Startseite - PortalHilfsangebote der SuchthilfeSelbsthilfeforumInformationen zur Suchthilfe

Wie läuft eine Alkoholentgiftung?

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum.
Ein neues Thema bitte erst ab ein Jahr Trockenheit eröffnen.
Karsten
Administrator
Administrator
Beiträge: 31806
Registriert: 04.11.2004, 23:21
Geschlecht: Männlich

Wie läuft eine Alkoholentgiftung?

Beitrag von Karsten » 05.02.2011, 13:23

Hier im Forum wird oft gefragt, wie eine Alkoholentgiftung vonstatten geht.
Aus meinen eigenen Erfahrungen möchte ich mal erläutern, wie ich eine stationäre Entgiftung im Krankenhaus erlebt habe.
Ich habe ( leider ) sehr viele Entgiftungen gemacht, die teilweise unnötig waren, weil ich eh nicht aufhören wollte, aber die letzten zwei Jahre vor meiner Nüchternheit, war das auch anders und ich hatte den festen Willen, nach der Entgiftung auch keinen Alkohol mehr zu trinken. Das ich doch wieder getrunken hab, steht auf einen anderem Blatt.

Im Jahre 1996, als ich nach einem einjährigem Aufenthalt in einer Selbsthilfewohngemeinschaft, wieder mal der Meinung war, es alleine zu schaffen, verließ ich diese Wohngemeinschaft und habe auch gleich wieder angefangen zu trinken.
In dem Obdachlosenheim, dass mir das Sozialamt zugewiesen hatte, wohnte ich und trank.
Das ging natürlich nur ein paar Wochen gut, weil mein Körper eh schon fertig war und ich nach dem einen Jahr Nüchternheit auch gleich wieder bei der alten Menge war.

Glücklicherweise war ich im Suff auch sehr streitsüchtig und wurde eines Tages zusammengeschlagen, was mich ins Krankenhaus brachte. Dort versorgte man mich und am zweiten oder dritten Tag kam eine Psychologe des Krankenhauses und unterhielt sich mit mir über mein weiteres Leben. Ich war in diesem Krankenhaus schon bekannt, weil ich dort öfter schon übernächtigt hatte.
Zum Ende des Gesprächs machte er mir den Vorschlag, mich auf die Entgiftungsstation zu verlegen, wo ich eine dreiwöchige Entgiftung machen sollte. Ich willigte ein, weil ich eh nicht wusste wohin.

Der erste Tag der Alkoholentgiftung

So richtig vom ersten Tag konnte man ja nicht sprechen, denn ich war ja schon auf der anderen Station ohne Alkohol und unter ärztlicher Aufsicht gezittert.
Als ich auf die Entgiftungsstation kam, ging es mir aber körperlich noch nicht besser. Ich zitterte immer noch und konnte auch kaum alleine laufen. Ich wurde dem Arzt vorgestellt, der mir auch gleich Medikamente verordnete, damit ich den Entzug sicher abschließen konnte.
Ich wurde dann einem Zimmer zugeteilt, wo es noch drei andere Betten gab, aber keiner der Patienten war da. Ich hatte ja kaum Sachen, weil ich aus dem Obdachlosenheim nichts mitgenommen hatte und auch kaum was hatte, was ich hätte mitnehmen können.
So legte ich die Handtücher, die ich vom Krankenhaus bekommen hatte, in den Schrank und setzte mich auf das Bett.
Meine Überlegungen waren auf das vergangene nüchterne Jahr gerichtet und warum ich nun schon wieder in einem Krankenhaus gelandet bin. Ich wollte endlich leben und nahm mir fest vor, diesmal alles anders und richtig zu machen.

