Risikominimierung konkret

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit
Linde66
Moderatorin
Moderatorin
Beiträge: 18669
Registriert: 08.10.2008, 23:13

Risikominimierung konkret

Beitrag von Linde66 » 19.12.2016, 15:15

Hallo,

hier im Forum wird immer wieder von Risikominimierung gesprochen.

Was bedeutet das für euch? Wie sieht eure Risikominimierung konkret aus?

Hier in diesem Thread können wir bewährte Vorschläge sammeln, damit jeder User auf die Schnelle (z. B. bei akutem Saufdruck) Tipps zum Nachmachen finden kann.

Viele Grüße, Linde

kamarasow
neuer Teilnehmer
Beiträge: 89
Registriert: 20.10.2016, 11:35

Beitrag von kamarasow » 20.12.2016, 16:56

Hallo,
ich bin alkoholkrank und seit ca. 10 Wochen abstinent.
Ohne einen wissenschaftlichen Hintergrund zu kennen oder Bücher über die Krankheit gelesen zu haben: Risikominimierung bedeutet für mich ganz konkret die Vermeidung des Suchtdruckauslösens (triggern). Demnach ist jede Situation die triggert ein Risiko. Um die Trigger vermeiden zu können, muss man sich aber erstmal bewusst werden, wann und wo sie bei einem ausgelöst werden.

Bisher konnte ich verschiedene Triggerauslöser feststellen:
a) visueller Trigger (Alkohol sehen; bspw: Werbung, Geschäfte)
b) situativer Trigger (Alkoholgewohnheiten; bspw: nach Sport, am Abend; Weihnachtsfeiern; Stadion)
c) thematischer Trigger (Thema Alkohol allgemein; bspw: Lesen im Forum, in Gesprächen)
d) Grundlasttrigger (ständiger Begleiter; bspw: Spuckebildung ohne ersichtlichen Grund)

Risikominimierung bedeutet dann für mich ganz konkret o.g. Orte und Situationen weitestgehend zu vermeiden oder zu verändern. Das einzige worauf ich keinen erkennbaren Einfluss habe, ist (d). Hier wird die Zeit wohl helfen.

zu a) Hier wird bewusst vom Weinregal beim Einkauf weggeschaut. Motto: Aus dem Auge aus dem Sinn. Werbung wird umgeschaltet. Adblocker im Internet. Weingläser aus Glasschrank entfernt.
zu b) Da der Sport ein wesentlicher Baustein für meine Zufriedenheit ist, ist mit Sport aufzuhören keine Option. Nach dem Sport belohne ich mich daher mit Zuckergetränken oder viel Wasser. Das hilft. Gewohnte Geselligkeiten, bei denen Alkohol getrunken wird, werden meist gemieden. Bisher aber noch nicht konsequent, da ich auch Geselligkeit zur Zufriedenheit benötige.
zu c) Hier bin ich mir aktuell nicht sicher. Offenheit ist zwar gut, aber manchmal ist das Thema auch eine psychische Belastung. Vor allem dann, wenn das vertraute Gegenüber ziemlich unreflektiert zur Alkoholkrankheit steht. Vermutlich muss das jeder für sich herausfinden, welches Maß gut ist. Der Vorteil an der Krankheit ist, man erkennt relativ schnell richtige Freunde.

Soweit meine Beobachtungen und Erfahrungen.

Viele Grüße
kamarasow

Barthell
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 1018
Registriert: 24.04.2016, 14:36

Beitrag von Barthell » 20.12.2016, 17:13

Was heisst Risikominimierung für mich Konkret?
Es ist irgendwie die "Summe" aller Maßnahmen, lässt sich schlecht allgemein hinschreiben, darum gebe ich ein paar Beispiele:

- Vorrausschauend Denken, wenn ich ein Hotel buche direkt dazu sagen, dass es Alkoholfrei sein soll bzw. die Minibar ganz leer.
- Anlässe bei denen Alkohol konsumiert wird meiden
- Situationen meiden bei denen man früher getrunken hat
- Alkoholfreies Umfeld herstellen

Wenn sich der Suchtdruck meldet hilft mir:
- ganz viel Wasser trinken
- mir immer wieder sagen "es geht vorbei"
- laufen (Sport allgemein, aber Laufen kann man halt IMMER und SOFORT gehen)
- Ablenken, Telefonieren z.B.
- Den Suchtdruck als solchen identifizieren/benennen: "Das ist jetzt die Sucht die sich meldet, das ist nischt schön, aber unvermeidbar, na und, das halte ich jetzt aus"

Hans im Glück
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 2450
Registriert: 16.10.2014, 16:48

Beitrag von Hans im Glück » 23.12.2016, 16:13

Risikominimiierung bedeutet für mich:

Mich selbst im Auge haben. Rücksicht nehmen auf mich.

