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Die Alkoholkrankheit meiner Mutter - es wird immer schlimmer

Hilfe für erwachsene Kinder von Alkoholikern

Moderator: Moderatoren

helen38
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Die Alkoholkrankheit meiner Mutter - es wird immer schlimmer

Beitrag von helen38 » 16.10.2011, 12:19

Hallo ihr!

Ich bin ein erwachsenes Kind einer Alkoholikerin. Meine Mutter hat angefangen zu trinken, als ich 13 Jahre alt war (zumindestens habe ich es da gemerkt). Meine Schwester und ich waren mit diesem Problem weitgehend alleine, da unser Vater beruflich sehr eingespannt war und weitestgehend sein Leben so gelebt hat, wie er es für richtig hielt (auch was andere Frauen anging). Rückblickend kann ich sagen, dass er uns damit weitestgehend im Stich gelassen hat.

Wir wussten nie, was uns täglich erwarten würde, wenn wir aus der Schule kamen. Das war furchtbar. Unsere Mutter hat nachmittagelang betrunken durchgeheult, lag im Keller zwischen Glassplittern oder hat uns einfach nicht in Ruhe gelassen.
Um zu lernen, mussten wir uns einschließen. Sie hat dann immer an der Türklinke gerüttelt oder sonstigen "Sch****" gemacht.
Meine Mutter hat leider nicht heimlich und still für sich getrunken, sondern uns sehr häufig traktiert. Wir mussten sie sogar schlagen, damit sie uns in Ruhe lässt. Einmal hat sie meiner Schwester den Kopf an die Wand geschlagen und sie mit einem Messer bedroht.
Es ist ein Wunder, dass wir beide dann noch ein Studium abgeschlossen haben. Aber in meiner Seele bin ich tief verletzt.
Als ich 34 Jahre alt wurde, bekam ich dann eine 1 Jahr anhaltende depressive Verstimmung, da alle Erlebnisse wieder hochkamen. Die Therapeutin bei der ich einige Male war, sagte mir, dass ich traumatisiert wäre und dass ich mich von meiner Mutter abgrenzen soll und sie die Verantwortung für ihre Sucht hat. Dieses halte ich auch seitdem ein und den Kontakt mit ihr bestimme ich.

Meine Mutter lebt derzeit allein, mein Vater ist vor 7 Jahren gestorben und die Alkoholkrankheit wird immer schlimmer und sie ist immer noch zu keiner Hilfe bereit.
Mehrmals gab es jetzt schon Feuerwehreinsätze, da es durch verbranntes Essen Rauchentwicklungen gab und ihr Bett ist total durchgepisst. Im Haus sieht es häufig sehr schlimm aus.
Die Nachbarn haben mir erst von den Feuerwehreinsätzen erzählt. Auch wenn sie das nicht so äußern, natürlich sind sie genervt und bei mir meldet sich sofort das schlechte Gewissen, dass ich mich nicht genug kümmere und es nun die Nachbarn ausbaden müssen.

Aber ich will gar kein schlechtes Gewissen haben und ich will mich auch gar nicht mehr um die Sucht meiner Mutter kümmern müssen!
Es ist aber furchtbar diesen Klotz am Bein nicht loswerden zu können!

Wie geht ihr damit um? Kennt ihr diese Gefühle?

Eine 2. Frage ist: Wo kann man Hilfe bekommen, so dass einem Last abgenommen wird? Wollte nächste Woche mal beim sozialpsychatrischen Dienst anrufen und die Situation mal schildern...

Vielen Dank für eure Mühe das alles zu lesen....