Dann wurde ich zum essen gerufen. Ich hatte zwar keinen Hunger, aber ich ging in den Speisesaal, weil ich auch die Örtlichkeiten erkunden wollte. Als ich mich an den Tisch setzte, wo noch keiner saß, schaute ich mich um. Ich kannte das Alles schon, denn wieder saßen an einem großen Tisch eine Gruppe, wo ich aus den Gesprächen heraushörte, dass sie wie ich, genauso solche Dauerpatienten waren, die immer wieder hierher kamen. An den anderen Tischen saßen immer nur zwei, drei Patienten, die sich über normale Dinge des Lebens unterhielten.
Aus meinen früheren Krankenhausaufenthalten wusste ich, dass es jetzt zu einer Entscheidung kommen musste, welchen Patienten ich mich anschloss. Entweder gleich zu der großen Gruppe, wo ich früher immer gewesen bin, wo aber schon im Vorfeld klar war, dass ich mich dann wieder nicht auf die Entgiftung einlassen würde oder halt zu ein paar wenigen Patienten, die immer als Außenseiter von mir früher angesehen waren, denn solche Patienten waren oft zum ersten mal und meistens auch zum einzigsten mal hier.
Mir wurde die Entscheidung abgenommen, als sich plötzlich ein junger Mann an meinen Tisch setzte. Ich kannte ihn nicht und er schien auch hier niemanden zu kennen, der sah sich vorsichtig um. Wir unterhielten uns etwas und wie sich herausstellte, war er zum ersten mal in einer Alkoholentgiftung. Das ich schon öfter eine Entgiftung gemacht hatte, ignorierte er, denn er kante sich nicht aus.

Nach dem Mittag fand eine sogenannte „große Gruppe“ statt, wo sich alle Patienten im Speiseraum in einem Kreis setzten. Die Neuen sollten sich vorstellen. Der junge Mann und ich waren die einzigsten beiden Neuen an diesem Tag.
Ich hörte zu, was er sagte und da für ihm alles neu war, schämte er sich wohl auch etwas, denn seine Sätze kamen eher zögerlich heraus.
Dann war ich an der Reihe.
Wieder gingen meine Gedanken der Frage nach, wie ich mich positionieren sollte. Sollte ich den Coolen machen, der alles kennt und nichts nötig hat oder sollte ich mich darauf besinnen, diesmal an mich zu denken, um endlich ein anderes und besseres Leben führen zu können?

Heute Nachmittag geht es weiter mit dem Bericht.
Feedback kann natürlich gegeben werden :lol:

Gruß
Karsten

Karsten
Administrator
Administrator
Beiträge: 31806
Registriert: 04.11.2004, 23:21
Geschlecht: Männlich

Beitrag von Karsten » 05.02.2011, 14:50

Fortsetzung

Im Grunde hatte ich keine Angst vor Menschen zu sprechen, weil ich mich früher immer auf die scheinbar stärkere Seite geschlagen hatte, so dass mir der Beifall schon im Voraus sicher war, denn die andern sagten ja dann meist nichts.
Diesmal aber war das anders. Ich wusste, wenn ich mich nun zu einem Leben ohne Alkohol bekennen würde, wäre ich auch einer der Außenseiter hier auf der Station.
Est stellte ich mich kurz vor, immer mit einem Seitenblick auf die vermeintlich starke Gruppe, die alle rechts von mir gesessen haben. Ich konnte förmlich in ihren Gesichtern die Frage erkennen, was ich für einer war. Einer kannte mich sogar schon, weil ich schon mal mit ihm zusammen eine Entgiftung gemacht hatte.
Zum Schluss meiner kurzen Ansprache sagte ich nur, dass mir das vergangene nüchterne Jahr sehr gefallen hat und ich wieder dort anknüpfen möchte.
Diese Satz sagte alles aus und ich hatte mich nun positioniert.

Der Rest der Gruppenstunde wurde über die ersten Tage nach der Entgiftung gesprochen.
Wie nicht anders zu erwarten, sprachen nur die, die den Ablauf einer Entgiftung nicht so kannten. Die Patienten, die sich als die stärkere Gruppe betrachteten, sagte gar nichts oder machten Andeutungen, dass sie ja eh keine Chance haben, weil ihnen die Gesellschaft keine Chance mehr gab und andere Bemerkungen.
Ich habe nichts weiter gesagt, sondern suchte nach meinen wirklichen Gefühlen, ob ich wirklich wieder nüchtern leben wollte. Ich hatte es zwar gesagt, aber waren das wirklich meine Ziele?

