Co-abhängig solange ich denken kann! Mutter Alkohilikerin!

Sonstige Suchthilfe und Hilfe zum Thema Lebenshilfe, Alkoholsucht, Umgang mit Alkohol und Alkoholkrankheit, Selbsthilfegruppen für Hilfe bei Alkohol, Alkoholkrankheit bzw. Coabhängigkeit und für Angehörige.
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Martl
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Co-abhängig solange ich denken kann! Mutter Alkohilikerin!

Beitrag von Martl » 29.06.2006, 16:56

Hallo an alle,


mein Name ist Martina ich bin 26 Jahre alt und meine Mutter ist alkoholkrank solange ich zurückdenken kann. Mir ist es besser ergangen als den meisten Kindern von alkoholkranken Eltern nicht weil ich weniger durchgemacht habe, sondern weil ich die Möglichkeit hatte körperlich zu fluchten. Mein Vater hat meine Mutter sozusagen auf Land ins Exsil gebracht, damit sie sich dort keinen Alkohol mehr besorgen kann. Geld hat er ihr nicht gegeben. Das hat die Sache natürlich nicht geheilt, aber ich konnte in den Wald der direkt an unser Haus anschloss, ohne das sich jemand darum scherte. Weil ich es überstanden habe ohne komplett durchzudrehen möchte ich gerne hier meine Erfahrungen mit anderen Teilen. Ich möchte allen Kindern (auch wenn sie schon erwachsen sind) von Alkoholkranken die mit mir reden möchten eine Hilfe sein. Ich kenne die Gefühle alle. Man liebt seine Mutter und man hasst sie gleichzeitig. Es zerreisst einem das Herz, zu sehen wie sie immer in die gleichen Muster hineinläuft und die gleiche Ablehnung. Und dann zuerst immer verzweifelter wird während des Rausch ansaufen und irgendwann aggresiv und beleidigend gegen alles und jeden. Alles kenne ich auch die positive Aufmerksamkeit, die man bekommt wenn man es ihr "erlaubt" bzw. "nichts dagebgen sagt" wenn sie trinkt. Ich kenne jede einzelne Facette wie es ist das Kind von zwei Kranken zu sein. Denn mein (Stief)Vater war ja auch Co-Abhängig. Ich kenne es wie es ist von dem anderen Elternteil zu Oberaufseher rekrutiert zu werden. Ich kenne es das schlechte Gewissen, die Schuldgefühle versagt zu haben!

Ich möchte allen eine Hilfe sein die sie nötig haben! Wer sich mit mir austauschen will, kann mir gerne schreiben. Ich werde noch weitere Erzählungen aus meinem Leben als Tochter einer Alkoholkranken folgen lassen. Um allen Betroffenen Mut zu machen um allen Betroffenen zu zeigen das sie nicht schuld sind. Um Ihnen zu zeigen das es Menschen gibt die sie verstehen und ähnliches erlebt haben.

Alles Liebe an alle die es nötig haben


Martl

Annika
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Hallo

Beitrag von Annika » 29.06.2006, 17:07

Hallo Martina,

ich habe eine Gänsehaut bekommen bei deinen Worten.

Ich begrüße dich herzlich hier im Forum.

Ich freue mich dass du hier bist und deine Hilfe anbietest.

Danke dafür


Gruß Annika, 7 Monate trocken

Paula
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Re: Co-abhängig solange ich denken kann! Mutter Alkohilikeri

Beitrag von Paula » 29.06.2006, 18:16

Hallo Martl,

es ist für mich unvorstellbar zu lesen, dass man so eine Situation so lange aushalten kann, bei uns hat alles erst vor ca. 2 Jahren angefangen oder war es schon vorher und wir haben es nicht bemerkt. Ich weiß es nicht mehr, ich weiß nur, dass unsere Familie langsam auseinander bricht und ich nicht mal mehr sagen kann, dass ich meine Mutter liebe, denn das tue ich zur Zeit nicht.

Ich würde gerne mehr von deiner ganz persönlichen Geschichte erfahren.

