Grundbausteine Co-Abhängigkeit - Nr. 1 Tiefpunkt

Hilfe für Co-Abhängige, Partner und Angehörige von Alkoholikern bei der Coabhängigkeit
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Linde66
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Grundbausteine Co-Abhängigkeit - Nr. 1 Tiefpunkt

Beitrag von Linde66 » 31.05.2011, 21:06

Hallo,

hier finden sich die Grundbausteine zur Co-Abhängigkeit.

Grundbaustein Nr. 1 - Erkenntnis und der Tiefpunkt
Der Weg aus der Abhängigkeit setzt i.d.R. auch einen Tiefpunkt (Kapitulation) voraus, aus dem man die Erkenntnis erwirbt, dass man selbst erkrankt ist, den süchtigen Partner oder Elternteil nicht retten kann.

Weiterhin ist die Erkenntnis nötig, dass der Fokus der eigenen Gedanken und Gefühle auf den Anderen gestellt ist, sich das Verhalten nur drauf beschränkt, sich in den Hintergrund zu stellen und Verantwortung für den Süchtigen zu übernehmen bis hin zur vollständigen Selbstaufgabe.

Die Erkenntnis, dass der süchtige Partner/ Elternteil nur ein Auslöser für die eigenen kranken Anteile ist und nicht Schuld daran ist, dass es einem schlecht geht. Jeder Mensch kann selbst entscheiden, wie er mit seinem Leben umgeht und befindet sich nicht in einer Opferrolle. Der Co-Abhängige lässt nur so viel mit sich machen, so viel er zulässt.

Die Anerkennung, nicht selbstbestimmt zu handeln, sondern sich aufgegeben zu haben, lässt den Einzelnen handlungsunfähig sein.
Wer möchte, kann hier gerne etwas zu seinem eigenen Tiefpunkt schreiben. Ein Tiefpunkt kann ja zum Wendepunkt werden...

Wie war das bei euch?

Grüße, Linde
Zuletzt geändert von Linde66 am 12.06.2011, 00:09, insgesamt 1-mal geändert.

julchenazul
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Beitrag von julchenazul » 31.05.2011, 23:04

Ich glaube, mein Tiefpunkt war, als ich mit meinem Mann in der Klinik war, nachdem er 1 Woche gesoffen hat, er die Chance hatte in der Klinik in ein Programm aufgenommen zu werden und er sich vor dem Arzt raus geredet hat. Ich sass neben ihm und konnte förmlich im Blick des Arztes sehen, was er von ihm denkt und von mir. Es war mir so unangenhem. Nachdem wir die Klink verlassen haben, habe ich mich auf eine Bank gesetzt und er sass neben mir, ich habe angefangen zu rauchen, obwohl ich nicht rauche, und habe ihm gesagt, dass es das war. Ich will von ihm nichts mehr hören. Ich blieb sitzen und er sass neben mir und wollte ständig, dass ich ihm was sage, aber was sollte ich noch sagen? Wir sassen da vielleicht 2 Stunden und ich sagte ihm mehrere Male, dass er gehen kann, er ist frei, aber er wollte nicht gehen. Irgendwann bin ich aufgestanden und bin gegangen. Zwei Wochen habe ich es durchgehalten, aber diese zwei Wochen waren der Anfang, waren mein Wendepunkt. Es war schwer, weil er natürlich versucht hat mich zu erreichen und auch meine Eltern, er wollte mit meinen Eltern reden und ihnen alles erklären und sie hätten es auch gemacht, wenn ich nicht gesagt hätte: das fördert seine Sucht. Wir müssen ihn mit Ignoration strafen. Immer mehr habe ich dann begriffen, was mit mir los war, was er mit mir gemacht hat. Es fällt schwer los zu lassen, sich einzugestehen, dass man selber auch krank ist. Aber sobald die Erkenntnis da ist, wird es leichter. Mein Wendepunkt ist jetzt ca. ein Jahr her. Ein halbes Jahr später habe ich die Scheidung eingereicht. Ich habe meine Sachen aus der Wohnung geholt und bin frei und fühle mich auch so. Ich bin glücklich, nach so langer Zeit kann ich wieder unbeschwert lachen und spaß haben.

Viele Grüße,
julchenazul

Maleny
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Beitrag von Maleny » 01.06.2011, 09:21

Mein Tiefpunkt kam nach 10 Jahren Alk-Co-Beziehung im letzten Herbst.

Ich sah meinen damaligen Partner betrunken bei einem sehr intimen Video-Chat mit einer Frau, die später zu seiner Affaire wurde.
Er meinte, ich würde ja keine Nähe mehr zulassen und deswegen müsste er es sich woanders holen.
Ein paar Monate zuvor unterstellte er mir zudem noch, dass ich fremdgehen würde (eben, weil ich mich zurückgezogen hatte).

Der Tag, als ich ihn da total betrunken vor dem Chat sah war für mich mein persönlicher Tiefpunkt und das endgültige Aus.
Ich war sogar froh, dass er eine andere hat und hoffte, er ist während meines Auszuges so wenig wie möglich zugegen.

Seit Weihnachten letzten Jahres habe ich meine eigene Wohnung und fühle mich so frei und glücklich wie schon lange nicht mehr. Ich unternehme sehr viel und entscheide dabei sehr oft spontan etwas.

In Momenten wo ich mich alleine fühle, sage ich mir, dass es die Einsamkeit gibt, um Zeit für sich alleine zu haben. Auch das genieße ich.

sonne5
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Beitrag von sonne5 » 01.06.2011, 09:39

Hallo,

ich bin bzw. hoffe es, in den letzten Tagen an meinen Tiefpunkt angelangt, also ich bin mitten drin.

