Wie läuft eine Alkoholentgiftung?

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum
Dante
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Beitrag von Dante » 17.03.2011, 23:11

Hallo Karsten,

ich würde es schade finden, wenn du deine Geschichte nicht mehr weiterführen würdest.

Ich lese mit. & ich finde sehr viel interessantes dabei heraus.

Karsten
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Beitrag von Karsten » 18.03.2011, 09:44

Hallo Dante,

ich schreibe schon weiter, aber im Moment muss ich Prioritäten setzen.
Der Tag hat nur 24 Stunden, wo ich arbeiten kann.

In erster Linie muss ich aber auch dafür Sorgen, dass ich was zu essen auf dem Tisch habe. :lol:

Hier ist es ja im Moment sehr ruhig. :lol:

Gruß
Karsten

heliopolis
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Beitrag von heliopolis » 19.03.2011, 20:29

Hallo Dante, hallo Karsten...

bin auch mitten drin, im Geschehen der Geschichte... und bin gespannt wie es weiter ging, auch weil ich es eine sehr ermutigende Erzählung finde....

Grüße

Tom

Karsten
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Beitrag von Karsten » 22.03.2011, 09:48

Fortsetzung

Die nächsten Tage verbrachte ich mit dem klaren Gedanken, die Entgiftung abzusitzen und dann wieder weiter zu machen, wie bisher. Ich sah keinen Sinn darin, von einem Obdachlosenheim in eine Wohngemeinschaft zu ziehen, was zu diesem Zeitpunkt für mich irgendwie das Gleiche war.
Ich wollte ein Leben, wie es andere Menschen auch führten mit eigener Wohnung und einer Arbeit, wo ich gutes Geld verdienen würde.
Zu meinen nassen Zeiten habe ich diese Menschen, die so ein Spießerleben führten, sogar oft beneidet, wenn ich abends durch die Strassen ging und die glücklichen Familien gesehen habe, die beleuchteten Fenster wo es warm gewesen sein muss und wo man nicht in eine Suppenküche gehen brauchte, wenn man Hunger hatte.
So ein Leben wollte ich auch, aber sofort und nicht über eine neue Wohngemeinschaft, wo mir wieder gesagt werden würde, was ich zu tun oder zu lassen hätte.

Ich hatte mich also entscheiden und auch einen Grund gefunden, warum bei mir alles ganz anders ist, mir eh niemand eine Chance gab und ich aus dem Kreislauf des Trinkens nicht rauskommen kann.

Die Entgiftung sollte drei Wochen gehen, aber zwei Tage vor dem ende der zweiten Woche, als dem Freitag, musste ich zu dem Psychologen. Dieser fragte mich, wie es mir geht und wie es mit mir weiter gehen sollte. Er sprach auch davon, dass ihm aufgefallen war, dass ich mich verändert hatte in der letzten Woche, was er sehr bedauerte.
Da ich den Psychologen mit seinem geschwollenen Gerde eh nicht leiden konnte, wollte ich mich auch nicht mit ihm über meine Gedanken und der Entscheidung, die ich für mich getroffen habe, unterhalten.
So sagte ich das, was er wohl hören wollte. Ich erzählte ihm, dass ich es jetzt verstanden habe, mir Zeit geben muss, weil ein neues Leben nicht von heute auf morgen kommen kann und dass ich mich auf kleine Schritte einstellen muss, die mich dann ja irgendwann zu einem zufriedenen nüchternen Leben führen würden.
Ob er mir meine Worte abnahm, konnte ich in seinem Gesichtausdruck nicht ablesen, aber ich erzählte immer weiter und war mir sicher, dass er genau das hören wollte und dann mit meiner Entwicklung auch zufrieden sein würde und ich meine Ruhe haben würde.