LG Paula

Martl
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Meine ganze Geschichte wäre wohl zu lange

Beitrag von Martl » 29.06.2006, 18:45

Hallo an alle,

danke für Eure Antworten erstmal. Ich bin durch zufall heute an diese Forum geraten, weil ich mich eigentlich erkundigen wollte wie man akut betroffenen Kindern von suchkranken helfen kann. Durch Pflegefamilie oder so. So bin ich hier gelandet und habe gesehen das es zwar hier viel Hilfe und gute Ratschläge für Alkoholkranke gibt aber weniger echtes Verständnis und Zuhören (eine andere Hilfe gibt es leider kaum) für Co-Abhängige bzw Angehörige. Deswegen habe ich mich entschlossen hier zu lesen und mitzureden.

Meine persönliche Gesichte würde wohl einem Roman gerecht werden, diese Forum aber denke ich sprengen. Ich erzähle aber gerne mehr von mir auch wenn ich nicht recht weiß wo anfangen und wo aufhören. Ich stelle einen Teil meiner persönlichen Aufarbeitung in das Forum, in der Hoffnung keinen Ärger zu bekommen weil es soviel Text ist, der Text bezieht sich auf meine füheste Kindheit bis ungefähr zur 2.Klasse:

Ich kann mich nicht erinnern wann es war das ich gemerkt habe, dass bei mir Zuhause etwas ganz anders ist als bei anderen. Erschreckende Dinge gab es viele, eines meiner Glückfälle in meinem Leben war der Umzug aufs Land, in der Stadt hätte ich nicht die Möglichkeit das mir fehlende das mich verletzende mit der Flucht in die Natur kompensieren können. Vielleicht wäre ich heute irgendwo unter der Brücke und würde mir Heroin spritzen. Möglich zumindest, aber so bin ich seit ich 5 Jahre alt war beinahe jeden Tag abgehauen. Ich lief in den Wald und war in meiner sicheren Welt, dort gab es mich, die Vögel, die Bäume, die Ruhe und den Frieden. Keine Streitereien, keine Türen die knallen, keine übermenschlichen Ansprüche an mich als kleines Kind. Keine Mutter die zuerst plötzlich zu weinen anfängt und dann aggressiv wird und alle als A... tituliert. Kein Vater der von mir verlangt das ich auf meine Mutter aufpassen soll. Kein Vater der sauer war, wenn die Mama wieder betrunken war und ich ein schlechtes Gewissen hatte. Alle Ihre Verfehlungen gedeckt habe aus Angst vor der Enttäuschung und auch der Wut meines Papas. Heute weiß ich was sie mir angetan haben, heute weiß ich wo meine unzähligen Traumen herrühren, meine vielen Seelischen Narben. Manche sind auch nie ganz verheilt und andere schmerzen wenn ein ähnliches Gefühl auftaucht. Meine Eltern haben sich zwar bemüht mir einen Boden unter den Füssen zu geben in den ich meine Wurzeln hätte setzten können, aber es konnte von einem auf den anderen Augenblick wieder passieren, das sie ihn mir einfach wieder unter den Füssen weggerissen haben. Dann rissen sie mir meine dünnen Würzelchen gleich mit weg. Irgendwann habe ich aufgehört meine Wurzeln in die Erde meiner Eltern wachsen zu lassen. Ich habe mich viel früher als es vielleicht gut für mich war, mich nur noch auf die Flügel konzentriert. Sie mussten wachsen das ich endlich weit weit weg fliegen konnte. Und so bin ich nun auch ein Wurzelloser Mensch mit riesigen Flügeln mit denen man kräftig auf die Schnauze fliegt. Aber ich stehe immer wieder auf, egal wie oft.