Liebe Grüße,

Helen

Lisa83
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Beitrag von Lisa83 » 16.10.2011, 17:05

Liebe Helen,

ich habe gerade Deinen Beitrag gelesen.
Du hast viel durchgemacht. Was Du erlebt hast muss unheimlich belastend sein. Ich kann mir kaum vorstellen, wie es ist unter solchen Bedingungen aufzuwachsen.
Ich selbst habe keine trinkenden Eltern, aber einen (frisch gebackenen) Ex-Freund, der trinkt. Ich kenne die Gefühle, die Du beschreibst. Schlechtes Gewissen. Schuld. Der Drang helfen zu wollen.
Meine Schwester ist magersüchtig und bulimiekrank, was dazu führte, dass meine ganze Familie coabhängig geworden ist.
Mir hilft es mir immer wieder vor Augen zu führen, dass dies eine Krankheit ist, an der ich keine Schuld haben kann. Es ist eine Sucht. Jeder Mensch ist für ich selbst verantwortlich. Deine Mutter für sich. Ihre Nachbarn für sich. Wenn sie genervt sind, müssen sie sich aus der Situation befreien, nicht Du. Du kannst Dir aber selbst helfen, indem Du Dir Hilfe suchst.
Dafür gibt es in jeder Stadt Selbsthilfegruppen, Beratungsstellen für Angehörige und Psychologen. Nimm diese Hilfen in Anspruch.
Das Forum hilft auch. Mir hat es sehr geholfen zu sehen, dass es Anderen auch so geht. Es hilft sehr zu erkennen, dass Alkoholiker die gleichen Verhaltensweisen anwenden und damit bestimmte Gefühle in uns auslösen.
Toll, dass Du jetzt hier bist. Es wird Dir sicher helfen mal die Geschichten Anderer zu lesen.
Ich wünsche Dir einen guten Austausch,

liebe Grüße

Lisa

helen38
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Beitrag von helen38 » 16.10.2011, 18:06

Hallo Lisa!

Vielen Dank für deine schnelle Antwort! Es tut mir Leid, dass es bei dir auch nicht sehr leicht ist! Ich hatte auch mal einen Mann mit Alkoholproblemen kennen gelernt und mich verliebt. Zum Glück habe ich, als ich das ganze Ausmaß sah, die Reißleine gezogen. Gut, dass du das auch gemacht hast! Wir haben was Besseres als das verdient! Bei einer Schwester mit Essstörungen kann ich mir auch vorstellen, dass sich da alles um sie gedreht hat....

Du hast absolut Recht, wenn du sagst, dass die Nachbarn sich selber helfen sollen. Genau das sagt mein Verstand auch! Nur hat mir mein Gefühl mir dann wieder der ganzen Abend versaut.... und ich kriegs nur schlecht in Griff meine Gefühle meinem Verstand anzupassen.
Zudem ist es so, dass ich keinen Partner habe und das schon seit langer Zeit nicht. Da frage ich mich auch, ob das was mit meinem Aufwachsen zu tun hat. Fühle mich manchmal ganz schön alleine. Schlimm, dass ich das Gefühl habe, dass ich nicht genug Liebe von meinen Eltern bekommen habe und nun bekomme ich sie auch wieder nicht....:(

Von welchen Verhaltensweisen, die Alkoholiker anwenden bzw. Gefühlen hast du gesprochen, die Alkoholiker in uns auslösen?

Ich bin immer noch sehr froh, diese Therapiestunden gemacht zu haben, da ich dort sehr viel gelernt habe. Leider hat es aber nicht dazu geführt, dass ich mein Leben unbeeinträchtigt und glücklich führen kann.

Wie schafft man das bloß?

Liebe Grüße, Helen

Lisa83
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Beitrag von Lisa83 » 16.10.2011, 19:41

Liebe Helen,

danke für Dein Mitgefühl. Na, dann weisst Du ja wovon ich spreche, wenn Du auch schon mal mit einem Alkoholiker liiert warst. Ja Du hast recht bei meiner Schwester dreht sich viel um sie. Allerdings sind wir Anderen sehr egoistisch! Das ist es beispielsweise auch, was ich meinte mit Verhaltensweisen und Gefühlen, die durch Suchtkranke in uns ausgelöst werden.
Nach meiner Erfahrung sind es oft Spiegelungen. Die Eigenschaften, die die Sucht in ihnen hervorruft spiegel sie auf ihre Umgebung. Das versetzt uns natürlich in Schrecken, denn wir erleben diese Eigenschaften ja tagtäglich und wollen alles, aber nicht auch so sein. Dadurch kommen Schuldgefühle: "Wenn ich auch so schlecht bin, klar dass er/sie trinkt"
Ausserdem wissen sie elche Knöpfe sie drücken müssen. Uns zeigen/sagen wie sehr sie uns brauchen. Dadurch resultiert ein schlechtes Gewissen und das mangelnde Gefühl ein Recht darauf zu haben, dass wir uns auch um uns kümmern dürfen.
Das sind jetzt aber auch meine Erfahrungen.

