Rückfall gehört zu uns - ist das nicht ein Alibi?

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit
kawi
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Rückfall gehört zu uns - ist das nicht ein Alibi?

Beitrag von kawi » 20.07.2008, 14:33

Als ich 1994 meine erste Entgiftung hatte – freiwillig - war mir klar – ich bin nur gefährdet, wenn ich aufpasse, dann geht schon wieder alles in Ordnung. Ich fühlte mich auch als Exot.

Wie es weitergeht brauche ich nicht erzählen, weiß ja jeder selbst.

Als ich am 11.11.1997 sagte, dass gestern war dein letzter Alkohol – ich brauchte fast noch ein halbes Jahr um zu wissen, ich bin kein Exot, ich darf keinen Alkohol mehr trinken, für mich gibt es keinen Rückfall. Ich werde alles dafür tun – nie wieder Alkohol zu trinken, ich will mich nie wieder vor mir selbst ekeln!

Und nun lese ich immer wieder, er, der Rückfall gehört zu unserer Krankheit. Einige entschuldigen auch den Rückfall………………………..
Ich darf mir also einen nach dem anderen Rückfall erlauben – es ist halt so?
Ich habe die vergangen Jahre mich und meine Umwelt kaputt gemacht, aber es ist halt so, Rückfälle gehören dazu?
Ich habe Vertrauen missbraucht, ich missbrauche es wieder - aber es ist alt so?
Warum erwarte ich immer wieder Verständnis? Es ist halt so?
Geben wir uns da nicht ein Alibi?

Ich möchte keinen zu nahe treten, ……………

kawi

Eric
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Beitrag von Eric » 20.07.2008, 15:04

Hallo kawi,

ich kann deine Gedanken gut verstehen. Wie man einem Neuling sagen kann, dass Rückfälle dazu gehören, kann ich auch nicht verstehen. Denn ich glaube, es ist genau so, wie Du sagst: Das kann sehr schön als Alibi herhalten.

Baut aber jemand einen Rückfall und schreibt darüber hier in unserer Selbsthilfegruppe, verdient das höchsten Respekt und Lob. Das kriegt nämlich nicht jeder hin und zeigt, dass der Betreffende weiterhin Interesse hat, trocken zu werden. Entsprechend tröstend fallen dann manche Antworten hier aus.

Eric

Hartmut
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Beitrag von Hartmut » 20.07.2008, 15:41

Hallo zusammen.

für mich gehört Rückfall zu unsere Krankheit dazu.
Warum ist denn die Rückfallquote so hoch?
Genau wie der tödliche Verlauf ,wenn ich meine Krankheit nicht stoppe.

Wenn sich da ein Neuling dadurch ein "Alibi herauszieht und ein Türchen offen lässt, um wieder saufen zu können,befindet er sich in einer Trinkpause/Denkpause/Überlegungsphase und hat noch nicht ganz kapituliert. Es ist auch eine Ansichtssache , wie ich diesen Satz deute oder damit umgehe.

@Eric
Baut aber jemand einen Rückfall und schreibt darüber hier in unserer Selbsthilfegruppe, verdient das höchsten Respekt und Lob.Das kriegt nämlich nicht jeder hin und zeigt, dass der Betreffende weiterhin Interesse hat, trocken zu werden
da stimme ich vollends zu und ich denke ,daraus können auch viele lernen ,seine eigene Risikominimierung zu betreiben.

das sind mal meine Gedanken , aus heutiger Sicht dazu.

Gruß Hartmut

Roberto
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Beitrag von Roberto » 20.07.2008, 16:09

Hallo zusammen

Für mich persönlich war jeder Rückfall kein Alibi,sondern vielmehr lehrreich um auf den stand und Erfahrung zu sein wie eben. Ich habe mich niemals aufgegeb,und habe es auch nicht vor.
Darüber hierher zurückzukehren und darüber zu berichten hat mir immer geholfen. Vor einem Rückfall ist ausnahmslos keiner befreit von uns allen!!!
Sicherlich sehen es so manche als Alibi für eine Trinkpause.......doch solange man weiter an sich arbeitet und aus den Antworten,der Erfahrungen der anderen hier für sich etwas herauszieht und umsetzt,ist man einen Schritt weiter.

Ich mache mir keine Gedanken eben über einen Rückfall,sonder darum wie ich ihn umgehen kann und ich mich glücklich mit meiner JETZIGEN Lebenssituation fühle.