Die Risiken wandeln sich im Laufe der Jahre.

Heute kann ich Dinge tun, die ich vor 2 Jahren vermieden hätte.

Das heißt nicht, ich wäre weniger achtsam.
Aber ich habe jetzt verschiedene Situationen erlebt, in denen meine Aufmerksamkeit gefragt war und die ich überstanden habe, ohne zu trinken.

Ich nehme die Alkoholika im Supermarkt nicht mehr mit der Präsens wahr, die ich vor 2 Jahren erlebt habe.
Ich kann an der Kasse stehen, ohne mir einen Flachmann auf's Band zu legen.

Auch weiterhin ist die Wohnung alkoholfrei und wird sie auch bleiben.

Auch weiterhin bin ich an dem Thema Alkohol dran und beschäftige mich damit täglich.

Ich beobachte den steten Versuch meines Suchtgedächtnisses, die alkoholische Vergangenheit im Nebel der Vergangenheit verschwinden zu lassen.
Und damit den Weg frei zu machen, sich ein Glas Rotwein schön zu reden.

Und vorallem: Ich muss das Alles nicht allein bewerkstelligen.
Ich kann mich hier austauschen und bin in diesem Austausch wieder geerdet: ich erkenne immer wieder, von wo ich komme.

Aus der Verzweiflung des nassen Alkoholiker's.

Diesen Weg will ich nicht zurück gehen.

Liebe Grüße
Hans

Thalia1913
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 3629
Registriert: 27.06.2014, 10:50

Beitrag von Thalia1913 » 23.06.2017, 11:39

Hallo Linde,

Gestern sah ich eine Dokumentation über einen fünf Jahre trockenen Alkoholiker, der rückfällig wurde, indem er eine Flasche Wein, die im Kühlschrank war, "einfach nahm und austrank". Das bestärkt mich in meiner Form der Risikominimierung, deren vielleicht wichtigster Pfeiler ein alkoholfreier Haushalt ist, und auch ein möglichst alkoholarmes Umfeld. Auch noch nach Jahren der Abstinenz.

Linde, du fragst in deinem Eingangspost auch nach einer Sammlung von Maßnahmen "auf die Schnelle", zum Beispiel für Situationen mit akutem Suchtdruck. Das würde ich eher als "Notfallkoffer" sehen. (Vielleicht als separater "Aufhänger"?)

Viele Grüße
Thalia

Thalia1913
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 3629
Registriert: 27.06.2014, 10:50

Beitrag von Thalia1913 » 23.06.2017, 11:41

P.S. Ich seh gerade, "Aufhänger Notfallkoffer" haben wir hier ja schon. :)

kossi
neuer Teilnehmer
Beiträge: 341
Registriert: 08.01.2010, 18:16

Beitrag von kossi » 05.02.2018, 09:21

Für mich heißt Risikominimierung, Achtsam sein. Achtsam durchs Leben gehen, wissen wo bin ich gerade, was mache ich gerade?
In der Gegenwart Leben, fällt mir schwer, ist aber wichtig für mich.
Mich ständig reflektieren wo oder was ist gefährlich für mich?
Offen mit meiner Krankheit umgehen. Ich lebe in einen Dorf und habe auch in deren Gemeinde gearbeitet, hier weiß sowieso jeder bescheid über meine Erkrankung, also kann ich auch offen sein.
Offen in meiner Familie sein, zu sagen was mir gerade nicht gut tut. auch Sucht druck zu benennen, so das zB. meine Frau bescheid weiß, was mit mir gerade los ist.
Wenn es nicht anders geht Hilfe holen, Hilfe annehmen.
Ist der Sucht druck zu groß, kann man auch in die Klinik gehen und zwar bevor ich zur Flasche greife.
Meine Ärzt und Psychologin wissen sowieso über mich Bescheid, aber auch bei anderen Ärzten oder Krankenhausaufenthalten bin ich offen über meine Abhängigkeit, hat mir bis jetzt geholfen.

Liebe Grüße
Wolfgang

silberkralle
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 7185
Registriert: 04.12.2009, 13:40

Beitrag von silberkralle » 05.02.2018, 09:51

glück auf

1. absolut alkfreie wohnung !!
2. jeder/jedem, mit der/dem ich länger als 1 minute zu tun hab sagen, dass ich trockener alkoholiker bin !
3. "notfallkoffer" guckstdu dort.


schöne zeit

:D
matthias

Antworten