Ich mach mir Vorwürfe

Hilfe für erwachsene Kinder von Alkoholikern
gwendoline
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Ich mach mir Vorwürfe

Beitrag von gwendoline » 01.01.2009, 23:29

Hallo,
ich habe vor einiger Zeit über meine Stiefmutter geschrieben und habe hier sehr nette Hilfe bekommen.
Um kurz zu erklären, vor nicht ganz drei Jahren habe ich meinen Vater verloren, er starb an seiner Alkoholsucht im Alter von 54, einen Monat später starb seine Mutter an einem Schlaganfall, sie hat den Tod ihres einzigen Kindes nicht verkraften können.
Geblieben ist meine ebenfalls Alkoholkranke Stiefmutter.
Meine beiden Geschwister und ich sind mit der Alkoholsucht und Gewalt meiner Eltern aufgewachsen. Ich hatte nie ein gutes Verhältnis zu meiner Stiefmutter , sie hat uns Kinder damals auch nach der Ausbildung vor die Türe gesetzt, weil mein Vater sonst keine Zuschüsse mehr vom Amt bekommen hätte, er war Langzeitarbeitsloser.
Nach dem Tod meines Vaters habe ich, trotz das ich kein so gutes Verhältnis zu meiner Stiefmutter hatte, ständig versucht wenigstens sie vom Alkohol wegzubekommen. Ich habe mir selbst eingeredet verantwortlich für sie zu sein. Sehr oft habe ich mit ihr geredet und wollte ein gutes Verhältnis aufbauen, was mir leider nicht gelungen ist. Ich habe sie oft gebeten aufzuhören aber sie wollte nicht. Ich bin in der Zeit selber Mutter geworden ( meine Tochter ist jetzt 14 Monate ) und selbst das hat sie nicht dazubewegt aufzuhören.
Ende September `08 habe ich den Kontakt zu ihr abgebrochen weil es mir immer schlechter ging und ich mich selbst in eine Abhängigkeit begeben habe = den Zwang ihr helfen zu müssen.
Worauf ich hinaus will, nach dem Kontaktabbruch war mir klar das ich irgendwann mal angerufen werde das sie gestorben ist, wenn sie keine Einsicht zeigt.
Und genau das ist am 30.12.08 nachmittags passiert. Das Ordnungsamt hat mich angerufen und mir gesagt das sie tot in der Küche liegt und das sie wohl schon zwei Wochen tot da lag. Der Fernseher in der Küche lief noch und zum Glück lebte ihr Hund noch, der in einem nicht so guten Zustand war.Mit der Polizei musste ich auch einige Male sprechen, die haben mir gesagt das ich mir keine Vorwürfe machen muss.
Aber die mache ich mir, ich habe das Gefühl mit meiner Hilfe gescheitert zu sein es hat mir den Boden unter den Füssen weggezogen.
Zum Teil bin ich froh dieses Kapitel abzuschließen zum anderen weine ich und könnte laut schreien warum man so sein Leben wegschmeißt.
Es zerreißt mich innerlich.
Zu meinem Glück bin ich seit dem Kontaktabbruch in Therapie und ich werde sie noch eine lange Zeit brauchen.
Hat jemand vielleicht leider auch schon den Tod eines Alkoholkranken erleben müssen ? Meinen Vater und meine Oma habe ich bis zum Tod im Krankenhaus besucht nur sie hab ich nicht mehr gesehen : (
Es tut so sehr weh, wenn sich jemand aufgiebt und das waren bei mir drei Personen in knapp drei Jahren.
Liebe Grüsse
Alex

Motte71
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Beitrag von Motte71 » 02.01.2009, 00:29

Hallo

es fällt sehr schwer, die richtigen Worte zu finden.

