Der "Drei-Jahres-Faden"

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum
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Petter
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Beitrag von Petter » 24.06.2016, 10:16

Hallo zusammen,

und ein ganz großes Danke an Euch. Matthias, Karsten, Thalia und und und - natürlich auch an die anderen, die ich noch in Erinnerung habe, als ich hier ganz vorsichtig meine ersten Schritte begann. Ja, Carl Friedrich, du hast recht: das ist schon eine Hausnummer und heute, am Tag danach, bin ich so richtig stolz auf mich :-)

Ich will aber nicht weiter irgendwelche Superlative wie Wunder und so weiter beanspruchen, das wäre dann auch zuviel. Wichtig ist mir, daß ich es alleine nicht geschafft hätte, da bin ich ganz sicher. Das soll für heute auch mein Anliegen an alle Neuen und Interessierten hier sein: es ist gut, wenn Ihr allein auf den Gedanken kommt, Euer Leben wieder selber in die Hand zu nehmen - aber bitte holt Euch Rat und Kraft in Selbsthilfegruppen.

Ein guter Freund war ähnlich lange trocken wie ich heute. Dann begang er einen beruflichen Fehler und wurde seinen Job los. Es dauerte keine Woche, bis bei ihm zuhause auf dem Tisch die Wodka-Flaschen standen. Wir haben Jahre zuvor mehrfach über Selbsthilfgruppen geredet, aber er hat das entschieden als "Geschwafel" und "überflüssig" und "Brauch´ich nicht!" abgelehnt. Ich habe ihm gesagt: "Es kann der Tag kommen, an dem Du schwach wirst - und dann bist Du nicht vorbereitet." Er wollte das nicht hören. Nach ca. zwei Monaten kam er als seelisches und körperliches Wrack ins Krankenhaus und entzog. Nun ist er wieder trocken - aber eine Selbsthilfegruppe lehnt er weiter ab.

Er wollte es auf seine Weise machen, wie schon so viele vor ihm - und ist gescheitert.

Niemand kann sagen, ob und wann es einen erwischt. Saufdruck kann von jetzt auf gleich kommen. Er wird sicher weniger im Laufe der trockenen und nüchternen Jahre - aber wer weiss schon, welche neue Lebenssituation einen morgen überfällt. Man kann sich vorbereiten: mit Hilfe dieses Forums, mit Hilfe anderer Selbsthilfegruppen und vor allem, in dem man sich öffnet. Vor allem kann man, wenn es einen ganz schlimm erwischt, sich sofort hier einloggen und seine Last mitteilen. Hier ist man nie allein und allein das Mitteilen hilft, den Saufdruck zu verringern.

Danke fürs Lesen!

Peter

Karsten
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Beitrag von Karsten » 24.06.2016, 10:21

Hallo Peter,

das schreibe ich hier schon seit Jahren, wie wichtig der Austausch ist.
Auch oder gerade dann, wenn es einen gut geht und man glaubt, nichts Wichtiges schreiben zu können, sollte man sich erst recht mitteilen.

Ich lese ja oft das Argument, mir reicht das Lesen. Ich halte das für falsch, denn dann schmore ich weiter in meinen Gedanken, die ich mir zu dem Gelesenen mache.
Ich bekomme kein Feedback und meine eigenen Gedanken haben mich ja früher immer wieder scheitern lassen.

Da kann man aber reden wie man will oder auch eine Wand vollquatschen.

Gruß
Karsten

nino78
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Beitrag von nino78 » 24.06.2016, 18:34

Hallo Peter, ich möchte mich herzlich bedanken für Deinen offenen, schonungslosen Bericht. Ich muss sagen, ich bewundere Deinen Mut, wie ehrlich Du damit umgehst und Dich dann auch in den schwierigen Zeiten danach durchs Leben bewegt hast. Ich kann (zum Glück?) die Tiefpunkte nicht unmittelbar aus eigener Erfahrung nachvollziehen, mir aber eine dicke Scheibe von Dir abschneiden, wenn es um den zuversichtlichen Blick in die Zukunft geht und darum niemals aufzugeben. Das ist wirklich das schöne am Forum, dass diese Erfahrungswerte auch nach vielen Jahren noch wirken können.

Morgenrot
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Beitrag von Morgenrot » 25.06.2016, 12:37

Hallo Peter,

ich gratuliere dir herzlich zu 10 Jahren Trockenheit.

