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Erkenntnis Alkoholiker 2.0

Hier werden wir jede Woche mindestens ein allgemeines Thema eröffnen, wo jeder seine Sichtweise dazu schreiben kann.

Moderator: Moderatoren

Hartmut
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Erkenntnis Alkoholiker 2.0

Beitrag von Hartmut » 06.07.2020, 09:11

Hallo zusammen,

Erkenntnis Alkoholiker hatten wir sicherlich schon mal aber nun mal die Diskussion aus meiner Sichtweise.

Aus meiner Erfahrung heraus kann die Erkenntnis Alkoholiker zu sein nur von einem selbst kommen.

Das Herantragen, sei es der Arzt, Freunde, Bekannte, Familie oder die SHG waren zwar eine Überlegung wert, habe ich jedoch schnell in die Tonne getreten, weil ich eben noch nicht soweit war. Auch die ganzen Bücher und Hilfsmaßnahmen was da so einen an den Kopf geschmissen wird sind nebensächlich gewesen. Besonders die „Hobby Psychologen mit ausgeprägten "Helfer Syndrom“ auf beiden Seiten der Medaille hatte ich besonders geliebt. Nein das war nichts.

Meine Überzeugung. Es kann keine Erkenntnis reingedrückt werden. Die Erkenntnis kam kurz vor dem Anmelden.

Wer meldet sich schon freiwillig in einem Alkoholiker Forum an, wenn er keine Erkenntnis hat? Ich hätte auch so aufhören können, funktionierte aber nicht. Ab diesen Zeitpunkt ging es mir doch nur noch ums wahrhaben wollen und „Wie komme ich jetzt aus dieser Nummer raus“

Was ich schnell feststellen konnte war, dass es zwischen „nassen und trockenen“ Alkoholiker ein gleiches Verhaltensmuster gibt. Es gab auf beide Seiten diejenigen, die nicht nur vehement ihre „Hilfe“ überstülpen wollten, sondern auch überzeugen wollten das ich entweder kein oder doch Alkoholiker bin. Das hatte alles nichts mit mir zu tun. Ich musste mir doch klar werden in der Birne.

Hilfestellung ersetzt nicht eigen Selbsthilfe. Ich glaube das ist der Schlüssel für einen guten Weg

Über weitere „eigene Erfahrungen" würde ich mich freuen. Es soll kein wissenschaftliches fundiertes oder eine angelesene Diskussion werden.

Gruß Hartmut

Karsten
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Re: Erkenntnis Alkoholiker 2.0

Beitrag von Karsten » 06.07.2020, 12:14

Hallo Hartmut,

bei mir lief das früher so ab, dass ich sehr oft darauf angesprochen wurde, warum ich so viel trinke. Das war mir unangenehm und ich habe diese Leute dann gemieden. Ich wollte kein Alkoholiker sein, obwohl ich es Innersten schon wusste.

Ich habe mich dann an den Gedanken geklammert, dass es ja andere Trinker gab, die mehr tranken, auf der Strasse leben und eben völlig runtergekommen waren. Das war ich ja noch nicht, also war ich auch kein Alkoholiker.

Den eigenen Gedanken glaubt man doch eher, als wenn jemand anderes was Gegenteilges behauptet.

Da sehe ich das Schlüsselproblem.
Wir haben ja oft Anmeldungen, wo es weniger darum geht, dass man Antworten sucht, sondern nur Antworten akzeptiert, die seinen eigenen Gedanken entsprechen.

Man möchte einfach seine eigenen Gedanken bestätigt bekommen, um eine Rechtfertigung für sich zu haben, so weiter machen zu können, wie bisher.

Halte ich auch für normal, weil ich es eben auch eigener Erfahrung kenne.

Ich wäre früher aber nie in eine Selbsthilfegruppe gegangen ( Internet gab es ja da noch nicht wirklich ) und hätte dort diese Bestätigung gesucht.
Allerdings musste ich reale Menschen kontaktieren, die mir diese Bestätigung gaben.
Über dieses Thema möchte man aber eigentlich auch gar nicht reden und dann waren diese realen Menschen meist eben auch Alkoholiker, die mich natürlich darin bestätigten, dass ich kein Alkoholiker bin.