Das sind so meine Gedanken dazu

LG Roberto

Freund

Beitrag von Freund » 20.07.2008, 16:24

Hallo,

hierbei kommt es meines Erachtens darauf an, aus welcher Sicht und wie jemand diese Aussage darstellt.

Wenn ich also von 2% Erfolgsquote ausgehe, dass Alkoholiker lebenslang einen trockenen Weg schaffen zu gehen, bedeutet das gleichzeitig, dass 98 von 100 Menschen einen Rückfall erleiden ... und Rückfälle dann natürlich bei Alkoholkranken oder dieser Krankheit eben, recht dominierend sind.
Die Rückfallquote liegt aber m.E. u.a. an fehlender Konsequenz, Nichteinhaltung bestimmter Lebensveränderungen und letztendlich einer nicht verinnerlichten/inneren Trockenheit.

Wenn ich aber persönlich mit der Einstellung, Rückfälle würden zur Alkoholkrankheit gehören, meine Trockenheit bestreite und gedanklich auch so lebe, würde ich mir immer ein Hintertürchen offen lassen.

Und das hat sicherlich auch mit einem fehlenden, persönlichen Tiefpunkt zu tun, ... so meine Meinung und Erfahrung.

Gruß, Freund.

JuergenR
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Beitrag von JuergenR » 20.07.2008, 16:41

Also ein Rückfall (und glaubt mir, ich weiß wovon ich spreche) war für mich letztendlich immer die Entscheidung, das mir niemand vorschreiben kann ob ich trinke oder nicht.
Sozusagen eine für mich Freie Entscheidung, denn kein Therapeut, keine Ehefrau und schon gar keine Staatliche Exekutive geht es etwas an bzw. hat das Recht, mir vorzuschreiben ob ich trinken darf oder nicht.
Anstatt liebevoll und nüchtern mit mir selbst umzugehen habe ich jahrelang gekämpft um es allen zu beweisen. Heute ist es mir lieber, ich bleibe für MICH nüchtern, ich habe kein Bock mehr laufend seelische Peitschenhiebe zu versetzen.

Lilly12

Beitrag von Lilly12 » 20.07.2008, 18:16

Hallo Kawi

wie ich herauslese, bist Du 11 Jahre trocken ?
Darf ich mal fragen, ob Du eine reale Gruppe bisher besuchtest ?
Wenn doch, dürfte Dir eingentlich klar sein, das Rückfälle passieren können, auch verschiedenen Gründen.
Und für jeden ist es ein persönlicher Super-GAU gewesen, der beinah alles in Frage stellte.

Auch hier im Forum kann man sehr oft nachlesen, wie es dazu kam.

Alibi ?
Nein, seh ich keinesfalls so.

Ich hoffe nur immer für denjenigen, das er so schnell wie möglich wieder aufstehen kann. Und zwar, ohne Vorwürfe von anderen zu hören zu bekommen. Lieber zupacken und demjenigen beim Wiederaufstehen helfen, so meine Meinung dazu. Und ihm dabei helfen, zu analysieren, was schief gelaufen ist.

LG
Lilly

maria44
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Beitrag von maria44 » 20.07.2008, 19:53

Hallo Kawi,

für mich persönlich gehört ein Rückfall nicht zu der Krankheit, niemand kann mir verbitten zu trinken und wenn ich jetzt trinken würde dann weil ich es so will, aus welchem Grund auch immer. Gründe kann ich immer finden, alles meine eigene Entscheidung.
Niemand wird vom Alkohol überfallen, ich persönlich nehme das erste Glas in die Hand und wenn ich dann noch auf Verständnis warte von den Menschen die ich schon genug verletzt, enttäuscht habe, von dem Kind, das seine Kindheit verloren hat dann ist mir meine Nüchternheit nicht wichtig genug, dann nehme ich diese Krankheit auch nicht ernst genug, dann sind schließlich auch die Menschen um mich herum nicht wichtig genug.
Vielleicht trifft man aber unter Alkoholikern auf mehr Verständnis und zwar um sich selber die Türchen offen zu lassen, um zu sagen mir kann ein Rückfall ja auch passieren?
Jeder weiß selber tief in Innerem warum der/die getrunken hat, die Ehrlichkeit zu sich selber zählt um mein Gewissen wieder zu beruhigen suche ich vielleicht nach Alibis für mein Verhalten.
Ich weis genau dass ich in dem Moment mich und mein Umfeld belügen würde.

So meine Gedanken.

LG Maria

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