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Wie ich mich kennen lernte...

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum.
Ein neues Thema bitte erst ab ein Jahr Trockenheit eröffnen.

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kommal
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Wie ich mich kennen lernte...

Beitrag von kommal » 28.03.2008, 16:05

Hallo Forumgemeinde



Ich möchte meine Geschichte aufschreiben, in lockerer Folge. Um meine Anonymität zu wahren, muss ich manche Dinge weglassen oder verfremden, aber ich bemühe mich, alles so realitätsnah wie möglich wiederzugeben- Die Zeit bis zur Therapie werde ich aus der Erinnerung schreiben, die ist nämlich noch relativ frisch und erfreulicherweise vorhanden.

Es geht los im Mai 2006:

:arrow:

Der Tag X war ein Donnerstag.

Ich saß zuhause und trank Bier.

Ich war krank geschrieben, weil mein Blutdruck in die Höhe geschnellt war.

Ich bekam einen Brief von meinem Vorgesetzten, genauer gesagt war´s eine Einladung zu einem Gespräch beim Direktor. Zunächst wunderte mich der seltsame Stil des Schreibens, der so gar nicht zum sonstigen Verhalten des Schreibers passte. In geharnischter Form wurde ich angegriffen. Das gipfelte in der Vermutung, ob ich denn alkoholabhängig sei. Mein Schreck wich schnell einem lauten Lachen: Woher will der das wissen? Ich war doch immer da und habe meine Pflicht und meistens mehr getan!!!

Ich tat, was ich zu diesem Zeitpunkt am Besten konnte: Saufen. Auch am nächsten Tag.

Merkwürdigerweise ertappte ich mich dabei, dass ich immer wieder diesen Brief in den Händen hielt und las. Ich weiß nicht mehr wie oft, bestimmt fünfzig Mal. Es war weniger der Inhalt, der geäußerte Verdacht, sondern die völlig erschreckende Art und Weise, WIE er geschrieben war. Irgendwie brutal… Und irgendwann war mir auch klar: DEM kannst Du nix mehr vormachen!- Eine bittere Erkenntnis, die aber noch etwas sacken musste. Denn das hieß ja: MIR auch nicht.

Am Samstagvormittag war ich dann wieder bei meinem Doc und hab ihm was über den “bösen Brief” vorgejammert. Der Blutdruck hatte sich noch nicht gebessert und wir überlegten, ob ich dieser Einladung überhaupt folgen sollte- war ich doch arbeitsunfähig geschrieben.

Als ich gegen 10 Uhr wieder nach Hause kam fühlte ich mich schon etwas besser und hatte prompt wieder den Brief in der Hand-

UND IN DER ANDEREN EINE FLASCHE BIER

kommal
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Beitrag von kommal » 30.03.2008, 16:08

Als ich gegen 10 Uhr wieder nach Hause kam fühlte ich mich schon etwas besser und hatte prompt wieder den Brief in der Hand-

UND IN DER ANDEREN EINE FLASCHE BIER


Langsam wurde mir bewusst, was ich da sah: Die letzten Jahre kamen mir ins Gedächtnis: Massenhaft Überstunden, Wochenenden voller Arbeit, immer da, wenn ich gebraucht wurde. Nie raus gegangen oder gefahren. Die Grenzen meines Lebensraumes waren eng gesteckt worden (natürlich von mir!), weil ich doch den Anforderungen gerecht werden musste. Kein Wunder, dass es soweit mit mir gekommen war- das Bier zur Entspannung und zum Einschlafen war doch das einzige, was ich noch hatte! Ich hab doch nie während der Arbeit getrunken. Und immer nur Bier.

Ich fühlte plötzlich, was ich schon lange wusste: Ich war allein! Schlimmer noch, ich fühlte mich einsam! Aber ich fühlte es, das war mir zwar damals nicht so bewusst, ich musste jedenfalls weinen. Ich war unendlich traurig und zugleich froh, endlich das zu Ende zu denken, was ich jahrelang befürchtet hatte: Es geht nicht mehr ohne Alkohol.

Es folgten Stunden, auch am nächsten Tag, in denen ich mich im Internet informierte (Unser Forum entdeckte ich erst Monate später ).

Ein paar wichtige Dinge, die ich dort erfuhr waren z.B.: -Nicht unkontrolliert aufhören, -es kann jeden “erwischen”, egal welcher Herkunft, aus welchem Beruf usw., -es gibt Hilfe.

Ich habe mich also zunächst auf eine sachliche Ebene begeben, unbewusst, aber wohl richtig. Für den Montag nahm ich mir vor, meinem Hausarzt alles zu erzählen.

Den Sonntag verbrachte ich damit, viel nachzudenken und mir war schnell klar, dass ich meinem Arbeitgeben gegenüber offen sein wollte. Der Verdacht bestand ohnehin und ich sagte mir, wenn ich ehrlich bin wird´s schon nicht so schlimm.

