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Eigeninitiative oder Schock...

Hier werden wir jede Woche mindestens ein allgemeines Thema eröffnen, wo jeder seine Sichtweise dazu schreiben kann.
HerrPalomar
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Re: Eigeninitiative oder Schock...

Beitrag von HerrPalomar » 14.10.2018, 12:50

Carl Friedrich hat geschrieben:
14.10.2018, 12:18

Es nutzt der beste Anreiz von außen nichts, wenn der Betroffene selbst noch nicht so weit ist.
Ja, das wollte auch ich mit meinem Post ausdrücken.
Ein Anreiz von außen kann natürlich einen Denkprozess in einem selbst auslösen, der dann letztlich in der Einsicht gipfelt, dass man alkoholkrank ist.
Aber wie du richtig sagst: Wenn man selbst noch nicht so weit ist, geht das ins Leere.
Mir hat 2013 das erste Mal eine gute Freundin gesagt, dass sie mein Trinken für problematisch hält, und mir geraten, Hilfe zu suchen.
Das habe ich ignoriert und mich weiter selbst belogen, sogar noch schlimmer als zuvor, da ich mir angesichts dieser - von mir als Vorwürfe empfundenen - Ausführungen meiner Freundin noch mehr in den eigenen Sack gelogen habe, weil ich das Thema ab diesem Zeitpunkt, als es für mich nach Außen getreten war, noch intensiver verdrängt habe. Es hat dann noch fast 5 Jahre gedauert, bis ich mir selbst eingestanden habe, dass ich Alkoholiker bin, und ich nicht kontrolliert trinken kann, auch wenn ich es mir noch so oft einreden wollte.

Karsten
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Re: Eigeninitiative oder Schock...

Beitrag von Karsten » 14.10.2018, 13:04

Hallo,

man könnte fast glauben, der verlinkte Beitrag ist nicht nur ein eher seltener Fall ( geben wird es solche Beispiele auch ), sondern auch ein Beitrag, wo mal ein etwas anderer Weg beschrieben wurde, der Aufmerksamkeit erregen soll.

Da ich eine spezielle Meinung von Suchthilfe habe, die eben auch ein Handeln der Betroffenen erwartet, sehe ich dieses Beispiel auch eher skeptisch.

Man kann es ja auch hier öfter in den Vorstellungen lesen, wo ein roter Teppich erwartet wird, wie man denn nun nüchtern werden und dauerhaft bleiben kann, ohne wirklich etwas zu tun, wie eben der notwendige Arztbesuch.

Ich habe selbst mal ein ähnliches Erlebnis gehabt.
Zu Zeiten wo ich auf der Straße gelebt habe, hatte ich mich im Winter auf eine Bank an einem Springbrunnen gelegt.
Da kam dann ein Mann ( wie sich später herausstellte war es jemand von den AA ), der mich ansprach und mich sogar mit nach Hause nahm. Ich konnte da eine Nacht schlafen und seine Frau machte mir sogar was zu essen. Wir unterhielten uns lange noch.
Am nächsten Tag fuhr er mit mir zu meiner Familie und sprach mit ihnen, welche Hilfe ich denn brauchen würde und wie sie mir helfen konnten.

Dann sorgte er dafür, dass ich ins Krankenhaus zur Entgiftung kam. Das war auch das letzte Mal, wo ich ihn sah.

Ich machte zwei Wochen eine Entgiftung und am Tag der Entlassung aus dem Krankenhaus war ich auch schon wieder am saufen.

Gruß
Karsten

Hull

Re: Eigeninitiative oder Schock...

Beitrag von Hull » 14.10.2018, 14:41

Aurora hat geschrieben:
13.10.2018, 09:03
so Statistiken sind ja immer eine heikle Sache. Meiner Meinung nach. Kommt immer darauf an, wer sowas in Auftrag gibt zum Beispiel.
Es gibt Entgiftungsstatistiken der Entzugskliniken, die besagen, dass 70 - 85 % innerhalb des ersten Entzugsjahres rückfällig werden. Inwiefern so eine Statistik "immer eine heikle Sache" sein könnte, erschließt sich mir nicht. Selbst, wenn die Fehlerquote bei 25 % liegt, ist es offensichtlich, dass die meisten Patienten rückfällig werden, obgleich dies bereits jene Alkoholiker sind, die eine gewisse Notwendigkeit im Entzug sehen oder zumindest kurzfristig keinen anderen Ausweg sehen.

Karsten
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Re: Eigeninitiative oder Schock...

Beitrag von Karsten » 14.10.2018, 15:15

Hallo Hull,

wir brauchen ja gar nicht so weit schauen.
Auch wenn hier immer für das Wegbleiben andere Gründe vermutet werden, die es sicher im einstelligen Prozentbereich auch gibt ;) ), vermute ich mal, dass die Meisten einfach weiter saufen, weil sie eben einfach noch nicht soweit sind und dementsprechend auch noch nicht aufhören wollen zu saufen.

Es schaffen eben nur wenige. Nur die Harten kommen in den Garten der blühenden Nüchternheit.

