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"Gier" bei alltäglichen Handlungen

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Hull

"Gier" bei alltäglichen Handlungen

Beitrag von Hull » 12.09.2018, 20:27

Hallo,

wenn ich zurückdenke, habe ich - wie wahrscheinlich alle Personen hier - niemals normal getrunken. Unabhängig von der Menge und der Häufigkeit, war es bei mir aber immer sehr auffällig, dass ich die ersten 2 - 3 Bierflaschen hinuterngekippt habe, als ginge es um Leben und Tod - natürlich ganz gleich, ob noch unzählige Kästen Bier vorhanden waren.

Ähnliche Verhaltensweisen beobachte ich an mir aber auch immer wieder bei anderen Tätigkeiten, wie z. B. der Nahrungsaufnahme. Es ist mir nicht möglich, normal zu essen. Der erste Teller wird ebenso hineingeschaufelt, als gäbe es nie wieder etwas zu essen. Ähnlich verhält es sich im Sport und mit vielen anderen Beschäftigungen.

Ich habe es als "Gier" betitelt, obgleich es nicht das wahre Wort für mich ist, es steckt schon noch mehr dahinter, vielleicht gibt es ein paar Anregungen oder Erlebnisse anderer Personen, die ich mir zunutze machen kann.

Grüße

Karsten
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Re: "Gier" bei alltäglichen Handlungen

Beitrag von Karsten » 12.09.2018, 20:59

Hallo,

für mich liest sich das wie Suchtverlagerung.
Das kommt oft bei Betroffenen vor, die noch relativ am Anfang sind.

Gruß
Karsten

Cadda
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Re: "Gier" bei alltäglichen Handlungen

Beitrag von Cadda » 12.09.2018, 22:02

Was das Essen angeht, ist es bei mir auch so. Meine Therapeutin sprach ebenfalls von „Suchtverlagerung“. Wobei ich es bei mir eher so empfinde, als würde ich es benutzen, um mich auf etwas freuen zu können, die Gemütlichkeit zu haben. Früher hab ich mich auf den Wein gefreut. Jetzt fahre ich nach Hause und denke „geil, gleich aufs Sofa und was richtig leckeres essen“.
Ich esse auch den Teller leer, weils ja gut schmeckt, obwohl ich satt bin. Echt bescheuert, weil ungesund!
Zum Glück bin ich viel auf der Arbeit in Bewegung, sonst würde ich ganz schön auseinander gehen.

Trotzdem hab ich dann mal eine Phase zu fassen, wo ich echt oft esse und dann habe ich null Bock auf Sport, also freiwillige Bewegung. Wenn ich dann doch mal was zugenommen habe, komme ich irgendwann an einen Punkt, wo es ins andere Extrem geht. Dann esse ich total gesund und mache dauernd Sport oder gehe spazieren.

Egal, was ich mache. Ich kann es immer nur ganz oder gar nicht. Das war früher mit dem Alkohol so und jetzt ist es bei anderen Sachen auch so.

Hull

Re: "Gier" bei alltäglichen Handlungen

Beitrag von Hull » 12.09.2018, 22:53

Karsten hat geschrieben:
12.09.2018, 20:59
Hallo,

für mich liest sich das wie Suchtverlagerung.
Das kommt oft bei Betroffenen vor, die noch relativ am Anfang sind.

Gruß
Karsten
Es war nie anders, auch vor Alkohol. Was genau kommt oft vor?

Elly
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Re: "Gier" bei alltäglichen Handlungen

Beitrag von Elly » 13.09.2018, 11:48

Hallo Hull,

das Problem kennen wohl viele, die masslos gesoffen haben... Bei mir hat es sich
verlagert, so dass ich eine Zeitlang Süßigkeiten in mich hineinstopfte.

Als mir bewusst wurde, dass mir das eher schadet, konnte ich langsam runterschalten.

Am Anfang meiner Trockenheit war mir bewusst, dass es eine Suchtverlagerung war
und habe es toleriert. Alles, was es leichter machte trocken zu bleiben, war mir recht.

Wenn man sich bewusst wird, dass man es selbst in der Hand hat und mit sich ein wenig
"strenger" ist, dann pegelt es sich wieder ein. So war es bei mir auf jeden Fall...

