Dem Tod von der Schippe gesprungen

Hilfe für Co-Abhängige, Partner und Angehörige von Alkoholikern bei der Coabhängigkeit
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Goldstück
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Dem Tod von der Schippe gesprungen

Beitrag von Goldstück » 15.10.2005, 12:00

Hallo miteinander!
Ich finde es toll, dass es dieses Forum gibt und wende mich hilfesuchend an Euch.
Kurz zu mir: ich bin 36 Jahre alt, habe eine Schwester, die in Amerika lebt, und es geht um meinen Vater, den ich sehr liebe.

Er trinkt seit bestimmt 40 Jahren und hat auch schon vor ca. 9 Jahren eine Entziehung gemacht (freiwillig). Meine Mutter, meine Schwester und ich haben vorher fast nicht darüber gesprochen, obwohl jedem das Problem bewusst war. Wir fanden seinen Entschluss toll und haben ihne unterstützt, wo wir konnten. Tja, dann war er wohl einige Zeit trocken, meinte dann aber wohl, gelegentliches Trinken hätte er im Griff. Wir haben es natürlich bemerkt, aber der Weg, darüber zu schweigen, war für uns am einfachsten (ja, ich weiß, dass das nicht richtig war!) Er hat es heimlich gemacht und nach außen hin immer Antihalkoholisches getrunken Aber wir sind ja auch nicht von gestern... So, nun war es soweit. Letzten Montag ist er aufgewacht, weil ihm schwindlig war oder er auf Toilette mußte (meine Mutter hat es mir erzählt, aber ich weiß es nicht mehr so genau - war und bin zu aufgewühlt), auf jeden Fall ist er gegen den Schrank gefallen und hat sich am Kopf eine riesige Platzwunde zugezogen. Er hat sehr stark geblutet und meine Mutter meinte, es käme aus der Kopfwunde. Sie hat gleich ein feuchtes Handtuch geholt und es ihm auf den Kopf gelegt. Sie wollte den Notarzt holen, aber mein Vater hat sich absolut dagegen gewehrt. Er hat sich wieder ins Bett gelegt und gegen 7:30 Uhr nach meiner Mutter gerufen (meine Eltern haben getrennte Schlafzimmer). Als sie zu ihm ging, sah sie nur Blut. Überall Blut... Sie ist gleich ins Bad gerannt, dort war auch alles voller Blut... Mein Vater hat sich auch entschuldigt bei ihr und meinte, dass er sich hat übergeben müssen und es nicht mehr bis zur Toilette geschafft hat. Meine Mutter wollte natürlich diesmal auf jeden Fall den Notarzt rufen, aber mein Vater wollte sich erst ein wenig frisch machen. Er war aber so geschwächt, dass er es nicht ins Bad geschafft hat. Er muss sich auch ziemlich hysterisch aufgeführt haben, weil er nicht wollte, dass der Notarzt kommt. Nach über einer Stunde hat meine Mutter dann doch endlich den Notarzt geholt und sie haben fast 2 Stunden in der Wohnung zugebracht, bis sie ihn endlich ins Krankenhaus mitgenommen haben. Um es ein wenig abzukürzen: Er wäre beinahe gestorben... Es war wohl so, dass er eine Krampfader in der Speiseröhre hatte (typische Alkoholikerkrankheit, wie der Arzt meinte), die in der Nacht aufgeplatzt ist. Das erste Wunder war, dass er daran nicht verblutet ist. Der Arzt meinte, normalerweise bekommt man das gar nicht mit und verblutet innerlich. Als er meine Mutter fragte, ob mein Vater trinkt und sie ihm das bejaht hat, wurde ihm wohl so einiges klar. Während der Operation hatte mein Pa 2 x einen Herzstillstand und die Organe haben teilweise gar nicht mehr gearbeitet. Durch die Schädigung der Leber ist die Blutgerinnung absolut weit unten und sie haben die Blutungen fast nicht zum Stillstand gebracht. Er lage dann 3 Tage im künstlichen Koma und ist seit vorgestern wieder mehr oder weniger wach. Jetzt kommt noch der Entzug dazu. Das ist so absolut schrecklich für uns... Wir lieben ihn und möchten alles dafür tun, dass er es schafft, ohne dieses Teufelszeug auszukommen. Ich weiß, und habe es auch hier immer wieder gelesen, dass es von ihm selbst ausgehen muss. Er ist jetzt ganz sicher im Krankenhaus gut aufgehoben, aber meine Frage gilt eigentlich für die Zeit danach. Gerne würde ich ein Gespräch mit ihm führen und ihm sagen, dass er diese 2. Chance, die ihm da gegeben wurde, nicht aufs Spiel setzen soll. Wenn er auch nur noch einen Tropfen trinkt, so sagt der Arzt, wird er es wohl nicht überleben. Ich hoffe so sehr, dass ihm dies die Augen öffnen wird. Meine Mutter meinte, dass sie, würde er wieder mit dem Trinken anfangen, dies wohl nicht mehr mitmachen würde und auszieht. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass dies meinen Vater nur noch mehr in den Abgrund stürzen würde und ich nicht fähig bin, ihn dann "hängen" zu lassen. Ich liebe meinen Vater, und es würde mich total fertig machen, das weiß ich. Ich will keinen Pa, der in der Gosse liegt! Wir haben in unserer Familie ein sehr inniges und liebevolles Verhältnis, das darf er einfach nicht wegen dem Alkohol aufs Spiel setzen.