Dann meldete sich, auch bestärkt durch meinen fortgeschrittenen Konsum, mein Mitteilungsbedürfnis und ich rief alle meine Freunde und Bekannten an um sie über meine Sauferei zu informieren und dass ich etwas dagegen zu unternehmen gedenke.
Vielfach schlug mir Verwunderung entgegen, die meisten Kontakte hatte ich ja nur noch übers Telefon gehabt und auf Grund der hohen Toleranz meines Körpers konnte ich mich immer (?) klar artikulieren. Sprüche wie “ach was, du redest Dir was ein”, “so schlimm wird´s wohl nicht sein” bestärkten mich aber mehr in meinem Tun, als das sie mich beruhigten. Ich WOLLTE so nicht mehr weitermachen. Ich wollte meine Umgebung nicht mehr belügen und ich wollte endlich ehrlich sein, MIR gegenüber. Das Verstecken hatte ein Ende!

Mit dem üblichen Pensum im Körper begab ich mich recht früh zu Bett. Für Freitags bis Sonntags waren das 14 - 16 Flaschen Bier, an den Wochentagen (bzw Abenden) acht. Bei dem Gedanken daran wurde mir erst mal die Flüssigkeitsmenge bewusst, die ich in den letzten Jahren konsumiert hatte.

MORGEN GEH ICH ZUM DOC

shadow40_6
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Beitrag von shadow40_6 » 30.03.2008, 19:37

ich warte gespannt auf die Fortsetzung

kommal
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Beitrag von kommal » 30.03.2008, 20:24

Mit dem üblichen Pensum im Körper begab ich mich recht früh zu Bett. Für Freitags bis Sonntags waren das 14 - 16 Flaschen Bier, an den Wochentagen (bzw Abenden) acht. Bei dem Gedanken daran wurde mir erst mal die Flüssigkeitsmenge bewusst, die ich in den letzten Jahren konsumiert hatte.

MORGEN GEH ICH ZUM DOC




So ging ich am Montagmorgen zu meinem Hausarzt. Die Tatsache, dass er mich schon als Kind behandelt hat und so meinen Lebenslauf und meine Familie gut kannte, beruhigte mich. Ich vertraue ihm.

Er begann damit, meinen Blutdruck zu messen und die Situation am Arbeitsplatz und das vermeintliche Mobbing zu thematisieren. Ich unterbrach ihn und sagte sinngemäß, dass ich seit “einiger Zeit “ zuviel trinke, und damit Schluss sein müsse. Der ganze Ärger resultiere wohl aus meiner Sauferei und ich wolle nicht mehr.

Da passierte etwas Unerwartetes: Er stand auf, gab mir die Hand und gratulierte mir zu meinem Entschluss- ich war ziemlich sprachlos, was selten passiert.

Im Vorzimmer bekam ich eine Überweisung in´s Krankenhaus (zur Entgiftung) und die “Mädels”, die mich ja auch gut kannten machten betretene Miene zur Diagnose. Ich aber fühlte mich unheimlich erleichtert. Ich hatte “es” raus und merkte, es passiert etwas. Ich wusste ja noch nicht was, aber ich fühlte mich … befreit. Das Wort trifft´s am besten. Als ob ich jahrelang in einem Käfig gesessen hätte und endlich den Schlüssel gefunden habe.

Einmal unterwegs fuhr ich in die Firma und erklärte dem Personalchef, dass der Verdacht des Saufens richtig sei, ich gerade vom Doc käme und in Kürze ins Krankenhaus ginge. Meine Kollegen informierte ich im Anschluss, worauf einer meinte: “Gut, dass Du endlich drüber sprichst”! “Oh”, dachte ich- “die haben wohl was gemerkt”.

Dann rief ich bei der Suchtberatung an und wurde mit einer freundlichen Dame verbunden, die mir zuhörte. Ich kann mich an ein paar einer Sätze erinnern: “Bei mir ist es nicht so schlimm”, “ich hab nur Bier getrunken”, “nie bei der Arbeit” und die ganzen nassen Ausreden, die viele ja kennen.

Wir vereinbarten einen Termin und sie gab mir die Telefonnummer von der Entgiftungsstation. Das Wort “Entgiftung” war bis dahin glaube ich noch gar nicht gefallen…

Ich rief mehrmals an und es war besetzt- ich war erleichtert.- Die Angst vor dem Unbekannten.


Ich trank meine acht Flaschen Bier und überlegte, was ich noch tun konnte und dann wusste ich, was ich vor dem Krankenhaus machen wollte (ich schreib´s, wie es mir in den Sinn kam):



ICH MUSS MEINE BUDE TROCKEN LEGEN!

shadow40_6
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Beitrag von shadow40_6 » 02.04.2008, 20:31

und weiter??

Flummi
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Beitrag von Flummi » 02.04.2008, 20:38

Ich warte auch schon gespannt auf die Fortsetzung :!:

Plejaden
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Beitrag von Plejaden » 02.04.2008, 20:56

Ich auch :) *gespannt ist*

Vaan
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Beitrag von Vaan » 02.04.2008, 21:38

Hallo Komal

Da ich bekanntlich nie in der Entgiftung war habe ich an diesen Geschichten ein sehr großes Interesse. Das im Kopf abspeichern dieser Erlebnisse sind bei mir sehr konstanter Bestandteil der Rückfallvorsorge.

Ich möchte mich also wie bereits Flummi Plejaden und Shadow bitten Deinen Bericht hier fortzusetzen.

Gruss Vaan

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