2017, 17:22

@ Martin, ich hab mich von Deinem Satz nicht persönlich angesprochen gefühlt.
Mir wurde nahegelegt mich möglichst "spaßfrei" klar und einfach auszudrücken falls mich "Frischlinge" lesen.
Sarkasmus gehört da nicht zu.
Und jeder Tag ohne Alkohol ist und bleibt ein wertvoller Tag (in punkto "Warum haben Sie dann überhaupt mit saufen aufgehört")

Sicher gibt es weitaus mehr Gründe, nicht mehr im Forum zu schreiben, als ausschließliche den Alkohol (Rückfall).

@ Tina
Für "Ihr" und "wir" Klassifizierungen bin ich gar nicht.
Ich habe meine Meinung bzw Gedanken in meinem Posting aufgeschrieben.

@ Hartmut
Es ging darum, das Neutrockene,Abstinente,Frischlinge nenn es wie Du willst sich NICHT in alkoholgeschwängertem Umfeld am Anfang Ihrer Abstinenz aufhalten sollten (und warum sie falls sie es doch tun überhaupt aufgehört haben zu saufen).

Ich habe geschrieben das ich denke der Grund sich als "Frischling" im Alkoholgetränkten Umfeld aufzuhalten sind die sozialen Kontakte und daraus evtl resultierende Verlustängste.
Und das ich NICHT glaube das es funktioniert in dem Umfeld zu sein und trocken zu bleiben.!!!!!


Verstehst Du mich eigentlich absichtlich falsch oder willst du jetzt wider der Äußerungen mehrerer Langzeittrockener sagen, das es funktioniert sich als Neutrockener im Trinkenden Umfeld aufzuhalten????

Ich denke wir meinen mit unterschiedlichen Worten dasselbe.

Karsten
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Beitrag von Karsten » 09.01.2017, 17:28

Hallo Martina,

sicher können Verlustängste aufkommen, wenn man mit "alten Freunden" keinen KOntakt mehr haben sollte/darf/ , aber die Frage ist doch, wenn der Alkohol und eben dieses soziale Umfeld mein Leben bestimmt, sind doch Verlustängste das kleinere Übel, als ich das ich wieder trinke.
Mit der Zeit, wenn man sich dann ein anderes Umfeld aufgebaut hat, sind diese Verlustängste vergessen.

Gruß
Karsten

Hartmut
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Beitrag von Hartmut » 09.01.2017, 17:54

Hallo Martina,
Verstehst Du mich eigentlich absichtlich falsch oder willst du jetzt wider der Äußerungen mehrerer Langzeittrockener sagen, das es funktioniert sich als Neutrockener im Trinkenden Umfeld aufzuhalten????
Wieso sollte ich dich falsch verstehen?Nein ich versteh dich schon richtig. Hier in diesem Thread geht es um Veränderungen. Und da ist alles machbar. Muss mir nur bewusst sein das es um mich geht und da muss eben alles Andere hinten anstehen. Welchen Verlust habe ich denn wenn danach eine stabile Trockenheit steht . Mit der Zeit trennt sich eh die Spreu vom Weizen und die als Freunde galten, entpuppen sich meist im Rückblick, nur noch als ehemalige Saufkumpanen .

Gruß Hartmut

Martina02

Beitrag von Martina02 » 09.01.2017, 19:15

Ich würde das ganz gerne nochmal klarstellen, das der Rat Alkohollastige Orte zu meiden - vor allem bei beginnender Abstinenz- bei mir angekommen ist und ich das für richtig und wichtig halte.

Mich interessieren auch die Beweggründe von anderen und ich komm eben einfach auf den Satz: "Warum hören sie dann überhaupt auf zu saufen" nicht klar.

Ich selbst habe mein Leben schon sehr lange in dem Punkt geändert, das ich keine "Trinkveranstaltungen" wie Diskotheken,Kneipen,Parties, Volksfeste besuche.Bis auf sehr wenige Ausnahmen.

Ein Restaurant seh ich nun nicht als Trinkveranstaltungsort, aber schon als einen Ort an dem für mein Empfinden zu viel Alkohol fliesst, wie ich nun feststellen musste.
Ich habe da keine Freude (mehr) dran. Vielleicht wird es mit der Zeit leichter, denn es ist eine der wenigen, gelegentlichen Aktivitäten, die mich noch mit meinen Eltern verbindet.

Ich kann nicht genau Einschätzen ob mein Unwohlsein und Schwindelgefühl im Restaurant an der Umgebung liegt (also vor allem wenn es voll , laut, stickig ist, viel gegessen und getrunken wird) oder ob das eine Form von Suchtdruck bei mir ist.

Wie hat sich Suchtdruck bei Euch bemerkbar gemacht.
"Nur" im gezielten Verlangen nach Alkohol ?

Gruß
Martina

Carpenter
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Beitrag von Carpenter » 09.01.2017, 19:32

Hallo,

Zeit ist dabei ein wichtiger Faktor und die Erfahrung, daß man eben keine Angst davor haben muß, sein Umfeld umzukrempeln, muß man auch erstmal selber machen.

Insofern ist es für einen frisch Abstinenten ganz sicher eine der größten Hürden, sich aus diesem ungünstigen Umfeld zu verabschieden.

Es ist ja z.T. sogar so, daß man sich dieses Umfeld unbewußt geschaffen hat, um ungestört und unwidersprochen saufen zu können.

Bzgl. der Begrifflichkeiten:

Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß man als frisch Abstinenter manche Äußerungen von Langzeittrockenen öfter mal als unangebracht und überheblich empfindet...

Einige Erfahrungen muß man vermutlich einfach selber machen, damit sie letztendlich in einer zielführenden Handlungsweise münden.

Es ist das alte Thema...Frischabstinente fühlen sich oft herabgewürdigt und mißverstanden, Langzeittrockene haben aufgrund zeitlicher Distanz manchmal vergessen, wie schwierig das am Anfang war.

Schönen Gruß und schöne Zeit

Andreas

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