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Den eigenen Wahrnehmungen vertrauen

Jede Woche mindestens ein neues Thema zu Themen der Co-Abhängigkeit, für Angehörige und Kindern von alkoholkranken Eltern

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Karsten
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Den eigenen Wahrnehmungen vertrauen

Beitrag von Karsten » 23.09.2018, 10:26

Hallo,

Diese Woche komt der Themenvorschlag von Thalia:
Thalia1913 hat geschrieben:
23.09.2018, 09:41


„Den eigenen Wahrnehmungen vertrauen“

Darf ich dazu auch gleich schon etwas schreiben?
Ich habe schon irgendwann ganz früh (als ganz kleines Kind) Zweifel bekommen, dass das, was ich wahrnehme, „richtig“ ist. „Normal“ ist. Daher habe ich Verhalten eingeübt, das diesen Mangel ausgleichen sollte. Zum Beispiel: Gucken, was die anderen machen (aufgrund deren Wahrnehmung) und das dann imitieren. Oder: Über das Denken meine Wahrnehmung (mein „Bauchgefühl“) zensieren.

Seit etlichen Jahren übe ich nun schon, teilweise mit therapeutischer Hilfe, mir (meinen Wahrnehmungen und Gefühlen) wieder mehr zu vertrauen. Aber immer noch suche ich oft die Bestätigung von außen: „Kann man das so sehen/empfinden?“ - „Ist das wirklich so, oder bilde ich mir das nur ein?“ - „Ist das normal?“

Darf das nicht aber eigentlich erstmal egal sein, und gibt es wirklich und normal überhaupt in Bezug auf persönliche Wahrnehmungen und daraus entstehende Gefühle? Was ich wahrnehme, ist (für mich!) immer wahr. So wie das, was jemand anders wahrnimmt, für ihn/sie wahr ist.

Für mich liegt daher die Crux, aber auch der Hebel, in meinem eigenen Selbstwertgefühl. Kann ich lernen, meine eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen und andere Wahrnehmungen daneben bestehen zu lassen. Meine Sicherheit aus mir selbst zu beziehen und nicht aus dem Abgleich mit anderen? Geht das überhaupt? Ich glaube ja, und ich übe das, und dabei helfen mir auch wieder andere Menschen, die ähnliches üben.

Vielleicht haben noch mehr Leute hier Lust, ihre eigene Geschichte zum Thema „Vertrauen in die eigene Wahrnehmung“ zu erzählen. Fände ich interessant.

Viele Grüße
Thalia
Gruß
Karsten

Sunny1976
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Re: Den eigenen Wahrnehmungen vertrauen

Beitrag von Sunny1976 » 23.09.2018, 10:56

Hallo Thalia,

Das ist ein sehr interessantes Thema, worüber ich mir auch immer wieder Gedanken mache. Auch bei mir fingen diese Selbstzweifel an der eigenen Wahrnehmung schon im Kindesalter an. Ich war extrem unsicher und schüchtern damals und habe mich sehr viel an anderen Menschen orientiert. Das wurde zwar im Laufe des Erwachsenwerdens etwas besser, aber am Ende bin ich genau wegen der Zweifel an meiner eigenen Wahrnehmung in die Co-Abhängigkeit gerutscht. Ich habe mir ja jahrelang einreden lassen das er ja nur trinkt, weil ich wieder dieses oder jenes gesagt oder getan hatte.

Auch glaube ich, das - wenn man schon selbst kein gutes Selbstbewusstsein hat - das Vertrauen in die eigenen Wahrnehmung sinkt. Als ich meinen xy kennen gelernt hatte war ich Anfang dreißig. Und davor auch sehr viele Jahre Single. Alle Freunde hatten feste Beziehungen, gründeten Familie. Ich konnte mir von meinem Elternhaus immer anhören, was ich wohl falsch machte, das ich einfach keinen Mann finden und halten kann. Als ich xy dann kennen lernte habe ich schon wahrgenommen, das etwas nicht stimmt mit der trinkerei. Aber ich habe meiner Wahrnehmung nicht mehr vertraut, schließlich war ich doch diejenige, die scheinbar immer etwas falsch machte. Das wurde dann im Laufe der Jahre immer schlimmer. Ich habe also nur noch seiner Wahrnehmung vertraut, dachte diese wäre richtig.

Mittlerweile bin ich soweit, das ich wieder Vertrauen in mich habe, an meinen eigenen Wahrnehmungen. Die Sicherheit kann meiner Meinung nur aus sich selbst bezogen werden, denn wenn man wieder ein Selbstwertgefühl besitzt, dann vertraut man auch seinen eigenen Wahrnehmung wieder.