Wie soll das Gespräch ausschauen, dass ich mit ihm führe. Ich werde ihm keine Vorwürfe machen, denn ich bin einfach nur froh, dass er es überlebt hat. Aber was kann ich ihm sagen, dass ihm klar wird, wie ernst es ist?

Ist jetzt ziemlich lang geworden - entschuldigt bitte. Aber es hat mir geholfen, meine Gedanken ein wenig zu sortieren.

chrissyta
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Beitrag von chrissyta » 15.10.2005, 14:52

hallo goldstück.

herzlich willkommen hier im forum.

ja, da kannst du wirklich von glück sprechen, dass alles so gut ausgegangen ist mit deinem vater. aber wie der arzt schon sagt, er darf wirklich keinen schluck alkohol mehr trinken schon aufgrund seines schlechten leberzustandes. sollte er wieder anfangen zu trinken und deine mutter möchte sich von ihm trennen, dann halte sie nicht auf, denn sie hat ein recht auf ein anderes leben, sicher hat sie genug durchgemacht mit deinem vater. wenn er nach dieser erfahrung nicht aufhört mit trinken, dann will er nicht aufhören.

du fragst wie das gespräch aussehen soll, dass du mit deinem vater führen möchtest. sage ihm ganz einfach was du fühlst, was du dir wünscht, was du denkst. es ist richtig keine vorwürfe zu machen, denn vorwürfe sind jetzt fehl am platz und würden an der ganzen situation auch nichts ändern. ihr müsst versuchen mit dieser jetzt klarzukommen.

ich hoffe, dein vater ist einsichtig und wünsche dir viel erfolg bei dem gespräch.

lg
chrissyta

Helmut 58
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Beitrag von Helmut 58 » 15.10.2005, 18:09

Hallo Goldstück
Kann mich Chrissytas Meinung nur anschließen. Sag deinem Vater das ihr ihn nicht verlieren wollt und das er sehr großes Glück hatte. Meine Mutter hatte es vor 15 Jahren nicht, sie ist ins Koma gefallen und gestorben.
Vielleicht hat er im Krankenhaus die möglichkeit sich über weitere Schritte zu informieren, viele Krankenhäuser haben Sozialarbeiter an die man sich wenden kann. Die können ihm helfen.
Helmut 58

Käthe
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Beitrag von Käthe » 15.10.2005, 20:45

Hallo Goldstück,

dein Vater ist an einem Punkt angekommen, wo es nicht mehr die Möglichkeit gibt auf Zeit zu spielen.

Die Ärzte haben recht, diese Krampfadern (Varitzen) sind typisch für Alkoholismus und wenn er wieder trinkt wird er sterben.

Ein Freund aus meiner SHG ist bei einem Rückfall im Schlaf daran gestorben, das Blut ist bis unter die Decke gespritzt.

Man wird es ihm auch im Krankenhaus sagen, die Frage ist nur, wieviel ist ihm sein Leben wert?

