Codierte Veränderungen

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum
Antworten
kaltblut
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 5507
Registriert: 20.06.2006, 17:01

Beitrag von kaltblut » 19.09.2017, 16:43

Hallo Emma,

wenn du in einer Beziehung bist, denkst Du nicht darüber nach, ob die Beziehung gut tut, richtig ist und passt? Ich muss mir doch keine Probleme ins Haus holen und mich nochmal in meinem Leben mit Überflüssigem belasten? Belastungen kommen mit dem Altern doch schon von selbst genug.
„…, wo ein sich Ergänzen eigentlich gut funktioniert hat, dies Gemeinsamkeiten und Harmonie mit sich brachte, aber auch zeitweise große Differenzen. „
Ich brauche keine Beziehung, um in großen Differenzen aufzugehen und um später unter der Erde als Blumendünger über mich hinaus zu wachsen. Wenn es passt ist es ja schön, dann gibt es ja keinen Grund sich darüber Gedanken zu machen. Gründe kommen ja erst, wenn es nicht mehr stimmt. Dann landen wir z. B. in einem Alkoholikerforum oder einer Rehamaßnahme.
„Kann überhaupt jemand dem gerecht werden?“
Überhaupt nicht, kann und soll doch auch keiner. Ehe ich mich an einen saufenden Partner aufbrauche, mache ich doch lieber die Fliege. Es gibt genug Menschen auf der Welt, die eine Beziehung angenehm machen. Ich lege keinen Wert mehr darauf, an Komplikationen anderer zu wachsen.

LG Karl

Emma2010
neuer Teilnehmer
Beiträge: 218
Registriert: 06.10.2010, 08:40

Beitrag von Emma2010 » 21.09.2017, 08:39

Ich brauche keine Beziehung, um in großen Differenzen aufzugehen und um später unter der Erde als Blumendünger über mich hinaus zu wachsen.
Servus Karl, danke für dein Statement. Schade ist, dass wir uns nicht im
realen Leben kennen, würde dich glatt in meinen Philosophenkreis
aufnehmen.

Nur in einem Punkt, muss ich dir widersprechen.
Wer so wie ich z.B. unter widrigen Bedingungen aufgewachsen ist, den
erwarten zwangsläufig immer wieder mehr oder weniger grobe
Differenzen. Und auch das nennt sich Co-Abhängigkeit.

Aus heutiger Sicht kann mir allerdings auch kein Leben mehr
mit einem Säufer vorstellen, dafür bin mir doch zu schade.


Fazit: Wer sich im Diesseits für ein erfülltes Leben stark macht, hat auch
gar keine Angst im Jenseits mal als Blumendünger zu enden.
Und je eher wir es uns wert sind, um so länger ist der Genuss.

Glück auf! Emma 8)

kaltblut
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 5507
Registriert: 20.06.2006, 17:01

Beitrag von kaltblut » 23.09.2017, 16:11

Hallo Emma,

danke, das ist ja dann das treffende Wort zum Wahlsonntag:
Fazit: Wer sich im Diesseits für ein erfülltes Leben stark macht, hat
auch gar keine Angst im Jenseits mal als Blumendünger zu enden.
Und je eher wir es uns wert sind, um so länger ist der Genuss.
Philosophie ist wichtig und hat ja etwas mit denken zu tun. Denken konnte ich ab einem bestimmten Stadium nicht mehr wirklich.


Es ist doch immer dasselbe. Wenn ich Auseinandersetzungen und Probleme
habe, aufbrause oder genau im Gegenteil steif und blockiert bin und meine Energie vergeude,
ist ja die Frage, warum ist das so. Das könnte ja einen Grund haben, der ganz anders gelagert ist, als ich denke.
Dahinter könnte auch stehen, dass ich im Grunde mit mir, mit meinem
Verhalten, mit meinen Reaktionen, mit der Befriedigung meiner
Grundbedürfnisse unzufrieden bin und was tun muss. Weiß ja jeder, nur- macht
auch jeder was dran oder ist es nicht viel angenehmer, viel einfacher und
befreit es nicht schneller, wenn ich mich auf ein Pseudonym, auf einen
Platzhalter stürze?

Du hast ja schon viele Erfahrungen gemacht und bist ja auch schon etwas länger
hier. Ich habe nicht mehr gefunden, wie Du damit damals umgegangen bist.

Ich war nicht fähig, eine Auseinandersetzung mit mir zu führen. Pseudokrams
hatte ich genug, den ich gerne verwendet habe, obwohl mich einige hier immer
wieder bearbeitet haben. Ich war nicht wirklich in der Lage damit umzugehen.
Da waren Liebe, Bedürfnisse, Ängste, Abhängigkeiten, die standen über allem
und haben alles in mir blockiert, ausgeblendet.

LG Karl

kaltblut
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 5507
Registriert: 20.06.2006, 17:01

Beitrag von kaltblut » 16.04.2018, 17:32

Hallo,

es ist wieder was Wasser den Rhein runter geflossen. Vor 12 Jahren fing ich an hier im Forum zu lesen. Nach einigen Wochen habe ich mich angemeldet, große Augen und dicke Backen bekommen, der Kopf rauchte, es schüttelte mich durch und der Sabber lief aus mir heraus. Hier war ich nicht alleine.