Am Abend saß ich wieder alleine in dem Aufenthaltsraum. Dank der Tabletten ging es mir auch einigermaßen besser. Ich versuchte mich auf eine Zeitschrift zu konzentrieren, aber hörte unauffällig auf die Gespräche der anderen Patienten.
Im Grunde konnte man die Themen zweier Richtungen zuordnen. Was sie genau gesagt haben, daran kann ich mich heute nicht mehr erinnern.
Vier junge Männer sprachen von ihrem alten Leben in der Art, als wenn es ihnen gefallen hat und noch immer gefällt, auch wenn zwischendurch mal zu hören war, dass es da und da Ärger wegen ihrer Sauferei gab.
An einem anderen Tisch saß ein Mann und eine Frau, die sich Gedanken darüber machten, was sie ihren Familien alles angetan haben und sich schämten.

Ich wurde langsam Müde und ging mit auf das Zimmer, wo ich zwei der anderen Zimmerpatienten antraf. Sie sprachen kein Wort. Das ist mir noch in Erinnerung und weil ich auch nicht wusste, wie ich jetzt ein Gespräch anfangen sollte, legte ich mich auf das Bett und hing meinen Gedanken nach.

Am nächsten Morgen beim Frühstück war alles so, wie es am vergangenen Abend aufgehört hatte. Die Gruppe hatte sich immer mehr angefreundet, weil sie eh der gleichen Meinung waren, wie ich selbst früher auch, dass alles keinen Sinn hat und man die Zeit hier nur absitzen wollte.
Die anderen aßen zu weit oder zu dritt an den Tischen und redeten wenig. Ich setze mich an einen Tisch, wo schon zwei Patienten saßen und nahm mein Frühstück ein.
Der Vormittag sollte dann dazu genutzt werden, die Stationsaufgaben wieder neu zu verteilen, was in einer sogenannten Organisationsgruppe besprochen werden sollte.
Da es keine Angestellten, wie Küchenfrauen oder Reinigungskräfte auf der Station gab, mussten diese Aufgaben von den Patienten übernommen werden. Soweit ich mich erinnere, habe ich mich damals zum abwaschen freiwillig gemeldet, damit ich auch was zu tun hatte, denn irgendwie war es langweilig.
Am ganzen Tag gab es nur wenig Abwechslung, was eigentlich auf die beiden Gruppenstunden, vormittags und nachmittags, dann die Medikamentenausgabe und ein gemeinsamer Spaziergang. An diesem Spaziergang durfte ich aber nicht dran teilnehmen, weil es erst nach einer Woche Klinikaufenthalt erlaubt war.
Sonst hatte man den ganzen Tag mit sich zu tun, Kaffee trinken und quatschen.
Einmal die Woche gab es noch ein Psychologengespräch und einen Besuchsnachmittag.
Als die Aufgaben verteilt waren, wo sich viele zurückgehalten haben, versuchte ich eine Schwester anzusprechen, weil ich noch keine meiner privaten Anziehsachen hatte, die noch im Obdachlosenheim lagen. Sie versprach mir, sich darum zu kümmern und führte mich zu der stationseigenen Kleiderkammer, damit ich mir Sachen zum wechseln aussuchen konnte.
Diese wusch ich dann per Hand in der Badewanne und ansonsten verging der Vormittag so dahin.
Nach dem Essen, das mir auch langsam wieder richtig schmeckte, wusch ich ab und wartete auf die Gruppenstunde.
Bisher hatte ich noch niemanden gefunden, mit dem ich mich richtig unterhalten konnte. Es wäre ein leichtes gewesen, einen oder mehrere aus der größeren Gruppe der Dauerpatienten anzusprechen, aber das wollte ich nicht.
Diesmal wollte ich mein Leben in den Griff bekommen, auch wenn es wieder anders kommen sollte.

