Wege in ein selbstbestimmtes Leben

Hilfe für erwachsene Kinder von Alkoholikern
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Lucy0312
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Wege in ein selbstbestimmtes Leben

Beitrag von Lucy0312 » 06.09.2011, 11:35

Hallo zusammen,
ich bin das erwachsene Kind alkoholabhängiger Eltern. Mein Vater ist inzwischen knapp 20 Jahre trocken, meine Mutter hat es 12 Jahre geschafft, wurde dann wieder rückfällig und im Laufe der Zeit wurde es immer schlimmer. Allein im letzten Jahr war sie 7 Mal zum Entzug in der Klinik, die letzten Male ist sie dabei in ein Delirium gefallen. Wenn sie trinkt, dann so heftig, dass sie nur noch im Bett liegt und ihren Alltag nicht mehr bewätigen kann. Endlich hat sie einen Platz in einer Reha-Klinik zur Langzeittherapie bekommen. Als ich sie dort hin brachte, hatte ich ein Gespräch mit einer Therapeutin, die mir riet, mir dringend Hilfe zu suchen, da ich starke Anzeichen für eine Co-Abhängigkeit aufweise.
Das war der Grund, warum ich mich hier im Forum schlau gemacht habe, hatte mich vorher nie mit der Thematik auseinander gesetzt, bin aber sehr erstaunt über die Parallelen, die ich entdecke.
Ich würde gerne von euch hören, was geholfen hat, das Erlebte zu verarbeiten und dieser Co-Abhängigkeit zu entfliehen.
Ich habe schon früher Beratungsstellen aufgesucht, da ich Zeiten hatte, in denen es mir nicht gut ging. Doch irgendwie ist das nichts für mich. Ich kann sehr schwer Hilfe annehmen und dieses Mitgefühl der Therapeuten ist für mich unerträglich. Ich blocke dann sofort ab und bagatellisiere alles, es "ist schon nicht so schlimm". Ein Neurologe hat bei mir eine wiederkehrende depressive Strörung diagnostiziert und mir dringen geraten, eine Therapie zu machen. Die Überweisung dafür trage ich noch heute mit mir rum, denn schon der Gedanke daran macht mir Gänsehaut. Ich habe sicherlich viele schlimme Dinge erlebt, die beim Gegenüber logischerweise Mitgefühl auslösen, aber irgendwie kann ich das nicht ertragen. Denoch merke ich in vielen Bereichen den täglichen Lebens, dass ich eigentlich Hilfe bräuchte. So kann ich beispielsweise keine Beziehung führen, schon bei der kleinsten Sympathiebekundung eines Mannes bekomme ich regelrechte Panikattaken in Form von Herzrasen und Atemnot.
Und dann wäre da auch noch die aktuelle Co-Abhängigkeit, aus der ich mich befreien muss, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Denn mein Wohlbefinden hängt sehr stark von dem meiner Mutter ab, ich kann mich nur schwer von ihr lösen.
Daher meine Frage an euch, liebe EKA's: Was hat euch geholfen, mit dem Erlebten fertig zu werden? Vielleicht habt ihr ja Alternativen zu einer Therapie gefunden? Ich freue mich sehr über Eure Antworten!

Melinak
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Beitrag von Melinak » 06.09.2011, 12:17

liebe luci,

willkommen hier im forum. auch ich bin EK und bin coabhängige. ich kenne dieses leiden selbst, lebte jahrzente genau mit dieser problematik. hilfe anzunehmen ist schwer. auch ich kann mitleidsbekundungen mir gegenüber nur schwer ertragen. allerdings bin ich da über meinen schatten gespungen, weil es nicht mehr anderst ging und habe eine therapie gemacht. mein leiden war so gross das es dann wieder möglich war mir hilfe zu suchen und hilfe anzunehmen.

gruß melanie

Lucy0312
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Beitrag von Lucy0312 » 06.09.2011, 12:46

Liebe Melanie,
vielen Dank für deine Antwort! Was hast du denn genau für eine Therapie gemacht? Da gibt es ja einige Möglichkeiten, wie ich gelesen habe. Einerseits habe ich mich von meiner Vergangenheit gelöst, bzw ist die kleine Lucy ein anderer Mensch als ich. Also ich empfinde es nicht als meine eigene Vergangenheit, weshalb beim Erzählen keine alten Wunden bei mir aufgerissen werden. Vielmehr empfinde ich dabei nichts, keine Trauer oder Wut. Aber als ich meine Mutter in die LZT brachte, eine Einrichtung speziell für abhängige Frauen und dort die kleinen Kinder sah, die gemeinsam mit ihren Müttern zur Therapie gekommen sind, habe ich einen richtigen Heulkrampf bekommen, weil die mir so leid taten. Also habe ich wohl doch irgendwo in tief im Inneren begraben eine Verbundung zu mir als Kind. Aber irgendwie habe ich Angst davor, dieses Fass zu öffnen (und denke wiedermal, dass es doch eigentlich nicht so schlimm ist :? )