Für viele Alkoholikern scheint die SHG ein "rotes Tuch" zu sein. Ich bin beruflich in diesem Bereich tätig und habe diese Erfahrung gemacht.
Vielleicht ist es die "Angst, durchschaut" zu werden. Den Menschen, die in diesen Gruppen sitzen und länger trocken sind, kann man ja nichts "vormachen".
Ich bin keine Alkoholikerin, habe nur im Laufe der Jahre diesen Eindruck gewonnen.

lg Morgenrot

Petter
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Beitrag von Petter » 01.11.2016, 11:38

Hallo zusammen,

danke für Eure netten Antworten :-) Nun sind wieder einige Monate vergangen, ich kann es gar nicht glauben. Dabei wollte ich doch mehr im Forum schreiben... Vielleicht ist das heute ja ein Anfang.

Nach viel zu vielen Jahren habe ich es endlich fertig gebracht, mir eine Kur zu beschaffen. Immer habe ich das wieder verdrängt, gar nicht mal bewusst, sondern das Thema irgendwie liegen lassen. Wenn ich aber hier in meine Texte schaue, schaudert mich ein wenig, daß ich mich nicht mehr um mich gekümmert habe.
Die zeitliche Dichte meines Lebens über viele Jahre hat Spuren hinterlassen. Es geht mir nicht schlecht, aber ich fühle mich oft schnell erschöpft und werde schnell von Infektionen "überfallen". Außerdem werde ich ja auch älter...

Dieses Jahr hatte ich zwei Lungenentzündungen, eine im Anfang und eine richtig antrengende. Nochmal brauche ich das nicht. Eines Tages habe ich meine Hausärztin angesprochen und dann die Bögen eines Kur-Antrags ausgefüllt und nur kurze Zeit später bekam ich die Zusage. Mitte Januar gehe ich für fünf Wochen in eine psychosomatische Kur-Klinik und freue mich. Ich werde versuchen alles anzunehmen, was man dort anbietet :-)
So oft bekommt man so eine tolle Möglichkeit schließlich nicht!

Eine Nachbarin aus dem Dorf in dem ich lebe, trinkt seit Jahren. Sie trinkt soviel, daß sie stets mit einem knallroten Gesicht herumläuft. Mit dem Mann gibt es immer Streit, sie schreien sich manchmal sehr laut an. Nüchtern aber natürlich auch betrunken.
Ihr Mann hat seit wenigen Monaten Lungenkrebs und in dieser kurzen Zeit eine Wandlung zum Greis durchlebt. Auch er hat viel Alkohol getrunken.
Beiden kann ich immer nur Guten Tag und Wie geht´s und Auf Wiedersehen sagen. Mehr bekomme ich nicht über Lippen und Herz. Sie auf Ihren Alkoholkonsum anzusprechen würde ich als Grenzüberschreitung empfinden und das will ich nicht.
Vielleicht liegt hier (m)eine Grenze? Einmischung - Hinweise - Zurückhaltung..., keine leichte Abwägung. Wahrscheinlich bleibt es bei meinen Gedanken. Ich lasse es mal reifen, oder wie auch immer ich das nennen kann.

Ich danke Euch fürs Lesen!

Peter

silberkralle
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Beitrag von silberkralle » 02.11.2016, 09:47

glück auf petter

ich freu mich für dich, weil du im januar zur kur dafst - wahrscheinlich kannst du viel lernen.

schöne zeit

:D
matthias

Petter
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Beitrag von Petter » 10.11.2016, 02:25

Hallo zusammen,
hallo Matthias!

Danke für Deine netten Worte :-) Ich denke auch, daß es mir gut tun wird. Ich will versuchen, offen zu sein und mitzunehmen, was mir hilft. Einfach mal sich nur um sich selber kümmern zu können, ist eine große Hilfe und eine ganz tolle Sache.

Eine gute, trockene Zeit

Peter

Petter
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Beitrag von Petter » 07.01.2017, 09:25

Hallo liebe Freunde,

heute früh habe ich mich etwas durchs Forum gelesen und bin wieder mal erstaunt, wie viele schöne und aufmunternde Sachen ich sehen konnte.

Vergangenes Weihnachten war mein 10. suchtfreies Weihnachten. Wie ich die vergangenen Jahre Weihnachten gefeiert habe, weiss ich gar nicht mehr so genau - früher war ich nämlich ein garstiger Weihnachts-Hasser ;-) Das hat sich glücklicherweise geändert, auch durch mein alkfreies Leben, in dem ich mehr Toleranz, Liebe und Geduld mit anderen und auch mir selber lernen durfte.