Karsten
Administrator
Administrator
Beiträge: 31806
Registriert: 04.11.2004, 23:21
Geschlecht: Männlich

Beitrag von Karsten » 06.02.2011, 14:42

Am Nachmittag war dann wieder Gruppenstunde, wo alle zusammen im Kreis gesessen haben.
Wie ich aus anderen Entgiftungen kannte, wartete ich auf die Ansage des Gruppenthemas, aber keiner sagte was. Der Arzt, der mit in der Runde saß, schaute nur stumm auf sein Papier, das er vor sich hatte.
Nach etwa zehn Minuten begannen sich die ersten Patienten untereinander zu unterhalten, so das ein allgemeines Gemurmel zu hören war.
Nach weiteren zehn Minuten sah der Arzt auf und fragte einen der sich unterhaltenden Patienten, was er gerade gesagt hat. Dieser verstummte und schaute nur. Nach einer nochmaligen Aufforderung durch den Arzt, kam etwas wie, „was passiert denn hier jetzt nun?“

Was mir noch in Erinnerung ist, wollte er der Arzt genau auf das hinaus. Das Thema entwickelte sich dann in die Richtung, dass man selbst etwas tun muss und nicht darauf warten darf, dass andere Menschen etwas für einen tun.
Ich weiß nicht mehr, warum es so ein Anfangsthema war, aber vielleicht wurde das von Woche zu Woche, wenn neue Patienten kamen wiederholt. Es war ja Dienstag und ich war am Montag auf die Entgiftungsstation verlegt worden.
Die ganze Gruppe teilte sich der Meinung bzw. Sichtweise nach, in zwei Gruppen auf. Die eine Gruppe war der Ansicht, dass sich erst mal die äußeren Umstände ändern müsste, da man ja sonst kein Leben ohne Alkoholkonsum führen kann, wenn überall Alkohol angeboten wird. Also wieder das Gesellschaftsthema der Schuldzuweisung.
Die andere Gruppe, die aber weniger sagte, war sich schon bewusst, dass man mit den Gegebenheiten leben muss und nur selbst an seinen Leben etwas ändern kann.

Aus meinen bisherigen Entgiftungen kannte ich es nicht, aber das lag vielleicht auch daran, dass ich mich bisher nie auf die Gedanken der Entgiftung eingelassen hatte, denn das Gruppenthema wurde von einigen Patienten auch nach dem Abendbrot noch diskutiert. Allerdings nicht von denen, die nach einer Schuldfrage suchten oder sie in der Gesellschaft zu finden geglaubt hatten, sondern von den anderen Patienten, die sich langsam auch zusammen gefunden hatten und nicht mehr einzeln rumsaßen. Ich hatte mich zu ihnen gesetzt und auch ab und an meine Meinung gesagt.

klarerkopf
neuer Teilnehmer
Beiträge: 117
Registriert: 31.12.2007, 23:31

Beitrag von klarerkopf » 06.02.2011, 16:35

Hallo Karsten,

und pardon, daß ich hier deine interessante Erzählung kurz unterbreche.

Ich muß hier zu deinen letzten Zeilen einfach mal schreiben, wie wichtig das auch in meiner stationären Therapie für mich war, daß mein Therapeut nicht einfach von sich aus begann, meinen Alkoholismus zu behandeln, sondern "er mich kommen ließ".

Ich war anfangs auch einer jener Gruppe, die meinte, na, wer beginnt denn jetzt mit der Therapie, dem Thema oder auch: Wird hier denn nichts für den Patienten (dem Alkoholiker) getan?

Speziell auch in den Einzeltherapiestunden hielt er, mein Therapeut, es so und ich bekam immer wieder seitenlange Fragebögen zum Ausfüllen, mir war das äußerst lästig, aber, Zeit hatte ich ja. Mein Zimmerkollege und andere Mitpatienten nahmen diese Zettel nicht sehr ernst.

Ich dachte mir damals manchmal, na, hoffentlich habe ich hier nicht einen schlechten Therapeuten gefunden, der tut ja nichts für einen.

Ich aber füllte diese Zettel, soweit´s ging, nach besten Wissen aus, und in der nächsten Therapiestunde wurde darauf eingegangen.

Sie beinhalteten Fragen unter anderem über meine Vergangenheit, Kindheit, derzeitiges Lebensumfeld, Eltern, .....

Dies waren, so weiß ich das jetzt, die ersten "Fußstapfen" für mein "neues" Leben.


Fazit:

Jetzt, ein paar Jahre später, weiß ich, daß das der für mich richtige Therapeut, bzw. die richtige Behandlung damals war, um vom Alk loszukommen.