Vielleicht war es die Erkenntnis, dass meine Exfrau Alkoholikerin war, die Vorstellung an all die kommenden Konsequenzen oder coabhängig zu sein, selbst alkoholabhängig zu sein, das Unvermeidliche nicht ändern zu können, als Macher machtlos zu sein, ich war ohnmächtig. Sicher ist, dass jeder Gedanke Angst erzeugt hat, Verlustangst, dass ich dachte etwas tun zu müssen, was nicht richtig schien. Dazwischen, also zwischen der Veränderung und der Gewohnheit, da ist es wie mit nacktem Hintern auf dem drehenden Schleifstein zu sitzen.

Ich denke immer noch darüber nach, wie so eine Situation entstehen konnte, was da in mir falsch gepolt war. Nichts. Ich war nur noch in der Lage, mit den neuen Situationen umzugehen, sie anzusehen, anzunehmen, zu handeln, etwas zu ändern.

Mit den ersten Menschen darüber zu reden, mich zu öffnen, zu begreifen, dass es nicht um das ging, wo ich mich drum drehte, sondern um mich, um mein Verhalten war anstrengend. Monatelang ging alles um meine Frau. Monatelang drehte sich alles um den Alkohol. Später um meine Abhängigkeiten und dann um mich, nur noch um mich. Was war das für eine gewaltige Anstrengung mit Gewohnheiten zu brechen, mit Menschen, mit Verhalten, mit Eingeprägtem, mit Erziehung, mit Gefühlen. Nicht zu trinken z. B. ist eine Sache, die darauf folgenden Andeutungen und Konsequenzen wegzustecken war etwas ganz anderes, in der Familie, im Job, mit Freunden, auf Feiern. Die Kunden schauen plötzlich misstrauisch, wenn sie eine Flasche Wein zum Abendessen alleine trinken sollen. Oder anderen Menschen weh zu tun, weil es nicht um sie, sondern um mich ging, das war auch neu für mich. Gedanken aus dem Kopf zu bekommen, die da seit Jahrzehnten fest saßen, nur daran denken und sie zu erkennen, war wie Schleifstein sitzen. Ich kann heute nichts mehr viel dabei empfinden, wenn ich daran denke, wie ich damals Rotz und Wasser geheult habe und nächtelang um die Häuser gelaufen bin und nicht verstehen konnte, was in mir ablief. Ich möchte auch nicht mehr daran kratzen, denn durch Kratzen gibt es Entzündungen. Die Erfahrungen musste ich damals machen. Stirb und werde.

Im Heute sein, lassen, grundlos, ordnen, ehrlich sein, Ernährung, Bewegung, Umfeld, Sonne, Luft, Schlaf und auf den Punkt kommen, Müll weg, Umwelt, Umfeld. Da liegt alles drin, mehr ist das nicht. Mir helfen die paar Worte enorm weiter, wenn mal was nicht stimmt. Einfach nacheinander nachschauen, sortieren und die Löcher wieder füllen, die Gedanken auspacken oder suchen und ausgraben. Gelegentlich oder für einen anderen, ist das genau das Gegenteil.

Ich habe sie mir aufgeschrieben, diese paar Worte, denn oft genug habe ich sie vergessen, dann sind sie weg. Aber Neues, das kommt von ganz alleine immer wieder und dann fängt das eine und andere wieder von vorne an. Nur, es gibt jetzt immer mehr was ich mir nicht mehr erlauben kann, denn aus unendlich ist endlich geworden.

Gene, Erziehung, Angeeignetes, Gesellschaftliches, Umweltbedingtes, Situationen, haben mich unbewusst und bewusst geformt und das ist ja nicht unbedingt so, wie meine Zellen das so wollen. Ein natürlicher Bewegungsdrang wird durch die Sitzerei am PC bestimmt nicht gefördert. Würde ich täglich an der Liane durch den Urwald schwingen, dann wären die herunterrutschten Muskeln bestimmt noch da oben, wo sie gut aussehen und nicht wampidar im Mittelpunkt des Geschehens.

Je mehr Abweichung, je mehr Anpassung ist erforderlich. Je mehr Anpassung, je mehr Auseinandersetzung, je mehr krank, je früher verbraucht oder hin. Ganz einfach. Meine Uhr läuft nicht schneller ab, weil ich 1 Stunde Sport mache oder mich gelegentlich aufrege, sondern weil ich permanent Dinge in meinem Organismus zu Recht rücke, tagsüber mit offenen Augen und nachts, wenn ich abgeschaltet bin.

So was zu denken und danach zu handeln wäre mir von 12 Jahren nicht möglich gewesen. Vielleicht auch, weil ich anders konnte, weil ich einen schwierigen Weg einfach gehen konnte und weil es heute einfach sein kann, einfach sein muss.

Danke, an die Vielen, die mich begleitet haben, zum Nachdenken und Handeln brachten. An "in 12 Jahren" hätte ich nie gewagt zu denken, an heute schon und da ist viel Zeit draus geworden, die wünsche ich jedem.

LG Kaltblut

Antworten