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Wie geht ihr mit den immer wieder hochkommenden Gefühlen um?

Hilfe für erwachsene Kinder von Alkoholikern

Moderator: Moderatoren

helen38
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Wie geht ihr mit den immer wieder hochkommenden Gefühlen um?

Beitrag von helen38 » 26.12.2012, 13:51

Hallo liebe Mitschreibende!

Wie geht ihr mit den immer wieder hochkommenden Gefühlen um?

Damit meine ich vor allem mit der immer wiederkehrenden Enttäuschung, der Lieblosigkeit?

Ein Beispiel von mir: Meine Mutter habe ich Weihnachten noch nicht gesehen, da sie Heiligabend betrunken war. Auch den nächsten Tag hat sie ein Treffen abgelehnt, da es ihr nicht gut gehen würde.

Meine Schwester ist dann zu ihr gefahren, um bei ihr etwas abzuholen, sie hat dann das "Geschenk" für mich mitzugeben: 100 Euro in einem aufgerissenen Briefumschlag. Nichts sonst dabei.
Geld wohl schnell zusammengesucht, Weihnachten kam wohl zu schnell!
Was für eine Lieblosigkeit!!

Wie geht ihr mit sowas um? Ich habe geweint, mich dann darüber geärgert, dass ich darüber weine und sie dann angerufen, da ich das Gefühl hatte, ich müsste meine Wut bei dem abladen, bei dem sie verursacht wurde. Erschreckender Weise sah sie wieder überhaupt nicht ein, dass das alles so schlimm wäre.

Ich merke, dass meine Sehnsucht nach einer liebenden Mutter einfach nicht aufhört. Wie geht ihr damit um?

LG, Helen

Zimttee
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Beitrag von Zimttee » 26.12.2012, 20:24

Hallo Helen,
ich nehme es nicht mehr persönlich.

Meine Eltern hatten auch keine Idee, was sie mir schenken sollten. Von einem meiner Geschwister hab ich etwas selbstausgesuchtes bekommen, das hat mich wirklich gefreut.
Aber das, was ich von ihnen bekommen habe, habe ich selbst ausgesucht, gekauft und eingepackt.
Nunja.. Sie sind beide krank- für mich der Punkt, an dem ich mich davon distanzieren muss. Es ist von ihnen nicht böse gemeint, sondern zu anderem sind sie nicht in der Lage.
Ich bin jetzt erwachsen und hole mir die Bestätigung, die jeder braucht, woanders.

Alles Liebe,
Natalie

helen38
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Beitrag von helen38 » 26.12.2012, 23:54

Hallo Nathalie!

Deine Einstellung finde ich sehr gut. Mir fällt es sehr schwer, so ein Verhalten nicht persönlich zu nehme, denn letztendlich ist es genau das: Lieblos und damit sehr unpersönlich. Das kann man drehen und wenden wie man will. Leider. Ich muss mir da ein dickeres Fell anschaffen. Dringend.

Wo holst du dir denn deine Bestätigung?

Ich habe einen Freundeskreis, aber keine eigene Familie und keine Partnerschaft. Ich glaube, dass macht mich anfälliger für solche Lieblosigkeiten....

Zimttee
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Beitrag von Zimttee » 27.12.2012, 00:51

Danke für die Rückmeldung.
Ja, erst war ich auch enttäuscht, dass sie nicht soo die Ideen hatten. Aber so sind sie nunmal, fürchte ich.

Bestätigung versuche ich nicht zu sehr aus der Partnerschaft zu ziehen. Mein Freund ist mir wirklich sehr sehr wichtig und die erste gesunde Partnerschaft meines Lebens. Aber ich fände es nicht gut, wenn ich alles von ihm abhängig mache.
Familie selbst habe ich nicht, nicht soo viele Freunde.
Ich versuche, mir ein schönes Leben zu machen und Interessen nachzugehen, auf die ich Lust habe. Gehe zum Sport, was Spaß macht. Versuche, mit mir selbst zufrieden zu sein und mich so zu kleiden und zu stylen, wie ich mir gefalle.
Das klappt so ganz gut. Wichtig ist mir auch, mich an mir selbst zu orientieren und nicht ständig mit anderen zu vergleichen.. Da zieht man als EKA meist eh immer den kürzeren. Was andere absolut ohne Anstrengung hinkriegen, fällt mir schwerer, da ich einfach zu viele Baustellen habe. Die anderen kommen entspannt, bei Kräften und rumdum gestärkt aus ihren Familien. Als EKA bist du froh, der Hölle entronnen zu sein und brauchst erstmal einen Ort, um zur Ruhe zu kommen, zu dir selbst zu finden und diese ganzen verqueren Vorstellungen und die Fesseln loszuwerden. Das ist ein riesiger Unterschied. Deswegen hab ich meine Erwartungen an mich selbst runtergeschraubt.

