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Risiken im ersten Jahr meiden und dann?

Hier werden wir jede Woche mindestens ein allgemeines Thema eröffnen, wo jeder seine Sichtweise dazu schreiben kann.

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Carl Friedrich
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Re: Risiken im ersten Jahr meiden und dann?

Beitrag von Carl Friedrich » 17.06.2020, 20:42

Regina hat geschrieben:
17.06.2020, 00:23
Es gibt ja auch genug Menschen, die einfach nur ab und zu etwas trinken. Wir gehören halt nicht dazu. Und solange wir uns das immer wieder bewusst machen, dass es bei uns anders ist, sehe ich keinen Grund, Alkohol an sich zu verteufeln.
So ist es. Ich weiß, was ich kann und was ich nicht kann, nämlich mit Alkohol verantwortungsvoll umgehen. Hat aber 'ne Weile gedauert, bis ich es kapiert habe.

Verteufelung ist Quatsch. Der Alkohol ist rein passiv. Damit er bei mir seine Gefährlichkeit an den Tag legen kann, muss ich ihn erst mal an mich heran lassen und de facto auf ihn zugehen. Halt ich ihn mir, so gut es eben geht, auf Distanz, ist bei mir alles im grünen Bereich.

Ich habe mir den Respekt vor dem Alkohol bewahrt, der Begriff der Demut klingt mir zu unterwürfig.

M.E.ist es wichtig, im ersten Jahr der Abstinenz diesen Respekt zu entwickeln und auch zu bewahren. Und dazu gehört nunmal eine gewisse Distanz zu dem Suchtmittel und Leuten, die ihn gerne und regelmäßig in sich rein schütten. Das liest sich leichter als es ist.

Gruß
Carl Friedrich

Karsten
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Re: Risiken im ersten Jahr meiden und dann?

Beitrag von Karsten » 18.06.2020, 09:34

Hallo Regina,

ich frage mich, woher du diese Gewissheit nimmst?
Du stehst ganz am Anfang und hast doch noch gar keine Erfahrungen. Du hast und kannst dir ja auch noch gar keine Lösungswege erarbeitet haben, wie du mit gefährlichen Situationen umgehen kannst.
Dennoch scheint dein Hauptaugenmerk darauf ausgerichtet zu sein, so wenig wie möglich in deinem Leben zu ändern.

Was spricht denn dagegen, einfach mal sich vom Alkohol und alkoholtrinkenden Menschen fernzuhalten?

Natürlich ist Alkohol nicht mein Feind, aber auch nicht mein Freund. Ich kann mit Alkohol nicht umgehen und andere Menschen können es.
Wir empfehlen ja nicht, das erste Jahr mal bewusst solche Risiken zu meiden, weil wir jemanden ärgern wollen, sondern weil es unsere Erfahrungen sind.
Es geht auch nicht darum, sich eine stabile Nüchternheit zu erarbeiten, wo man mit riskannten Situationen umgehen kann, sondern darum, sich ein Leben aufzubauen, wo man solche gefährlichen Situationen gar nicht mehr vorkommen.
Niemand ist sooo stabil, dass er mit jeder riskannten Situation umgehen kann und ein Risiko besteht für jeden, egal wie lange er trocken ist.

Gruß
Karsten

Sunshine_33
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Re: Risiken im ersten Jahr meiden und dann?

Beitrag von Sunshine_33 » 18.06.2020, 10:25

Es geht auch nicht darum, sich eine stabile Nüchternheit zu erarbeiten, wo man mit riskanten Situationen umgehen kann, sondern darum, sich ein Leben aufzubauen, wo man solche gefährlichen Situationen gar nicht mehr vorkommen.
Ich zitiere das von Karsten geschriebene mal in fett, weil ich so wichtig finde !
Genau darum geht es ! Und NICHT darum, wie kann ich mich alkohollastigen Situationen anpassen (warum auch immer man sowas möchte)?