Er ließ mich ausreden, ohne mich zu unterbrechen. Als ich fertig war, fragte er mich, welchen Zeitraum ich denn meinen würde, bis zu dem neuen Leben und ob ich es nicht viel schneller wünschte. Eigentlich waren das ja meine wahren Gedanken, aber ich merkte an seinem Ton, dass es ihm wohl genau darum ging, mich zu verunsichern.
Entweder hatte er verstanden, dass ich ihm gerade ein Märchen erzählt hatte oder er wollte mich ermuntern, das ich an das festhalten sollte, was ich ihm gerade erzählt hatte, denn schon alleine durch die Wohngemeinschaft, würde schon ein Jahr vergehen, wenn ich die Broschüre richtig in Erinnerung hatte, bevor da überhaupt von einer eigenen Wohnung die Rede war. Das ganze Programm war ja darauf ausgerichtet, lange zusammen zu wohnen und dann langsam im Rahmen einer Betreuung ins eigene Leben entlassen zu werden.

Irgendwie kam ich mir vor ( auch wenn diese Entgiftung keinen dauerhaften Erfolg hatte, ist mir das Gespräch noch heute in Erinnerung, weil es bis zum heutigen Tag das einzigste Mal war, dass ich mich ernsthaft mit einen Psychologen unterhalten hab. ), dass wir irgendwie ein Katz und Maus Spiel betrieben. Ich fühlte mich auf der einen Seite überlegen und auf der anderen Seite durchschaut, weil ich das Gefühl hatte, er glaubt mir kein Wort.

Nach ca. dreißig Minuten, wo er mich immer wieder mit verschiedenen Fragen nach meinen Schritten, wie ich den mein neues Leben aufbauen möchte, fragte, griff er zum Telefon. Wie ich aus dem folgendem Gespräch hören konnte, erkundigte er sich ob ein neuer Mitbewohner ( also wahrscheinlich ich ) am Montag in die Wohngemeinschaft aufgenommen werden könnte. Mit einem Nicken beendete er das Gespräch.

Dann sagte er mir, dass ich am Montag ( also doch schon nach zwei Wochen ) aus dem Krankenhaus entlassen werden würde, weil ihm meine Worte davon überzeugt hatten, dass ich soweit seih und ich auf dem richtigen Weg war und dann am Montag in die Wohngemeinschaft der Diakonie ziehen konnte.

Plötzlich bekam ich Angst vor meiner eigenen Entscheidung. Ich hatte hier erzählt, was der Psychologe hören wollte und er hatte es mir abgenommen? Musste ich nun in zwei Tagen zu meiner Entscheidung stehen und wieder trinken?

Karsten
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Beitrag von Karsten » 30.03.2011, 10:11

Jetzt hatte ich nur noch zwei Tage und meine Entscheidung, dann doch wieder zu trinken, weil ich in allen keinen Sinn sah, weil es mir nicht schnell genug ging mit dem neunen Leben, kam wieder ins wanken.
Am Samstag früh wachte ich sehr unausgeschlafen auf. Ich hatte die Nacht vom trinken geträumt, wo die Bilder der vergangenen Jahre drin vorkamen.
Im Grunde genommen, war mir klar, wenn ich wieder anfangen würde zu trinken, würde sich alles wiederholen. Mit Hilfe des Krankenhauses und des Sozialdienstes, waren meine behördlichen Dinge wieder geregelt.
Ich könnte am Montag zum Sozialamt gehen, würde da sicherlich wieder in ein Obdachlosenheim gesteckt werden und auch Hilfe zum Lebensunterhalt, als Geld, bekommen.
Damit könnte ich wieder eine Woche ungestört trinken und ein Dach über den Kopf hätte ich auch.
Die letzten Jahre habe ich immer so gedacht und mir über die Zeit danach keine Gedanken gemacht. Hauptsache die ersten Tage waren gesichert und die weitere Zeit würde sich schon irgendwie ergeben. Es gab immer eine Lösung. Krankenhäuser und Sozialdienste gab es genug und bisher wurde mir immer geholfen, mich wieder fitt zu machen.
Alles war beim alten, aber irgendwas war dennoch anders.

Ich hatte vorher noch nie was mit einem Psychologen zu tun gehabt. Vom Hörensagen wusste ich aber, dass man die angeblich nicht so leicht hinters Licht führen konnte. Ich glaubte aber es geschafft zu haben, denn meiner Meinung nach, hatte er mir meine Geschichte abgenommen. Ich würde ihm also nach meinem geplanten Rückfall, wenn ich es schaffen sollte, wieder hier in das Krankenhaus zu kommen, auch wieder eine Geschichte auftischen können, warum ich es nicht geschafft hatte, trocken zu werden.
Mein Entschluss stand fest. Das Wochenende hier noch schön verleben und dann Montag mein altes Leben weiter führen.

