Leb wohl, Du schnöder Alkohol

Hilfe bei Alkohol von Alkoholikern für Alkoholiker. Rückfall - und Neuanfang, Suchthilfe, Leben ohne Alkohol, Alkoholismus und Alkoholkrankheit
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Carpenter
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Leb wohl, Du schnöder Alkohol

Beitrag von Carpenter » 07.01.2013, 11:47

wir gehen nun getrennte Wege, auch wenn ich durchaus Zweifel hege,
daß Du für immer bist entschwunden, nichtstdestotrotz-ich werd gesunden,
wir beide scheiden nicht im Zorne, ich schau ganz einfach jetzt nach vorne,
denn mir wird klarer jeden Tag, daß ich Dich prinzipiell nicht mag,
zu oft hab ich auf Dich gehört, wenn mich hat irgendwas gestört,
und doch, ich geb es offen zu, war ich der Böse und nicht Du,
denn ICH war stets an Deiner Seite, anstatt zu suchen schnell das Weite,
hab mich geklammert, festgehalten und ließ Dich schalten und auch walten,
es ist nun Zeit, daß wir uns trennen, denn Du wirst sicherlich erkennen:

...ein echter Freund warst Du mir nie...

Hallo liebe Forumsmitglieder,

seit meinem ersten trockenen Tag vor knapp vier Wochen lese ich nun hier mit und darf seit heute auch mitposten.

Mein Name ist Andreas (jaja, ich weiß, schon wieder ein Andreas :-)) und ich bin Alkoholiker. Nach diversen sinnfreien Versuchen mit Trinkpausen hab ich endlich geschnallt, daß das nicht mein Weg ist, sondern daß ich den Alkoholkonsum überhaupt nicht kontrollieren kann...das ist zunächst einmal schwer für jemanden, der meint, sonst alles unter Kontrolle zu haben. Die Tatsache, daß dem nicht so ist, zeigt umso deutlicher, daß es für mich nur ein Leben ohne Alkohl geben kann. Diese Vorstellung, nie mehr ein Bier zu trinken oder nie mehr einen Cognac an die Pfeffersoße zu schütten, hat mich zunächst ziemlich eingeschüchtert...und es hat wirklich lange gedauert, daß es auch im Kopf Klick gemacht hat...aber nun ist es soweit.
Erstaunlicherweise geht es mir seit diesen vier Wochen blendend...ich habe weder Entzugserscheinungen noch sonstige körperliche Leiden, lediglich eine gewisse Launenhaftigkeit hab ich feststellen können. Auch der psychische Druck hält sich in Grenzen...ich denke nur sehr selten an mein früheres Lieblingsgetränk Bier, find es inzwischen sogar ekelhaft, wenn ich bei Leuten eine Fahne rieche.

Meine Zeilen am Anfang mögen etwas wehmütig klingen...dem ist aber überhaupt nicht so, im Gegenteil...ich bin sehr dankbar und glücklich, daß ich dem Alkohol komplett abgeschworen hab...ich gehe lediglich etwas anders an die Sache ran...ich verteufel den Alkohol nicht, sondern versuche das so zu sehen, wie es war...ICH habe den Alkohol gesucht, nicht er mich...ich will meine eigene Schuld nicht auf den Alkohol abwälzen, denn es gibt jede Menge Menschen, die verantwortungsvoll damit umgehen können...ich als Suchtmensch kann das nicht, somit laß ich es komplett und merke, daß es mir dabei gut tut, hier zu lesen und jetzt auch zu schreiben.

Ich werd mich in Zukunft vermutlich vermehrt im geschlossenen Bereich (klingt irgendwie nach "Neues aus der Anstalt" :-)) rumtreiben, weil ich der Meinung bin, daß sich hier im offenen Bereich Dinge nur sehr oberflächlich ansprechen lassen...das Weglassen von persönlichen Angaben, die sinnvollerweise hier im öffentlichen Bereich nicht erlaubt sind, kann dazu führen, daß so manchen Post in eine ganz andere Richtung interpretiert wird, als man ihn ursprünglich gedacht hatte.

Ich hoffe, mein erster Post hat Euch nicht gleich alle eingeschläfert, denn er ist etwas länger geworden, als ich eigentlich beabsichtigt hatte...aber das Schreiben tut mir gut, wie ich grade feststelle...

Gruß Andreas

Pink-Lady
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Beitrag von Pink-Lady » 07.01.2013, 16:09

Lieber Andreas,

also ich bin noch wach :) Mir gefällt es sehr gut, was Du geschrieben hast.
Herzlich willkommen hier! Wir sehen uns dann in der "Geschlossenen" :)

LG Pink-Lady

Samsara
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Beitrag von Samsara » 07.01.2013, 16:16

Hallo Andreas,

meinen Glückwunsch zu Deiner Entscheidung, Dich hier mit uns im Forum austauschen zu wollen!
daß ich dem Alkohol komplett abgeschworen hab
....nun geht es an die Umsetzung dieses Vorhabens in Deinem Alltag.

Die Auseinandersetzung mit der Problematik innerhalb Deiner Lebensgeschichte ist sicher im geschützten Bereich (wir sagen auch: in der *Villa* :D ) besser aufgehoben. Ich freue mich, Dich dann auch dort bald begrüßen zu können...

Ich wünsche Dir alles Gute auf Deinem Weg und einen guten Austausch hier!