Letztes Weiihnachten nun war ich wieder mal in Berlin, der Stadt, in der ich das Saufen lernte und auch mir meine Freiheit vom Suff wieder zurückerobert habe. Ich hatte mir einen Plan für jeden Tag gemacht, wen ich wann wiedersehen wollte und ich habe mich daran gehalten. (Plan und planen ist ein wichtiger Bestandteil meiner Trockenheit geworden.). Ich habe alte Freunde getroffen, die ich bereits vor meiner langen Trinkerzeit kannte, die mich also während aller drei Phasen kannten: vor, während und nach meiner Trinkerzeit.
Es waren schöne und bewegende Tage. Bewegend vor allem, weil ich in Berlin immer erkennen kann, wie ich mich seit meinem Leben ohne Alkohol verändert habe. Das dies nicht selbstverständlich ist und das ich mich daran auch nach über 10 Jahren ohne Alkohol immer wieder erinnere, gehört genauso zu meinen Bausteinen des Trockenbleibens, wie der tägliche Umgang mit der Sucht.

Besonders aber erwischt mich in Berlin immer wieder, wie schlimm, wie dunkel und wie trostlos mein Leben war. Natürlich bin ich an den Orten vorbei spaziert, an denen ich die schlimmsten Jahre meines Lebens verbracht habe. Auch das gehört für mich dazu - diese Orte ganz bewusst aufzusuchen. Ich erschaudere, mich fröstelt und es ist ziemlich einnehmend für den Augenblick. Aus diesem entsetzlichen Leben rausgekommen zu sein, ist nicht selbstverständlich, das erfahre ich bei jedem dieser mittlerweile sehr seltenen Berlin-Besuche.

Aufgefallen ist mir diesmal wieder, wie viele Freunde auf der Straße leben, unter den Brücken, in Hauseingängen und auch in den U-Bahnhöfen. Es war kurz nach dem Brand-Anschlag von jungen Ayslbewerbern auf einen obdachlosen Mann im U-Bahnhof Schönleinstraße in Neukölln, als ich genau dort vorbeikam - eine meiner alten Wohngegenden in Berlin. Dieser Anschlag hat mich tief bewegt, ich war fassungslos über die Brutalität gegenüber einem schwachen und hilflosen Menschen, der auch ich hätte sein können. Und noch wütender war ich, als ich später in den Überwachungsvideos der Polizei die lachenden und feixenden Täter nach Begehung der grausamen Tat sah.
Wie gefährlich Sucht ist und wohin sie führt, wissen wir alle. Wie gefährlich das Leben auf der Straße ist, wissen wir auch: Kälte, Feuchtigkeit, Entzug, körperliche Gebrechen, kein Selbsterwertgefühl, die Hartherzigkeit der Mitmenschen und so weiter. Aber wie niederträchtig ist es erst, einen Menschen anzuzünden, der besonders hilflos und am Ende ist. Ich habe mich selber angegriffen gefühlt, ich war entsetzt und ich war extrem wütend. Gottseidank wurden diese Menschen gefasst, die aus Not zu uns gekommen sind und unsere Hilfe zurecht verdienten. Mehr muss ich an dieser Stelle nicht sagen außer daß ich mich freue, daß der obdachlose Freund gerettet wurde. Über ihn selber wurde mir zu wenig berichtet: was macht er jetzt? Wie geht es ihm? Wurde ihm geholfen? Hat ihm diese grausame Tat zu Weihnachten am Ende etwas Gutes beschert?

Als ich zu Ende des Berlin-Besuches in meinen Zug nach Hause stieg, hatte ich nicht das Gefühl, meine ehemalige Heimat zu verlassen. Im Gegenteil - ich setzte mich hin und atmete tief durch. Im Zug gönnte ich mir ein Abendessen und ließ die Stadt an mir vorbeigleiten. Lange noch arbeitete in mir, was ich erlebt und gesehen hatte. Ich kann euch sagen: tiefe Dankbarkeit, das Gefühl der sich endlich eingestellten Ruhe und des inneren Friedens ist in mir. Das ist so wunderbar und kann ein Mensch, der niemals süchtig war, kaum verstehen. Wenn das nicht ein Vorteil der Sucht ist ;-)

Danke fürs Lesen!
Peter

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