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Was macht die Co-Abhängigkeit aus?

Jede Woche mindestens ein neues Thema zu Themen der Co-Abhängigkeit, für Angehörige und Kindern von alkoholkranken Eltern

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Karsten
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Was macht die Co-Abhängigkeit aus?

Beitrag von Karsten » 20.02.2019, 18:57

Hallo,

wenn ein Partner oder Familienangehöriger trinkt, leidet ja oft die ganze Familie.
Was macht für euch eine Co-Abhängigkeit aus?

Gruß
Karsten

Aurora
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Re: Was macht die Co-Abhängigkeit aus?

Beitrag von Aurora » 05.04.2019, 11:20

Hallo,

Alkoholismus ist eine Familienkrankheit. Das ist Fakt. Und sie kann sich noch weiter erstrecken, auf Kollegen, Freunde, Menschen eben, die mit dem Abhängigen zu tun haben.

Durch die Sucht meines Exmannes sind in mir selbst Anteile aktiviert worden, die ich aus verschiedenen Gründen immer schon in mir hatte. Ich habe mir aber meinen Exmann auch irgendwie ausgesucht und er mich, also damit meine ich, wir passten zusammen wie zwei Puzzleteilchen. Ich war schon immer sehr harmoniebedürftig, habe gerne für alle und alles gesorgt und Verantwortung übernommen. Ich war und bin sehr empathisch und konnte mich anfänglich gut in ihn und seine Nöte einfühlen. Ich habe gerne für meine wachsende Familie gesorgt und gemacht und getan, damit alle es gut haben sollten. Denn dann ging es mir auch gut.

Als das mit dem Trinken immer mehr wurde wurden auch alle diese Anteile in mir mehr und es wurde immer mehr auch zur Belastung. Denn das Sorgen wurde ja auch größer, mein Exmann wurde immer unzuverlässiger und brauchte immer mehr Aufmerksamkeit. Dachte ich. Und andererseits wollte ich aber nach außen auch nicht zeigen, wie belastend es war und wie sehr er doch schon in der Sucht steckte. Das war mir peinlich denn ich bezog das ja auf mein Versagen. Dass er immer mehr zum Säufer wurde.

Das machte mich hilflos und wütend und ohnmächtig, denn ich konnte machen was ich wollte, er funktionierte einfach nach eigenen Regeln und nicht nach meinen. Anstatt zu sagen, jetzt reicht es mir, strengte ich mich immer mehr an um ein Bild aufrecht erhalten zu können. Ich habe meine Kräfte eh schon verbraucht für mein Harmoniebedürfnis, für meinen Perfektionismus, für meine übermäßige Fürsorge für alle. Nun kam die Sucht des Ex auch noch oben drauf und ich hatte rund um die Uhr damit zu tun, alles am Laufen zu halten. So, wie es sich für mich gut anfühlte. Also zumindest dachte ich, es würde sich gut anfühlen.

Ich war glücklich, wenn ich riesen Büffets aufgebaut hatte und alle zufrieden feierten. Oder wenn die Wohnung blitzeblank war. Oder wenn alle gemütlich zusammen waren. Wenn alles flutschte. Ich selbst war aber eher eine Art Zuschauerin dabei. Ich habe ein Bild fabriziert bzw versucht zu fabrizieren, das ich mir dann mit Zufriedenheit und Genugtuung ansehen konnte. Ich aber zog meinen Selbstwert aus solchen Handlungen, brauchte das von außen, von innen spürte ich das nicht. Ich hatte keinen Selbstwert, kein Selbstbewusstsein. Ich war abhängig von dem, was die Anderen mir dann sagten und spiegelten. Da passte aber der Alki gar nicht mehr rein. Nur dann wenn ich gesagt bekam, wie gut ich doch für ihn sorgen würde und wie stark das wäre, dass ich ihn nicht im Stich ließe...

Also musste alles noch verstärkt werden. Meine Bemühungen um ihn damit er endlich aufhören würde mit dem Mist, meine Betreuungsdienste für ihn, mein Alles eben.

Ich spielte da gar keine Rolle. Also ich als Persönlichkeit, als eigenes Wesen.

Es wurde alles immer mehr eine Last. Die ich kaum noch schaffte zu tragen, die ich irgendwann nicht mehr schafft. Es war alles peinlich, denn seine Sucht war ja offensichtlich innerhalb der Familie. Es war peinlich, kränkend, schmerzlich. Es erzeugte in mir Wut, Hass, Scham, Hilflosigkeit. Aber alles eher im Bezug darauf, dass ER was machen sollte. Ich hatte schon immer wieder Gedanken an Trennung, aber grundsätzlich sollte ER da was tun. Und zwar auf MEIN Wirken hin. Ich dachte, ich müsse das schaffen, ihn trocken zu legen

Es überwogen irgendwann nur noch negative Gefühle. Angst. Hilflosigkeit und Wut.