Was ich nicht verstehe:
Es wird hier von allen möglichen geplanten Veränderungen geschrieben (hätte fast "gefaselt" geschrieben :lol: ), da soll im abstinenten Leben mehr Sport getrieben werden, man will weitreichende Ernährungsumstellungen und wer-weiß-was vornehmen für ein "gesünderes Leben" und ist dafür bereit, einiges in Kauf zu nehmen, bis hin zu Verzicht.
Aber wehe, man rät hier, sich von bestimmten Veranstaltungen, Partys und Restaurantbesuchen fernzuhalten, zumindest im ersten Jahr der Abstinenz... dann bricht gleich bei einige die Empörung durch und man schreibt, man könne das alles, es mache einem gar nix aus.
Ich frage mich dann auch, woher nimmt denn jemand, der es bisher nicht geschafft hat, abstinent zu bleiben, diese Gewissheit?
Ich hatte die nicht und habe auch nicht so getan.
Und ich bin der festen Überzeugung, das viele hier schon etliche Versuche hinter sich haben, abstinent zu leben, die scheiterten.
Aber nö, man weiß es immer noch besser und möchte sich immer noch die Rosinen rauspicken und in Wirklichkeit doch nix groß verändern.

Ich frage mich einfach, was hat man denn zu verlieren, wenn man sich mal an den Rat der LZT hält?
Durch die Sauferei haben wir doch alle bereits genug verloren oder gelitten, denn wer abhängig säuft, für den ist das kein Vergnügen mehr, sondern eine schreckliche Belastung.
Und das Argument, man vereinsame, wenn man an nix mehr teilnimmt und das ja überall getrunken wird, kann ich nicht nachvollziehen und es stimmt auch so nicht.

Ich für meinen Teil habe mich saufend isoliert, weil es keiner wissen sollte.
Ich sagte oft Verabredungen ab, da ich schon zu viel intus hatte.
Ich konnte nicht mehr Auto fahren und so auch bei bestimmten schönen Dingen in Gesellschaft nicht mehr mitmachen.
Der Alkohol bzw. meine Abhängigkeit hat mit immer mehr Freiheiten genommen, aber DAS habe ich jahrelang in Kauf genommen, das ging, nicht wahr? :?
Aber sich mal ein Jahr von bekannt gefährlichen Situationen fernzuhalten, UM SICH EINE STABILE TROCKENHEIT AUFZUBAUEN (obwohl ich denke, dazu reicht auch 1 Jahr längst nicht aus), das ist ZU VIEL VERLANGT !

Für mich war es eine große Befreiung, nicht mehr trinken zu müssen, dem Suff trauere ich an keinem Tag hinterher. Da war nix mehr lustig, das war nix mehr entspannend, das war nur noch Qual.
Und ich wünsche niemanden, weiter in diesem Elend zu hängen !
Ich persönlich helfe allerdings nur Leuten weiter, wo ich merke, das sie es ernst meinen und bereit sind, Lebensveränderungen vorzunehmen und ebenfalls bereit sind, diesbezüglich einen Rat anzunehmen.
Denn ich kann niemanden helfen, der keine Hilfe annehmen will, weil er alles selbst besser weiß.
Dann soll er machen wie er denkt, mir ist das ja egal.
Ich bin trocken....und letztendlich zählt auch nur das für mich.
Helfen tue ich gern. Aber nur, wo es auch Sinn macht, meine Zeit zu investieren.

LG Sunshine

Eule89
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Re: Risiken im ersten Jahr meiden und dann?

