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"Du willst eben einfach nicht wirklich."

Hier werden wir jede Woche mindestens ein allgemeines Thema eröffnen, wo jeder seine Sichtweise dazu schreiben kann.

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Thalia1913
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"Du willst eben einfach nicht wirklich."

Beitrag von Thalia1913 » 06.12.2015, 21:30

... Das habe ich erst kürzlich über einen wiederholt rückfälligen Mitmenschen gedacht. Wobei, rückfällig kann man eigentlich dazu nicht sagen, da er jeweils nicht länger als ein oder zwei Wochen trocken war, bevor er wieder getrunken hat.

Und genauso hat vermutlich auch ein mir Nahestehender vor drei oder vier Jahren über mich gedacht, als ich versprach, nicht mehr heimlich zu trinken, und es dann natürlich doch getan habe.

Und damals hätte ich gesagt, ich will schon, aber ich kann nicht. Aber eigentlich wollte ich nicht. Beziehungsweise, ich konnte nicht wollen.

Mich würde insbesondere von den "alten Hasen" hier im Forum interessieren, wie ihr es geschafft habt, dann doch genug zu wollen, um es zu schaffen, aufzuhören.

Ich würde dieser Frage gerne hier im offenen Forumsbereich nachgehen.

Welche Rolle spielt der "Wille" dabei, trocken zu werden (und zu bleiben). Wie konnten wir /konntet ihr den Willen entwickeln, wirklich auszusteigen aus dem nassen Leben? Und umgekehrt - was fehlt, wenn der Ausstieg nicht gelingt? Fehlt es am Willen? An anderem - was?

Ich bin jetzt etwa 25 Monate trocken (und ich gedenke es noch lange zu bleiben), und ich fühle mich hilflos und ratlos, wenn ich mit einem nassen Alkoholiker spreche, der es nicht schafft, aufzuhören, und keinen weiteren Kommentar im Kopf habe als "du musst es wirklich wollen."

Danke Euch und Gruß
Thalia

Karsten
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Beitrag von Karsten » 06.12.2015, 22:13

Hallo Thalia.

ich habe auch sehr viele Versuche gehabt, bis ich dann vor knapp 17 Jahren trocken werden konnte.

Damals war ich für mich sicher auch bei jedem Versuch der Meinung, es schaffen zu wollen.
Aus heutiger Sicht würde ich sagen, ich war noch nicht so weit, obwohl ich da auch schon teilweise auf der Straße gelebt hatte.

Der Wille zum nüchtern werden, reicht nicht aus meiner Sicht nicht.
Da kommen während des saufens immer mal wieder Gedanken, jetzt reicht es und ich höre auf. Ich habe das oft zu mir gesagt, aber durchgehalten habe ich nicht.

Für mich war es dann der Aufenthalt in der Geschlossenen, wo ich mich freiwillig hinein begeben habe, weil ich weder mit Alkohol, noch ohne Alkohol leben konnte.

Für mich würde ich sagen, dass der Wille auch eingesetzt werden muss, um Veränderungen zu schaffen.
Handlungen, die über Jahre bei mir gedauert haben, um dann auch wieder eine Lebensperspektive zu haben.

Das durchzuhalten, ohne zu wissen, wie ich es schaffen kann und vor allem auch, ob ich es schaffen kann, war nicht einfach, aber es war alternativlos, denn mit Alkohol hätte ich wohl nicht mehr lange gelebt.

Die dann immer mehr sichtbaren Veränderungen haben mich motiviert. Der Wille war ungebrochen, denn ich wollte mich verändern.
Anfangs wusste ich nicht wie, aber ich habe andere trockene Alkoholiker gefragt und es einfach geglaubt und nachgemacht.

Einen anderen noch trinkenden Alkoholiker kann man aus meiner Sicht nur, wenn er Hilfe möchte und um diese auch bittet. Ja ich sage bittet, denn wer seinen persönlichen Tiefpunkt erreicht hat, hat keine Scham, andere Menschen um Hilfe zu bitten.