Heute ist das eben anders. Man ruft irgendwo an, schreibt eine E-Mail. geht in die sozialen Netzwerke oder meldet sich in Foren an.
Ist halt so und ich nehme das auch keinen übel oder so.

Ich merke ja schnell, wer wirklich Hilfe möchte und wer nur seine Gedanken bestätigt haben möchte.
Für mich "Hilfe annehmen" da an, wo auch Handlungen erfolgen. Von nur reden halte ich nichts.

Auf der anderen Seite kann man solche Menschen, die irgendwo schon erkannt haben, dass mit ihrem Alkoholkonsum etwas nicht stimmt, zum nachdenken bringen. Wenn sie dann irgendwann mal die Einsicht erlangt haben, dass sie Hilfe brauchen, werden sie sich vielleicht daran erinnern.

Gruß
Karsten

Pellebär
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Re: Erkenntnis Alkoholiker 2.0

Beitrag von Pellebär » 06.07.2020, 13:18

Moin

Die Erkenntnis, dass mit meinem Trinkverhalten etwas nicht stimmt hatte ich sehr früh. Da kam nichts von außen, es was ausschließlich meins. Die Einsicht dass ich weder mit noch ohne Alkohol leben konnte, kam zum Schluss. Da konnte ich aufhören. Auch das ohne, dass etwas von außen kam. Das Begreifen, wie frei ich ohne Alkohol war, ließ mich zufrieden trocken werden und bleiben. Nur meine Einsicht zählt. Hätte man von außen versucht, mich vom trinken abzuhalten, ich würde wohl noch trinken oder schon tot sein.

PB

Cadda
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Re: Erkenntnis Alkoholiker 2.0

Beitrag von Cadda » 06.07.2020, 14:26

Hallo zusammen,

es wurde ja bereits im Eröffnungstext geschrieben:

„Wer meldet sich schon freiwillig in einem Alkoholikerforum an, wenn er keine Erkenntnis hat?“

Genau das ist meiner Meinung nach ein wichtiger Punkt. Die Erkenntnis wird also irgendwo da sein. Vielleicht gerät sie ins Wanken, man redet sich etwas schön oder denkt, es ist vielleicht doch nicht so schlimm. Deshalb ja auch oft Rückfälle.
Aber: Die Erkenntnis muss da sein. Sonst würde man sich hier nicht anmelden und aufhören zu trinken.

Ich glaube, dass eine Erkenntnis hier aber noch reifen kann und sich festigen kann. Sei es durch Bücher, Erfahrungsberichte usw. Da muss sie sein. Aber davon gehe ich aus, denn wie oben schon geschrieben, hätte man sich hier sonst nicht angemeldet und aufgehört zu trinken.

Cadda

Hartmut
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Re: Erkenntnis Alkoholiker 2.0

Beitrag von Hartmut » 06.07.2020, 15:06

Hallo Cadda,

mich würde mal interessieren wie es bei dir persönlich war. Wenn es dir hier zu öffentlich ist dann gerne im erweiterten Bereich.

Gruß Hartmut

Cadda
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Re: Erkenntnis Alkoholiker 2.0

Beitrag von Cadda » 06.07.2020, 15:35

Bei mir persönlich war es so, wie ich es oben beschrieben habe. Ich habe mich vor etlichen Jahren hier angemeldet, weil ich die Erkenntnis hatte, dass ich alkoholabhängig bin. Seit dem lese ich hier mit, obwohl ich noch nicht aufhörte zu saufen. Ich wusste aber schon sehr lange, dass ich irgendwann aufhören werde. Ich habe also nicht direkt nach der Erkenntnis mit dem Saufen aufgehört und mir auch phasenweise gesagt „dann ist es eben so, ich will/kann noch nicht aufhören“.