Nun als wir noch in der Stadt lebten, kann ich mich nicht mehr an vieles erinnern. Aber an eine Kneipe kann ich mich erinnern. So eine wo die betrunkenen alten Männer saßen und man Ihren nackten Hintern auf der Hose lugen sehen konnte. Ich kann mich an Aggressive Stimmung erinnern, an Beschimpfungen, an Streitereinen, an widerlich schleimige Typen mit Zahnlücken. An Männer die mir Angst machten, mir unangenehm waren und die aber mit mir redeten als wäre ich Ihre Nichte oder so was in der Art. Meine konkreten Erinnerungen daran sind nicht sehr ausgeprägt, ich kann mich eher an Gefühle erinnern. Auch das Gefühl des Verlassen worden sein, das allein gelassen. An die Panik das ich meine Mutter nicht mehr finden konnte. Was damals passiert ist weiß ich nicht, aber sie muss mich irgendwo mal alleine gelassen haben und ich bin in Panik geraten. Ich kann mich an viele Szenen erinnern, wo ich mich sehr viel später wie eine Furie aufgeführt habe wenn meine Eltern mich irgendwo kurz alleine in einer fremden Umgebung lassen wollten, da wo es mehr als irrational war sich so aufzuführen. Und selbst mein Vater manchmal die Geduld verlor, weil er es nicht verstehen konnte warum ich mich so aufführte. Aber es war die nackte Panik von diesem frühen Kindheitstrauma das in mir hochkroch. Nur erklären konnte ich es nicht, ich habe keine Bilder dazu, nur das Gefühl der Panik und des verlassen und verloren sein. Auch an die Kinderkrippe kann ich mich nur Bruchstückhaft erinnern. Ich weiß das ich dort nicht gerne hinging, das ich sehr verunsichert war und mich die anderen Kinder gehänselt haben. Ich habe auch Angst gehabt vor der Kinderkrippe. Wesentlich konkretere Erinnerungen habe ich ab dem Zeitpunkt des Umzuges aufs Land. Ich weiß wie ich dort in der Straße meinen ersten Spezl kennen gelernt habe. Ich kann mich gut an dessen Opa erinnern, der mit uns Baumhäuser baute oder uns alles mögliche zeigte. Ich kann mich daran erinnern es genossen zu haben, alleine auf der Straße, eine Sackgasse die im Wald endete, spielen zu können. Dort in diesem Zeitabschnitt meines Lebens verlieren sich kurz die schrecklichen Bilder und Gefühle. Sie kamen zurück zu einem Zeitpunkt wo ich in die Schule kam. Irgendwann setzen diese schrecklichen Gefühle wieder ein. Ein neues Gefühl kam dann hinzu. Scham, ich habe mich geschämt für meine Mutter, für sie und meine komische Familie. Schlimm genug wenn man am Land ein „Zugezogener“ aus der Stadt ist. Aber dann auch noch Eltern zu haben bei denen die Mutter keinen Pfennig Geld in die Hand bekommen durfte. Irgendwann habe ich das begriffen warum das so war, damit sich meine Mutter kein Bier oder Schnaps kaufen konnte. Ich habe mich geschämt dafür, das bei uns zu Hause nichts so war wie bei anderen und ich war auch traurig darüber, das es bei uns nicht so war. Das ich nicht von meinen Eltern in die Schule gebracht wurde. Das ich meiner besten Freundin kein Geburtstagsgeschenk kaufen konnte, weil mein Vater geschäftlich unterwegs war und kein Pfennig Geld im Haus war. Das ich eine Verabredung nicht absagen konnte, weil das Telefon abgesperrt war und man nicht raustelefonieren konnte. Für all das habe ich mich geschämt und natürlich haben sich viele über mich gewundert, warum ich mich so komisch verhalte manchmal. Ich konnte es ihnen nicht ehrlich erklären. Es war außerhalb der Familie ein Tabuthema. Ich habe mich geschämt, wenn wir irgendwo eingeladen waren, weil meine Mama das immer benutzt hat um sich einen Rausch anzusaufen, ohne das mein Vater viel dazu sagen konnte. Das konnte man ja nicht in der Öffentlichkeit breittreten, er hat sich auch geschämt. Er war es leid zu erklären, sich zu entschuldigen für meine Mutter. Das ist mir heute auch klar. Als Kind habe ich das alles nicht verstanden. Ich habe nur verstanden, das