Es tut mir sehr leid,dass du deine Stiefmutter auf so eine Weise verloren hast.
Aber vergiß bitte nicht, dass sie ihren Weg selbst gewählt hat.
Du hast alles, was du für sie tun konntest getan, und sie hat sich geweigert, sich helfen zu lassen. Es war der richtige Schritt sich von ihr zu entfernen, da du sonst selbst, an ihrer Krankheit, kaputt gegangen wärst.
Ich schicke dir viel Kraft für die nächste Zeit.
Lg Motte

norA50

Re: Ich mach mir Vorwürfe

Beitrag von norA50 » 02.01.2009, 18:00

gwendoline hat geschrieben:Hallo,
ich habe vor einiger Zeit über meine Stiefmutter geschrieben und habe hier sehr nette Hilfe bekommen.
Um kurz zu erklären, vor nicht ganz drei Jahren habe ich meinen Vater verloren, er starb an seiner Alkoholsucht im Alter von 54, einen Monat später starb seine Mutter an einem Schlaganfall, sie hat den Tod ihres einzigen Kindes nicht verkraften können.
Geblieben ist meine ebenfalls Alkoholkranke Stiefmutter.
Meine beiden Geschwister und ich sind mit der Alkoholsucht und Gewalt meiner Eltern aufgewachsen. Ich hatte nie ein gutes Verhältnis zu meiner Stiefmutter , sie hat uns Kinder damals auch nach der Ausbildung vor die Türe gesetzt, weil mein Vater sonst keine Zuschüsse mehr vom Amt bekommen hätte, er war Langzeitarbeitsloser.
Nach dem Tod meines Vaters habe ich, trotz das ich kein so gutes Verhältnis zu meiner Stiefmutter hatte, ständig versucht wenigstens sie vom Alkohol wegzubekommen. Ich habe mir selbst eingeredet verantwortlich für sie zu sein. Sehr oft habe ich mit ihr geredet und wollte ein gutes Verhältnis aufbauen, was mir leider nicht gelungen ist. Ich habe sie oft gebeten aufzuhören aber sie wollte nicht. Ich bin in der Zeit selber Mutter geworden ( meine Tochter ist jetzt 14 Monate ) und selbst das hat sie nicht dazubewegt aufzuhören.
Ende September `08 habe ich den Kontakt zu ihr abgebrochen weil es mir immer schlechter ging und ich mich selbst in eine Abhängigkeit begeben habe = den Zwang ihr helfen zu müssen.
Worauf ich hinaus will, nach dem Kontaktabbruch war mir klar das ich irgendwann mal angerufen werde das sie gestorben ist, wenn sie keine Einsicht zeigt.
Und genau das ist am 30.12.08 nachmittags passiert. Das Ordnungsamt hat mich angerufen und mir gesagt das sie tot in der Küche liegt und das sie wohl schon zwei Wochen tot da lag. Der Fernseher in der Küche lief noch und zum Glück lebte ihr Hund noch, der in einem nicht so guten Zustand war.Mit der Polizei musste ich auch einige Male sprechen, die haben mir gesagt das ich mir keine Vorwürfe machen muss.
Aber die mache ich mir, ich habe das Gefühl mit meiner Hilfe gescheitert zu sein es hat mir den Boden unter den Füssen weggezogen.
Zum Teil bin ich froh dieses Kapitel abzuschließen zum anderen weine ich und könnte laut schreien warum man so sein Leben wegschmeißt.
Es zerreißt mich innerlich.
Zu meinem Glück bin ich seit dem Kontaktabbruch in Therapie und ich werde sie noch eine lange Zeit brauchen.
Hat jemand vielleicht leider auch schon den Tod eines Alkoholkranken erleben müssen ? Meinen Vater und meine Oma habe ich bis zum Tod im Krankenhaus besucht nur sie hab ich nicht mehr gesehen : (
Es tut so sehr weh, wenn sich jemand aufgiebt und das waren bei mir drei Personen in knapp drei Jahren.
Liebe Grüsse
Alex
Hallo Alex, Du solltest Dir keine Vorwürfe machen. Du hast immerhin als Kind in einer Familie überlebt, in der sich lauter kranke Menschen zusammengefunden haben. Du mußt innerlich sehr stark sein, sonst wärst Du wohl auch nicht mehr am Leben.
Nun hast Du eine kleine Tochter und eine große Aufgabe. Wichtig ist allein, dass Du für Dich ein glückliches Leben findest und Deiner Tochter ein Los ersparst, wie Du es hinter Dir hast. Das ist die wahre Entwicklung und darauf kannst Du stolz sein.
Dass Menschen, die uns nahe standen sterben, und zwar immer in der ihrem Leben gemäßen Art, ist nichts Besonderes. Meine Mutter war auch alkoholkrank und eine sehr bösartige, verbitterte Frau. Sie starb an Krebs. Es heißt im Volksmund "hart gelebt - hart gestorben"...
Wir sollen die Toten aber in Frieden entlassen, ihnen verzeihen und versuchen zu verstehen, dass sie es nicht leicht hatten. Dann aber sie in Frieden ruhen lassen und uns DEM LEBEN ZUWENDEN!
Ich wünsch Dir alles Gute für die Zukunft!
Nora

