Codierte Veränderungen

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum
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kaltblut
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Beitrag von kaltblut » 26.04.2017, 14:32

Hallo Poster, hallo Matthias, hallo Ihr da,

fast wieder ein Jahr rum. 11 Jahre Forum werden es bald, 10 trockene Jahre, mit ohne Cocolores rum, 10 Jahre um die neue, geänderte Lebenshaltung als Normalität abzuspeichern, um so zu sein, wie andere immer sind.

Kinder gut, Frau gut, Job gut, Gesundheit gut, alles im Lot, es passt. Motorradfahren wird immer weniger, dafür durfte ich letzten Jahres wieder ins Sportstudio gehen und habe einen neuen Weg gefunden mich was fit zu halten.

Wenn ich hier lese, wird mir immer unvorstellbarer, dass ich das war, der so drauf war.

Sich solidarisch mit den Bach runter saufen, wie bekloppt ist das denn?

Coabhängig sein, also die Unfähigkeit sein eigenes Leben zu leben, in Abhängigkeit von einem Säufer dahin zu dümpeln, ist doch nichts anderes als mit dem Schirm der Umbrella Coorperation im Hintern durch den Tag zu wandeln, um als Stockfisch zu enden.

Im April vor 12 Jahren, bekam meine Exfrau einen Infarkt. Jetzt wird sie gesund, das hilft, noch härter geht es nicht, dachte ich. Nö, das Einzige was half war, das ich durch das Forum hier klar in der Birne wurde, also ohne Alk lebte. Von da an ging all das was scheinbar die Beziehung, die Ehe, die große Liebe ausmachte immer weiter auseinander, ich zog aus, sie wurde trocken. Dann ging es noch was hin- und her, bis der unweigerliche Knall kam, denn was nicht zusammen passt, kann man nicht zusammenschweißen, das rostet sich wieder los.

Wisst Ihr, so einen Müll habe ich in den 7 1/4 Jahren die ich mit meiner jetzigen Frau zusammen bin noch nicht erlebt. Bei uns ist auch nicht immer alles in Butter, aber keiner würde sich so etwas nochmals antun.

Wenn mir mal jemand gesagt hätte, was vom ersten ungläubigen „hääh, dann bin ich ja auch ein Alkoholiker“, bis jetzt alles an Änderungen dazukommen würde und es geht ja gerade erst richtig los, ich hätte einen Vogel gezeigt. Eigentlich wäre der Zeigefinder permanent an der Schläfe, Dauerklopfen.

Was habe ich diskutiert und geschrieben, Erleuchtungen bekommen oder wie oft bin ich hier nachlesbar mit der Birne gegen einen Brückenpfeiler gebumst, weil die Erfahrung nicht da rein wollte, nicht annehmbar, nicht umsetzbar war, obwohl alles hier klar und deutlich steht.

Es sind immer nur die paar Worte gewesen:

Im Heute, nicht bewerten, loslassen, grundlos tun, ordnen, ehrlich.

Wie können so paar Worte so schwer zu verstehen sein und so viel im Leben verändern?

Die paar Worte kommen mir immer wieder auf das Tablett, denn was vor 11 Jahren hier anfing zu wachsen ist ja nicht weg, das kommt ja immer wieder, immer wieder was anders.

Mal indem einer unserer Jungs drogenabhängig wurde oder Krankheiten ausbrachen, mal indem Auseinandersetzungen in der Familie sind, mal indem die Mutter stirbt, da ist mal was Tragendes im Job, dort was im Körper kaputt, hier stößt mal was in der Beziehung auf und damit alles heile bleibt, reicht es die paar Worte zu bedenken und anzufangen umzusetzen.

Klar kommt dann noch ein Rattenschwanz an Umständen dazu. Der wird transparent und dann greift eins ins andere. Manchmal sitze ich auch nur verblödet und verständnislos rum, obwohl ich es besser wissen müsste, es ist nicht alles so wie es aussieht.

Saufen und Coabhängigkeit, Frau, fressen und qualmen, waren ja nur die sichtbaren, sofort greifbaren und änderbaren Punkte, die auf mein Leben, auf mich und meinen Organismus Einfluss hatten. Die Reaktion auf Stoffe, durch festes, greifbares, sichtbares Material, durch verstandene und umsetzbare Worte ist eine Sache, also weglassen was mir nicht gut tut, aber was meine Umwelt mit mir macht, mein Umfeld, die Menschen um mich rum, mein Verhalten, meine Erbanlagen, was unbewusst und aus unbekannten Gründen aus den letzten Hinterstübchen angetrieben passiert, das sind ja alles unterschiedlich Dinge. Da habe ich noch viel nachzuschauen.

Wenn ich was erkenne, dann kann ich es ändern, das Geänderte beibehalten, es leben und wieder vergessen, dann ist es so, als wäre es normal, immer so gewesen, wie angeboren. Es gibt Menschen die so sind, jede Menge. Früher sind die mir nie aufgefallen oder die hatten einen an der Waffel.