sich meine Mutter manchmal aufführte wie eine Irre. Und mein Vater dann mit ihr aufs heftigste gestritten hat. Das schlimme daran war, das ich natürlich meine Eltern geliebt habe. Besonders meine Mutter, denn sie ist einer der liebsten und herzlichsten Menschen wenn sie nüchtern ist. Nur zu dieser Zeit war sie das selten. Sobald mein Papa weggefahren ist, und er war oft weg als Handelsreisender, hat sie sich irgendwie etwas zu trinken besorgt, wie auch immer zu welchem Preis auch immer. Sie hat sich einladen lassen, sie hat geklaut, sie hat alles getan um an Stoff zu kommen. Dann hat sie die Flaschen im Speicher versteckt. Irgendwann ist mein Vater auf ihr Lager gestoßen, da ist die Hölle losgebrochen bei uns zu Hause. Ich kann mich nicht mehr erinnern wie alt ich damals gewesen sein muss, aber das war noch mal ein fürchterlicher Wendepunkt in meinem Leben. Wenn es davor schon schlimm war meine Mutter in Ihrem Zustand zu ertragen, so wurde es jetzt eine Zereißprobe für meine Seele. Mein Vater hat mich in seinen Kampf rekrutiert zum Oberaufseher, er hat mich in die Verantwortung genommen, darauf Acht zu geben das meine Mutter nicht trinkt, wenn er wegfährt. Ab diesem Zeitpunkt war es vorbei mit jeglicher Kindheit. Ich habe es natürlich nicht geschafft sie vom trinken abzuhalten. Ich habe es nicht geschafft und ich habe mich auch noch verantwortlich gefühlt, weil ich es nicht geschafft habe. So ging das jahrelang, meine ganze Kindheit. Ich glaube das sich mein Papa auch von meiner Mutter öfter mal trennen wollte, weil sie so viel getrunken hat. Ich weiß nicht was passiert wäre wenn er es getan hätte. Aber er hat es nicht und ich glaube trotz allem was er mir zugemutet hat das nur er es war der mich davor bewahrt hat in ein Heim zu kommen oder sozial auf Niederstes Niveau abzurutschen. Auch als Kind war mir das irgendwie klar das ich meinen (Stief)Vater ganz dringend zum überleben brauche, auch wenn ich mir oft gewünscht habe, er würde einfach gehen und uns in Ruhe lassen. Aber ich glaube nie ernsthaft. Was ich rückwirkend mir gewünscht hätte, wäre das er seine Kraft darauf konzentriert hätte, das meine Mama in eine Entziehungsklinik geht. Mit allen Mitteln, sie war mal ein paar Tage weg, aber ich habe damals nicht gewusst wegen was. Ich bin mir nicht sicher ob sie da in einer Therapie war. Jedenfalls nicht lange. Es gab so viele dunkle Seiten an meiner Mutter. Es sprach so viel Leid aus ihren Augen, wenn sie getrunken hatte und sich ihrer Depression hingab. Sie hatte keine schöne Kindheit, daran gibt es keinen Zweifel. Bevor sie zur Welt kam, hat sich ihr Vater umgebracht wegen ihr. Er war mit einer anderen verheiratet und kam mit der Scham wohl nicht zurecht. Meine Großmutter gab sie in eine Pflegefamilie, wo sie dafür bezahlte das die Leute ihre Tochter großziehen. Und jeden Sonntag musste sie ihre Mutter besuchen. In diesem Umfeld vom tiefsten katholischen Niederbayern war sie evangelisch. Eine Katastrophe zu der Zeit mit dem schlimmsten „Außenseiter-Dasein“. Sie hat viele Narben davon getragen, sie hat auch nie gelernt damit umzugehen. Ich glaube bis heute nicht. Sie wird genauso irrational wie ich das kenne wenn Gefühle auftauchen die denen ähnlich sind wie denen wo man eine tiefe seelisch Narbe hat. Als Kind hatte ich mehr Mitleid mit ihr als mit mir selbst. Ich war ein starkes Kind, ich musste es sein. Und ich hätte diese Stärke niemals gehabt ohne zwei Dinge die mir als Kind die einzigen zuverlässigen Wurzeln gaben. Das eine war mein geliebter Perserkater Bobbi. Er war all das was ich auch mal sein wollte. Stark, mutig, liebevoll, kritisch gegen Fremde, herzlich zu seinen Freunden. Mein Papa hat diesen Perserkater noch in Schwabing von einer Nachbarin meiner Großeltern geholt. Die alte Frau musste ins