Du hast es auf der Verstandesebene schon geklärt, das ist toll! Jetzt "nur noch" die Gefühlsebene mit der Verstandsebene verknüpfen. Kannst Du Dir vorstellen diesbezüglich noch mal in Therapie zu gehen? Mit genau dieser Fragestellung vielleicht?

Weißt Du, ich denke die Therapie kann Dir Ansätze liefern, wie Du Dein leben ändern kannst, umsetzen musst Du das dann. In kleinen Schritten üben.
Was macht Dir Spaß? Woran hast Du Freude?
Und das mit der Liebe...da denke ich: Die kommt, wenn sie will, meist überraschend...

liebe Grüße

Lisa

ringelblume
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Beitrag von ringelblume » 21.10.2011, 10:52

Hallo Helen,

ich war letztes Jahr auch auf der Suche nach Hilfe für meine Eltern, weil ihre Sucht ein Maß erreicht hatte, das für mich unerträglich wurde (kein Kochen mehr, verpisste Betten, eklige Toiletten...).

Ich war bei der Suchtberatung, bei Ärzten, habe mit Altenheimen telefoniert und NICHTS erreicht.

Nachdem meine Mutter an ihrer Sucht gestorben ist, habe ich nochmals angefangen für meinen Vater Hilfe zu suchen und habe tatsächlich Erfolg gehabt: Sein Hausarzt hat ihn ins Krankenhaus eingewiesen, zwei Wochen ohne Alkohol, mein Vater war wieder fit. Nur eine Therapie hielt er für völlig unnötig. Und der Rückfall kam nach zwei Monaten.

Jetzt hab ich den Kontakt abgebrochen, bin nochmals zur Suchtberatung - diesmal aber wegen mir - und ich habe endlich verstanden, dass ich niemals Hilfe für meine Eltern gefunden hätte, weil ich damals nur nach Menschen oder Institutionen gesucht habe, die mir die Verantwortung für meine Eltern abnehmen.

Diese Verantwortung habe ich aber gar nicht, (und so doof das klingt, das war mir überhaupt nicht klar) und so habe ich nach etwas gesucht, das es gar nicht gibt.

Ein anderer Fall ist es, wenn andere Menschen durch den Süchtigen gefährdet sind und wenn die Feuerwehr schon öfter bei deiner Mutter war, ist das vielleicht der Fall.

Was hat der sozialpsychatrische Dienst gesagt?

Liebe Grüße

Daniela

helen38
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Beitrag von helen38 » 21.10.2011, 19:27

@Lisa:
Oh ne, zum Glück war ich nicht mit einem Alkoholiker liiert. Es befand sich noch alles in der Anfangsphase und dann habe ich zum Glück sehr schnell die Reißleine gezogen...
Hm, eine Therapie will ich momentan nicht machen. Wie gesagt, war vor 4 Jahren schon mal bei einer Therapeutin und das war gut und sehr hilfreich, da es mir sehr über meine Mutter, meine Familie und mich die Augen geöffnet hat. Ich habe dann abgebrochen, da mir als nächstes eine Familienaufstellung angeboten wurde. Habe mir dieses Verfahren dann an einem WE angesehen und gemerkt, dass das nichts für mich ist. Ich kann meine Seele Fremden gegenüber nicht öffnen. Bin da sowieso eher "verstandesbetont". Da die Therapeutin so gearbeitet hat, war das dann nichts mehr für mich und es passte nicht mehr.

