Diskussionsthema: Dem Alkohol aus dem Weg gehen oder nicht

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit
garcia
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 1175
Registriert: 20.01.2012, 20:54

Beitrag von garcia » 24.06.2017, 20:06

Es ist alles ein bisschen entspannter geworden, aber richtig entspannt wurde es nie. Nicht so als hätte ich nie getrunken.

Supermärkte mit ihren Bierdosenmonumenten sind mir heute egal (in den ersten Monaten hab ich meine Lebensmittel in türkischen Gemüseläden gekauft da war ich sicherer).

Griechische Restaurants meide ich bis heute. Da gehörten Weizen und Ouzo immer dazu. Einmal hab ich das gemacht, nach 2 Jahren Abstinenz, mit Apfelschorle, und eine Woche später wäre ich gern nochmal hin aber dann “richtig“... war mir eine Lehre. Heute mach ich mir meinen überbackenen Feta eben selber :-)

Ich lasse die Weihnachtsfeiern im Beruf aus. Die Kollegen wissen warum. Die bechern da gerne. Dürfen sie auch. Aber ich muß es nicht angucken. Mich nerven Menschen auf Pegel, ich nehme es ihnen nicht übel, aber ich ticke da heute anders.

Ein alkfreies Zuhause ist eh fundamental. Und sonst hab ich Glück... ich bin gern allein, gern in der Natur und hab eh einen Lebensstil in dem Alkohol keinen Raum hat. Das hat sich so entwickelt. Ich hab selten das Gefühl auszuweichen. Liebe Thalia, du bist ja auch Hamburgerin deshalb werd ich mal konkret... auf dem Kiez bin ich niemals. Im Duvenstedter Brooks aber mindestens einmal die Woche :-) auch im November...

Ich glaube nicht daß Ausweichen auf die Dauer eine Lösung ist, aber am Anfang (ein Jahr vielleicht ) notwendig. Wenn man dann neue Gewohnheiten entwickelt wird man finden was guttut. Dann muß man nicht mehr ausweichen. Dann lebt man eben woanders. Das ist ein sehr schönes Gefühl, ein Geschenk. Braucht aber etwas Geduld

LG

kaltblut
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 5507
Registriert: 20.06.2006, 17:01

Beitrag von kaltblut » 25.06.2017, 08:07

Hallo Thalia,

als ich feststellte, dass ich abhängig war, da war ich ja als „nur“ Coabhängiger hier im Forum. Weder das eine, noch das andere konnte ich einfach loswerden und da lag es für mich auf der Hand, denen, die hier die Regeln aufgestellt hatten, ohne Wenn und Aber zu folgen. Ohne Regeln, ohne Änderung meiner Einstellung, also einfach etwas zu tun, ohne zu hinterfragen, ging das nicht.

Das Abstellen des Labereffektes und einfach konsequent etwas tun, hat dann vieles geändert.

Das ist auch heute noch so. Ich wüsste nicht, warum ich nochmals Alkohol trinken sollte, aber Freunde, also die Menschen aus meinen Umfeld, die Wissen nicht was Alkohol anrichten kann, die vergessen sogar was alles mit mir passiert ist, warum, weshalb und verdrängen das gerne.

Ganz am Anfang, da haben es die Freunde gut mit mir gemeint und wollten mir klarmachen, dass ich keine Probleme hätte und mich ganz einfach heilen, indem ich was trank. Die wussten es nicht besser und ich bin drauf reingefallen. Der Ursprung war, dass ich mich von den Freunden nicht rechtzeitig verabschiedet hatte, als ich noch konnte.

Ich sein, beinhaltet auch anders sein, dazu muss ich ändern und ändern hat immer mit Scham und Angst zu tun, also mit Auslösern, die wie eine Zündschnur, die nur brennt, bis was hoch geht. Je weniger Risiko, je größer ist die Chance, dass nichts hochgeht.

Wenn Du also an 365 Tagen 10 Gefahrenquellen mehr hast, dann ist im Laufe eines Jahres die Möglichkeit rückfällig zu werden 3650 Mal größer. Warum sollte ich mich dem aussetzen? Wie schnell ist ein Jahr rum?

Rechne einmal zusammen, wie viele auslösende Gefahrenquellen es gibt, mal 365 Tage, mal 10 Jahre.

Heute stehen ganz andere Dinge bei mir um Vordergrund, aber dieser gewaltige Risikoapparat hat mich nicht zusätzlich belastet.

LG Karl

Thalia1913
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 3631
Registriert: 27.06.2014, 10:50

Beitrag von Thalia1913 » 25.06.2017, 09:39

Vielen vielen Dank für die Diskussionsbeiträge bzw. wertvollen Erfahrungsberichte bis hierher!