Gruß
Karsten

cpt
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Re: Eigeninitiative oder Schock...

Beitrag von cpt » 15.10.2018, 00:44

Ich glaube das Ganze ist sehr abhängig von der betroffenen Person. Es kann durchaus sein dass bei einigen durch die Intervention der Denkprozess angeregt wird und das Ganze den Start zum Umdenken ermöglicht. Gleichzeitig sehe ich auch die Gefahr dass manche Personen dann komplett dicht machen und sich eher von ihrer Familie abwenden als die Hilfe anzunehmen.
Ich glaube dass jeder seinen eigenen Punkt hat an dem ihm bewusst wird dass er etwas ändern muss. Ob das nun immer ein Tiefpunkt sein muss glaube ich eigentlich nicht. Ich persönlich hatte zum Beispiel auch keinen richtigen Tiefpunkt. Ich hatte meinen Job nicht verloren, bin nicht betrunken Auto gefahren oder sonst irgendetwas.

Ob das Ganze auf eine dauerhafte Abstinenz hinausläuft wird auch davon abhängig sein ob das Ganze nur eine Starthilfe zum Umdenken war. Wer weiter Trinken will der macht das auch. Die Frage ist nur wann er wieder damit anfängt. Ich glaube nicht, dass eine erzwungene Abstinenz eine dauerhafte Abstinenz sein wird. Dieser Zwang kann allerdings der Anstoß sein z.B. in die Suchtberatung zu gehen und später kann das Umdenken statt finden.
Aber wenn damit auch nur wenigen auf Dauer geholfen werden kann, dann lohnt es sich in meinen Augen trotzdem.

Was meiner Meinung nach viel mehr helfen würde ist allgemeine Aufklärung. Alkohol ist bei uns gesellschaftlich komplett akzeptiert und toleriert. Es ist nicht ungewöhnlich dass viele sich am Wochenende komplett abschießen und das wird überall als ganz normal hingenommen. Als Raucher wird man heutzutage überall darauf hingewiesen wie schlimm das doch ist. Es gibt Rauchverbote noch und nöcher, Bilder auf den Zigarettenschachteln, extrem hohe Steuern auf Tabak,.... Warum ist das bei Alkohol anders? Zumal ich beim Zigarettenkonsum noch Herr meiner Sinne bin(weswegen es für mich deutlich weniger schlimm ist als Alkohol) Würde über Alkohol so aufgeklärt werden wie über Tabak, dann würden sicherlich viel mehr Menschen ihren Konsum kritisch hinterfragen. Jetzt bin ich wohl etwas abgedriftet :D

Ingrid2012
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Re: Eigeninitiative oder Schock...

Beitrag von Ingrid2012 » 15.10.2018, 07:04

Guten Morgen,

auch wenn Du, cpt, glaubst abgedriftet zu sein, sehe ich gar nicht mal so. Ich sehe vieles ähnlich. Bei mir war es auch schmerzhaft, meine Krankheitsansicht für mich zu verfestigen. Aber wenn ich nicht durch äußere Einflüsse, durch Andere, sehr oft darauf gestossen worden wäre, hätte es vermutlich noch länger gedauert, wäre vermutlich noch schmerzhafter geworden, dabei hat es mir so auch schon gereicht. Die Hilfestellung, die Karsten beschrieben hat, ist bei ihm eben so aufgegangen, wie er es beschrieben hat. Hätte aber auch anders ausgehen können. Deswegen halte ich Hilfestellungen oft für wirklich hilfreich, was die Einzelnen daraus machen, das kann man/frau nicht wirklich absehen. Ich finde es wert, es mal zu versuchen, genauso wie ich weiß, daß Versuche ins Leere laufen können. Diese Risiken wurden bei mir ja auch versucht, irgendwann hat es Klick gemacht. Genau so wie ich weiß, daß dieser Klick keine Grantie für die Ewigkeit bedeutet.

Grüße Ingrid

Thalia1913
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Re: Eigeninitiative oder Schock...

Beitrag von Thalia1913 » 15.10.2018, 22:32

Ursache und Wirkung, das ist ja so ne Sache, nicht nur in der Sucht. Aber gerade da bin ich (als Süchtige) immer gerne mal auf der Suche nach der linearen Beziehung von zwei Dingen miteinander gewesen. Und damit auf dem Holzweg. So wie es hier und anderswo auch von Angehörigen lese. Wenn ich x tue, passiert dann y oder doch z oder gar nichts?

Nicht nur ist es total individuell, sondern auch bei mir Individuum ein Zusammenspiel von ganz vielen Dingen, die es mir ermöglicht haben, wirklich zu verinnerlichen, dass ich alkoholkrank bin, (oder co-abhängig, oder ... ).

Daher kann doch nur die Devise für (mich als) Angehörige sein: tun, was ich vor mir vertreten kann. Was für mich notwendig ist. Und versuchen zu verstehen, dass das alles ist, was ich tun kann, und dass die Wirkung auf den anderen überhaupt nicht ausrechenbar ist.