Beitrag von Eule89 » 19.06.2020, 05:15

Ichmelde mich auch mal zu Wort, obwohl ich ja aus dem Co Bereich komme. Zum Thema Isolation kann ich nur sagen, dass ich das auch so nicht sehe. Es kommt auf den Kreis an, in welchem man sich bewegt.
Ich selber trinke keinen Alkohol, weil ich ihn nicht mag. Und Veranstaltungen, auf denen viel getrunken wird, meide ich, weil ich diese ebenfalls nicht mag. Ich bin keine Party-Maus, war es nie. Ich gehe gerne mal in ein Restaurant oder ein Café. Da muss ich aber zugeben, dass mir da meine Neben Tische wurscht sind. Ich weiß absolut nicht, wann da wie viel Alkohol konsumiert wird.
Ich war Ende letzten Jahres auf einem 30.Geburtstag. Wir waren 3 Mädels, sind bowlen gegangen. Die Angestellten haben uns tatsächlich gefragt, ob wir mit 3 Autos da sind, weil keine von uns was getrunken hat...
Auch in der Familie meines Ex bin ich immer wieder gedrängt worden zu trinken - egal, ob ich mit dem Auto da war oder nicht. Das ging einen Abend mal so weit, dass ich aufgestanden und gegangen bin. Ab da an habe ich an diesen ganzen Feiern ich mehr teilgenommen und wenn bin ich mittags auf einen Kaffee hin gegangen.
Mein gesamtes anderes Umfeld trinkt nicht. Und wenn so wenig, dass ich erstaunt bin, wenn doch mal jemand ein Glas trinkt. Unter meinen Freunden ist es eher verpönt zu trinken statt nicht zu trinken.
Es kommt also ganz auf das Umfeld an, in wem an sich bewegt. Man vereinsamt nicht, wenn man nicht trinkt. Man muss sich nur mit den richten Menschen umgeben...

Rattenschwanz
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Re: Risiken im ersten Jahr meiden und dann?

Beitrag von Rattenschwanz » 19.06.2020, 06:26

Zu den Ratschlägen und dem Befolgen solcher:

Das ist hier wahrscheinlich wie mit dem Kind und der heißen Herdplatte.

Da kannst du reden (schreiben) wie du willst, eigene Erfahrung kann durch nichts ersetzt werden.

Woher kenne ich das nur?

Karsten
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Re: Risiken im ersten Jahr meiden und dann?

Beitrag von Karsten » 19.06.2020, 07:11

Ja, leider wollen viele eigene Erfahrungen machen und viele müssen es wohl auch, bevor sie Hilfe annehmen können.
Diese Lippembekenntnisse, ich will aus Erfahrungen lernen, lesen wir jeden Tagm aber sind halt oft nur Worte.
Ich will gar nicht sagen, dass ich früher anders war, aber ich hätte mir viel ersparen können, wenn ich nicht immer alles selbst besser wissen wollte.

Gruß
Karsten

Correns

Re: Risiken im ersten Jahr meiden und dann?

Beitrag von Correns » 19.06.2020, 18:30

Hallo Forum,

ohne meine eigenen Erfahrungen (die ich nicht leider sondern glücklicherweise gemacht habe) hätte ich nicht erkannt, dass ich Hilfe annehmen muss. Eigene Erfahrungen zu machen, ist eine wichtige Eigenschaft des Menschseins. Zumindest ist es bei mir so. Nur durch diese oft schmerzlichen Erfahrungen erhalte ich ein stabiles Maßsystem, an dem ich mich orientieren kann. Müsste ich zwischen "eigene Erfahrungen machen" und "Hilfe annehmen" wählen, würde ich auf jeden Fall auf die eigenen Erfahrungen setzen. Glücklicherweise müssen wir diese Wahl ja gar nicht treffen und können einfach beides wählen. Auch wenn es unlogisch klingt: Viele Menschen lassen sich nicht zu einer Abkürzung zwingen.

Viele Grüße
Correns

PS: Sollte ich mich unklar ausgedrückt haben, war dies keine Absicht. Bitte in diesem Falle einfach nachfragen...

Karsten
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Re: Risiken im ersten Jahr meiden und dann?

Beitrag von Karsten » 21.06.2020, 05:02

Hallo Correns,

es ist natürlich jeden selbst überlassen, wie er es angeht. Nur wenn jeder selbst seine eigenen Erfahrungen möchte, was machen wir denn hier?

Gruß
Karsten

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