Ich bin wieder Single, seit zwei Jahren nun schon. Heute ist es mir aber egal, ich lasse mich nicht mehr schlecht machen oder mir einreden das mit mir etwas nicht stimmt 😊

Liebe Grüße
Sunny

Hull

Re: Den eigenen Wahrnehmungen vertrauen

Beitrag von Hull » 24.09.2018, 20:29

Hallo Thalia,

ich habe mit drei oder vier Jahren festgestellt, dass meine Wahrnehmung nicht der der Mehrheit entspricht und habe folglich die Gewohnheiten und Ansichten der anderen Menschen imitiert, um ihre Anerkennung, finanzielle Zuwendung usw. zu bekommen. Da nie ein organischer Gedanke zu ihrer Gefühlswelt existierte, war ich gewissermaßen gezwungen, jeden einzelnen Menschen meiner Umwelt zu analysieren; Beweggründe, Handlungen usw. mit Logik (kalter Empathie) anstatt mit Gefühlen zu erfassen. Mir hat dies aber nie etwas ausgemacht, da ein Gefühl, das nie existierte, auch nicht vermisst werden kann. Für mich korreliert das (positive) Selbstwertgefühl auch nicht im Ansatz mit der Wahrnehmung. Es mag seltsam klingen, aber selbst am Tiefpunkt war ich nicht unglücklich - so wie ich am Höhepunkt aber auch nicht glücklich war oder sein werde. Nennenswerte Regungen der Gefühlswelt treten z. B. nur mit der Erreichung megalomaner Ziele auf. Um mit dieser groben Umschreibung aber auf das "Vertrauen" in die Wahrnehmung zurückzukommen: ich vertraue meiner Wahrnehmung, obgleich ich weiß, dass sie von der Mehrheit als falsch, unmenschlich und in einer logischen Gesellschaft des konsequenten Altruismus' bestraft werden würde. Ich erhebe aber auch keinen nennenswerten Anspruch darauf, dass meine Wahrnehmung richtig ist, da sie ohnehin nicht definierbar ist und relativiert werden kann. Dies impliziert aber auch, dass ich dem Vertrauen der breiten Masse, die eine bestimmte Wahrnehmung als richtig erachtet, keinerlei Gültigkeit zuordne. Sozusagen ein Fehler im ersten Lösungsansatz.

Etwas zum Schmunzeln erscheint es aber, dass ich deine Beiträge schon gleich zu Beginn meiner Anmeldung in diesem Forum als logisch und vertraut aufgenommen habe, obgleich du selbst so sehr mit der Gültigkeit haderst. Auf der anderen Seite gibt es für mich in deinem Falle mangels Angaben über die Kindheit eine Lücke, wenn ich feststellen möchte, ob deine Wahrnehmung aus dem anerzogenen mangelnden Vertrauen in die Wahrnehmung enstand oder ob deine Wahrnehmung genetischen Faktoren unterliegt und z. B. durch mangelnde Förderung erschüttert wurde. Für letzteres spricht zumindest, dass du eine tiefsitzende Forderung in Form einer Frage "Darf das nicht aber eigentlich erstmal egal sein, und gibt es wirklich und normal überhaupt in Bezug auf persönliche Wahrnehmungen und daraus entstehende Gefühle?" stellst, obgleich die Antwort nur "ja" lauten kann.

Grüße

Yvonne78

Re: Den eigenen Wahrnehmungen vertrauen

Beitrag von Yvonne78 » 24.09.2018, 21:27

Ach ihr Lieben,

wenn es doch immer so einfach wäre mit den Wahrnehmungen...dann würde niemand Fehler machen alle wären perfekt.
Letzendlich hat doch jeder Mensch von Geburt an Instinkte...den Lebenserhaltungstrieb. Dieser kann durch äussere Einflüsse ( oder innere, wie Drogen oder Alkohol ) beeinträchtigt werden. Viele hier beschreiben den Knacks in der Kindheit...das kann Einiges erklären. Ich habe keinen davon getragen und bin trotzdem in die Co-Abhängigkeit gerutscht....da war ich 34. Vielleicht hat der Wunsch nach Familie, Halt und Ankommen meine Instinkte getrübt...oder vielleicht auch nur die rosarote Brille. Jetzt im Nachhein werde ich permanent von meinen Instinkten abgewatscht...du hast es doch gemerkt...warum hast du nichts getan...warum bist du nicht eher gegangen......so geht das noch jeden Tag. ABER...mein Herz mischt mit...ich war verliebt, endlich verheiratet...am Ziel meiner persönlichen Träume. Daß der Schaum vom Winde verweht wurde ist eine andere Geschichte.
Letzlich hat jeder Mensch dieses*Bauchgefühl* inne...manche müssen nur wieder lernen, darauf zu hören :-)

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