"Gesunden" Umgang mit Alkohol??

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TotesHerz
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"Gesunden" Umgang mit Alkohol??

Beitrag von TotesHerz » 01.09.2008, 17:32

Hallo ihr Süssen.

Möchte heute mal ein weniger "Hässiges" Thema anschneiden, welches mich seit einer Weile verunischert.

Ich bin wegen meiner Co-Erfahrungen extrem skeptisch geworden was den Alkoholkonsum anderer Leute betrifft. Sicher ist das normal, aber ich habe manchmal das Gefühl, als hätte ichs nur noch mit Alkies zu tun, oft interpretiere ich in wahrscheinlich normale Verhaltensweisen Ungesunde Einstellungen hinein.

Was ich zum Beispiel erscheckend fand:
In Ratgebern und Zeitschriften zum Thema Schwangerschaft stellen immer wieder Leute die Frage: Darf ich Alkohol trinken?
Ich erwartete eigentlich, hier ein klares Nein zu lesen.
Und obwohl man mittlerweile weiss, dass schon kleine Mengen sehr schädlich für das Ungeborene sein können, heisst es immer wieder:"Ein kleines Gläschen ist vertretbar" (Ob ein Gläschen Wein oder Bier oder Strohrum scheint egal zu sein) Aha. Warum ist denn ein kleines Zigarettchen nicht vertretbar? Oder ein kleines Döschen Energydrink?
Bei solchen Sachen heisst es: Nikotin ist ein Gift und sehr schädlich für sie und das Baby, darum bitte völlig verzichten! Energydrinks enthalten eine zu grosse Menge an Koffein und anderen Stoffen, die für das Baby ungesund sind. Bitte völlig verzichten! (Finde ich das einzig richtige)
Warum muss ich diese Frage überhaupt immer wieder lesen?
Versteht es sich denn nicht von selbst, dass man auf sein Gift verzichtet, welches auch immer das sein mag?

Warum geht man mit dem Thema Alkohol so nachlässig um?
Bin ich da nur hypersensibel?

Ein anderes Thema ist das "Gesellschaftstrinken"
Oft stelle ich fest, dass Leute, die bei sich zu hause nie Alkohol haben, auswärts Gruppenzwangmässig mittrinken. Das find ich über alle Massen peinlich. Oft muss ich mich rechtfertigen für meinen Eistee. Dann muss ich mich zusammenreissen, dass mir nicht der Kragen platzt. Oft kann ich dann einen fiesen Spruch nicht für mich behalten.

Neulich wurden wir von alten Freunden zu einem Videoabend eingeladen.
Ich war schockiert, wieviel Alk da getrunken wurde. Ohne seien solche Abende nur halb so lustig, liess ich mich aufklären. Schon knirscht es laut in meinem Gehirn. Hat nicht ein Alkie genau dieses Gefühl, ohne Alkohol sei etwas nicht halb so lustig? Schon sehe ich Freunde, die ich eben noch ganz toll fand, plötzlich mit anderen Augen, ohne das zu wollen.

Leute, die bei mir zu Gast sind, kriegen keinen Alkohol, wie ich bereits in einem anderen Thread erklärt habe. Allerdings bin ich erstaunt, wieviele Leute diese Regel, obwohl sie sie bereits kennen zu umgehen versuchen in dem sie einen "Besonders Feinen Tropfen" mitbringen und dann denken, ich lasse das durchgehen. Auf die Frage: "Ist ein Abend mit mir nüchtern nicht zu ertragen oder muss man mein Essen mit schlecht gewordenen Trauben wegspülen?" Reagieren sie natürlich befremdet und beleidigt. Das tut mir dann schon wieder leid.

Ich weiss, dass das eigentlich unnötig streng ist, aber ich möchte nunmal, dass in meinem Haus meine Wünsche ernst genommen werden.

Vor einiger Zeit habe ich eine Alte Freundin getroffen, die gerade erfahren hatt, dass sie einen sehr begehrten Job ergattert und sich gegen hunderte von Mitbewerbern durchgestzt hat. Wir wollten in einem schicken Restaurant kurz etwas trinken gehen. Sie nahm sich ein Gläschen Champagner und wollte für mich auch gleich eins mitbestellen.
Als ich dankend ablehnte und eine Cola kommen liess war sie enttäuscht.
"Aber wir wollten doch feiern"
Ich fragte sie: Hat meine oder deine Freude denn etwas mit dem Inhalt unserer Gläser zu tun? Denkst du, ich freue mich nicht für dich, weil ich ne ganz normale Cola bestelle?
Wie blödsinnig diese Vorstellung war, leuchtete ihr ein. Ich hatte nachher das Gefühl, als hätte sie den Champagner gar nicht so gerne, aber es war ja eben ein ganz besonderer Anlass...