Hier reichen wir ja jeden die Hand und ich werde es auch weiter tun.
Nur muss er oder sie auch selbst etwas tun und in seine oder ihre Nüchternheit einbringen.

Wollen bedeutet für mich, Hilfe auch anzunehmen und sich einzugestehen, selbst eben nicht zu wissen, wie man trocken werden kann.

Ich wusste es damals nicht, denn alle meine Versuche endeten trotz wollen und Willenskraft im Rückfall.

Aus heutiger eigentlich auch klar, denn wenn ich nur ein Leben mit Alkohol kenne, kann ich auch nicht wissen, wie ein Leben ohne Alkohol aussieht.

Ich hatte Glück so tief unten gewesen zu sein und auch mit Alkohol ständig unter Kreislaufproblemen zu leiden, denn so gab es keine Verzichtsgedanken und nur den Blick nach vorne.

Gruß
Karsten

Martin

Beitrag von Martin » 06.12.2015, 22:25

Hallo Thailia,

bei mir war es so dass ich zwar noch ein Dach über dem Kopf hatte aber körperlich am Ende war.

Ich schaffte es kaum noch die Menge an Alkohol nach Hause zu tragen die ich soff :cry:

Nach vielen Vorsätzen, die morgens schon vergessen waren, sah ich keine andere Möglichkeit mehr.

Ich besorgte mit eine Überweisung und ging in die Entgiftung, das sind 12 Jahre her.

Es war meine beste Entscheidung :!:

LG Martin
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Carl Friedrich
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Beitrag von Carl Friedrich » 06.12.2015, 23:01

Bei vielen muss der Anstoß von außen kommen, bei mir von der Familie, bei anderen durch den Arbeitgeber oder Freunde bzw. der anstehende Besuch beim Psychologen aufgrund einer angeordneten MPU. Ab dem Zeitpunkt ist man demaskiert. Die Wahrheit, die man selbst nur zu genau weiß, ist raus. Man kann sich nicht mehr verstecken. Das hat bei mir den Stein ins Rollen gebracht.

Aber wie Karsten völlig zu Recht schrieb, gehören stets 2 dazu, einer der hilft und einer der Hilfe empfangen will. Ich meine aber nicht, dass man so tief gesunken sein muss, dass man auf der Straße vegetieren oder gar der Tod bereits heftig an die Pforte geklopft haben muss, um als Süchtiger für Hilfe zugänglich zu sein.

Vielleicht kann thalia , ihrem/ihrer Bekannten anbieten, einen Kontakt zur Suchtberatung herzustellen? Auch ein Hinweis auf dieses Forum käme in Betracht. Das fällt mir dazu ein. Und dann kann sie nur abwarten und ggf. gut zureden. Dann liegt der Spielball in der Hälfte des Betroffenen, um es mal bildlich auszudrücken.

Karsten
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Beitrag von Karsten » 06.12.2015, 23:16

Hallo,

ich habe diesen Satz von Thailia mit dem "nassen Alkoholiker" eher allgemein aufgefasst.

Natürlich muss man nicht auf der Straße oder kurz vor dem Tod sein, eher ganz unten sein, was eben für jeden individuell ist, wo ganz unten ist.

Ich weiß aber nicht, ob ich es geschafft hätte oder ob ich überhaupt den Wunsch gehabt hätte, mit dem saufen aufzuhören, wenn ich saufen, Beruf und Familie unter einem Dach bekommen hätte.
Es wäre für mich ja schon ein großer Schritt nach vorn gewesen, wenn ich hätte saufen können und sonst ein relativ normales Leben mit Arbeit und Wohnung gehabt hätte.

Das war damals mein Ziel, als ich die ersten Gedanken hatte, mit meinem Leben stimmt was nicht.