Das macht für mich Coabhängigkeit aus. Aus dem Bedürfnis nach Harmonie, übermäßiger Hilfestellung, Sorgen um andere Menschen, bereitwilliges Zurückstecken eigener Bedürfnisse, die meistens nicht mal als solche erkannt werden, entstehen eine Abhängigkeit und ein Kreislauf. Diese Muster können bis zur maßlosen Erschöpfung gelebt werden, immer mit dem Gedanken, dem Süchtigen helfen zu wollen, zu müssen. Alles andere macht starke Schuldgefühle, so stark, dass sie oft nicht auszuhalten sind und wieder in die zerstörenden Muster führen. "Ich kann ihn doch nicht im Stich lassen, ohne mich geht er doch völlig unter". Das ist einer der Lieblingsgedanken die ich hatte und die ich hier bei den Cos schon hundertfach gelesen habe. Zu sehen, dass das gar nicht in meiner Verantwortung liegt hat lange gedauert. Ich habe weder das Recht noch die Macht, ihn zu verändern. Ihm vorzuschreiben, ob er saufen will oder nicht.

Ich selbst bin sehr krank aus der Ehe mit meinem Exmann heraus gekommen. Ein Glück, dass ich das überhaupt geschafft habe. In meiner Urfamilie ist eine meiner Tanten noch vor ihrem süchtigen Mann gestorben, zwei andere waren nach dem Tod ihrer Männer so kaputt, dass sie auch nichts mehr vom Leben hatten, es nicht wirklich genießen konnten endlich frei zu sein. Sie hingen noch immer am Bändel ihrer verstorbenen Alkis...

Coabhängigkeit ist in ihren Auswirkungen ähnlich wie eine stoffliche Sucht. Sie zerstört Körper, Geist und Seele.

Aurora

Aiko
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Re: Was macht die Co-Abhängigkeit aus?

Beitrag von Aiko » 05.04.2019, 16:39

Hallo, bei mir war/ist es ähnlich wie bei Aurora. Ich mag mich noch nicht gesund nennen, denn auch wenn ich mich von XY getrennt habe, sämtliche Sehnsucht nach ihm endlich fort ist und ich ihn in meinem Leben nicht mehr brauche (außer als Vater unseres gemeinsamen Kindes), so bin ich auf der Hut. Co-Abhängigkeit äußert sich ja nicht nur in der Abhängigkeit von einem bestimmten Partner / einer bestimmten Partnerin.

Als XY letztes Jahr stark suizidgefährdet war, ließ ich mich immer wieder hineinziehen in eine Verantwortung die nicht meine ist. Es galt natürlich unser Kind zu schützen und ich wollte es davor bewahren, dass es seinen Vater betrauern muss. Daher habe ich auch immer wieder auf XY reagiert, die Polizei gerufen, ihn einweisen lassen etc. Für eine Co-Abhängige ist es manchmal schwer eine allgemeine Verantwortung, die die Menschen füreinander haben, von einer selbst auferlegten „imaginären“ Verantwortung zu unterscheiden. Ich fand es jedenfalls schwer. Mittlerweile bin ich raus aus diesem Wust und kann mir selbst auch einiges verzeihen. Das ich so lange brauchte um damals echte Konsequenzen zu ziehen (ihn rauszuschmeißen z.B.) hing auch damit zusammen, dass ich Angst vor dem hatte, was kommt. Und es kam ja dann auch. Ich hatte Angst die Eskalation nicht überstehen zu können. Konnte ich aber.

Anfangs hat XY meine Bedürfnisse nach Nähe und Verschmelzung 1a erfüllt. Ich kann es in meinem Tagebuch schwarz auf weiß nachlesen. Seelenverwandtschaft, diese übergroße Sehnsucht, ein dunkles Verlangen, das Gefühl von Lebendigkeit durch Dramatik, das Gefühl stark zu sein, gebraucht zu werden, „zaubern“ zu können ...

Ich kann meine Bedürfnisse nun besser mir selbst erfüllen. Ich kann wunderbar allein sein und bin es gerne, ich tanke dabei Kraft. Das Gefühl der Einsamkeit, das hat mich lange festgehalten – obwohl ich wusste, dass diese Einsamkeit uralt und schon lange vor XY da war. Jetzt bin ich allein, aber nicht einsam, sondern froh!

Wie oft ich mit Bauchschmerzen „ja" gesagt habe und mich dabei auch noch heroisch gut gefühlt habe, obwohl ich mir damit selbst so weh getan habe. Nicht nur privat, auch beruflich. Ja, ich verdiene mit der gleichen Arbeit nun auch mehr Geld. Weil ich meinen Wert zu schätzen gelernt habe. Und ich benötige dieses Geld auch um für mich und mein Kind zu sorgen. Wenn ich dran denke, wieviel Geld ich in XYs Rachen geschmissen habe ... da wird mir ganz schwindelig. Sei es durch Leihen und nicht mehr zurück bekommen, sei es durch Lebensmitteleinkäufe zu denen er die letzten Jahre des Zusammenlebens kaum noch etwas beigesteuert hat, sei es durch unentgeldliche Arbeit die ich für ihn geleistet habe (Care-Arbeit und auch beruflich für seine Beruflichkeit).

