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HeuteEinfachLeben

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum.
Ein neues Thema bitte erst ab ein Jahr Trockenheit eröffnen.
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Manfred
sehr aktiver Teilnehmer
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Registriert: 15.12.2009, 19:25

HeuteEinfachLeben

Beitrag von Manfred » 22.06.2012, 11:04

HeuteEinfachLeben

So lautet mein Fazit aus den letzten Jahren der Reflektion.
Klingt wie eine Phrase. Ist es auch.

Deshalb werde ich es im Folgenden mal ein wenig für mich (und für die, die es interessiert) aufdröseln.

Wenn es komplex wird (und was gibt es Komplexeres als Menschen, und ihren Bezug zu ihrer UmWelt), dann neigen wir ja dazu eine einfache Lösung anzustreben.
Ganz so einfach ist es aber für mich nicht.

Gefühle und Bedürfnisse

Wo kommen die Gefühle her?

Sie entstehen aus erfüllten oder unerfüllten Bedürfnissen.

Und wo kommen die Bedürfnisse her?

Das ist für mich schon schwieriger zu beantworten.
Ein gewisser Herr Maslow hat dazu mal eine (Bedürfnis)Pyramide entwickelt.
Das ist schon eine ganz gute Orientierung, wie ich finde.

Spannend und interessant wird es, wenn ich meinen Bedürfnissen auf den Grund gehe.
Wie so viele bin ich auch in einer sogenannten dysfunktionalen Familie aufgewachsen.
Dem voran ging noch ein Geburtstrauma, das mich in den ersten Monaten von meiner Mutter trennte und mit frühen Erstickungsängsten (Fruchtwasser in der Lunge) verknüpft war.
Diese frühen, prägenden Erlebnisse wirken sich bis heute auf meine Bedürfnisse aus.

Lange Zeit (auch in meiner trockenen Lebenszeit) konnte ich weder meine Bedürfnisse wahrnehmen und benennen noch hatte ich eine Strategie um sie mir zu erfüllen. Das fällt mir auch heute noch schwer.

Um mal ein Beispiel zu nennen:
Mein Bedürfnis nach emotionaler und körperlicher Nähe, und auch mein Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft.

Ich weiß nicht nur, dass ich diese Bedürfnisse habe, ich kann sie mittlerweile auch benennen und fühlen.
Mit der Erfüllung habe ich immer noch meine Schwierigkeiten.

Das hat sicher auch mit dem mangelnden Gefühl für meine Identität zu tun. Eine frühkindliche positive Spiegelung „So wie Du bist, bist Du in Ordnung“ habe ich nicht erlebt.
Das hat sich zwar im Laufe meiner Trockenheit schon gebessert, aber der Prozess der Identitätsfindung hält noch an.

Lange Zeit habe ich meine Bedürfnisse gar nicht wahrgenommen und demzufolge konnte ich sie auch nicht benennen, geschweige denn eine gesunde Strategie zur Erfüllung finden.

Angefangen zu trinken habe ich mit ca. 14,15 Jahren, bis zum endgültigen Zusammenbruch und damit zum Wendepunkt hat es 15,16 Jahre gedauert.
Mit Alkohol habe ich unbewusst versucht alle meine Bedürfnisse entweder zu betäuben oder (scheinbar) zu erfüllen. Das ging (so habe ich es damals empfunden) so bis Anfang 20 gut. Ab diesem Zeitpunkt dämmerte es mir so langsam, dass ich Alkohol nicht kontrolliert trinken kann, und dass ich damit mehr zerstöre als aufbaue.
Der „Schutzmantel“ Alkohol entwickelte sich nach und nach zur „Zwangsjacke“.

Heute weiß ich (und kann es auch annehmen), dass es zum Leben dazugehört, dass nicht alle Bedürfnisse jederzeit und immer sofort zu erfüllen sind.
Es ist und bleibt meine Aufgabe weiterhin nach Wegen zu suchen, wie ich mit meinen Bedürfnissen umgehe.
Und zwar so, dass ich andere Menschen dabei nicht benutze und/oder missbrauche.
Nicht weil ich so edel, hilfreich und gut sein will. Nein. Weil ich mich freier und unbelasteter fühle, wenn ich ehrlicher und offener mit mir und anderen Menschen umgehe.
Mir gelingt das nicht jeden Tag gleich gut, und ich bin sicher auch immer wieder mal unfair, unsensibel und missachtend unterwegs, aber ich bin verantwortlich dafür was ich weiß und was ich erlebt habe.
Das nicht zu vergessen, das ist einer der wichtigsten Gründe für mich, mich immer wieder zu hinterfragen.

Die alten Muster, die mich so tief geprägt haben, dass sie auch heute noch nachwirken, die möchte ich weiterhin Stück für Stück auflösen.

