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"Du willst eben einfach nicht wirklich."

Hier werden wir jede Woche mindestens ein allgemeines Thema eröffnen, wo jeder seine Sichtweise dazu schreiben kann.

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Hartmut
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Beitrag von Hartmut » 07.12.2015, 08:55

Hallo Thalia

nun gibt es ja für mich einmal der Wunsch nicht mehr trinken zu wollen und der Wunsch nicht nicht mehr trinken zu können . Nicht mehr Wollen kann auch ohne Alkoholkrankheit erfolgen . Bei nicht mehr können ist man Alkoholkrank. Wer sich nicht sicher ist Alkoholiker zu sein wird solange Gründe finden weiter zu saufen bis es ihm klar wird .Am Anfang des Tiefpunktes steht erst die Erkenntnis Alkoholiker zu sein. Alles andere folgt oder eben nicht.

Gruß Hartmut

Sunshine_33
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Beitrag von Sunshine_33 » 07.12.2015, 09:17

Hallo Thalia,

Mein Tiefpunkt war ja ziemlich extrem, ich habe ja oben angeklopft.
Damals war das schlimm für mich, aber in Endeffekt hat mir das vielleicht am meißten geholfen.
Von "eigentlich" trocken werden wollen war da keine Rede mehr sondern nur noch von sterben oder weiter leben ohne Alkohol.

Zum Willen:
Man sagt mir einen überaus starken Willen nach.
Und das ich auch fast immer das mache, was ich sage.
Und Wege finden werde, um meine Ziele zu erreichen.

In meiner Alkoholabhängigkeit nützte mir mein Wille aber gar nix!
Dagegen war er einfach nicht stark genug.
Ich war körperlich derart abhängig geworden, das da einfach mit meinem Willen nix mehr zu machen war.
Ich brauchte dringend diese Entgiftung, die Hilfe von Ärzten.
Und ich entschloss mich im KH, weiterleben zu wollen.
Diese beiden Sachen waren für mich am wichtigsten und halfen mir am allermeißten.

Als ich die schwere Entgiftung überstanden hatte, nützte mir auch mein starker Wille wieder.
Denn ich WOLLTE leben und mein Wille half mir dabei, alle dafür notwendigen Veränderungen durchzuführen.
Ich WOLLTE nie wieder saufen müssen.
und ich fühle mich hilflos und ratlos, wenn ich mit einem nassen Alkoholiker spreche, der es nicht schafft, aufzuhören, und keinen weiteren Kommentar im Kopf habe als "du musst es wirklich wollen."
Hm, "Du musst es wirklich wollen" stimmt zwar, aber es hört sich auch ein bisschen danach an wie "bisher wolltest Du offensichtlich nicht wirklich" und solche Aussagen finde ich recht überheblich.
Ich wollte damals auch aussteigen, der Wille war ja da und es gab ja auch mehrere Versuche.
Es klappte aber nicht wegen meiner körperlichen Abhängigkeit, mein Körper schrie geradezu nach dem Alk.
Mit meinem Willen hatte das NULL zu tun.

Wenn ich einen nassen Alkoholiker auf seine Krankheit anspreche, dann geschieht das sachlich und freundlich.
Ich mache ihm/ihr mal kurz klar, das ich sehe, was los ist und sehr wahrscheinlich andere auch.
Denn viele denken ja, ihr Gesaufe ist noch unentdeckt, das ist ja einer unserer Selbstlügen.
Ich sage dann, das es mir ebenso ging, das ich auch schwer abhängig war und erzähle vielleicht noch ganz kurz was von dieser Zeit.
Und ich sage dann, wo man Hilfe bekommt. Und das man es ohne nicht schaffen wird, auszusteigen.
Mehr kann ich nicht tun.
Wenn jemand an mich herantritt und um Hilfe bittet, wäre mein Procedere übrigens genauso.
Auch dann verweise ich auf die Hilfsangebote.
Persönlich engagiere ich mich lieber nicht weiter, weil ich nicht will, das sich da jemand zu sehr an mich ranhängt.

LG Sunshine

Karsten
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Beitrag von Karsten » 07.12.2015, 09:37

Hallo,

ein Aspekt ist vielleicht auch noch, was man denn überhaupt will.
Alkohol war ja für mich damals das Übel, das Leben so zu führen, führen zu müssen, wie ich eben gelebt habe.

Lassen ich den Alkohol weg, ändert sich ja erst mal nicht wirklich etwas an meinem Leben.

Was ist also das Ziel, was ich durch die Abstinenz erreichen möchte?

Noch etwas zum Tiefpunkt, der hier angesprochen wurde.
Wir reden ja immer von individuellen oder persönlichen Tiefpunkt, aber individuell bedeutet für mich auch, dass er vom Betroffenen oft nicht selbst bestimmt werden kann, weil man es gerne so möchte.

Wie oft können wir hier zum Beispiel lesen: ich will aufhören, aber....

Anders gefragt, bin ich noch in der Lage Bedingungen stellen zu können, mir die Hilfe aussuchen zu können oder sollte ich nicht dankbar sein, dass man mir überhaupt noch hilft?