Melinak
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Beitrag von Melinak » 06.09.2011, 12:59

liebe lucy,

meine therapeutin bot mir viele möglichkeiten an mit der situation umzugehen. erst eine gesprächstherapie. als sie merkte ich komm da nicht aus mir raus bot sie mir gestalttherapie an, wo ich bilder malen konnte, was schon mehr für mich löste. als ich dann bei meinen gefühlen angekommen in auch durch teilweise entspannungsübungen die ich mit ihr zusammen machte kamen wir in den bereich an, mich mit meinem inneren kind zu trefffen. einbischen verhaltenstherape war ab und an dabei, was allerdings bei mir nicht viel brachte. es gibt so viele möglichkeiten da hin zu kommen, es muss auch nicht immer das selbe sein. mal war mir nach reden, dann redeten wir. mal war mir danach bilder zu malen, dann malte ich. dann wieder dieses innere kind, familienaufstellung, all das zusammen hat mir weiter geholfen. ich bin sehr dankbar eine therapeutin getroffen zu haben, die mir diese wege zeigte und nicht nur stur eine therapieform durchgezogen hat. sie hatte immer meine bedürfnisse vorne an gestellt, ich konnte für mich entscheiden was mir gut tut und so konnte ich so viel vertrauen zu ihr bekommen, das ich diese hilfe dann gern angenommen habe.erst dann hilft therapie weiter.

gruß melanie

Gela10
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Beitrag von Gela10 » 06.09.2011, 14:20

Hallo Lucy,

wenn ich heute so daran denke, dann fällt mir ein, dass ich damals auch keine therapeutische Hilfe hätte in Anspruch nehmen wollen. Es fiel mir überhaupt schwer, Hilfe in Anspruch zu nehmen, denn das hieße ja, sich die eigene Schwäche einzugestehen und das ging nicht, weil ich ja stark sein musste, weil ich ja für meine Eltern funktionieren musste. Schließlich war ich ja für die Situation verantwortlich, also musste ich doch auch was dran ändern können und ausserdem hatten sie auch so schon genug Stress. Ich und Hilfe? nein, meine Mutter brauchte Hilfe, um die sollte sich jemand kümmern und ihr zeigen, wie sie da raus kommt. Mit mir war doch alles in Ordnung. Na gut, mir gings nicht so toll, aber eigentlich war das doch alles nicht so schlimm...Meiner Mutter ging es doch viel schlechter....
Ich war damals 16 und fix und fertig. hab alles wie durch einen Nebel wahrgenommen, weil mich eigentlich nur eines interessierte. wie konnte ich meiner Mutter helfen? (Schule lief irgendwie so nebenher und was ich sonst so wollte, wusste ich eh nicht)
Bin dann bei einer guten Freundin zusammen geklappt und habe lange mit ihrer Mutter gesprochen. Sie hat mir langsam klar machen können, dass das Problem meiner Mutter nicht mein Problem ist, dass ich nicht schuld daran bin, nicht dafür verantwortlich bin und schon gar nichts dran ändern kann.
Das war mein erster Schritt in die richtige Richtung. ich musste verstehen, dass das Alkoholproblem meiner Mutter und der Stress, den meine Eltern miteinander hatten, eben allein ihr Problem war, an dem ich nichts ändern konnte. Während meiner Ausbildung bin ich dann ausgezogen und habe mich so räumlich distanziert. DAs war wichtig, um dem ganzen nicht mehr ständig ausgesetzt zu sein. Das emotionale Distanzieren schaffte ich dann stück für stück. Teilweise indem ich den Kontakt verweigerte, wenn ich merkte, dass meine Mutter besoffen war. Das waren so die Anfänge und damit ging es mir dann schon besser. Bin dann erstmal in eine Beziehung gestolpert, die auch sehr manipulativ war. Mein Ex wusste genau, welche Knöpfe er bei mir zu drücken hatte, damit ich nach seinen Wünschen funktionierte...Aber auch das brachte ich hinter mich...
Mit 10 Jahren Abstand stell ich jetzt fest, dass mit therapeutischer Unterstützung sicherlich vieles sehr sehr viel einfacher gewesen wäre und deshalb kann ich Dir wirklich nur empfehlen, Dir welche zu holen, auch wenn Dich das jetzt große Überwindung kostet.

Gruß Gela

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