Als wir das erste Mal nicht eingeladen wurde, weil wir keinen Alk trinken, war das nicht schön, wie aussortiert. Ich kann auch nicht um 0.30h, wenn alle einen im Tee haben, über dieses dumme Gelabers mit lachen. Da fehlt mir heute was. Dafür können wir über andere Dinge reden, denn die, die nichts in der Birne haben, die sind immer ganz OK. So gibt es viele Alltagsdinge, die sich geändert haben und es funktioniert, geht und macht gar nicht die Probleme, die ich früher dachte. Wenn ein Arzt mir z. B. einen Hammer verschreibt, dann muss ich den ja nicht nehmen, wenn ich weiß, dass es Blödsinn ist.

So sind viele Änderungen einfach geworden, wie neu angeboren, andere bis heute nicht möglich, es geht nicht, ich mag nicht, obwohl ich genau weiß, dass mir die Konsequenz nicht gut tut. Andere kommen ganz automatisch, der Organismus fragt nicht, der will Umstellungen oder an den Tropf. Ich mache dann lieber noch viele Veränderungen.

Klingt kompliziert, ist es aber nicht.

Trockenen Gruß und bis bald mal Karl

Hans im Glück
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Beitrag von Hans im Glück » 26.04.2017, 18:14

Im Heute, nicht bewerten, loslassen, grundlos tun, ordnen, ehrlich.
Danke Karl

kaltblut
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Beitrag von kaltblut » 03.08.2017, 14:40

Hallo Ihr Lieben,

gelegentlich höre ich die Frage: kann ich eines Tages wieder…….

Warum eigentlich? Warum sollte ich eines Tages wieder coabhängig sein wollen oder saufen wollen oder meine Birne in Gülle stecken?

Da stimmt doch was nicht in der Birne. Die Frage stellt sich heute überhaupt nicht mehr. Ich möchte weder den vor so 12 Jahren noch unbekannten Zustand der Coabhängigkeit zurück, noch möchte ich irgendwann nochmals Alkohol trinken. Wenn da noch etwas im Hirn abgespeichert ist, z. B. dass die Einschränkung der freien Entscheidung zu saufen oder nicht zu saufen, ganz nach dem Motto: ich will der Bestimmer sein, über der vorhandenen Abhängigkeit steht, wenn also mein unfreies Verhalten nicht als reale Freiheit betrachtet wird, dann ist ja noch was falsch gepolt.

Coabhängigkeit hat in einer gesunden Beziehung nichts verloren und Materialien, die einen schleichenden Zelltod mit sich bringen auch nicht. Was soll daran gut sein? Warum sollte das ein Organismus wollen? Welche Zelle will krank sein? Warum krank denken?

Was ist in den vergangen 11 Jahren passiert? Steht ja hier.

Danke Forum, ich habe hier mit so vielen Menschen gequatscht, mich mit so vielen Themen auseinandersetzen dürfen und mich entwickeln können, wie wohl sonst noch nie in meinem Leben. So intensiver Austausch ist in der realen Welt schwer möglich. Wenn so ein Austausch möglich ist, geht auch viel wieder verloren, was hier fest geschrieben steht. Dabei stelle ich mir gerade vor, wie ich über das eine oder andere Thema offen mit Bekannten reden würde, so wie wir hier anonym darüber schreiben, einfach so, so wie es ist, da würde der Freundeskreis aber schrumpfen und was da alles überhört würde, falsch verstanden würde, ojeehh. Das ist ja oft schwarz auf weiß unglaublich, aber ein Wort, einfach so im freien, individuellen Raum, zwischen vier Ohren, das ist ein gewaltiger Unterschied. Mit Fingern geschrieben, bedacht, gedreht, angeschaut, gewendet und immer wieder neu, das geht mit einem Laut aus anderem Mund überhaupt nicht, was für ein Unterschied.

Ist das ganze Durcheinander, was damals in meinem Kopf war, diese Kombination aus Unwissenheit, Angst und explodierenden Gefühlen, Normalität, Alltag ein vorgesehener Entwicklungsprozess, also das muss so sein und hat mir da noch etwas Entwicklung gefehlt oder ist der Zustand, so wie es heute ist, die Normalität, die Vorstufe für Weiterentwicklungen bis in die Kiste, also einfach nur alt werden? Da waren ja Stadien, von Krankheit, von Psychologie bis Philosophie, also der ganze Schwall von sterben und sein, von Neuentdeckung und Entschleunigung, ausgedrückt und beschrieben hier im Forum, vielleicht so wie einen fetten Pubertätspickel bekommen und dann macht es plop, der Spiegel sieh sch… aus, putzen und auf so was kann ich gut verzichten, aber der Dreck muss ja irgendwie raus.

Meine Frau kommt ja auch von hier, also aus dem Forum. Wir heiraten morgen. Ich wüsste nicht was da noch dazwischen kommen sollte, Blitzeinschlag hatten wir erst vor kurzem, einen kalten Blitzeinschlag, passt zu mir. Beim warmen Blitz brennt übrigens die Hütte ab. Damals hat uns auch der Blitz getroffen. Passt.

