späte einsicht? suchtdruck mal anders?

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit
I, alcoholic.
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späte einsicht? suchtdruck mal anders?

Beitrag von I, alcoholic. » 21.09.2008, 21:52

hallo.

das erste mal, dass ich überhaupt in irgendeinem forum aktiv werde...
das erste mal, dass ich hier einen beitrag verfasse...

ich bin nun bereits seit fast einem jahr trocken.
nach einem schweren absturz (inkl. ansatz zum suizid) im letzten herbst habe ich nach einer möglichkeit gesucht, meine probleme in den griff zu bekommen. "eines" davon, soviel wurde mir seinerzeit zumindest klar, war das trinken.

also: erstmal aufhören zu saufen und dann weitersehen.

ich wollte unbedingt vermeiden, in eine stationäre therapie zu gehen - sich für eine gewisse zeit aus dem leben zu reißen, aufzuhören zu trinken und dann wieder in den alltag geworfen zu werden schien mir nicht der richtige weg für mich zu sein.

ich habe dann eine möglichkeit gefunden, eine stationäre therapie zu beginnen. nach wartezeit in motivationsgruppen konnte ich darauf anfang diesen jahres meine therapie starten.

seitdem ist wahnsinnig viel passiert.

nur - und das bereitet mir im moment extreme schwierigkeiten:

ich beginne erst jetzt - nach etwa einem jahr abstinenz und einem halben jahr therapie - zu erkennen, was es bedeutet, süchtig zu sein; beginne, wirklich zu begreifen, dass ich alkoholiker bin; beginne zu realisieren, welche macht der alkohol über mich hatte und immer noch hat.

ich habe mich bisher vorwiegend mit den gründen für das trinken befasst - habe tief in meine vergangenheit geschaut, habe mich schwer erschütterndes und sehr wertvolles über mich herausfinden können.

da mir das eigentliche aufhören relativ leicht gefallen ist (ich hatte selten und auch nur schwach das verlangen zu trinken, ich bin von anfang an weiter ausgegangen, habe mich nicht vom alkohol - dies ist in unserer gesellschaft nun leider nicht möglich, da er omnipräsent ist - ferngehalten im sinne von: da gehe ich nicht hin, da wird getrunken), haben begriffe wie saufdruck, abhängigkeit, co-abhängikeit kaum eine rolle gespielt.

ich merke seit geraumer zeit, dass bausteine auf meinem therapieweg fehlen.

durch bestimmte umstände wird mir jedoch seit einigen tagen bewusst:
ich leide unter extremem suchtdruck - rastlosigkeit, unruhe, selbstzweifel, nichts-mit-sich-anzufangen-wissen. ich habe den "fehler" gemacht zu meinen, dass kein verlangen nach bier zu haben bedeutet, keinen saufdruck zu leiden. ich sehe erst jetzt, dass ich nicht nach dem getränk süchtig bin, sondern nach dem effekt den ich lange dadurch erreichen konnte.

das hört sich so banal an, ist für mich aber erschreckend, weil ich das so lange nicht erkannt habe. ich habe angst. ich habe das unterschätzt. der "feind", den ich geglaubt habe, bereits besiegt zu haben, ist plötzlich wieder da, mächtig, groß, hinterlistig und - erst ist in mir.

gut daran ist - und darauf bin ich stolz: ich erkenne mich immer mehr, ich habe nun wieder etwas - das entscheidende? - , gegen das ich kämpfen kann und muss. wieder eine große aufgabe nach all den monaten therapie...

so, das war lang. danke an alle, die diesen beitrag ganz und aufmerksam lesen und möglicherweise darauf antworten - mit hat das schreiben bereits geholfen.

I, alcoholic.

Andi

Beitrag von Andi » 21.09.2008, 22:09

Hallo alkoholic,
und herzlich willkommen bei uns!

Du schreibst:
gut daran ist - und darauf bin ich stolz: ich erkenne mich immer mehr, ich habe nun wieder etwas - das entscheidende? - , gegen das ich kämpfen kann und muss. wieder eine große aufgabe nach all den monaten therapie...
Ich habe den Kampf vor einigen Jahren aufgegeben da ich einsah,das ich gegen diesen übermächtigen"Gegner"gar nicht gewinnen kann!!

Ich habe kapituliert,bedingungslos!!

Was hast Du erlernt in deiner Therapie?
Was hast Du an "Rüstzeug" mitnehmen können für dich?

Da die eigentlichen Bewährungsproben und das umsetzen des dort erlernten erst im Alltag zum tragen kommen hapert es meist am umsetzen des ganzen.

Unruhe und Rastlosigkeit kann ich aber entgegenwirken,in dem ich mir Hobby's wie Sport ect zulege/aneigne.

Ein nur nicht Trinken! reicht da bei weitem nicht aus!

Was unternimmst Du an Trockenheitsarbeit für dich?

Besuchst Du eine Selbsthilfegruppe?

Gruß Andi

Oliver1
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Beitrag von Oliver1 » 21.09.2008, 22:19

Hallo I,alcoholic,

ich freue mich Dich hier begrüssen zu können.
Es ist entscheidend wichtig, dass Du den Mut gefunden hast offen mit anderen über Deine Krankheit zu sprechen.
Herzlichen Glückwunsch zu Deinen fast 1 Jahr der Trockenheit- ich bin noch nicht so lange wie Du trocken ( 4 Mon.)aber bin zuversichtig, dass ich mit Hilfe dieses Forums und Hilfe von Aussen das schaffen kann. Eins habe ich hier bestimmt gelernt-ich kämpfe nicht mehr gegen Alkohol- den kann man nicht besiegen- ich kämpfe um mein trockenes leben.