Ich glaube, man wird als EKA unter Liebesentzug durch die Eltern süchtig nach dieser Anerkennung und 'Liebe', dass man sich darüber definiert und danach giert, mal wieder einen Happen abzubekommen.
Hätte man immer die Eltern stützend im Rücken gehabt und ein normales Verhältnis zu ihnen, wäre man später nicht so auf ihre Anerkennung fixiert. Ich denke, der Punkt ist, weil man sonst gelernt hätte, auf sich selbst zu hören und sich selbst im Fokus zu halten.
So traut man der eigenen Wahrnehmung nicht, sondern wartet auf Reaktionen der Eltern.

Alles Liebe,
Natalie

helen38
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Beitrag von helen38 » 27.12.2012, 13:16

Ja Nathalie,

da könntest du recht haben!
Bei mir ist das so, dass ich auch das Gefühl habe, dass mir die Basis fehlt. Diese Gewissheit, dass alles gut wird. Denn gut wurde nie etwas in meinem Leben, was mit nahestehenden Personen oder Beziehungen zu tun hatte. Ich hatte nie das Gefühl, ich könnte in die Welt rausgehen, mich ausprobieren und wenn ich scheitere kann ich in einen sicheren Hafen zurückkehren.
Diesen sicheren Hafen gibt es bis jetzt nicht, sei es durch eine eigene Familie oder eine Partnerschaft. Ich habe Freundschaften, aber nicht alle wissen von der trinkenden Mutter und was ich mitgemacht habe. Das sind vor allem die Freundschaften, die über den Beruf entstanden sind. Da möchte ich meine Familiengeschichte gerne außen vor lassen.
Ich habe mal den Satz gehört: Always lonely in a happy crowd. Dieser Satz trifft häufig auf mich zu, aber so will ich das gar nicht!

Ich habe schon ganz viel an mir gearbeitet und bin viel reflektierter als früher und ich bin auch nachsichtig mit mir, aber was mit definitiv fehlt, ist der sichere Hafen....

Frozen Tears
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Beitrag von Frozen Tears » 31.01.2013, 01:05

Ach, ich kenen dieses gefühl zu gut. aber ich denke wie Nathalie. Deine Eltern sind krank und können Dir keine Liebe zeigen, so als wären sie gesund. Aber sie lieben Dich dennoch. Diese kleine Geste, dass Deine Mutter an Dich gedacht hat ist schon Großes für sie. Und 100 Euro wegzugeben, nicht zu versaufen ist auch möglicherweise etwas großes. Dennoch weiß ich, dass es für Dich nur ein schwacher Trost ist. Denn auch wenn diese Liebe da ist, Du sie aber nicht spürst und ganz andere Bedürfnisse hast nützt sie dir nicht viel. Deine Bedürfnisse sind eben auch wichtig.
Es ist in etwa so als ob Du Hunger hast und Deine Mutter hat was leckeres für Dich gekocht. Aber das Essen hat sie, weil sie krank ist, eingefroren, Du kannst es nicht essen. Es ist da, aber irgendwie doch nicht.
Du mußt Dir Dein Essen woanders her holen. Erwarte nichts von ihr, dann wirst Du auch nicht so enttäuscht sein. Du erwartest ja auch nicht von einem Rollstuhlfaher, dass er mit Dir wnadern geht. Den Alkoholismus als wirkliche Krankheit zu akzeptieren ist ein ganz wichitger Schritt. Wenn Du alles was sie tut oder auch nicht tut immer auf Dich beziehst wirst Du Dir immer selber damit weh tun und unglücklich sein. Nimms hin, auch wenns weh tut. Es hört auf weh zu tun, wenn Du es als IHRE Krankheit und nicht ihre Böswilligkeit siehst. Denk mal an das Tourette-Syndrom, wo die Kranken schlimme Schimpfwörter ausrufen. Was wäre da los, wenn jemand die auf sich bezieht. Die tatsache, dass man eine kranke Mutter hat, die einem nicht die Liebe geben kann ist schon schmerzhaft. bei mir ist es der Vater, der getrunken hat. Aber mein Vater beispielsweise ist jetzt seit langem trocken. Und ein völlig anderer Mensch. Heute schämt er sich glaube ich für das, was er getan hat. Früher habe ich ihn gehaßt, weil ich es auch nicht besser wußte. Aber heute ist es anders. Ich weiß wie Du Dich fühlst. Da ist eine Mutter, und doch ist sie nicht da. Und Du kannst es nicht ändern. Du mußt diese Rolle für dich selber übernehmen. Sei gut zu Dir. Gib Dich nicht auf. Sprich Dir selber Mut zu und auch mal Trost. Nach und nach wirst Du auch Menschen finden, die diese Dinge für Dich übernehmen, die Dich mal in den Arm nehmen, Dir gute Tipps gebe usw. Für Dich ist ein großer Freundeskreis sehr wichtig. Versuche nicht einen Menschen zu finden, der all diese Bedürfnisse für Dich abdecken soll. Damit wäre jeder überfordert. Es ist übrigens nich tnur ein bedauernswertes Schicksal, sondern man wächst auch durch solche Herausforderungen. Also hab auch kein Mitleid mit Dir und verzweifle nicht, sondern sei stolz auf Dich und schau Dir dabei zu, wie Du das alles auch alleine meisterst.
Alles Liebe
Frozen Tears

helen38
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Beitrag von helen38 » 05.02.2013, 12:17

Hallo Frozen Tears!