Und noch etwas sah ich mit der Zeit:
Es ist wahrscheinlich gar nicht so wichtig, wer dieser Therapeut ist, oder wie gut er ist.
Weitaus wichtiger ist es, wie ernst man die Sache selber nimmt, und inwieweit man bereit ist, für ein künftiges Leben ohne Alk an sich zu arbeiten.

Danke nochmal für deine Zeilen und den Anstoß zu diesem Thema ...


klarerkopf

Karsten
Administrator
Administrator
Beiträge: 31806
Registriert: 04.11.2004, 23:21
Geschlecht: Männlich

Beitrag von Karsten » 08.02.2011, 11:38

Hallo Klarerkopf,

kein Problem, ich hatte ja oben reingeschrieben, dass Feedback gerne hier reingeschrieben werden kann :lol:

Fortsetzung:

An diesem Abend hatte ich ein sehr interessantes Gespräch mit einen der Patienten.
Ich kann mich nicht mehr genau an den genauen Wortlaut erinnern, ist ja auch schon ein paar Jahre her, aber es ging darum, was man sich uns seiner Familie alles angetan hat mit dem trinken.
Ich selbst hatte damals schon meine Familie verloren, weil keiner aus meiner Familie noch daran glaubte, dass ich je wieder die Kurve bekomme und ein normales Leben führen würde.
Ähnlich war es auch bei diesem Patienten, der kurz vor einer Scheidung von seiner Frau stand, die ihm ein Ultimatum gestellt hat, wodurch er überhaupt nur zu dieser Entgiftung ins Krankenhaus ging. Er wollte ihr zeigen, dass er etwas für sich tut.

Diese Überzeugung, etwas für sich tun zu müssen, reifte aber erst durch das Gruppengespräch am Nachmittag. Wie er mir anfänglich erzählte, wollte er es seiner Nochfrau beweisen, aber durch das Gruppenthema am Nachmittag wurde ihm bewusst, dass es egal ist, wie sich seine Frau entscheidet, denn davon sollte seine eventuelle neue Nüchternheit nicht abhängen.
Ich sagte nicht viele, sondern hörte einfach nur zu, wie er laut dachte.
Er hatte bisher noch nie versucht, wirklich mit dem Alkoholkonsum aufzuhören und war auch eher unter Druck hier in die Entgiftung gegangen.

Das Gespräch des Arztes hatte ihn die Worte seiner Frau vor Augen geführt, weil er von ihr auch immer wissen wollte, wie oder was er denn verändern sollte, damit sie bei ihm blieb. Irgendwie war ihm wohl heute klargeworden, dass er nicht für andere Menschen, egal wie diese sich verhalten oder was sie machen, nüchtern werden konnte, sondern es selbst für sich tun musste.
Die letzte Frage, die er einfach so in den Raum warf, irritierte mich. Sie lautete: „Möchte ich denn überhaupt aufhören?“
Danach stand er einfach auf und verließ den Raum.
Ich weiß noch, wie diese Frage auch mein Innerstes erreichte.
Wollte ich überhaupt ein Leben ohne Alkohol?

Karsten
Administrator
Administrator
Beiträge: 31806
Registriert: 04.11.2004, 23:21
Geschlecht: Männlich

Beitrag von Karsten » 09.02.2011, 13:01

Abends lag ich dann in meinem Bett und überlegte, wie ich mir meine Zukunft vorstellte.
Ich versuchte mir meine momentane Situation vor Augen zu halten.
Diese bestand darin, dass ich obdachlos war, nicht wusste wohin, wenn ich hier aus dem Krankenhaus musste. Ins Obdachlosenheim, wo ich die Schlägerei hatte, wollte und konnte ich ja nicht zurück.
Des weiteren sah mein Leben auch sonst nicht rosig aus. Keine Arbeit, viele Schulden und ich hatte auch niemanden mehr, der mich unterstütze. Zum Teil war oder besser gesagt, war ich auch schuld daran, denn ich habe alle Menschen in meinem Umfeld verletzt und enttäuscht.
Sicherlich ist der Alkoholismus eine Krankheit, aber das weiß ich. Aber für viele Menschen aus meinem Umfeld damals, war das Vorschieben der Krankheit nur eine faule Ausrede.
Kurz gesagt, meine Situation sah mies aus und ich hatte auch keine Zukunftsperspektive.

