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Zweifel, ob er die Wahrheit sagt

Hilfe für Co-Abhängige, Partner und Angehörige von Alkoholikern bei der Coabhängigkeit
Cynthia
neuer Teilnehmer
Beiträge: 5
Registriert: 09.04.2009, 08:49

Zweifel, ob er die Wahrheit sagt

Beitrag von Cynthia » 10.04.2009, 07:19

Liebe Alle,

seit kurzem bin ich hier registriert, und habe kurz im Vorstellungsbereich über meine derzeitige Situation geschrieben. Ich lese mit Interesse Eure Beiträge, immer in der Hoffnung, ein paar Antworten darauf zu finden, was mit meinem Freund los ist.

Für mich stellt sich einfach eine große Frage: mein Partner sagt, er trinke nur dann, wenn er Medikamente gegen Depressionen absetzt (sog. SSRI). Dann könnte er schlechter mit privaten Dingen und beruflichem Druck umgehen (er definiert sich wahrscheinlich sehr stark über Anerkennung im Job). Sobald er die Medikamente wieder nimmt, würde das SSRI diese Gefühle "abpuffern", so dass er nicht trinken würde.

Was mir einfach keine Ruhe läßt: stimmt das, was er sagt? Oder ist er ein Alkoholiker, der aber auch Phasen hat, in denen er eben nomal trinkt, wie-fast jeder-andere auch (sprich: abends mal 1-2 Bier)?
Und falls dem so ist: würde ich mit einer Forderung, er solle gar nichts mehr trinken, weit über´s Ziel hinausschießen?

Wir beide sind verlobt, wollen mal heiraten.
Ich bin ganz ehrlich: ich will keinen Alkoholiker heiraten. Die Angst vor dem, wie sich das alles entwickeln könnte, ist zu groß.

Fragen über Fagen...wie seht Ihr das? Ich schlafe zur Zeit wirklich miserabel. Immer, wenn er noch schläft, schreibe ich hier.

Liebe Grüße

Cynthia

Linde66
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 18675
Registriert: 08.10.2008, 23:13

Beitrag von Linde66 » 10.04.2009, 07:36

Guten Morgen Cynthia,

ob dein Freund nun Alkoholiker ist oder nicht, das kann er nur selbst beantworten. Nur er selber kann sagen, ob da bei ihm schon eine Grenze überschritten ist, hin zum Trinken-Müssen.

Ich kann nur aus eigener Erfahrung sagen, daß Alkoholiker manchmal Geschichten erzählen, die an den Haaren herbeigezogen sind, um ihren Konsum zu rechtfertigen.

Meine Mutter trinkt, so lange ich denken kann, mindestens 30 Jahre, da habe ich schon so einige 'Gründe' gehört...

Ich habe die Entscheidung meiner Mutter für den Alkohol akzeptiert, sie trinkt sich zu Tode, das ist leider so wie es ist. Keiner kann das beeinflußen. Nicht durch Forderungen, Ultimatum, Druck. Der Alkoholiker kann seine Erkrankung stoppen, wenn er einsichtig ist krank zu sein und professionelle Hilfe annimmt. Wir Angehörige sind keine Profis. Wenn wir beginnen würden, am Alkoholkranken 'herumzudoktern', dann wäre das Co-abhängiges Verhalten. Schau mal hier, wenn du magst: http://www.forum-alkoholiker.de/grundba ... igkeit.php

Ich habe mit meiner Mutter vor längerer Zeit ein letztes offenes Gespräch geführt, in dem ich ihr einen möglichen Weg aufzeigte, und mich dann meinem Leben zugewandt. Ich halte Abstand. Es ist an ihr, sich um ihr Leben zu kümmern.


Entscheidend hier und heute ist, wie es DIR geht! Dein Bauch ist da ein guter Wegweiser.

Wie möchtest DU Leben?

Während du hier liest und schreibst, dann kann es sich in dir klären. Wir können dir keine Schritte abnehmen, aber dich bei deinen Schritten begleiten, wenn du das möchtest.

Liebe Ostergrüße, Linde

dagmar007
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 2866
Registriert: 04.05.2008, 17:51

Beitrag von dagmar007 » 10.04.2009, 07:41

Liebe Cynthia,
ich kann mich nur Linde anschließen und sagen "befrag Dich". Du bist hier und scheinst selber etwas Probleme mit seinem Verhalten zu haben, somit ist es vielleicht sinnvoll für Dich selber erst einmal Inventur zu machen.

