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Die Wahrheit

Hier werden wir jede Woche mindestens ein allgemeines Thema eröffnen, wo jeder seine Sichtweise dazu schreiben kann.

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Karsten
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Die Wahrheit

Beitrag von Karsten » 19.01.2017, 15:11

Hallo,

wir Alkoholiker/innen sind oder waren bei der Wahrheit nicht immer ganz vorn mit dabei.
Bedingt durch unsere Krankheit haben wir es ja mit der Wahrheit nicht immer so genau genommen.

Wie sieht es bei euch heute aus, wo ihr keinen Alkohol mehr trinkt oder trinken wollt?

Es wird ja immer in den Gruppen gesagt, dem anderen kann man nicht etwas vormachen, weil er oder sie es ja selbst auch alles erlebt hat.
Hier im Internet ist das vielleicht etwas schwieriger, wenn jemand zum Beispiel einen Rückfall verschweigt und sich als trocken gibt.

Im Grunde genommen, belügt er oder sie ja nur selbst, wenn man sich auf die Schulter klopfen lässt für etwas, was nicht stimmt.

Wie steht es bei euch mit der Wahrheit?

Gruß
Karsten

Carpenter
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Beitrag von Carpenter » 19.01.2017, 18:34

Hallo Karsten,

was für Antworten erwartest Du ? Daß sich hier User outen und sagen, ich hab schon dreimal wegen eines Rückfalls gelogen ? :-P

Es ist genau so, wie Du schreibst...man belügt und schadet sich ja doch nur selber, insofern wäre das eh Selbstbetrug.

Außerdem sehe ich gar keine Notwendigkeit, hier zu schwindeln, denn ich weiß, daß mir hier nicht der Kopf abgerissen würde, wenn ich zugeben müßte, daß ich rückfällig wurde bzw. gar nicht so trocken hinter den Ohren bin, wie ich hier vielleicht vorgebe zu sein.

Was ich hier immer mal wieder lese, so als latente Kritik in den Raum geworfen:

Manche User würden ihre Situation beschönigen, so tun, als wäre alles super einfach und super locker...

Dabei ist es in der Tat so unfair - manche User hier haben es einfacher als andere, sei es, weil die Familie hinter ihnen steht, sei es, weil sie nicht komplett am Tiefpunkt ankommen mußten, um trocken zu werden, sei es, weil sie keine zusätzlichen Krankheiten wie z.B. Depressionen haben, die eine Trockenarbeit logischerweise erschweren.

Daß bedeutet nicht, daß ich nicht ab und an ne kleine, harmlose Notlüge ins Spiel bringe - aber definitiv nicht hier im Forum und definitiv nicht, wenn es um meine Trockenheit geht :-)

Schönen Gruß und schöne Zeit

Andreas

Karsten
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Beitrag von Karsten » 19.01.2017, 18:56

Hallo Andreas,

ich erwarte natürlich keine Wahrheiten, falls bis jetzt jemand gelogen hat.
Das kann aber durchaus sein und dessen sollte man sich bewusst sein. In der Vergangenheit kam das auch schon ein oder zweimal vor, was dann aber doch raus kam.
Durch so eine Lüge verspielt man sich dann aber eine neue Chance, weil dann glaubt man vielleicht nicht mehr alles, was er oder sie dann wieder neu schreibt.

Jeder nimmt sich ja die Zeit, sich mit anderen Problemen auseinander zu setzen. Da sollte man meiner Meinung nach auch fair sein. Krankheit hin oder her, denn wir sind ja alle nüchtern und brauchen aus körperlichen Suchtdruck heraus nicht zu lügen.

Ich gehe ja auch davon aus, dass jeder hier Hilfe für eine positive Zukunft haben möchte. Dazu gehört aber auch Ehrlichkeit.

Ich habe das Thema bewusst heute in die offenen Forenbereiche geschrieben, weil das Internet manchmal doch sehr klein ist.

Gruß
Karsten

Slowly
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Beitrag von Slowly » 19.01.2017, 21:27

Hallo Karsten,

ich war quasi mein ganzes Leben lang eine Verfechterin der bedingungslosen Ehrlichkeit, vor allem was persönliche Beziehungen angeht.

Inzwischen bin ich nicht mehr so rigoros, ich brauche das nicht mehr um mich in Beziehungen sicher zu fühlen.

Nun bin ich der Meinung, dass die Menschen die (noch) lügen müssen um durch´s Leben zu kommen, ihre Gründe dafür haben und eben noch nicht bereit sind für Wahrhaftigkeit.

Die ja auch nicht wirklich immer einfach zu ertragen ist. :)

Wenn ich herausfinde, dass jemand nicht ehrlich zu mir war, dann kann ich mich ja immer noch entscheiden, ob ich mit dieser Person weiterhin ein enges Verhältnis pflegen möchte oder eben nicht, bzw. ob man diesen Vertrauensbruch eventuell wieder kitten kann.

Persönlich nehme ich das nicht.

Ich denke Menschen denen Ehrlichkeit schwer fällt, haben nicht das Glück gehabt als Kind so akzeptiert zu werden wie sie sind.

Kleine Notlügen benutze ich auch......sie machen das Zusammenleben geschmeidiger.

Wenn hier jemand seinen Rückfall verschweigt und er schreibt dann trocken ! weiter ist es seine Sache (in meinen Augen) und absolut ok.