Irgendwann wurde die Schlinge um meinen Hals immer enger, ich rutschte immer weiter rein in die Sucht und ich wusste, dass es nun mal soweit ist, dass ich aufhöre. Dann kam ein Tiefpunkt-Moment, mein Ex-Mann knallte mir (zum wiederholten Male, nur diesmal war ich bereit, Taten folgen zu lassen) die heftige Wahrheit ins Gesicht und das war’s. Ich hörte auf zu saufen. Setzte das, was ich in der Theorie hier im Forum durch das Lesen über Jahre gelernt hatte, in die Praxis um.

sue05
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Re: Erkenntnis Alkoholiker 2.0

Beitrag von sue05 » 06.07.2020, 17:49

Hallo,

bei mir kam "nichts" von außen - ich hatte nach außen hin eine gute Fassade aufrecht erhalten, so gut wie nur zu Hause getrunken (und das meistens auch alleine).
Die Erkenntnis, Alkoholikerin zu sein, hatte ich schon eine ganze Weile vor meiner Anmeldung hier. Die Erkenntnis hat sich bei mir nach und nach entwickelt, könnte man sagen. Zuerst die "Vermutung", dass mein Trinkverhalten nicht "normal" ist. Aber immer wieder abwechselnd mit "nicht wahrhaben wollen" und damit verbunden dann mit Verharmlosung (andere trinken ja viel mehr, meinen Job und Führerschein habe ich ja noch, etc).
Irgendwann hab ich angefangen, im Internet zu stöbern und bin dann hier auf das Forum gestoßen. Hab eine Zeitlang immer mal wieder hier gelesen und auch dann hat sich "ich habe ein Alkoholproblem" mit "so schlimm wie bei vielen hier im Forum ist es bei mir ja noch nicht" abgewechselt.
Bei mir hat auch Scham eine sehr große Rolle gespielt. Die Scham, "anders" zu sein. Die Scham, zu "denen" zu gehören. Alkoholiker*innen waren für mich ganz klischeehaft die Menschen, die unter der Brücke oder auf der Parkbank schlafen oder mit der Bierflasche in der Hand am Bahnhof "rumlungern"....
Es hat wirklich eine ganze Weile gedauert, bis ich von den Vermutungen, dem Gedankenkarussell und dem unguten Bauchgefühl definitiv zu der Erkenntnis kommen konnte Alkoholikerin zu sein. Also es mir selbst auch einzugestehen und es zu akzeptieren.
Als ich mich dann angemeldet hab, war ich bereit etwas dagegen zu tun - auch wenn ich mir damals noch nicht vorstellen konnte, wie das funktioniert und ob ich das schaffe.
Ich habe es geschafft.... (Hauptsächlich durch meine Anmeldung hier und die Unterstützung, die ich von vielen Forumsmitgliedern erfahren durfte!)

lg Sue

Waschbaer
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Re: Erkenntnis Alkoholiker 2.0

Beitrag von Waschbaer » 06.07.2020, 20:22

Hallo,

die Erkenntnis Alkoholiker zu sein hatte ich ca. 10 Jahre bevor ich hier zum Forum kam.

Mit dieser Erkenntnis verband ich sofort das nie mehr trinken „dürfen“. Das wiederum provozierte extreme Verlustängste. Meine gewonnene Erkenntnis brachte mich dazu 10 Jahre weiter im Glauben an ein kontrolliertes Trinken weitermachen zu können. Dieses NIE MEHR trinken können schwebte wie ein Damoklesschwert über meinem Kopf. Ja ich war gefangen in meinem Alkoholisierten Dasein. Erst als ich die Einsicht hatte als Alkoholiker nicht kontrolliert trinken zu können, wollte ich aus dieser vernichtenden Spirale ausbrechen. Ich habe nur ein Leben und den Rest wollte ich dieser Geißel nicht weiter opfern.
Heute bereue ich das Erkenntnis und Einsicht so weit auseinanderlagen.
Das Leben ist oft zu schön um es dem Alkohol zu opfern.

Lieben Gruß
Nobby

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