Davon einmal abgesehen halte ich persönlich die Kombination von Alkohol und Antidepressiva für ausgesprochen gefährlich. Zumal ja wohl eine Grunderkrankung (Depression) vorliegt und der Alk noch als Selbstmedikation eingesetzt wird.

Wie sehen wir - ich - das? Jeder hat seine eigene Geschichte erlebt, bei jedem war der Verlauf anders. Ich hatte einen Gesellschaftstrinker an meiner Seite, der nach rund 10 Jahren austickte und von "Bude abbrennen" bis zum Fremdgehen und S** Übergriffen alles im Repertoire hatte. Die wenigsten Alkoholiker werden so reagieren - aber ich hatte eben diese lebensbedrohliche Situation.

Schau auf Dich und Dein Leben, fühl Dich darin zu Hause, egal, ob es einen Partner gibt oder nicht, ich denke, damit wärst Du am stabilsten.

Lieben Gruß von Dagmar

Hermann 65
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Re: Zweifel, ob er die Wahrheit sagt

Beitrag von Hermann 65 » 10.04.2009, 07:48

Cynthia hat geschrieben:


Für mich stellt sich einfach eine große Frage: mein Partner sagt, er trinke nur dann, wenn er Medikamente gegen Depressionen absetzt (sog. SSRI). Dann könnte er schlechter mit privaten Dingen und beruflichem Druck umgehen (er definiert sich wahrscheinlich sehr stark über Anerkennung im Job). Sobald er die Medikamente wieder nimmt, würde das SSRI diese Gefühle "abpuffern", so dass er nicht trinken würde.

Was mir einfach keine Ruhe läßt: stimmt das, was er sagt? Oder ist er ein Alkoholiker, der aber auch Phasen hat, in denen er eben nomal trinkt, wie-fast jeder-andere auch (sprich: abends mal 1-2 Bier)?
Und falls dem so ist: würde ich mit einer Forderung, er solle gar nichts mehr trinken, weit über´s Ziel hinausschießen?


Cynthia
Hallo Cynthia,

Gründe zu trinken......; waren bei mir nach einem offenen Rückblick;
Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag und Sonntag

Gruß Hermann

Cynthia
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Beiträge: 5
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Beitrag von Cynthia » 10.04.2009, 07:48

Danke, Ihr Beiden!

Es ist nicht so, dass ich co-abhängig bin (hoffe, ich habe die Kritrien in den Grundbausteinen dafür richtig verstanden). Sondern einfach mit den Nerven fertig, und unsicher.

Das mit den Gründen für´s Trinken...wenn ich ihn frage, sagt er, er könne ein Alkoholproblem haben. Selbst zugeben, dass er evtl. ein Alkoholiker ist, würde er bestimmt nie.

Nun ist-in seinen Augen-ja wieder alles paletti. Er trinkt nur 1 Bier pro Tag, sagt, er bekäme Entzugserscheinungen, da müsse er durch, und das war´s...

Nur: wenn ich ihn nicht mit dem O-Saft/Riesling-Mix erwischt hätte-was dann?
Gibt es "objektive" Kriterien, nach denen man sich ein Bild machen kann, ob jemand Alkoholiker ist? Oder soll ich besser mal schaun, wie sich alles so entwickelt?

So, nach dem ersten Kaffee erwachen nun auch die Lebensgeister 8)

dagmar007
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Beitrag von dagmar007 » 10.04.2009, 08:00

Liebe Cynthia,
ich habe versucht zuerst mal mich zu befragen wie ich mich in der Situation fühle.

Die Kriterien für Alkoholsucht oder Missbrauch die gibt es natürlich. Aber .... wer heute ein Gesellschaftstrinker ist kann morgen zum Problemtrinker werden und übermorgen die "Bude abfackeln" wollen. Das nämlich habe ich erlebt.

Somit war gar nicht interessant ist er Alki oder wird er es oder oder oder. Es war wichtig wie ich mich fühle. Ich fühlte mich schlecht, es wurde schlechter mit dem Fortschreiten des Alkoholkonsums.