Krankenhaus und konnte sich nicht mehr um ihn kümmern. Mein Papa holte ihn aus dem Tierheim, weil der Kater sonst eingeschläfert worden wäre. Dieser Kater war sein Leben lang in einer kleinen Wohnung eingesperrt und verhätschelt worden. Als wir ihn bekamen, zogen wir bald um aufs Land und da versteckt unter all den Überzüchteten, unter den jahrelangen Anpassen an eine unnatürliche Umgebung kam plötzlich die ursprüngliche Wildnatur dieses Katers zum Vorschein. Es war der wildeste Kater, der furchtloseste, der mutigste, der stärkste. Er war mein Aufpasser, er kam mir auf dem Heimweg von der Schule entgegen, er wartete auf mich. Ich habe ihn geliebt, diesen wilden unangepassten Kater. Irgendwie passte er nicht in den Wald, mit seiner gezüchteten Stupsnase und seinen langen Fell. Und doch war er wohl in diesem Wald endlich frei geworden , nicht mehr abhängig von einem andern der ihn Abwechslung und Fressen bietet. Genau wie ich. In gewisser Weise war er mein Vorbild und ich hatte eine unheimlich Verbindung zu ihm. Wie eine Seelen-Verwandtschaft. So bewusst hätte ich das als Kind natürlich nicht in Worte fassen können, aber das macht es nicht weniger wahr. Dieser Kater war mein Seelenverwandter. Der Beschützer meiner Seele und mein Trost wann immer ich traurig war. Bobbi konnte keine Kinder leiden, weil sie ihm zu laut waren. Trotzdem habe ich ihn oft weghuschen sehen im Wald wenn ich mit meinen Freunden spielte. Er hat nach mir gesehen, ob es mir gut geht. Für eine Katze ist das ein ungewöhnliches Verhalten. Ich weiß das er ohne zu überlegen auf jeden Schäferhund losgegangen wäre, wenn dieser mich bedroht hätte. Er war ein Teil meines väterlichen Beschützers, den ich irgendwie nur bruchstückhaft in verschiedenen Teilen gefunden habe. Meine „Mutterfigur“ war ebenso zerrissen, ich fand sie zum Teil in meiner eigenen Mutter, zum Teil in der Natur. Meine Mutter war in vieler Hinsicht eine ganz und gar hervorragende Mutter. Eine die einen niemals belügt indem sie einem eine Welt vorgaukelt in der alles „Friede, Freude, Eierkuchen“ ist. Eine die mich liebte, die mir half die Welt zu verstehen, die mich nicht überbemutterte. Ich liebe meine Mutter sehr, das einzige was sie zur unstabilen Säule für mich machte, war ihre unglaubliche innerliche Schwäche. Diese Schwäche trieb sie in die Sucht. Diese Ablehnung die sie ihr Leben lang erfahren hatte, trieb sie dazu. Es ist schrecklich als Tochter zusehen zu müssen wie schwach und gleichzeitig stark die eigene Mutter ist. Wie sie immer wieder im gleichen Muster in die Ablehnung lief. Wie sie die Ablehnung geradezu heraufbeschwor indem sie sich immer mit den falschen Menschen umgab, oder absichtlich einen Streit vom Zaun brach. Ich kann es heute in Worte fassen, warum sie das tut. Als Kind war es mir einfach unbegreiflich, warum man sich selbst so quält. Heute weiß ich, das sie nicht anders konnte um den inneren Druck abzubauen. Ich habe solche Ventile auch, nur zum Glück sind sie anderer Art und zum Glück sind sie mir bewusst. Zum Glück für mein weltliches Dasein war mein Papa da, der dafür sorgte das ich mit Ihnen aufs Land kam. Mir ist es heute vollkommen klar, das er das damals tat, weil er hier in der Einöde meine Mutter besser kontrollieren konnte als in einer Großstadt wie München, in der es an jeder Ecke eine Kneipe war. Und man sich überall Geld und damit Alkohol besorgen konnte. Gewissermaßen war es eine Quarantäne. In der Sackgasse, wo man kaum ohne Auto wo hinkam. Und meine Mutter hat keinen Führerschein. Wo man nicht mal eben so einen kleinen Nebenjob bekommt ohne das jemand etwas merkt. Das war sein Plan. Nun so ganz ist er dann doch nicht aufgegangen. Das zweit in meiner Kindheit was mir die Stärke gab, das zu überstehen war ohne Zweifel der Wald. Dieser Wald der nicht wirklich