Wir trockenen Alkoholiker sind Suchtmenschen, aus welchen Gründen auch immer.

Es ist wichtig, das uns das bewusst ist, und dass wir das Beste aus allem machen.

Andere Blickwinkel und Denkrichtungen helfen dabei!

Elly

Sunshine_33
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Re: "Gier" bei alltäglichen Handlungen

Beitrag von Sunshine_33 » 13.09.2018, 14:09

Hi, Hull,
ich kenne das sehr gut, Dinge extrem zu praktizieren.
Auf Essen trifft es eher weniger da, da bin ich nur mal in ne Reiswaffelsucht (nicht lachen, war echt so :oops: :lol: ) reingerutscht.
Ansonsten bin ich unter anderem auch mal in eine Sportsucht reingerutscht.
Und auch in anderen Bereichen gab es schon mal leicht suchthaftes Verhalten.

Aus all diesen Dingen bin ich aber allein wieder raus gekommen.
Auch aus meiner Nikotinsucht, ich habe auch mal geraucht, tue es aber seit fast 7 Jahren nicht mehr.
Ich habe mir klar gemacht, das ich bei diesem oder jenem wieder in extremes oder gar süchtiges Verhalten gerutscht bin.
Und ich möchte keine Abhängigkeiten mehr in meinem Leben haben, weil das so unheimlich unfrei macht.
Ich habe dann ganz kritisch mein Verhalten unter die Lupe genommen und ich schone mich dabei dann auch nicht besonders.
Und so konnte ich es dann auch wieder aus eigener Kraft stoppen.

Bei der Alkoholsucht ist mir das aber nicht gelungen. Ich war körperlich schon viel zu abhängig.
Da brauchte ich Hife von Außen.
Ansonsten bin ich eher ein sehr autarker Mensch, der auch über ziemlich viel Willenskraft verfügt.
Ebenso über Geduld und wenn ich was unbedingt will (oder eben auch nicht mehr will) kann ich recht ziemlich zielstrebig
und konsequent sein.

LG Sunshine

garcia
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Re: "Gier" bei alltäglichen Handlungen

Beitrag von garcia » 15.09.2018, 15:48

Die "Gier bei alltäglichen Handlungen" ist etwas, was mich immer ausgemacht hat - schon vor dem Trinken, als Kind, während der Saufzeit und da nicht nur aufs Trinken beschränkt, auch heute.

Andre Leute lesen auch gern. Ich lese selten unter 150 Seiten am Tag. André Leute gucken auch gern Filme. Ich vier am Stück. André Leute sind im Beruf auch engagiert. Ich muß sehr aufpassen da nicht mehr zu tun als mir auf Dauer guttut (in sozialen Jobs eine besondere Gefahr). Jeder verliebt sich mal. Bei mir würde das aber immer zu einer Besessenheit - das hab ich aber heute im Griff, sonst würde ich noch trinken.

Maß und Mitte. Schöne Sache, aber mir nicht eingeboren. Und das habe ich von sehr vielen Menschen die tranken gehört, in den beiden Entgiftungen, in SHG, in der LZT damals. Es scheint zur Suchtpersönlichkeit dazugehören.

Die Frage, ob dieser Gang zum Extremen nur schlecht und schädlich ist oder ob das auch fruchtbar gemacht werden kann (im Sinne von: wir sind alle nur einmal und kurz da, und solange es sich nicht gegen uns selbst richtet sondern die Welt bunter macht isses auch OK), diese Frage beschäftigt mich nach wie vor.

LG :-)

Cadda
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Re: "Gier" bei alltäglichen Handlungen

Beitrag von Cadda » 15.09.2018, 18:10

Hallo Garcia,

Ich denke, da kommt es tatsächlich auf die Sache an Dich an. Wenn ich beim Essen gierig bin, macht es meine Welt nicht bunter, sondern mich dicker :mrgreen:
Und wenn ich gierig getrunken habe, hat es zwar die Welt kurzzeitig bunter- aber mich auch umso besoffener gemacht.

Wenn ich aber ganz viel lese, spazieren gehe oder liebe, dann kann es die Welt tatsächlich besser oder bunter machen :-)

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