Forum macht´s möglich. Die eine Partneragentur labert ja immer, dass sich alle 11 Minuten ein Partner verliebt, was der andere macht ist mir ein Rätsel, saufen, coabhängig sein, wer weiß. Wir werden dieses Jahr 8 Jahre zusammen sein, die Testphase ist lange genug gewesen. Fangeisen an und rein in den nächsten Lebensabschnitt. Ich bin halt was langsam und zwischen 11 Jahren Forum und 11 Minuten liegen vor allem trockene Aussichten.

Es geht immer weiter und weiter und wie gut das wird, hängt nicht von 11 Minuten ab, auch nicht vom Partner, sondern von dem wie es in mir aussieht, was ich daraus mache, wie ich in der Lage bin, eine bedingungslose Beziehung zu führen.

Jetzt kommt was Neues, mit neuen Wegen, mit Abzweigungen, mit Entwicklungen. Saufen aufhören, Partner trennen, Einstellung ändern, Leben ändern oder alles lassen und trotzdem gut weiter leben, das ist alles machbar. Alles ist denkbar, nur- je länger einer wartet, je schwieriger wird das nun mal mit dem Ändern und je weniger noch da ist, um was draus zu machen, je weniger ist nun mal da und wenn nix mehr da ist, was dann?

Von all dem wo ich einmal feste dran geklammert habe, Angst kann heftig klammern, möchte ich nichts zurück, nicht mein krankes Verhalten, nicht meine Süchte und Abhängigkeiten, nichts von dem was ich mir permanent reingezogen habe. Wenn das weg ist, dann stehst du da, schüttelst dich und denkst, wow, was da alles für ein Dreck in mir war und was da alles an den Spiegel geplopt ist. Da sind z. B. Gedanken, die sind frei und überall dabei, für umsonst und die nehme ich ja mit, auch in die nächste Beziehung. Meine Gedanken, also ich, ich mache was mit mir. Keine Zelle will krank sein und ich denke mich krank, da schüttelt es mich doch. Der Mensch findet immer einen Weg. Dieselskandal und Feinstaubgrenzwerte werden da zu Lachnummern. Wer nix zum Lachen hat, dem bleiben jede Menge Dreck, Pickel am Spiegel und was alles innen drin ist, kommt irgendwann auch raus.

Vieles habe ich auch noch nicht geschafft und jetzt, wo ich langsam immer unbeweglicher und dümmer werde, da ist das auch nicht mehr so wichtig, vieles ist unwichtig. Es ist ja immer alles gleich, es wiederholt sich, nur immer was anders.

Es gibt keinen Grund, warum ein Leben versoffen und schlecht sein soll.

LG Karl

Hans im Glück
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Beitrag von Hans im Glück » 03.08.2017, 23:11

Lieber Karl,

Was les ich da?
Du heiratest morgen?

Ich freue mich für euch und schicke euch für den morgigen Tag jede Menge Sonnenschein und gute Laune.

Gutes Gelingen und dem Blitzschlag einfach ausweichen.


Liebe Grüße
Hans

Slowly
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Beitrag von Slowly » 04.08.2017, 06:07

Hallo Karl,

bei mir wares es damals einige deiner Beiträge, die bei mir wie der Blitz einschlugen. :)

Heute stehe ich da und staune im Rückblick, wie tief mich meine Abhängigkeiten in den Sumpf geritten hatten.

Brauch´ich auch nicht mehr, geht inzwischen ohne :) .

Euch wünsche ich eine fröhliche Feier und ein (meist) freudiges Eheleben.
Es geht immer weiter und weiter und wie gut das wird, hängt nicht von 11 Minuten ab, auch nicht vom Partner, sondern von dem wie es in mir aussieht, was ich daraus mache, wie ich in der Lage bin, eine bedingungslose Beziehung zu führen.
Was macht die für dich aus ?

LG Slowly

viola
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Beitrag von viola » 04.08.2017, 13:10

Lieber Karl,

das freut mich sehr, herzllichen Glückwunsch und eine wunderbare Zukunft für euch beide. Ich bin mir sicher, ihr macht das Beste draus.

LG viola

viola
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Beitrag von viola » 04.08.2017, 13:11

Lieber Karl,

das freut mich sehr, herzllichen Glückwunsch und eine wunderbare Zukunft für euch beide. Ich bin mir sicher, ihr macht das Beste draus.

LG viola

Katrienchen
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Beitrag von Katrienchen » 04.08.2017, 17:51

Slowly hat geschrieben:
Es geht immer weiter und weiter und wie gut das wird, hängt nicht von 11 Minuten ab, auch nicht vom Partner, sondern von dem wie es in mir aussieht, was ich daraus mache, wie ich in der Lage bin, eine bedingungslose Beziehung zu führen.
Was macht die für dich aus ?

LG Slowly
genau das wollte ich auch gerade fragen ;)

Aber erstmal wünsche ich Dir alles Gute für Deine Hochzeit
:) :) :)

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