Wenn ich manchmal bei anderen lese, dann habe ich den Eindruck (und es kann ja nur ein Eindruck sein, denn wissen bzw. nachfühlen was andere erleben und fühlen kann ich ja grundsätzlich nie), dass es ihnen leichter fällt im Umgang mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen.
Da bin ich dann schon manchmal auch neidisch und denke: „Ach Mensch, ich hätte es auch gern mal etwas leichter“.
Aber letztlich ist es ja m.E. so: Es gibt halt unterschiedliche innere + äußere Fundamente.
Und ich habe nun mal die meinen, mit denen ich ja nun auch schon 23 Jahre Trockenheit „getragen“ habe.
Da knirscht es zwar hin und wieder auch im Gebälk, aber insgesamt fühlen sie sich doch recht stabil an, soweit ich das überhaupt einschätzen kann.

Trocken zu leben ist für mich in erster Linie keine Frage des Wissens, es ist vielmehr eine Frage des „Überhaupt-Leben-Wollens“.
Alles andere baut sich für mich darauf auf.

Das mag jetzt alles etwas formalistisch klingen.
Es ist auch nicht so, dass ich mich in jeder Situation frage: was fühle ich jetzt gerade? Welche Bedürfnisse stehen dahinter? Was ist jetzt meine Strategie?
Aber für mich wird durch diese Herangehensweise vieles etwas „greifbarer“.


Ich werde hier in unregelmäßigen Abständen etwas über mich, meine Gedanken, meine Gefühle, meine Bedürfnisse und meine Erlebnisse schreiben.

Liebe Grüße an alle und ein herzliches „WinkeWinke“ hinüber in den geschlossenen Bereich.
Manfred

uwe.rothaemel
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Beiträge: 540
Registriert: 26.05.2010, 16:15

Beitrag von uwe.rothaemel » 22.06.2012, 13:09

Hallo Manfred
Schön dich hier zu haben. Ich freue mich auf Deine Gedankengänge, die meines Erachtens aus einem klaren nichtverzerrten Spiegel heraus reflektiert werden.
Ein einfach ge(er)lebtes Wochenende – Uwe.

silberkralle
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 7193
Registriert: 04.12.2009, 13:40

Re: HeuteEinfachLeben

Beitrag von silberkralle » 22.06.2012, 15:15

glück auf manfred
Manfred hat geschrieben: Ich werde hier in unregelmäßigen Abständen etwas über mich, meine Gedanken, meine Gefühle, meine Bedürfnisse und meine Erlebnisse schreiben.
da freu ich mich schon drauf.

schöne zeit

:D
matthias

zerfreila
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Registriert: 01.01.2009, 20:41

Beitrag von zerfreila » 22.06.2012, 15:51

Hallo Manfred,

ich schätze Deine Betrachtungen und Gedanken sehr, sie wirken sehr klar und reflektiert. Da kann ich 'was mit anfangen für mich. Danke.

Ich freue mich, dass Du jetzt hier im offenen Bereich von Zeit zu Zeit schreiben wirst. Liebe Grüße, zerfreila

Linde66
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 18675
Registriert: 08.10.2008, 23:13

Beitrag von Linde66 » 22.06.2012, 21:29

Hallo Manfred,

schön dich weiterlesen zu dürfen. :)

Liebe Grüße, Linde

viola
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Beiträge: 15651
Registriert: 04.01.2010, 12:16

Beitrag von viola » 22.06.2012, 22:15

Lieber Manfred,

schön von dir zu lesen.
Ich schätze deine reflektierte und selbstkritische Art zu schreiben.

LG viola

Samsara
sehr aktiver Teilnehmer
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Registriert: 28.07.2008, 20:19

Beitrag von Samsara » 23.06.2012, 09:41

Lieber Manfred,

auch ich freue mich, Dich hier mit Deinen klaren und gut reflektierten Gedanken weiterlesen und begleiten zu dürfen.

Ich kann viel damit anfangen, weil *bewusst einfach leben* für mich nicht nur eine Phrase ist. Ich habe ein ähnliches Lebensmotto, das ich als sehr sinnerfüllend und für mich heilsam erlebe.

Alles Gute für Deinen Weg,

Samsara

Manfred
sehr aktiver Teilnehmer
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Beitrag von Manfred » 24.06.2012, 11:02

Hallo Uwe, Matthias, zerfreila, Linde, Viola und Samsara,
vielen Dank für Euren Besuch und Eure freundlichen Worte.
Schön, dass Ihr da seid. :D

Nachdem ich jetzt hier seit mittlerweile ca. 2,5 Jahren schreibe, fühle ich eine Verbundenheit mit den hier aufscheinenden Namen bzw. mit den Menschen, die sich dahinter befinden.

Kontinuität ist ja bei einem so flüchtigen Medium wie das Internet und einer Krankheit wie Alkoholismus/Sucht nicht selbstverständlich.

Kontinuierlich und beharrlich an einem Thema dranbleiben, mit der Bereitschaft auch mal die Perspektive zu wechseln, das war und ist für mich eine gute Grundlage um trocken zu bleiben.

Einen schönen Sonntag allerseits!

LG Manfred

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