Susanne

Beitrag von Susanne » 02.01.2009, 23:13

Hallo Alex,

ich habe Dich, wie Du es auch wolltest, mal in diesen Bereich verschoben.

Ich wünsche Dir ganz viel Kraft und einen regen Austausch hier mit anderen EKA´s.

Liebe Grüße und nochmals mein aufrichtiges Beileid.

S.Käferchen

gwendoline
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Beitrag von gwendoline » 02.01.2009, 23:26

Lieber Motte , liebe Nora,
ich danke Euch für Eure netten Worte.
Es tut mir wirklich gut nette und aufbauende Worte zu lesen die ich in dieser für mich schlimmen Zeit brauche.
Gestern habe ich hier zum ersten mal gechattet und habe mein Herz ausgeschüttet, das hat mir echt gut getan.
Nach dem Chat bin ich ins Bett gegangen, vorm schlafen habe ich mich im Bett noch mal richtig ausgeheult.
Danach hab ich zu mir selbst gesagt, das ich nie was hätte ändern können, sei froh das es vorbei ist und leb dein Leben. Zurückschauen bringt nichts mehr weil das Kapitel abgeschlossen ist. Ich bin froh das ich meiner Tochter meine Alkoholkranke Familie ersparen kann und durch sie erlebe ich selber ein Stück meiner verlorenen Kindheit.
Heute hab ich nicht geweint und hab meinen Alltag wieder in die Hand genommen wie sonst auch immer.
Die Beerdigung wird nochmal schlimm für mich aber dann werde ich nach vorn schauen.
Nora, ich musste lange an Deine Worte denken, das ich da lebend rausgekommen bin.
Es gab Situationen da wollte ich als Kind nicht mehr, hab so viel geweint, meine Eltern gehasst und dann irgendwie doch gemocht manchmal sogar geliebt. Hab sie aber nur geliebt weil ich Mitleid hatte weil sie so krank waren.
Zum Glück hatte ich Geschwister , ich hätte nicht gewußt was ich ohne gemacht hätte. Das war für mich das beste in meiner Kindheit das ich meine Geschwister hatte und jetzt noch habe :)