Wenn hier jemand heimlich nass unterwegs ist, dann finde ich das völlig daneben und sollte bei Entdeckung zum Ausschluss aus dem Forum führen.

LG Slowly

Hartmut
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Beitrag von Hartmut » 19.01.2017, 22:13

Hallo Karsten
Durch so eine Lüge verspielt man sich dann aber eine neue Chance, weil dann glaubt man vielleicht nicht mehr alles, was er oder sie dann wieder neu schreibt.
wenn eine Lüge zum nassen Alkoholiker gehört , ist es nicht verwunderlich das er wieder in das selbe Verhaltensmuster bei einem Rückfall kommt.

Gerade bei einem Rückfall kommt ja noch Scham und Versagensängste dazu und es wird beschönigt . Das sich dann der User in eine Unglaubwürdigkeit bei einem neuerlichen Versuch trocken zu werden manövriert, ist ihm ja nicht bewusst . Der Lügner glaubt ja das die Lüge nicht auffliegt. Für ein Lügner ist ja in diesem Moment die Wahrheit schmerzlicher als die Lüge .

Nun bin ich zwar ein ehrlicher Mensch aber ich weiß selbst nicht, wie ich mich bei einem eventuellen Rückfall verhalten würde . Wer es von sich weiß, der werfe den ersten Stein :-)

Inwieweit ich beim Aufliegen einer Lüge dann noch jemand vertraue ist zweitrangig. Viel schwieriger ist es ja für den Lügner, sich selbst noch zu vertrauen .

Gruß Hartmut

Thalia1913
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Beitrag von Thalia1913 » 19.01.2017, 22:51

Hallo,

als ich noch nass war, hab ich mal geleugnet, obwohl die Tasche mit den leeren Flaschen offen neben mir stand.

Ich hab mir fast selbst geglaubt.

Ich denke, dass das Lügen bei einem Rückfall auch ein Versuch ist, den Rückfall vor sich selbst zu verleugnen. Sowie wir (viele von uns; ich) in der nassen Zeit unser Trinkverhalten geleugnet haben, weil wir (ich) es nicht wahrhaben wollten.

Wenn ich jetzt in einer solchen Situation wäre, würde ich mir vielleicht jemanden wünschen, der mich daran erinnert, dass ich nur trocken werden konnte, als ich begann, ehrlich zu mir selbst zu sein.

Naja, und hier im Forum gebe ich tatsächlich einen Vertrauensvorschuss. Bis ich dann misstrauisch werde. Dann ist der Vorschuss und das Vertrauen weg. Aber ich schreibe ja alles, was ich anderen schreibe, auch für mich. Ich mach mir die Gedanken ja auch für mich. Insofern ist es nicht verloren, wenn ich jemandem geschrieben habe in der Annahme, er ist trocken, und er war/ist es nicht und kann mit meinem Geschriebenen daher (momentan) noch nicht viel anfangen.

Wenn das dauerhaft und regelmäßig hier im Forum so wäre, würde es allerdings aus meiner Sicht die Kommunikation hier im Forum (und damit den Sinn dieses Forums) zerstören. Aber den Eindruck habe ich nicht.

Danke, dass du das hier, wenn auch allgemein, thematisierst, Karsten.

Gruß,
Thalia

Penta
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Beitrag von Penta » 20.01.2017, 05:37

Hallo Karsten,

Wahrheit ist immer so ein riesiges Wort und es verbindet für mich den Wunsch mit einer Verpflichtung. Für mich selbst.
Ich brauche im Alltag nicht die komplette Wahrheit von jedem.
Ich brauchte sie aber unbedingt vor sieben Jahren vor mir selbst, um trocken werden zu können.
So konnte mir genau an denen Stellen und in den Situationen geholfen werden, die wirklich gerade dran waren.
So kann ich heute hier hinschreiben, dass ich gestern vor sieben Jahren den ersten trockenen Tag meiner jetzigen Abstinenz erlebte, ohne ein schlechtes Gefühl zu haben, ohne selbst zu wissen, dass ich mir schon wieder in die Tasche lüge und ohne die Angst, jemand könne mich hier auffliegen lassen, falls er hier liest und es besser weiß.
Ich erinnere mich an diesen Tagen besonders daran, wie es damals war.
Schrecklich finde ich die Erinnerung daran, was für eine Angst ich mir regelmäßig selbst gemacht habe und als wunderbar empfinde ich, wie gut es mir heute geht.
Damals war Wahrheit sehr schwer. Für mich hat sie sich gelohnt. Sie ist heute die Grundlage meiner Trockenheit.

Grüße,
Penta

Martina02

Beitrag von Martina02 » 20.01.2017, 09:01

Guten Morgen

Die kleinen Lügen öffnen den großen Lügen die Tür.
Will damit sagen wenn eine kleine Lüge nicht bestehen sollte, müßte hier alles im offenen Bereich geteilt werden und keine Pseudonyme dürften benutzt werden. Oder?

Und dann könnte ich mir noch vorstellen, das ein *Verschweigen* nicht als Lüge verstanden wird? Nach dem Motto: "Na Du hast ja nicht nachgefragt".

Ich selbst weiß immer noch nicht, wie ich mich bei einem Rückfall verhalten würde - es könnte mir Stolz im Wege stehen. Einfach so tun als ob nichts gewesen wäre könnte ich nicht.
Entweder würde ich es aufschreiben oder gar nicht mehr schreiben.
(Was andersrum nicht bedeutet "Nicht schreiben=Rückfall")

Schönen Tag

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