Ich kam auf die Fragestellung durch die Angst einer relativ frisch Abstinenten in meinem Umfeld, sie könnte, wenn sie den Alkohol meidet, sozusagen unvorbereitet sein, wenn sie dann doch mal in eine Situation gerät, in der getrunken wird, und dann nicht "gelernt" haben, damit umzugehen und, wie sie sagte, zu "widerstehen.

Viele eurer Beiträge haben mir nochmal deutlich gemacht, dass es durch die wachsende, auch innere Distanz zum Alkohol (irgendwann) nicht mehr darum geht, zu "widerstehen".

Das hier finde ich auch gut:
Penta hat geschrieben:die Dinge anders zu machen als vorher,
Das ist etwas, an das ich mich auch heute nach dreieinhalb Jahren trockenem Leben noch manchmal erinnern darf, wenn ich wieder in alte Fahrwasser rutsche. So, wie ich früher gelebt habe, habe ich getrunken. Jetzt lebe ich anders.

Schönen Sonntag Euch allen, und denen, die hier lesen.

Thalia

viola
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 15533
Registriert: 04.01.2010, 12:16

Beitrag von viola » 26.06.2017, 06:39

Liebe Thalia,

danke für deine Fragen.

- keinen Alkohol zu Hause habe, auch nicht für Gäste
Das ist ja quasi eine Basis. Als ich aufhörte zu trinken, war das für mich die erste selbst auferlegte Regel. Gedanklich erforderte es einen (kleinen) Mut, denn ich dachte zunächst, oha, aber wenn nun Gäste kommen, denen ich "etwas anbieten" muss/möchte.... dieses rein theoretische Problem stellte sich aber in der Realität gar nicht, vermutlich, weil ich mir dann auch schnell in der Theorie darüber klar war.
Und wenn ich klar für mich bin, strahle ich das auch nach außen aus und es gibt keine innerliche kognitive Dissonanz und keine äußerlichen Unstimmigkeiten.

- mich privat mit Menschen umgebe, die nie oder selten Alkohol trinken
Mache ich auch so. Ich weiß aber, dass manche von denen durchaus mal ALkohol trinken, aber siee tun das nicht in meiner Gegenwart. Das reicht mir. Was sie in ihrem eigenen Zhause ohne mich treiben, geht mich nichts an.

- auch im Berufsleben klargestellt habe, dass ich nicht trinke
- und ähnliches mehr
War für mich auch ein wichtiger Punkt und kostete mich anfangs durchaus Überwindung. Dieses Klarkriegen gegen meinen eigenen inneren Widerstand - nach dem Motto, das kann ich nicht bringen, HIlfe, was denken dann die Kollegen von mir? - war für mich wichtig und hat meine Trockenheit bestärkt.


Aber ist es nicht auch wichtig, zu „trainieren“, in Gegenwart von Alkohol trinkenden Menschen zu sein, um die Erfahrung mit mir zu machen, dass ich auch dann nicht rückfällig werde, auch wenn sich mal Suchtdruck einstellen sollte?
Weiß nicht.
Ich hatte nie den Drang, da irgendwie pro-aktiv trainieren zu müssen. Abstinent zu leben und Trockenheit einzuüben war für mich Training genug. Das hatte auch damit zu tun, alte Gewohnheiten abzulegen und neue einzuüben.
Wenn ich mir dann noch so eine Art Konfrontations-Therapie verordnet hätte... das wäre für mich nicht stimmig gewesen. Ich denke zwar nicht, dass es meine Abstinenz gefährdet hätte. Aber die kollektive Erfahrung hier im Forum spricht da ja eine andere Sprache.
Ich habe das jedenfalls nicht vermisst und solche Situationen für mich nicht gesucht.

Denn „ich kann dem Alkohol doch auf Dauer sowieso nicht aus dem Weg gehen“, wenn ich in unserer Gesellschaft leben will.
Na und? Der Alkohol ist der Alkohol ist der Alkohol.
Wie ich mich ihm gegenüber aufstelle, bestimme ich immer noch selber. Und nicht er.
Also warum sollte ich mir eine gesellschaftliche Haltung bzw. Problematik zu eigen mache, die ich in meinem eigenen Leben gar nicht mehr benötige? Wenn alle anderen trinken wollen, ich aber nicht, dann konzentriere ich mich doch besser auf das, was ich für mich selber als richtig - im Sinne von stimmig für mein Leben - erkannt habe, als mainstream-mäßig mich nach dem Kurs der Masse auszurichten.

Gerade von den länger Trockenen, die schon auf eigene Erfahrungen zurückblicken, würde mich interessieren, wie Ihr das konkret handhabt, und auch vor allem, was Ihr am Anfang offenbar richtig gemacht habt, so dass Ihr jetzt eben bereits länger als ein paar Monate trocken seid?