Liebe Grüsse Alex

norA50

Beitrag von norA50 » 04.01.2009, 11:42

gwendoline hat geschrieben:Lieber Motte , liebe Nora,
ich danke Euch für Eure netten Worte.
Es tut mir wirklich gut nette und aufbauende Worte zu lesen die ich in dieser für mich schlimmen Zeit brauche.
Gestern habe ich hier zum ersten mal gechattet und habe mein Herz ausgeschüttet, das hat mir echt gut getan.
Nach dem Chat bin ich ins Bett gegangen, vorm schlafen habe ich mich im Bett noch mal richtig ausgeheult.
Danach hab ich zu mir selbst gesagt, das ich nie was hätte ändern können, sei froh das es vorbei ist und leb dein Leben. Zurückschauen bringt nichts mehr weil das Kapitel abgeschlossen ist. Ich bin froh das ich meiner Tochter meine Alkoholkranke Familie ersparen kann und durch sie erlebe ich selber ein Stück meiner verlorenen Kindheit.
Heute hab ich nicht geweint und hab meinen Alltag wieder in die Hand genommen wie sonst auch immer.
Die Beerdigung wird nochmal schlimm für mich aber dann werde ich nach vorn schauen.
Nora, ich musste lange an Deine Worte denken, das ich da lebend rausgekommen bin.
Es gab Situationen da wollte ich als Kind nicht mehr, hab so viel geweint, meine Eltern gehasst und dann irgendwie doch gemocht manchmal sogar geliebt. Hab sie aber nur geliebt weil ich Mitleid hatte weil sie so krank waren.
Zum Glück hatte ich Geschwister , ich hätte nicht gewußt was ich ohne gemacht hätte. Das war für mich das beste in meiner Kindheit das ich meine Geschwister hatte und jetzt noch habe :)

Liebe Grüsse Alex
Liebe Alex,
wir können uns unsere Eltern nicht aussuchen, aber kein Mensch bekommt mehr aufgebürdet als er ertragen kann und wir bekommen auch Menschen an die Seite gestellt, die uns erfreuen. Du hast alles überlebt und aus dem Erlebten wirst Du wichtige Erfahrungen gewinnen.
Wir gehen viele Wege die steinig sind, aber diese Wege führen auch in schöne Landschaften!
Nora

gwendoline
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Beitrag von gwendoline » 09.01.2009, 23:47

Gestern war die Beerdigung, ich weiß nicht wie ich den Tag beschreiben soll.
Ich hab nach langer Zeit die Schwester meiner Stiefmutter wiedergesehen und die Nachbarn waren auch da. Sie haben mir erzählt das sie ihr helfen wollten aber sie wollte nicht.Das Haus in dem sie gelebt hat ,sieht den erzählungen nach, aus als wenn ein Messi dort gewohnt hätte. Leider auch unzählige Flaschen Korn die sie selber nicht mehr im stande war zu entsorgen. Der Nachbar hatte mir auch gesagt das sie nicht mehr leben wollte in dem " Mutt" und sie gesagt hat das sie zu ihrem verstorbenen Mann wollte, als er das gesagt hat hab ich mir wieder solche Vorwürfe gemacht weil ich 2 Monate vor ihrem Tod den Kontakt abgebrochen habe.
Letztens hab ich noch gesagt ich schau nach vorn und jetzt bin ich in einem Loch voller Selbstvorwürfe.
In der einen Minute bin ich fröhlich und in der anderen tiefbestürzt und weine wieder und denke versagt zu haben. Im moment weiß ich garnix mehr , ob es jetzt gut ist wie es ist oder ob ich doch nicht alles versucht habe.
In meiner Familie laß ich mir das nicht anmerken aber wenn ich alleine bin weine ich und rede sehr viel mit mir selbst.

caro1969
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Beitrag von caro1969 » 10.01.2009, 00:05

hallo alex!

das das ein schwerer tag war gestern,glaub ich dir...nun komm zur ruhe und gib dir zeit.

trauer ist wichtig...und tut selbstverständlich weh...

so wie ich dich lese zeigst du nicht gern deine wahren gefühle!?dabei kam mir der gedanke das DU nicht nur über den tod deiner stiefmutter trauerst...

mehrere menschen sind gegangen...vielleicht hast du das alles noch garnicht so richtig wahrgenommen/registriert/verarbeitet?

deine therapie wird dir sicherlich auch helfen mit dem geschehenen umgehen zu können..

ich wünsch es dir...

mach dir keine vorwürfe!!!!

alkohol gegenüber bist nicht nur DU gegenüber machtlos...JEDER VON UNS IST ES...

liebe grüsse und ganz viel kraft wünscht dir caro

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