Samsara

Carpenter
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Beitrag von Carpenter » 07.01.2013, 22:33

@Pink Lady & Samsara:

Schönen Dank Euch Beiden für den netten Empfang.

Auf den Tipp von Pink Lady in einem anderen Thread hin hab ich mir erstmal vorgenommen, hier mal so ein paar Gedanken loszuwerden und auch mal ein paar Fragen zu stellen...so als Stütze für später...

Ich hab hier ja schon einige Threads durchgelesen und es fällt mir auf, daß sehr viele User in den ersten Wochen sowohl einiges an Euphorie als auch einiges an schwierigen Momenten erlebt haben. Deshalb mach ich mir da so meine Gedanken...bei mir ist bisher weder das eine noch das andere aufgetreten. Ich bin bisher weder in Versuchung geraten, Alkohol zu mir zu nehmen...auch an den Feiertagen nicht...Euphoriegefühle sind mir allerdings auch fremd...im Grunde ist das mir sogar sehr recht...

Als ich beschlossen hatte, mit dem Trinken aufzuhören, hab ich mir überlegt, wie ich in den entsprechenden Situationen reagieren würde...wie ich dem Saufdruck widerstehen könnte...und dann hab ich mir mal im Kopf so ne Liste erstellt, was für schöne Momente ich mit dem Alkohol hatte und wie oft mir der Alkohol geschadet hat, mich in eine peinliche Situation befördert hatte, wie oft ich unter Alkoholeinfluß Dinge gesagt habe, die ich so nicht gemeint hatte...und da ist dann eine gewaltige Dysbalance entstanden, bei deren Betrachtung einem schlagartig klar wird, was man da eigentlich jahrelang für Mist getrieben hat.

Ich selber spiele sehr gerne Gitarre...allerdings hatte ich unter Alkohol dann immer Probleme, die Akkorde richtig zu greifen, meine Seitenlage war unsauber...im Mai des letzten Jahres war dann ein bundesweites Treffen unseres Fanclubs, bei dem ich die Vereinshymne auf der Gitarre begleiten sollte...was soll ich sagen...ich war zu betrunken, um das Lied, das ich wochenlang einstudiert habe, dann auch zum Besten zu geben...meine Fankollegen haben zwar recht schnell erkannt, daß es am Alkohol lag und es bei ein paar hämischen Kommentaren gelassen, aber mir ist diese Sache bis heute unheimlich peinlich.

Wenn jetzt dieser Saufdruck aufkommen sollte (womit ich irgendwann dann auch rechne), hab ich vor, mir dieses eine Bild, diese eine Situation, wieder vor Augen führen. Somit ist diese peinliche Situation ein Teil meines Notkoffers...

Gruß Andreas

Correns
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Beitrag von Correns » 08.01.2013, 08:07

Hallo Andreas,

herzlich willkommen.
Ein Einstand mit Gedicht kommt nicht allzu oft vor. Kompliment!
Ich bin auch Villen-Mitglied, treibe mich aber meist hier draußen rum ;-)

Das Ausbleiben von Euphorie auf der einen
und Saufdruck auf der anderen Seite
ist genauso "normal" wie deren Eintreten.
So wie's kommt, so kommt's.
Wichtig ist nur, dass wir auf Stimmungsschwankungen gefasst sind.
Achtsamkeit war mir eine große Hilfe auf dem Weg zu bleiben.
Langeweile war dagegen eine große Gefahr.

Ich wünsche Dir eine gute Halbmarathonvorbereitung.
Vielleicht sehen wir uns ja irgendwann einmal bei einem Laufevent.

Viele Grüße
Correns

claro
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Beitrag von claro » 08.01.2013, 10:42

Hallo Andreas,
erstmal willkommen hier bei uns.
Jetztr, wo du es aufschreibst, fallen auch mir Momente ein, ( es waren einige) wo ich auf meinem Keyboard aber auch keine einzige Note mehr getroffen habe.
Wenn ich mir das jetzt so vorstelle, tue ich mir selber leid.
Leider ist meine Musik seid meiner Trockenheit komplett eingeschlafen.
Mein kleines Freizeitfenster ist mit anderen Dingen belegt.
Aber wer weiss....
Und im ersten Jahr meiner Trockenheit habe ich wirklich 1000 neue Dinge fuer mich entdeckt, die ploetzlich wegen meinem mehr an Freizeit und Energie fuer mich gingen.

Einiges ist bis jetzt geblieben und ich vertiefe es.

LG Frank

Mikini
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Beitrag von Mikini » 08.01.2013, 10:51

Die Einleitung klingt wirklich super, den schreib ich mir gleich ab, und kleb ihn mir in mein Lieblingsbuch...

Alles Liebe und gute :)

juergenbausf
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Beitrag von juergenbausf » 08.01.2013, 10:55

Hallo carpenter,

herzlich Willkommen im Forum.
Eine Zeile Deines Gedichtes ist mir aufgefallen ...
denn mir wird klarer jeden Tag, daß ich Dich prinzipiell nicht mag,
Ich habe da eine andere Selbsteinschätzung.
Ich habe festgestellt, daß ich ihn zu gerne mag und daher meiden sollte.

Diese kleine Nuance hat enorme Auswirkungen auf die ehrliche Selbsteinschätzung für den zukünftigen Umgang mit Alkohol.

Ich führe und strebe einen "unnormalen" Umgang mit Alkohol an, denn der "normale Umgang" der Menschheit - und insbesondere meiner, eines Alkoholsüchtigen - war und ist "Saufen".

LG Jürgen

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