Ich denke im Rückblick an manche kleinen Dinge, Worte oder Gesten von Menschen um mich herum, Situationen, in denen ich war oder denen ich gerade noch so entging, und alle führten im Zusammenspiel und in ihrem jeweiligen (zeitlichen) Kontext dazu, dass ich seit knapp fünf Jahren trocken bleiben kann.

Es ist so schwer, wirklich bei sich zu bleiben. Sicherlich ganz besonders als Angehöriger eines aktiv Suchtkranken. Aber auch mir fällt es hartnäckig schwer. Ich übe weiter. Auch hier.

Gruß, Thalia

Aurora
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Re: Eigeninitiative oder Schock...

Beitrag von Aurora » 16.10.2018, 09:16

Liebe Thalia,

ich finde deinen Beitrag gerade sehr gut und er spricht mich richtig an!

Ich denke es ist immer ähnlich. Egal in welcher Abhängigkeit oder Lebenslage ich stecke. Ich kann nur etwas ändern, wenn es wirklich aus mir selbst heraus kommt. Und dieser Zeitpunkt ist individuell, hängt von der Persönlichkeit eines Menschen ab.

Ich kann da ja jetzt nur aus meiner eigenen Sicht und Erfahrung schreiben. Ich war ja wirklich sehr, sehr lange in der Coabhängigkeit. Habe mich regelrecht daran festgehalten. Das hatte verschiedene Gründe. Vor allem war es Angst und ein Pflichtgefühl, meine Prägung, weibliche Sozialisierung. Die Angst setzt sich dabei aus verschiedenen Ängsten zusammen, ist eine Art Oberbegriff.

Im Laufe der Ehe-Jahre hatte sich da etwas entwickelt. Zuerst war es eine Unzufriedenheit in der Ehe, die ich mit verschiedenen Dingen kompensiert habe. Aus der Unzufriedenheit wurde mehr und mehr aber ich habe nichts dagegen unternommen. Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, dass ich da was ändern könnte. Für mich war es "normal" und bot mir trotz allem einen Rahmen, in dem ich leben wollte, an dem ich festhalten wollte. Irgendwie gab der mir ja Sicherheit.

Die Situation wurde immer unerträglicher und Menschen sprachen mich ja darauf an bzw redete ich mit engen Freunden oder in der Familie darüber, beklagte mich, jammerte, aber echte Hilfe wollte ich nicht. Ich habe alles abgewiesen und wollte nur in meiner Not bestätigt werden und Bedauern bekommen. Ideen einer Veränderung konnte ich gar nicht aushalten. Ich steckte im Leid fest und war unfähig, was zu verändern.

Irgendwann merkte ich aber doch, dass ich was machen muss. Es ging mir ja immer schlechter. Ich ging also zu einer Suchtberatung, war bei einer Selbsthilfe-Organisation, einer ganz kleinen hier in Berlin, und habe da mit einer Betroffenen geredet. Da war ich dann immer erst mal auch motiviert aber das hielt immer nicht lange vor. Und ich steckte wieder im alten Verhalten. Es kam mir alles so umständlich und beschwerlich vor und ich hatte für mich selbst 1000 Ausreden, warum ich gerade jetzt nichts ändern konnte. Immer war da Angst (als Oberbegriff) und Prägung. Diese Muster waren sehr stark und ich war nicht in der Lage, sie zu durchbrechen. Ich hatte mich einfach irgendwie meinem Schicksal ergeben und war nicht erreichbar. Meine Freundinnen redeten schon recht deutlich zu mir und ich war dann regelrecht wütend auf sie.

Die hatten gut reden, so meine Gedanken, die würden ja im gemachten Nest sitzen und wüssten gar nicht, was das alles heißt. Ich wollte zwar jammern und meinen Frust los werden aber Hilfe konnte ich nicht annehmen.

Es war kurz vor 12 gewissermaßen, da hat es endlich geschnackelt bei mir. Da war ich so am Ende dass ich nicht mehr leben wollte. Alles erschien mir völlig sinnlos und ich hatte schon kaum noch Würde und Selbstachtung für mich übrig. Da endlich, endlich konnte ich handeln! Hilfe annehmen, verändern. Erst da kam ein Prozess in Gange, der bis heute läuft. Meine Ängste und Sozialisierungen waren und sind ja noch immer auch da, sie sind ein Teil meiner Persönlichkeit. Aber ich habe gelernt, mit ihnen umzugehen, anders umzugehen als vorher. Und das ermöglicht mir zu handeln.

Das ist also meine Erfahrung als Coabhängige, die auch einen individuellen Tiefpunkt brauchte, um in die Puschen zu kommen. Meine Tanten hatten diesen Punkt anscheinend überschritten, denn sie haben es nie geschafft, da raus zu kommen. Und diese schlimmen Beispiele haben mir schlussendlich mit die Augen geöffnet. Dann als ich erkennen konnte, wie sie gelebt und zugrunde gegangen waren. Und das wollte ich nicht...

Aurora

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