Da frage ich mich, wie sehr das Alkoholikerdenken in der Gesellschaft verankert ist und gefördert wird. Zu besonderen Anlässen muss man also Trinken, ab einer gewissen Anzahl Personen muss man trinken, zu gutem Essen muss man trinken, an heissen Tagen ein kühles Bier, an kalten Tagen ein schöner Whisky, an Sommerfesten diverse bunte Drinks...

Mann!!! Bin ich nicht ganz normal oder ist die ganze Gesellschaft immer gefährlich nahe an ungesundem Verhalten?
Wie seht ihr dass?

Susanne

Beitrag von Susanne » 01.09.2008, 18:11

Hallo TotesHerz,

ich kann mich da in vielen Dingen bei Dir wiederfinden.

Auch ich bin vielleicht etwas überempfindlich, was den Alkoholkonsum in unserer Gesellschaft angeht. Alkohol ist nun mal *völlig normal*, im Fernsehen morgens um 9 Uhr wird angestossen, in vielen Firmen gibt es immer noch den Getränkeautomaten mit Bier oder sogar Mixgetränken (gerade in HH in einem Krankenhaus gesehen..).

Ich habe mir aber in letzter Zeit abgewöhnt, die Welt verbessern zu wollen. Innerlich zieht es sich bei mir auch oft zusammen, wenn ich sehe, daß sogar mittags Schüler vor der Schule trinken, nur weil Ferienbeginn ist. Vor einigen Monaten hätte ich wahrscheinlich etwas gesagt, aber weißt Du, ich bin nicht dafür verantwortlich.
Natürlich sind wir sehr sensibel, was das Thema Alkohol betrifft, aber ich will und muß nicht mit einem Banner durch die Welt laufen.

ABER...wenn es um mein Leben geht, lege ich fest, ob bei mir getrunken wird oder nicht. Auch bei mir gibt es keinen Alkohol.Und:
Ich weiss, dass das eigentlich unnötig streng ist, aber ich möchte nunmal, dass in meinem Haus meine Wünsche ernst genommen werden.
Das finde ich überhaupt nicht! Es ist Dein Zuhause, Du legst dort die Regeln fest, wer sonst?

Liebes TotesHerz,
selbst Petitionen würden meiner Meinung nach wenig bringen, die Gesellschaft zu *Entalkoholisieren*. Wo willst Du da anfangen? Wir können nur bei uns anfangen, unsere Kinder sensibilisieren.
Das Einzige, was ich versuche, ist, wenn es sich ergibt, darüber zu sprechen. Aber auch ich reagiere da ja völlig über :shock: ....


Lieben Gruß

S.Käferchen Bild

Jenny2

Beitrag von Jenny2 » 01.09.2008, 18:26

Hi TotesHerz,

man wird natuerlich als Co auch ziemlich sensibilisiert. Wenn Deine Freunde nicht akzeptieren koennen, dass daheim nichts getrunken wird, dann solltest DU fuer Dich ueberlegen, ob es wirklich Freunde sind.

Aber was andere Menschen wo trinken und wieviel ist mir eigentlich egal, denn als inaktiver Co hab ich gelernt, dass es nicht meine Angelegenheit ist, sondern die Angelegenheit von anderen. Wenn ich mich also nicht wohlfuehle unter Freunden, die trinken, dann gehe ich, aber wenn ich ausgehe und ich trinke eine Cola und jemand hat was dagegen, dann ist das das Problem desjenigen und nicht meins.

Oft wird Akohol mit Spasshaben verglichen, dass ist zum Teil in der Gesellschaft leider so, ich muss aber mich nicht der Norm anpassen, also mach ich es so wie ich es fuer richtig halte, ich muss mich wohlfuehlen, nicht mein Gegenueber, dass hab ich auch schonmal klipp und klar gesagt, dann war Ruhe. :wink:

Was andere machen sollte Dich nicht interessieren, Du machst Dein Ding und daheim gelten Deine Regeln. Was andere fuer sich als Regel aufstellen und ob jemand in der Schwangerschaft trinken moechte, ist deren Problem.

Alles Liebe,

Jenny

emz

Beitrag von emz » 01.09.2008, 18:32

ich finde, es ist eine respektlosigkeit, jemandem, von dem man weiß, er trinkt und bietet auch keinen alkohol an, einen 'besonders feinen tropfen' mitzubringen. dazu muss ich sagen, dass ich einen guten wein durchaus zu schätzen weiss.

einer bekannten von mir schmeckt alkohol einfach nicht. eine andere, deren beide elternteile (mittlerweile trockene) alkoholiker sind, möchte sich selbst nicht gefährden. bei beiden habe ich schon den druck erlebt, der auf sie ausgeübt wurde. merkwürdigerweise genau von denjenigen, die am meisten trinken.