Nette Grüsse
Oliver

Mandy2

Beitrag von Mandy2 » 21.09.2008, 22:39

Hallo,

schön, das Du her gefunden hast :wink:

Ich bin mit dem Forum, "nun 7 Monate trocken", geworden.

Hier findest Du regen Austausch, ich habe am Anfang, viel gelesen und viele Dinge, sind mir dadurch klarer geworden.

Alle meine Trockenpausen, waren Sie auch schön länger, waren geprägt, von nur nicht Trinken.

Hier ist mir bewusst geworden, daß das nicht ausreicht.

Ich wünsche Dir hier einen regen Austausch :wink:

Willkommen im Boot.

MLG Mandy

I, alcoholic.
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Beitrag von I, alcoholic. » 21.09.2008, 22:40

danke, andi und oliver, für Eure antworten.

mein repertoire an mitteln im alltag zu bestehen, werde ich mir erst jetzt, da ich den wahren grund für meine unruhe als suchtdruck respektieren kann, zulegen. ich hatte dies bisher nicht eingesehen.

dinge, die, man sich weggesoffen hat, wollen wieder- und neues entdeckt werden...

ich möchte nicht auf alles weitere eingehen, aber mir fällt Eure einstellung zum "kampf" auf.
ich verstehen offen gesagt nicht, wieso ich kapitulieren soll: meiner meinung nach habe ich genau das jahrelang getan und das war für mich falsch. liegt es einfach an unterschiedlichen definitionen der begriffe?
ich möchte den suff besiegen, indem ich IMMER bei mir bin, STETS weiß, was mich beschäftigt und wo gründe für unruhe und hilflosigkeit liegen und diese abstellen können. das bedeutet für mich im moment kampf im sinne von hoher konzentration und anstrengung und wird hoffentlich zur gelassenen routine, wenn ich dies zur genüge gelernt und geübt haben werde und mein "rüstzeug" stets bei mir trage.

I, alcoholic.

Spedi

Beitrag von Spedi » 22.09.2008, 08:18

Servus I, alcoholic,

Wenn ich das so lese:
...ich möchte den suff besiegen, indem ich IMMER bei mir bin, STETS weiß, was mich beschäftigt und wo gründe für unruhe und hilflosigkeit liegen und diese abstellen können. das bedeutet für mich im moment kampf im sinne von hoher konzentration und anstrengung und wird hoffentlich zur gelassenen routine, wenn ich dies zur genüge gelernt und geübt haben werde und mein "rüstzeug" stets bei mir trage...
dann klingt das für mich so, als ob Du versuchen wolltest mit dem Versand und mit Willensstärke eine Sucht zu "bekämpfen".

Ein Weg, den Du -wie Du sagst- seit 7 Monaten beschreitest.

Und auf dem Du Dich -jetzt- nicht wohl fühlst.

Warum nur???

Vielleicht, weil Sucht nicht über die Ratio, den Verstand alleine zu bewältigen ist? Weil Sucht keine Willensschwäche ist, sondern eine Erkrankung? Weil...

Was ich befremdlich finde: Du hast während Deiner Therapie keine Grundbausteine gelernt? Soll das heissen, sie wurden Dir nicht vermittelt oder soll das heissen, Du hast sie nicht angenommen?!? :shock:

LG
Spedi

MichaHH
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Beitrag von MichaHH » 22.09.2008, 09:38

Hallo alkoholic,

und herzlich willkommen bei uns! Du schreibst „

da mir das eigentliche aufhören relativ leicht gefallen ist (ich hatte selten und auch nur schwach das verlangen zu trinken, ich bin von anfang an weiter ausgegangen, habe mich nicht vom alkohol - dies ist in unserer gesellschaft nun leider nicht möglich, da er omnipräsent ist - ferngehalten im sinne von: da gehe ich nicht hin, da wird getrunken), haben begriffe wie saufdruck, abhängigkeit, co-abhängikeit kaum eine rolle gespielt. „

Meiner Meinung nach bist Du nie Richtig davon Los gekommen. Warum hältst Du dich nicht fern, von den Quellen wo was getrunken wird? Was ist so Anstößig daran zu sagen „ Da gehe ich nicht hin, da wird Alkohol getrunken ?“ Gerade am Anfang ist es sehr wichtig, diese Umgebungen zu meiden „ Selbstschutz“

Zum Trocken werden und vor allem es auch zu bleiben, gehört eben mehr dazu als nur nichts mehr zu Trinken. Selbsthilfegruppe, Hoppy´s, Sport. Ich selbst habe es bis hin zum Wohnungswechsel gebracht, habe mir dabei noch ein paar Hoppy´s mehr zugelegt. Denn nichts ist schlimmer für mich, als zu viel Freizeit und nichts tun zu können. Was machst Du so in deiner Freien Zeit ?

Lieben Gruß Micha

Jürgen
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Beitrag von Jürgen » 22.09.2008, 10:39

Hallo alkoholic,
einherzliches willkommen hier.
Du merkst das was mit dir nicht stimmt, und sich Druckm in dir aufbaut.Du klammerst dich zu sehr noch an alte Rituale. Es kommt nicht drauf an wie lange man trocken ist sonder wie man trocken ist.
Und die Grundbausteine heißen nicht umsonst so.
Es ist nicht nicht nur trinken nicht getan, das ist Fakt und eine alte Erfahrung. Die Arbeit an dir geht jetzt los.
Denk an deine Therapie, da sind bestimmt solch Sachen gesagt worden. Geh mal in dich, nihm dir Zeit für dich und deine Trockenarbeit, das ist Arbeit an sich selber.
Schreib hier, les hier. Du hast ja gemerkt es tut dir gut.
LG
Jürgen

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