Gruß
Karsten

Hartmut
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Beitrag von Hartmut » 07.12.2015, 00:15

Hallo Thalia
Mich würde insbesondere von den "alten Hasen" hier im Forum interessieren, wie ihr es geschafft habt, dann doch genug zu wollen, um es zu schaffen, aufzuhören.
Den Willen aufzuhören konnte ich erst umsetzen als ich keinen Willen mehr hatte weiter zu Saufen . Ich vegetierte vor mich hin. Der berühmte Tiefpunkt hat mir erst die Möglichkeit geschaffen um mir Hilfe zu holen .
Welche Rolle spielt der "Wille" dabei, trocken zu werden (und zu bleiben)
Ich katalogisiere nicht den Willen in irgendwelche Konstellationen meines Weges. Ich machte meine Trockenheit durch das Wissen der Alkoholkrankheit abhängig. Saufen Tod. Nicht Saufen Leben

Ich halte nichts davon einem Alkoholiker der noch nicht soweit ist Hilfe anzubieten, wenn dieser Entschluss nicht von ihm selbst kommt. Ich halte es sogar für kontraproduktiv auf einen Alkoholiker einzuwirken Hilfe holen zu müssen. Ich kenne auch keine Alkoholiker der nicht weiß wo er Hilfe bekommt.

Soviel erstmal kurz nach Mitternacht :)

Gruß Hartmut

Thalia1913
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Beitrag von Thalia1913 » 07.12.2015, 08:38

Vielen Dank schon mal hier, Martin, Karsten, Carl Friedrich und Hartmut.

Nur kurz zur Klärung: Der nasse Alkoholiker, von dem ich schrieb, ist mir im Rahmen meiner Selbsthilfe begegnet. Ich bin gar nicht aufgefordert, ihm zu "helfen", er versucht es schon selber, aber eben bisher vergeblich. Ich wollte nur meine Gedanken dazu zum Anlass nehmen, meine Frage zu konkretisieren.

Weil ich eben denke, dass auch viele, die sich hier im Forum melden (oder auch nur lesen) an dem Punkt sind, "eigentlich" aufhören zu wollen, "eigentlich" verstanden zu haben, dass sie alkoholkrank sind, aber dann den Absprung "irgendwie" nicht schaffen..

So wie es mir ja auch gegangen ist.

Und daher meine Frage - was fehlt, wenn es nicht klappt. Oder andersrum: Was braucht es, damit du es schaffst.

(Mit dem "Tiefpunkt" kann ich immer nicht so viel anfangen, das ist mir zu abstrakt. Im Zweifel weiß ich doch auch erst hinterher, ob etwas der Tiefpunkt war, oder? Aber dazu vielleicht lieber nochmal ein separates Thema.)

Karsten, was du über den Willen schreibst, habe ich verstanden und leuchtet mir sehr ein. Erstmal (wie Hartmut schreibt) erkennen, dass ich alkoholkrank bin - mit der Perspektive, daran zu sterben. Wenn ich aber leben will, Veränderungen umsetzen, die mir ein trockenes Leben (ein Überleben) ermöglichen.

Vielen Dank bis hierher, da rückt sich wieder etwas weiter zurecht in mir. :)

Gruß Thalia

Pellebär
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Beitrag von Pellebär » 07.12.2015, 08:41

Moin Thalia,

erst einmal, ich trage niemanden die Trockenheit hinterher. Wer um Hilfe schreit, dem helfe ich.

Ich weiß bis heute nicht sicher, wieso ich damals umkehren konnte. Mit Alkohol ging nichts mehr, ich wollte mein Leben nicht mehr, konnte damit nichts mehr anfangen, wollte es im Alkohol ertränken. Das habe ich nicht geschafft. Äußerlich war bei mir alles in Ordnung, aber meine Seele, denke ich, konnte nicht mehr tiefer sinken. Also, entweder der totale Untergang oder aufstehen.

Heute bin ich dankbar, dass ich gerade noch aufstehen konnte. Die letzten 7 Jahre waren und sind ein Geschenk.

PB

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