Wie fühlst Du Dich? Was willst Du selber? Wie fühlt es sich an "Misstrauen" zu empfinden?

Lieben Gruß von Dagmar

Ette
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Beiträge: 1599
Registriert: 25.01.2007, 23:46

Beitrag von Ette » 10.04.2009, 08:06

Guten Morgen Cynthia,

herzlich willkommen hier im Forum. Über die Krankheiten Alkohol- und Co-Abhängigkeit kannst du hier eine Menge lesen und das für dich Wichtige und Richtige mitnehmen, wenn du möchtest.

Alkohol und Depressionen – nun, ich habe gelernt, dass dies so ähnlich ist wie die Geschichte mit dem Huhn und dem Ei. Es kann sein, dass die Depris verschwinden, wenn der Alkohol verschwindet. Ich habe das Empfinden und die Erfahrung gemacht, dass die Depris ofmals als Argument für den Alkoholgenuss dienen. Denn wenn jemand ernsthaft an seinen Depressionen arbeiten möchte, ist gerade der Alkohol kontraproduktiv. Auf jeden Fall finde ich es bedenklich, wenn Alkohol als Medizin instrumentalisiert wird. Der Weg zu Abhängigkeit ist da leicht gegeben. Das Verstecken und Vertuschen des Trinkverhaltens seitens deines Freundes stimmen mich ebenfalls bedenklich. Er wird selbst am besten wissen, wie weit er bereits ist. Ich gehe davon aus, dass das, was du gefunden hast, nur die Spitze des Eisberges ist. Mein Exfreund hat mir über Jahre den trockenen Alki gegeben – und währenddessen immer getrunken. Und ich habe nichts bemerkt, außer merkwürdigen Gefühlen diesbezüglich, die sich im nachhinein als richtig herausgestellt haben. Aber ICH WOLLTE ihn auch gern als trockenen Alki sehen und habe deshalb die Erklärungen für seltsames Verhalten gerne geglaubt. Erst als die Anzeichen nicht mehr zu übersehen waren (leere Wodkaflaschen, Führerscheinentzug), habe ich mich damit auseinander gesetzt. Inzwischen weiß ich, dass ich mich auf meine Intuition diesbezüglich verlassen kann. Aber es war teilweise schon ein schmerzhafter Weg, dies zu begreifen. Zudem ist eine Alkoholabhängigkeit nicht heilbar sondern nur zum Stillstand zu bringen. Ein Damoklesschwert also, dass ein Leben lang über einem schwebt. Wenn dein Freund also hier ein Problem hat, solltest du dir darüber im Klaren sein.

Mir hat es auch geholfen, Klarheit über meine Beweggründe, mich auf einen abhängigen Menschen einzulassen, zu bekommen. Dabei habe ich eine Menge über mich selbst gelernt und auch darüber, dass ich eine eigene Krankheit habe, die durch den trinkenden Angehörigen erst so richtig zum Ausbruch kam.

LG
Ette

Cynthia
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Beitrag von Cynthia » 10.04.2009, 08:13

Liebe Dagmar, liebe Ette,

das mit den Depressionen (von denen man nichts mitbekommt) erklärt er so: wenn er Medis nimmt, dann trinkt er nicht (oder eben "normal"). Er ist ein lustiger Typ, kommt überall gut an.

Was mich nachdenklich macht: wir waren einmal in der Oper, hatten vorher Streit, ich habe ihn wohl bis auf´s Blut gereizt. D.h., ich hatte Geburtstag, hatte heftige Erkältung, und konnte mich über seine Geschenke nicht so recht freuen. Als wir in der Oper waren, störte ihn ein Mann hinter ihm, dessen Ellenbogen in seinen Rücken kam. Dann rastete er total aus! Ich kannte ihn nicht so. Verbal ausfällig, wir mußten die Oper verlassen. Danach stand ich unter Schock. Ob er an dem Tag was getrunken hatte: keine Ahnung. Später wieder alles ok, liebevoll und fürsorglich wie immer.

Das mit der Spitze des Eisbergs, wie Du es nennst, Ette: das macht mich sehr nachdenklich. Am meisten tun mir nun die Zweifel weh, die ich ob einer gemeinsamen Zukunft habe.

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