Erzählt habe ich niemanden von meinen Gedanken. Ich war eh misstrauisch und wusste auch aus früheren Krankenhausaufenthalten, dass man so was niemanden erzählen sollte. Die Patienten, die wirklich hier aufhören wollten, wären vielleicht zu den Ärzten oder Krankenschwestern gegangen und hätte mich verraten und dann wäre ich vielleicht noch am Wochenende rausgeflogen. Geld und Unterkunft würde ich aber erst am Montag erhalten können.
Die anderen Patienten, die das hier eher locker sahen und keinen festen Wunsch zur dauerhaften Nüchternheit hatten, mit denen konnte ich auch nicht reden, denn die hätten es auch lautstark ausdiskutiert, so dass es jeder mitbekommen hätte.
So sprach ich nicht viel und ging so meinen Gedanken nach. Ich suchte für mich selbst Gründe, warum alles so kommen müsste, obwohl ich auch wusste, spätestens nach einer Woche würde ich wieder vor der gleichen Situation stehen, wie zwei Wochen vorher, als ich hier eingeliefert wurde. Dennoch freute ich mich auf die eine Woche saufen.

Am Montag früh hatte ich noch ein Abschlussgespräch mit dem Arzt, der mir noch mal die Adresse mit der Wohngemeinschaft gab und mir viel Erfolg wünschte. Das ich da eh nicht hingehen würde, war mir klar, aber ich sagte nichts.
Vor dem Krankenhaus mit meiner kleinen Tasche in der Hand, wo meine wenigen Habseligkeiten drin waren, ging ich aber in die Richtung der Bushaltestelle. Nach drei Stationen musste ich aussteigen, denn da war das Sozialamt.
Als der Busfahrer die Haltestelle ansagte, konnte ich aber nicht aufstehen. Ich blieb einfach sitzen und fuhr mit dem Bus weiter.
Als ich die erneute Ansage des Busfahrers hörte, die den Namen Diakonie trug, stieg ich aus.

Schlussbemerkung:
Ich war dort fast ein Jahr in der Wohngemeinschaft und führte ein zufriedenes trockenes Leben. Leider hat mich meine damalige Überheblichkeit wieder zu meinen ursprünglichen Verhalten zurückgeführt und ich habe dann nach ca. 15 Monaten, als ich eine eigene Wohnung und Arbeit hatte, wieder getrunken.

Hier endet der Bericht über einer meiner Entgiftungen.

Gruß
Karsten

iwona-w
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Beitrag von iwona-w » 02.04.2011, 06:56

Hallo Karsten !
ich habe alles gelesen,sehr gut geschrieben,deine Gedanken und Überlegung von damals sind mir nicht fremd.
Liebe Grüße
Iwona

Grazia
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Beitrag von Grazia » 03.04.2011, 20:05

Hallo Karsten
Ich habe gerade bei Dir gelesen und wollte mich bedanken.
Ich habe damals meinen Ex oft besucht in der Geschlossenen Abt. und hab einiges mitbekommen.
War für mich gerade eine interessante Erfahrung es so zu lesen. Ich habe damals meinen Mann "begleitet" obwohl es für mich klar war, dass es keinen gemeinsamen Weg geben wird. Dein beitrag hat mir nochmal vor die Augen geführt, dass es richtig war, meinem Mann die verantwortung für seine genesung und sein Leben zu überlassen.
Nochmal Danke

Grazia

Karsten
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Beitrag von Karsten » 04.04.2011, 07:44

Hallo Grazia,

ich sage ja immer, jeder kann es schaffen.
Auch wenn ich viele Anläufe hatte und ganz tief sinken musste, bin ich heute dankbar, dass es so gekommen ist.
Ich muss nun nicht mehr ausprobieren, ob ich vielleicht doch ganz anders bin, wie alle anderen Alkoholiker.

Gruß
Karsten

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