Dies alles machte es mir natürlich nicht leichter, mich auf die Gespräche der Ärzte und Psychologen einzulassen. Früher bei meinen anderen Entgiftungen hatte ich das auch eher für Sprüche gehalten, so nach dem Motto, die haben gut reden, die kennen meine Probleme nicht.

Der Patient, mit dem ich mich vor ein paar Stunden unterhalten hatte, ging mir nicht aus den Kopf. Meine Einstellung zu ihm veränderte sich aber, denn ich fertigte sein Gerede mit jammern ab, denn er hatte ja schließlich noch Frau und Familie, auch wenn das momentan auf der Kippe stand.

Über meine Gedanke schließ ich ein, wachte aber damit wieder auf. Am Frühstück nahm ich an einen lehren Tisch platz, weil ich alleine sein wollte. Neidisch hörte ich die Dauerpatienten reden, die sich schon ihre nächsten Partys überlegten. Sie hatten ihr Leben scheinbar irgendwie im Griff, hatten ein Zuhause, bekamen ihre Lebensorganisation wenigstens soweit hin, dass sie wohl immer ungestört trinken konnten.

Heute Vormittag war ja wieder Gruppenstunde, aber es waren mehrere kleine Gruppen eingeteilt, wie auf dem Zettel an der Wand stand. Ich schaute auf die Namen und wenn ich die Personen richtig zuordnen konnte, war es wirklich gemischt, was die Motivation der Patienten zur Entgiftung betraf.

Ich trank meinen Kaffee, rauchte eine dazu und plötzlich hatte ich einen Gedanken, den ich als Alternative aufgriff. Entweder würde man mir helfen, einen Weg aus meiner momentanen Lebenssituation zu finden, oder ich würde eben nach der Zeit hier wieder saufen. Ich redete mir ein, so wäre ich ja nicht schuld, dass dies hier alles eh nichts bringen würde.
Aus heutiger Sicht, weiß ich, dass ich nur einen Grund suchte, wieder trinken zu können.

Ich holte mir einen Zettel und schrieb mir auf, was ich alles in der Gruppe ansprechen wollte. Der Arzt hatte ja schließlich gesagt, man muss sein Leben selbst in die Hand nehmen.
Als die Gruppenstunde dann begann, meldete ich mich auch gleich zu Wort und fing an, meine Lebenssituation zu schildern.
Einige Patienten murmelten etwas und andere Patienten hörten zu.
Als ich fertig war, sagte keiner was. Ich schaute den Arzt an und wartete auf eine Antwort.

Er machte sich aber nur Notizen und als damit fertig war, sprach er einen anderen Patienten aus der Gruppe an, wie es bei ihm aussehe. Ich war verdutzt und irgendwie enttäuscht.
Noch drei Patienten erzählten von ihrer Situation und dann war die Stunde rum.

Wütend und bestätigt in meiner Einstellung, dass mir eh keiner helfen kann, wollte ich den Raum verlassen. Der Arzt nahm mich aber beiseite. Er sagte, dass er es sehr gut fand, wie ich meine Probleme aufgezählt habe und nach Lösungen suche. Das ich Lösungen von ihm haben wollte, hatte er wohl nicht bemerkt.
Er gab mir einen Zettel mit einer Hausnummer, das Krankenhaus war noch Hausnummern sortiert, wo oben drauf stand, dass sich in diesem Haus der Sozialdienst befindet. Dort sollte ich mir einen Termin geben lassen.
Verwirrt, aber wieder etwas zuversichtlicher, bedankte ich mich und verließ den Raum.

Maria
sehr aktiver Teilnehmer
Beiträge: 6619
Registriert: 21.10.2007, 01:57

Beitrag von Maria » 12.02.2011, 17:32

Hallo Karsten,

ich möchte ja nicht allzu neugierig sein, aber mich würde es sehr interessieren, wie es ab hier weiter ging.

Lieben Gruß
Maria

Karsten
Administrator
Administrator
Beiträge: 31806
Registriert: 04.11.2004, 23:21
Geschlecht: Männlich

Beitrag von Karsten » 12.02.2011, 17:37

Hallo Maria,

keine Sorge, es geht bald weiter :)

Gruß
Karsten

Antworten