Co-Abhängigkeit ist auch: Die Augen vor der Wahrheit verschließen. Ich mein, ich habe Lebensmittel versteckt damit er sie nicht aufisst und ich sie wieder nachkaufen muss. Trotzdem blieben wir zusammen. Hallo? Und viel, viel Schlimmeres noch. Ich wollte es nicht wahrhaben, weil ich mich einfach nicht trennen konnte. Und DAS war nicht seine Verantwortung, sondern meine. Ich konnte mich nicht trennen, obwohl mein Kind deutlich gelitten hat, – ich habe versucht die Zeichen umzudeuten.

Co-Abhängikeit ist auch: Alle Fantasien auf eine positive Zukunft zu fokussieren. Auf den Wunsch nach etwas, das nie oder nur ganz kurz da war und dabei die Gegenwart aus den Augen zu verlieren.

Co-Abhängigkeit ist die Verwechslung von Bedürftigkeit mit Liebe.

Co-Abhängigkeit ist: Das eigene ganze Wesen in das Leben eines anderen zu geben, kein Wachstum zuzulassen und sich in einer gewaltvollen Umgebung auf eine unheimliche Art sicher und geborgen zu fühlen.

Co-Abhängigkeit ist der Versuch, das Leben und die Menschen zu kontrollieren, nach eigenem Wunsch zu steuern. Menschen gegen ihren Willen verändern zu wollen. Sich selbst bis aufs Äußerste zu verbiegen.

Co-Abhängigkeit birgt die Chance einen Weg zu sich selbst zu finden.

Alles Liebe, Aiko

Aurora
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Re: Was macht die Co-Abhängigkeit aus?

Beitrag von Aurora » 06.04.2019, 12:47

Liebe Aiko,

Ja genau! Du hast viele Dinge geschrieben, die ich auch mit unterstreichen kann.

Aurora

Emma2010
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Re: Was macht die Co-Abhängigkeit aus?

Beitrag von Emma2010 » 16.04.2019, 08:51

Hallo zusammen!

Was macht die Co-Abhängigkeit aus?

Denke mal, dass schon die typische Mädchen-Erziehung Vorreiter zu einer späteren Co-Abhängigkeit ist.

Ich bin in einer Großfamilie aufgewachsen, wo es klar verteilte Rollen gegeben hat. Die Jungs helfen draußen und in der Werkstatt mit, die
Mädchen helfen im Haushalt, sind hilfsbereit, zurückhaltend, ordnungsliebend, insgesamt pflegeleicht.

Meine aufoktroyierte Frauenrolle und zudem, die eigentlichen Bedürfnisse und Begabungen wurden nicht wahrgenommen, hat beigetragen, auch im Erwachsenenalter zu wenig von einem gesunden Selbstwert und Selbstbewusstsein zu besitzen.

In den späteren Beziehungen ist es für mich normal gewesen, mich unterzuordnen. Ich habe zwar, immer wieder einen massiven Unmut verspürt, wenn ich das was ich wollte nicht bekam, habe aber immer wieder nach gegeben. Das ich diese Rolle irgendwann nicht mehr ertragen konnte, hat sich erst mit der Partnerschaft zu einem Alkoholabhängigen zugespitzt.
Es war mir zuwider, sein Leergut zu entsorgen. Wenn wir zum Wandern unterwegs waren und er beim nächsten Wirten hocken blieb, während ich gerne aktiv sein wollte. Dass ich mich schämte, wenn jemand Zuhause auf Besuch kam und am Küchentisch und im Vorraum, die offenen
Weinflaschen gestanden sind.
Oder wenn ich Sehnsucht nach Nähe hatte und mich stets seine Launenhaftigkeit verärgerte.

Sich um jemanden zu kümmern, den man mag, empfinde ich als einen schönen Charakterzug. Nur falls man sich benutzt fühlt, man seine Meinung nicht sagen kann, weil es dann Streit gibt, wenn man das was man wirklich im Leben will, nicht durchsetzen kann, wenn Lügen und ein Belogen werden zum Alltag gehören u.s.w, lohnt es sich meiner Meinung nach nicht, um diese Art von Beziehung zu kämpfen.

Da lebe ich allemal besser mein Leben als Single, lerne mich kennen, setze meine Ziele und Wünsche in die Realität um, lerne bei Bedarf Hilfen
anzunehmen, wo es nötig ist, und habe den Freiraum für soziale Kontakte und für alle meine Träume.

Huch, zu diesem Thema könnte man noch viel schreiben, doch glaube, ihr wisst aus eigener Erfahrung, was Sache ist und was zählt.
Mir persönlich ist es ein Anliegen, dass eine persönliche Weiterentwicklung mich ausmacht, ob mit oder eben ohne Partnerschaft.

Liebe Grüße
Emma

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