Mein XY hat mich die letzten Wochen nächtlich betrunken terrorisiert auch mal mit Gewalt wenns er so wollte, ich habe abgeblockt immer wieder.
Nun habe ich keinen Terror mehr, er hat anscheinend nach 1 Woche erkannt, dass es zwecklos ist und will nun alleine leben.

Dann gings mir sehr schlecht und erkannte deutlich meine Abhängigkeit und meine Feigheit zum eigenen Leben. Sogar diesen Tritt von ihm brauchte ich noch um zu verstehen wie krank ich bin.

Jetzt nehme ich jede Hilfe und Kritik an, versuche aus der Opferrolle (die mir manchmal sogar Spass macht) rauszukommen, das Selbstmitleid war wohl mein Schutz nichts ändern zu müssen.
Jetzt wurde ich zwar gezwungen mich auf mein Leben zu konzentrieren, aber ich hab auch erkannt, wie ich mich abhängig machte...

Ich freue und hoffe auf ein neues Leben!

LG sonne

Grazia
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Beitrag von Grazia » 01.06.2011, 10:35

Hallo Linde

Danke für dieses Thread.
Ich habe nachgedacht un muss sagen dass ich mich schäme. ich finde mich einfach Feige, aber ich kann auch diese Gefühle annehmen, ich bin halt so, und so ist es gut.
Damit meine ich, ich habe gewartet bis mein Körper aufgegeben hat, ich habe nicht früher geschafft mich um mich zu kümmern.
Mein Tiefpunkt war, wo mein Körper zusammengebrochen war. Tiefe Depressionen, Angstzuständen und Bourn Out vom feinsten.
Da war ich ganz unten. Und da ging es um die Wahl, leben oder sterben (buchstäblich)
Die erste Zeit danach habe ich aus reinen Überlebensinstinkt gehandelt. Es war so eine animalische Kraft - ich will leben, ich will, ich will...
Und dann fing die Spirale sich nach oben zu drehen.
Ärztliche Hilfe, Psychologische Therapie, Trennung, Scheidung - alles dauerte seine Zeit
aber ging vorwärts.
Ich kann heute sagen, ich bin glücklich, unendlich glücklich, und dankbar für diesen Tiefpunkt. Dankbar dafür, dass mein Körper aufgegeben hat, und ich anfangen MUSSTE neue Wege zu gehen.

LG Grazia

Melinak
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Beitrag von Melinak » 01.06.2011, 10:43

hallo zusammen,

mein tiefpunkt war vor zwei jahren, diagnose darmkrebs verbunden mit angstzuständen, panikattaken und depressionen. da merkte ich jetzt wirds zeit zu leben!!!!

liben gruß melanie

Feeli
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Beitrag von Feeli » 01.06.2011, 11:10

Hi,

Danke Linde für diese Frage.

Würde mal sagen, mein Tiefpunkt war, als ich mit meiner Schwiegermutter zu XY gefahren bin, voller Angst, er könne sich totgesoffen haben. Und ich über Stunden (zumindest fühlte es sich so an) versucht habe, ihn davon zu überzeugen, dass er zur Entgiftung ins Krankenhaus muss. Und er wollte einfach nicht und ich war total verzweifelt, wie auch seine Mutter. Da musste ich endlich meine Machtlosigkeit erkennen und begriff aber gleichzeitig, dass ich es ohne Hilfe nicht schaffen würde, von ihm loszukommen. Weitere Ereignisse in der Folge haben mich dann in meinem Entschluss zur Trennung und zum Start in ein neues Leben nur noch bestärkt.

Jetzt ist mein Leben schön. Die Scheidung steht kurz bevor, denn das Trennungsjahr ist fast vorbei. Und XY macht mit einer anderen Co. weiter, wie gehabt.

Liebe Grüße,
Feeli

ragna
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Beitrag von ragna » 01.06.2011, 11:11

Hallo!
Für mich war es sehr schwer zu erkennen,dass ich an meinem Tiefpunkt angelangt bin.
Wenn wir uns gestritten haben,so hatte unser Streit auch noch ein gewisses"Niveau".
Es gab keinen Terror und auch keine Schläge. Die Beleidigungen waren eher unterschwellig,so dass ich es erst immer später erkannte was er überhaupt gemeint hat.
Aber irgendwann begriff ich ,dass ich nur noch so eine Art Alibi-Freundin war.
Weihnachten,Geburtstage etc.da wurde ich mitgenommen,da war es ganz wichtig,dass ich mit dabei war.
Ansonsten war ich Luft,bzw.sein Fussabtreter wenn etwas nicht funktioniert hat.
Er hat mich schlichtweg in seine Sucht "eingebaut",hatte wohl nie vor mit dem Trinken aufzuhören.Seine Sache.
Übel nehme ich ihm nur,dass er mich so belogen und für seine Zwecke benutzt hat.
Ein Termin beim Jugendamt(er hat einen unehelichen Sohn der nicht bei ihm lebt)brachte mir dann die Erkenntnis.Nachdem ich sein Ansehen mal wieder zurechtgerückt hatte,damit er ihn weiterhin sehen kann,machte er mir klar,dass ich mit seinem Sohn nichts zu tun hätte.
Ich fühlte mich einfach nur benutzt und hintergangen.
Da wusste ich,dass es nie einen Sinn haben würde,es war alles nur zweckgebunden.
Und es bedeutete auch eine Gefahr für das Kind,wenn er unter Vortäuschung falscher Tatsachen,das Besuchsrecht behält.
Da hörte der "Spass" endgültig für mich auf.
Bis heute und dafür bin ich sehr dankbar.
lg Ragna

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