bewirtschaftet würde. Er war wild wie ein Nationalpark, beinahe unbeeinflusst von den Menschen. Es war mein einziges Paradies, mein Leben, meine Zuflucht, meine starke Mutter, mein mitfühlender Vater, meine Festung ohne Mauern. Hier fingen die Geheimnisse an und doch wusste ich alles einzuordnen. Ich hatte niemals Angst in diesem Wald weder nachts noch tagsüber. Egal wie oft ich in Gefahr war, dieser Wald beschützte mich, er hätte mir nie etwas zu leide getan. Ich brauchte diesen Ausgleich dringend, sooft wie es nur möglich war, bin ich in diesem Wald verschwunden oder später auch an den nahegelegenen Fluss geradelt. Ich habe die Maisfelder geliebt, die wilden Felder voller Schneeglöckchen, die Blaubeersträucher, die Gewitter, den Wind wie er die Bäume bog und die Blätter rauschen lies, die Sonne wie sie durch die Bäume blitzte. Das alles hat meine Seele gerettet, das alles hat verhindert das ich meine Seele einfach genommen habe und weggesperrt, auf nimmer wiedersehen. Ich habe mich niemals verloren, auch im größten Schmerz war sie immer da meine Seele. Sie hat mich nicht allein gelassen. Das alles hat sie nur ausgehalten, weil ich diesen Wald, diese Umgebung und diesen Kater hatte. Wer etwas ähnliches erlebt hat weiß genau von was ich rede. Entweder Du gehst unter oder Du versuchst alles damit Du schwimmen lernst, bevor sie Dich das nächste Mal ohne Vorwarnung ins Wasser schmeißen. So ist das Leben. Manche werden drogensüchtig, andere geistig abwesend von dieser Welt, wieder andere aggressiv, manche sogar kreativ. Die meisten jedoch kapitulieren und sperren ihre Seele einfach ein. Es ist so traurig, wenn ich daran denke, wie viele Kinder solche und schlimmere Dinge durchmachen und keinerlei Möglichkeit haben körperlich zu fliehen, was sollen sie tun außer seelisch zu fliehen. Es gibt keine andere Möglichkeit, in solch einer Situation kann man nur fliehen. Das ist nicht nur natürlich sondern auch notwendig. Ich bin vor meinem „Zuhause“ in den Wald geflüchtet. Manchmal hat mein Vater auch mitgetrunken dann war es am schlimmsten. Das war zuerst immer wahnsinnig lustig für mich, weil es so entspannt war. Doch dann brach eigentlich immer die Hölle aus. Sie haben sich immer dermasen in die Haare bekommen das A... noch ein Kosename war oder sie sind entweder gemeinsam abgehauen und haben woanders weitergesoffen und haben mich einfach allein gelassen. Ich kann mich erinnern, das meine Eltern auch manchmal körperliche Auseinandersetzungen hatten. Ich weiß nicht wer dabei schlimmer zugerichtet war meine Mutter mit der aufgeschlagenen Lippe, weil sie gegen die Tür geschupst wurde oder mein Vater dem meine Mutter den Schöpflöffel über den Kopf geschlagen hat. Ich erzähle das so als wäre es lustig, doch das war es wirklich nicht. Es ist nicht lustig, wenn der Vater im Streit mit der Mutter sagt es reicht ihm, er verlässt sie nun und dann verschwindet. Meine Mutter ist ihn zuerst nachgerannt um ihn aufzuhalten, als mein Vater einfach fuhr ist sie zum Saufen gegangen. Ich bin Ihnen nachgerannt aber es hat niemanden intressiert, ich bin stundenlang verzweifelt und weinend im Flur unserer Wohnung auf und ab gelaufen. Das ist nicht lustig wenn man 7 Jahre alt ist und nicht weiß ob jemals einer der Eltern zurückkommt oder nicht! Es ist nicht lustig wenn die Eltern über Tage nicht miteinander reden, weil die Mutter getrunken hat und der Vater sauer ist.

Noch eine Anmerkung, mein (Stief)Vater ist bis heute mit meine Mutter verheiratet. Ich hoffe Euch damit nicht überstapaziert zu haben. Und würde mich freuen wenn ich damit auch nur einem von Euch geholfen habe, Euch die Augen für das Leid der Kinder von Alkoholkranken oder für Euer eigenen Leid geöffnet habe.

Alles Liebe


Martl

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