Vielen Dank erstmal für deine lange Antwort!

Du hast in vielen Dingen ganz bestimmt recht und ich wäre froh, wenn ich die Dinge so gelassen sehen könnte.
Das kann ich an sehr vielen Tagen auch, aber an einigen Tagen (und das sind häufig die Tage, die traditionell mit der Familie verbracht werden), schaffe ich das nicht. Das liegt auch sicherlich daran, dass ich keinen Partner und keine Familie habe. Das ist dann immer volle Konfrontation mit dem "ich bin mal wieder alleine gelassen worden". Das Gefühl kenne ich eben nur allzu gut und das hat sich in meinem Leben nur allzu häufig wiederholt. Und ja, ich habe Freunde, die sind aber an solchen Tagen eben mit ihrer Familie zusammen.

Mittlerweile ist aus meiner Trauer aber auch weitestgehend Wut geworden. Eben stand meine Mutter unangemeldet vor der Tür und wollte etwas vorbeibringen und als ich sah, dass sie vor der Tür stand schoss sofort der Adrenalinpegel hoch und ich dachte, mein Gott, die ist meine Mutter? Diese Frau sieht fertig und eklig aus. Nicht gerade schöne Gedanken über die eigene Mutter. Der Besuch dauerte dann auch nur 2 Minuten, weil ich sofort hochkochte.
Weißt du, ich bin wütend über die fehlende Liebe in meinem Leben. Wütend darüber, dass ich nicht das bekommen habe, was mir eigentlich zugestanden hätte und das mich das immer noch jeden Tag beeinträchtigt.
Mein Trauma hat mich garantiert auch in meiner Partnerwahl beeinflusst. Ich denke, es waren häufig die Falschen, die mich eben nicht ausreichend geschätzt haben, für die ich nicht Mittelpunkt war. Aber nicht Mittelpunkt zu sein, dass kenne ich ja oder aber die Angst, sowieso wieder verlassen zu werden, denn das kenne ich ja auch.

Ich möchte gerne die Wut loswerden, gleichgültiger werden....daran muss ich arbeiten.

Meine Mutter ist übrigens eine relativ wohlhabende Frau. Ihr tun die 100 Euro garantiert nicht weh. Aber um die Höhe des Betrages ging es ja gar nicht, sondern um das "Wie" des Geschenkes.

Ich freue mich sehr, dass dein Vater es geschafft hat, trocken zu sein. Was für eine großartige Leistung und wie schön für deine Familie!

LG, Helen

Fingertip
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Beitrag von Fingertip » 05.02.2013, 13:54

Als ich um 100 Euro gefragt habe, um etwas notwendiges für das Studium zu kaufen, durfte ich mich beschimpfen lassen. Toll nicht? Und meine Mutter ist auch nicht arm.
Ich bekomme inzwischen richtig Agressionen, wenn sie mich beschimpft. Sie hat kein Recht dazu. Kann durchaus sein, dass sie sich irgendwann welche fängt, wenn sie mich derart behandelt. Und zurücktreten tue ich und das weiß sie.
Also da wäre mir deine Methode lieber. Zu Weihnachten gabs übrings gar nichts, kein Geschenk, kein Kontakt, einfach nichts.

Ich bin auch wütend. Aber warum sollte ich dies abstellen?? Ich denk nicht dran!! Erst ein behindertes Kind in die Welt setzen und dann kein Bock mehr drauf haben? Geht es noch? Mit mir nicht.
Habe sie irgendwann im letzten Herbst gesehen und danach nicht mehr. Dachte das bringt vielleicht etwas, aber ausser, dass sie beleidigt ist, hat es nicht viel gebracht.
Sie ist einfach abartig kalt und meine Kämpfe (Studium ist schwer und warten tut nur H4) interessieren sie nicht. Dieses Verhalten ist unmöglich.
Es hat sie verdammt noch mal zu interessieren, dass ihr behindertes Kind eine Lebensgrundlage bekommt.

@helen38: das Alleine gelassen Gefühl habe ich auch. Wenn ich mich auf die Schn--ze lege oder so ist da keiner, kein beruhigendes Gefühl.

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