Bei dieser Frage gehe ich mal von meiner damaligen Situation aus.
Ich war sehr egoistisch und für eine Flasche Schnaps kannte ich keine Hemmschwelle mehr und habe auch jeden belogen, nur um an den Schnaps zu kommen.

Auch in der letzten Selbsthilfewohngemeinschaft war ich vorher schon ein paar mal und war sehr dankbar, dass sie mir trotz aller meiner Lügen usw., noch eine weitere Chance gegeben haben, die ich dann bis heute auch genutzt habe.

Bei der Frage nach dem wollen kommt mir auch immer die Konsequenz eines Rückfalls in den Sinn.
Mit welcher Konsequenz muss ich rechnen, wenn ich wieder saufe?

Diese Frage kann sich jeder selbst beantworten.

Ich würde wie beim letzten mal sicherlich nach einer Woche wieder in der Geschlossenen Anstalt landen oder sterben.
Andere würden vielleicht „nur“ wieder zu ihrem Glas Wein am Abend zurück kehren.

Gruß
Karsten

Rattenschwanz
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Beitrag von Rattenschwanz » 07.12.2015, 10:27

So weit ich mich erinnern kann, tauchte bei mir der Wunsch mit dem Saufen aufzuhören immer dann auf, wenn ich voll war. War ich gerade mal nüchtern weil ... was weiß ich ... tauchte der Wunsch nicht auf. Nein, da hab ich mir Gedanken darüber gemacht, wo ich den nächsten Liter Schnaps her bekomme. Erst nach den Halluzinationen - also im Krankenhaus und nüchtern - war klar für mich: Jetzt ist Schluss, muss Schluss sein, sonst löst sich mein Gehirn alsbald wahrscheinlich in Luft auf.

Also auch bei mir hätte das ohne persönlichen Tiefpunkt nicht funktioniert und mit "gut zureden" von Irgendjemandem gleich gar nicht.

Rattenschwanz
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Beitrag von Rattenschwanz » 07.12.2015, 14:53

Da fällt mir noch folgendes ein: Letzte Woche in der SHG waren u. a. zwei Patienten aus der Entgiftung. Nachdem die sich vorgestellt hatten und etwas von sich erzählt hatten - Vergangenheit/Zukunftspläne - waren wir - Stammmitglieder der SHG - uns darin einig, dass die Zwei zwar wollen, es aber kaum schaffen werden. Es war nichts von irgendwelchen geplanten Veränderungen zu erkennen. Beide waren - auch nach mehrmaligem Nachfragen noch - der Meinung, dass es ausreicht, wenn sie mit dem Saufen aufhören wollen und sonst alles sonst weiter so läuft wie immer. Da musste auch nichts mehr dazu sagen, die brauchen noch.

Aiko
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Beitrag von Aiko » 17.05.2016, 11:14

Hallo Ihr Lieben!
Karsten hat geschrieben:Hallo,
Was ist also das Ziel, was ich durch die Abstinenz erreichen möchte?
Das könnte doch ein, wenn nicht der Knackpunkt sein. Zumindest kenne ich das so, wenn man (schlechte) Gewohnheiten ändern möchte oder etwas anderes erreichen möchte.

Sage ich einfach: „Ich will mehr Geld haben“, funktioniert das nicht. Das Ziel „Mehr Geld“ ist kein richtiges Ziel. Viel zu schwammig. 1 Cent mehr ist auch „mehr Geld“.

Also ist es ratsam zu gucken, warum ich das haben will. Was ich konkret dadurch in meinem Leben anders haben möchte. Zum Beispiel das Gefühl von Sicherheit oder ganz konkret eine bestimmte Reise machen. Für die Reise brauche ich also Betrag X und zwar bis spätestens Tag X damit ich genug Zeit zum Buchen und organisieren habe. Dann klappt es besser. So tickt unser Hirn. Dieses Effekt kennt die Gehirnforschung schon seit den 60er Jahren.

Und das ist doch sicher auch auf Süchte übertragbar. „Nicht mehr saufen.“ ist kein richtiges greifbares Ziel.

Meine Gedanken dazu, ...

liebe Grüße, Aiko

silberkralle
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Beitrag von silberkralle » 18.05.2016, 08:46

glück auf alle
Aiko hat geschrieben:
Karsten hat geschrieben:Hallo,
Was ist also das Ziel, was ich durch die Abstinenz erreichen möchte?
Das könnte doch ein, wenn nicht der Knackpunkt sein.
ja - und auch: was ich vermeiden will !

schöne zeit

:D
matthias

Karsten
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Re: "Du willst eben einfach nicht wirklich."

Beitrag von Karsten » 19.07.2018, 16:22

Hallo,

ich möchte das Thema hier mal wieder aufgreifen.

Ich habe nie vergessen, wie es damals zum Ende meiner Saufzeit gewesen ist.
Daher finde ich die Frage, wie Matthias auch schreibt, wo ich nicht wieder hin will, sehr wichtig.

Sich immer wieder vor Augen zu führen, warum man denn überhaupt mal am Anfang den nüchternen Weg einschlagen wollte.

Gruß
Karsten

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