@ringelblume

Oh je, da hast du ja auch so einiges mitgemacht! Schlimm, das zu lesen.
Beim Lesen deines Textes ist mir gerade ein Licht aufgegangen! Ich suche tatsächlich einen Weg die Verantwortung abzugeben...Und ja, du hast Recht! Ich habe schon so viel Verantwortung übernommen und was hat es gebracht? Nüscht! Von daher: Ich kann die Verantwortung auch so abgeben, ohne dass sich andere Menschen oder Institutionen kümmern. Die Verantwortung liegt alleine bei meiner Mutter. Auch gegenüber Nachbarn habe ich keine Verantwortung. Ich habe nur Verantwortung für mich, berufliche Verantwortung und dort, wo ich sie übernehmen will.

Der sozialpsychatrische Dienst hat nicht viel anderes gesagt. Jeder hat ein Recht auf Krankheit und es gibt eigentlich keine rechtliche Grundlage, um sie zwangsweise einer Behandlung oder Unterbringung zuzuführen. Ein Anspruch auf eine Pflegestufe hat man nur aufgrund Alkoholabhängigkeit nicht. Ich soll mich nochmal an die örtliche Suchtberatung wenden, der Herr, mit dem ich telefoniert habe, war eher für psychische Erkrankungen zuständig. Aber eigentlich denke ich nicht, dass die von der Suchtberatung mir andere Auskünfte geben werden.

Der einzige Weg wäre eine Vorsorgevollmacht, mit der man erstmal eine Unterbringung "erzwingen" kann. Jedoch muss dann ja auch noch ein richterlicher Beschluss her und da sehe ich dann schwarz...

So, ich übe mich dann fürs Erste im Verantwortung abgeben :) und freue mich auf das beginnende WE!

Lieben Dank fürs Lesen und Zuhören!

Helen

helen38
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Beitrag von helen38 » 18.07.2012, 12:38

Nach längerer Zeit mal wieder etwas von mir.

Mit meiner Mutter gibt es keine Veränderung, alles beim Alten. Seit ich jetzt aber Urlaub habe, kontaktiert sie mich wieder verstärkt. Ich will das aber nicht. Das ist mir zuviel und tut mir nicht gut.

Deshalb hat sie jetzt wieder ihre Psychospielchen angefangen. Nachdem sie mir gestern gesagt hat, dass sie sich bessere Kinder gewünscht hätte (was für eine Frechheit!) bin ich nicht mehr ans Telefon gegangen. Das hat sie dann gestern Abend zum Anlass genommen, mir Suizidandrohungen (sie war nüchtern) auf den Anrufbeantworter zu sprechen. Ich habe mich daraufhin nicht bei ihr gemeldet.
Oh Wunder, heute Morgen hatte sie sich dann doch nicht umgebracht ( mein Gott, was für ein Sarkasmus das so zu schreiben), und wollte mit mir über zu erledigende Dinge reden. Ich sagte ihr, dass ich eine Entschuldigung erwarte und dass ich mich nicht manipulieren lasse (siehe AB vom Vorabend) und worauf sie anfing, heftigst zu schreien. Ich habe ihr gesagt, dass sie aufhören soll anzurufen.

Es ist unfassbar, was diese Frau und ihre Krankheit seit nunmehr 26 Jahren für einen Terror ausübt.

Wie würdet ihr euch verhalten, um diesen immer wiederkehrenden Terror und diese Psychospielchen zu unterbinden?

LG!

Zimttee
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Registriert: 19.05.2012, 22:58

Beitrag von Zimttee » 18.07.2012, 22:37

Hm, was willst du nun ändern? Kontakt abbrechen? Oder erstmal abwarten?

Ich weiß nicht, ich glaube, ich wäre mit der Suiziddrohung zu entsprechender Stelle gegangen (ist der Hausarzt zuständig?) bzw hätte die Polizei angerufen. Sicher ist sicher- so lernt sie die Konsequenzen kennen. Persönlich hätte ich mich nicht bei ihr gemeldet.

Wenn du den kompletten Kontakt abbrechen möchtest, würde ich sämtliche Telefonnummern, unter denen du erreichbar bist, wechseln.

Wichtig ist, dass du gar keine Reaktion zeigst. Auch negative Aufmerksamkeit bestärkt sie in ihrem Verhalten.
Ansonsten wäre auch nach diesen Aktionen bei mir Schicht im Schacht.

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