Ich kann Euch nur raten knallhart zu bleiben, entweder/oder und das dann auch durchzuziehen. Alles andere führt zu seinem Tod.

traurige Grüsse Käthe

Goldstück
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Beitrag von Goldstück » 15.10.2005, 22:57

Ich danke Euch ganz herzlich für Eure Antworten (hier fehlt ein Knuddelsmilie :wink: )
chrissyta hat geschrieben: sollte er wieder anfangen zu trinken und deine mutter möchte sich von ihm trennen, dann halte sie nicht auf, denn sie hat ein recht auf ein anderes leben, sicher hat sie genug durchgemacht mit deinem vater.
Dafür hätte sie mein allergrößtes Verständnis und ich habe ihr, als sie das zu mir sagte, auch nicht erzählt, dass ich meine, dass das das (ein Haufen das :D ) entgültige Ende von ihm bedeuten würde. Ich glaube auch, dass dies ein sehr schwerer Schritt für meine Mutter wäre, aber ich würde es wirklich verstehen
Käthe hat geschrieben: Man wird es ihm auch im Krankenhaus sagen
Darum haben wir den Arzt auch innigst gebeten.

Heute konnte ich ihn leider nicht besuchen, da ich bis eben arbeiten mußte. Meine Mutter erzählte mir, dass er die meiste Zeit schläft. Stellen ihn die Ärzte ruhig wegen dem Entzug? Was meint Ihr, wann werden ihm die Ärzte erzählen, was wirklich passiert ist? Er glaubt ja noch, dass er wegen seiner Kopfwunde im Krankenhaus ist.

Wie sind die ersten Monate nach einem Entzug? Ich kann es mir bestimmt nur ansatzweise vorstellen, wie hart diese Zeit wird. Meine Mutter arbeitet ganztags und mein Vater ist in dieser Zeit alleine. Wie schafft man es, nicht in alte Gewohnheiten zurückzufallen? Wird er denken "na ja, so ein Schluck wird schon nichts ausmachen"? Ich hoffe so sehr, dass er den Ernst der Lage sieht!

Oh Mann, ich habe mich jetzt ein wenig im Forum durchgelesen und muss schon sagen, dass Ihr so einiges hinter Euch habt! Wahnsinn...

Darf ich Euch weiter schreiben, wenn ich Fragen habe?

Goldstück
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Beitrag von Goldstück » 15.10.2005, 23:09

Noch etwas: gibt es Literatur, welche Ihr empfehlen könnt? Also, ich meine jetzt etwas, was ich/meine Mutter lesen könnte. Ich weiß jetzt zwar nicht so ganz geanu, was ich von einem "Ratgeber" erwarten würde, aber doch eher so etwas, wie man meinen Vater unterstützen könnte, das durchzuziehen.

Die Frage ist nur, ob man außer reden und für ihn da sein noch etwas anderes machen kann???? Es wird wohl doch nur darauf hinauslaufen, dass nur er sich selbst helfen kann, oder?

chrissyta
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Beitrag von chrissyta » 15.10.2005, 23:27

hallo goldstück,

erstmal natürlich kannst du hier weiter schreiben und deine fragen stellen, dafür ist das forum da.

dein vater wird von den medikamenten schlafen wofür er sie bekommen hat ist sicher unwichtig, hauptsache er wird behandelt. die ärzte werden sicher den richtigen moment wählen, um deinen vater über seinen gesundheitszustand aufzuklären, er muss ja erstmal wieder richtig bei sich sein, vorher kann er auch nichts aufnehmen.

dein vater kommt entgiftet aus dem krankenhaus, er muss dann lernen dem alkohol zu widerstehen, dieses ist nicht einfach und man braucht dazu den willen, dass man nicht mehr trinken will. hat er den willen dazu so könnt ihr ihn darin unterstützen, es ist sogar wünschenswert. gefährlich ist es schon, wenn er den ganzen tag allein zu hause ist, er muss versuchen sich in dieser zeit abzulenken mit irgendwas, dass ihm spass macht. er muss lernen von seinen alten gewohnheiten loszulassen.

das ein schluck doch was ausmacht wird man ihm im krankenhaus hoffentlich sehr ans herz legen.

du musst jetzt abwarten, etwas anderes bleibt dir nicht übrig und dann siehst du weiter. denke nicht heute schon an übermorgen.

lg
chrissyta

Goldstück
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Beitrag von Goldstück » 15.10.2005, 23:40

chrissyta hat geschrieben: du musst jetzt abwarten, etwas anderes bleibt dir nicht übrig und dann siehst du weiter. denke nicht heute schon an übermorgen.
Da hast Du sicherlich recht. Schritt für Schritt

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