Ich habe am Anfang alles entsorgt, was bei mir zuhause mit Alkohol in Verbindung stand, also nicht nur den Alk, sondern auch die Gläser, die Flaschenöffner, die Korkenzieher etc. Das war wie eine Befreiung.
Ich habe analysiert, wo meine Trigger liegen. Da bin ich tiefer eingestiegen und habe alternative Routinen eingeübt.
Ich habe äußerlichen Abstand hergestellt, also keine Kneipenbesuche, Barbesuche, trinkende-Menschen-Besuche, und auch innerlichen, indem ich mich mehr und mehr vom gedanklichen Alkohol gelöst habe. Dadurch konnte ich das Weinregal im Supermarkt sehr schnell links liegen lassen, ohne dass das Stress gemacht hätte.
Ich habe meine Gewohnheiten hinterfragt und umgestellt. Dafür war es wichtig zu erkennen, welche Bedürfnisse den unterschiedlichen früheren Trink-Settings zugrunde lagen, und wie ich diese alternativ befriedigen könnte. Um dann genau diese Dinge im Alltag umzusetzen und gegebenenfalls leicht zu variieren, bis ich mich damit wohl fühlte.
Ich wollte ja nichts vermissen. Beim Trinken habe ich trotz Trinken immer noch was vermisst. Dass das Trinken selber dazu betrug, hätte ich früher nicht gedacht. Jetzt ist es mir sonnenklar.

Oder auch was ihr, im Nachhinein betrachtet, vielleicht „falsch“ gemacht habt.
Ich war etwas ungestüm und ungeduldig am Anfang und wollte immer alles "richtig" machen. Das ist so ein altes Muster von mir.
Dadurch habe ich mich unter Druck gesetzt, und Druck auf sich selber auszuüben ist potentiell riskant. Kann ich nicht empfehlen. Denn es kann zu Trinkdruck führen.
Ich merkte aber auch schnell, dass ich ja viel mehr Zeit habe durch mein Nicht-Trinken. Und zwar qualitative Zeit, ohne Kater, ohne Watte im Kopf, ohne Verlangen nach Alk, und ich begann einfach damit, diese neue Zeit für meine trockene Weiterentwicklung zu nutzen. Bin dabei geblieben und lerne immer noch hinzu.

LG viola

Thalia1913
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 3631
Registriert: 27.06.2014, 10:50

Beitrag von Thalia1913 » 27.06.2017, 22:18

Liebe Viola,

Danke für deine Antworten! :)

Ich freue mich, dich zu lesen, und ich hoffe, es geht dir gut.

Besonders gefällt mir dein Gedanke, dich (auch am Anfang) auf das zu konzentrieren, was du willst, und nicht auf das, was du nicht mehr wolltest. So einfach, und doch so wirkungsvoll.

Und natürlich das hier:
Beim Trinken habe ich trotz Trinken immer noch was vermisst. Dass das Trinken selber dazu betrug, hätte ich früher nicht gedacht. Jetzt ist es mir sonnenklar.
Ich schick dir einen ganz besonders herzlichen Gruß!

Thalia

Hull
neuer Teilnehmer
Beiträge: 123
Registriert: 06.04.2017, 13:12

Beitrag von Hull » 06.07.2017, 15:29

Heute hatte ich mal wieder so ein Erlebnis, das mir aufzeigte, warum ich nichts mehr trinken will.

Durch den gestrigen Sport, Hitze usw. hatte ich einen recht tiefen Komaschlaf, folglich bin ich heute morgen sehr gerädert aufgewacht und dachte im ersten Moment, dass ich besoffen bin und am Vorabend einen Vollrausch gehabt haben musste.

Dieses Gefühl verschwand natürlich nach ein paar Sekunden und damit kam dann die Erleichterung, nicht nachdenken zu müssen, wo man sich schlecht aufgeführt hat, was man alles zerstört hat, welche Beleidigungen man wem an den Kopf geworfen hat, ob man Straftaten begangen hat, ob man sich irgendwo rechtfertigen oder verteidigen müsste oder ob vielleicht zur Abwechslung mal alles "im Rahmen" war und man es dennoch nicht beurteilen kann.

Das wollte ich hier einfach mal so einstreuen.

Grüße :)

Hull
neuer Teilnehmer
Beiträge: 123
Registriert: 06.04.2017, 13:12

Beitrag von Hull » 06.07.2017, 15:37

Beim Trinken habe ich trotz Trinken immer noch was vermisst. Dass das Trinken selber dazu betrug, hätte ich früher nicht gedacht. Jetzt ist es mir sonnenklar.
Da würde ich bei mir noch weiter gehen. Mich hat der leicht angeheiterte Zustand sogar genervt, weshalb es immer in schnellstmöglichem Zuschütten endete.

Entweder 100 % nüchtern oder 100 % besoffen, nun fällt der zweite Teil eben weg. :)

Antworten