TotesHerz
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Beitrag von TotesHerz » 01.09.2008, 18:33

Ich will nicht die Welt verbessern oder so.
Ich habe ja nicht mal Bock drauf mir überhaupt diese Gedanken zu machen. Ich wollte nur mal wissen, ob das nur mir so auffällt oder nicht. Neige halt dazu, gewisse Dinge viel zu negativ zu sehen und manchmal weiss ich gar nicht mehr, ob das nun berechtigte Gedanken sind oder ob ich mir was zusammenspinne.
Vielen Dank für eure Antworten.

TotesHerz
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Beitrag von TotesHerz » 01.09.2008, 18:52

Manchmal mache ich mich auch durch meine impulsive Art völlig lächerlich.

War vor kurzem mit einer Freundin im Restaurant essen
(Auch sie mit unübersehbarem Babybauch) Der Kellner fragte höflich, ob wir einen "Apero" wünschen. Ich sah auf dem Tisch ein Kärtchen mit einer Aperoempfehlung mit Artischockenschnaps...

Ich fragte ziemlich laut, ob er es für schlau halte, schwangeren Frauen sowas anzubieten.
Er zuckte nicht mal mit der Wimper: "Wir haben frisch gepresste Säfte, BitterLemon, Grapefruitlimonade ..... Er erzählte scheinbar ewig so weiter und ich wollte nur noch ein Loch graben und darin sterben. Es war mir sooo peinlich. Hab noch nie soviel Trinkgeld gegeben. :oops:

speedy53

Beitrag von speedy53 » 01.09.2008, 19:04

Hallo,

es stimmt.... wir werden täglich mit Alkohol konfrontiert; sei es im Fernsehen oder im Supermarkt oder auch bei irgendwelchen Festen.

Aber es liegt an uns, wie nah wir den Alkohol an uns ran lassen!

In unserem Haushalt gibt es, seit mein Mann trocken ist, keinen Alkohol und alle unsere Freunde wissen das.

Wir haben keinerlei negative Kommentare dazu gehört und es hat auch noch keiner versucht, etwas alkoholisches mitzubringen - sei es als Geschenk oder zum "Selbstverzehr". Alle wissen, wir dulden es nicht und es wird akzeptiert.

Unsere besten Freunde (Weinliebhaber in Maßen) haben für uns sogar ihre Hausbar weggeräumt, heute steht dort immer ein Strauss frischer Blumen!

Veranstaltungen wo getrunken wird, meiden wir!

Wir haben unser Leben jetzt so eingerichtet, dass Alkohol darin keinen Platz mehr hat!

Auch wir wollen die Welt nicht retten!!! Es gibt durchaus Menschen, die mit mit Genuß mal ein Glas trinken können (es sei ihnen auch wohl vergönnt).

Mein Mann kann es nicht und darum leben wir unser Leben jetzt ohne !!!

Lieben Gruß
Speedy

dagmar007
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Registriert: 04.05.2008, 17:51

Beitrag von dagmar007 » 01.09.2008, 19:42

Liebes Herzchen,
ich bin stolz darauf meine cola oder meine antialkoholischen Mixgetränke zu trinken. Ich habe erst mit 27 den Führerschein gemacht und dieser ist in meinen Augen eine Waffe, der niemals zusammen mit der Waffe Alkohol auftreten darf. Ich trinke also nicht - und es schmeckt mir nicht.

Auf Feten frage ich mich meinen Teil, auf den örtlichen Dorffesten (wo die Frau den Mann sucht und im Regelfall zuerst die Schuhe findet) frage ich mich nicht mehr, denn ich sehe die Folgen.

Da wo mich jemand zum Drink einladen will und bei Cola sagt "nee, was alkoholisches, da weiß ich gleich, von wem ich mich nicht einladen lassen möchte. Alles schon passiert! Und erst jetzt weiß ich daß ich darauf stolz sein darf immer bei Limo und Wasser geblieben zu sein!

Ich bin ja schon geschockt wenn 6 kleine Bier als normal pro Abend betrachtet werden. Nun gut, normal für wen oder was? Normal für die Leber bestimmt nicht - oder sagen wir mal, nicht gesund.

Was ist gesunder Umgang mit Alkohol? Nicht als Medikament verwenden, nicht als Pflaster für die Einsamkeit, nicht in Übermaßen (wo beginnen die?). Ich denke, hier muss jeder für sich entscheiden - manchen gelingt es - andere kommen in den Suchtkreislauf. Wir, liebes Herzchen kommen zumindest nicht in die Sucht der Alkoholkranken, lässt sich vermuten.

Allerdings spreche ich mir eine gewisse Intoleranz nicht ab - und da beginnen meine Selbstzweifel: das was ich nicht mag lehne ich ab, eventuell mache ich jemanden zum Trinker, der keiner ist...
Da wären wir wieder bei meiner letzten Beziehung angekommen.

Irgendwann einmal stellte ich jedoch fest, die Beziehung ist krank - ob er mit dem Alkohol, das muss er sich selber beantworten.

Lieben Gruß von Dagmar

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