Zwischenstand

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum
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Hans im Glück
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Zwischenstand

Beitrag von Hans im Glück » 15.03.2015, 01:14

Zwischenstand 1

Die Zeit vergeht. Ich habe aufgehört die trockenen Tage und Wochen zu zählen. Es ist nicht mehr von Belang.
Nach der Phase der Euphorie tritt die Phase der Ruhe. Das Selbstverständnis wächst. Das Selbstbewusstsein wird stärker.
Die Stimme in meinem Kopf hat sich schon lange nicht mehr gemeldet.
Zuletzt hat sie geflüsterte: 'Du hast jetzt so lange nicht getrunken, du kannst kein Alkoholiker sein! Also wie wärs? Nur ein Glas, ein Test. Einmal ist keinmal.'
Das war vor Monaten. Ich habe die Stimme gehört, sie könnte mich nicht wirklich erreichen.
So viele Jahre habe ich nicht einmal über meinen ALK Konsum nachgedacht.
Irgendwann kam dann die leise Stimme des Zweifel: ob denn das so richtig ist.
Dann kam eine andere Stimme, die des ALK, die mich beruhigt hat.
Der Widerstreit in mir hat lang gedauert.
Der Konsum stieg und stieg.

Ich bin noch immer fassungslos, über meine Naivität den Alkohol betreffend.
Aber das ist das Wesen der Sucht: verharmlosen und weitertrinken.

Im Rückblick bleibt manches unverständlich, oder auch nicht. Man sieht nur die Wahrheit, die man sehen will. Und der ALK ist keine gute Sehhilfe.

Ich sehe jetzt klarer, das Leben fühlt sich wahrhaftiger an. Die Stimmungen sind echt und unverstellt.
Zunächst habe ich mich mit dem ALK beschäftigt, seiner Chemie, seiner Wirkung auf den Organismus. Eine intellektuelle Auseinandersetzung.
Dann habe ich mich mit meiner Vergangenheit beschäftigt, wie sich die Dinge ergeben haben. Wie ich dahin gekommen bin, vieles war verschüttet.
Einiges ist auch komplett gelöscht.
Jetzt bin ich im Jetzt gelandet und sehe staunend, wie ich mich verändere.
Mein Mut, mich zu äußern. Die Dinge beim Namen zu nennen. Meine Krankheit zu benennen.
Keine Zweifel mehr, es ist Gewissheit: ich bin Alkoholiker, ich bin jetzt trocken.

Ein Sieg. Meine Freude kehrt zurück. Manche Fähigkeiten sind wieder erwacht. Nebenwirkungen des ALK lassen nach.
Narben bleiben zurück. Kein Zorn, vielleicht etwas Trauer.
Die Begleitung hier im Forum hat mir viel geholfen, soviel konnte ich heraus nehmen. Staunend lesen.

Weiter gehen, weiter leben. Dass ich ohne ALK weiterleben darf.
Ich muss nicht mehr trinken. Die Stimme des ALK schweigt, irgendwo sitzt er noch in meinem Schädel.
Ich weiß das, aber ohne Furcht. Nur wachsam.
Ich bin wieder ich, Herr im eigenen Haus.
Es liegt an mir, was jetzt folgt.


Ich danke für's Lesen und euere vielen Kommentare in den letzten Monaten.

Hans

NNGNeo
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Beitrag von NNGNeo » 15.03.2015, 01:27

hallo hans

wirklich schön geschrieben, jede zeile, jedes wort kann ich nur bestätigen :D
grüße
NNGNeo

Pellebär
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Beitrag von Pellebär » 15.03.2015, 12:39

Moin Hans,

du bist tatsächlich Hans im Glück, du hast dein Problem erkannt und deinen Weg gefunden, geh ihn weiter.

Viel Glück,

PB

Hans im Glück
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Beitrag von Hans im Glück » 22.05.2015, 00:33

Zwischenstand 2

Heute war ich wieder einmal Getränke kaufen.
Seit Jahren der gleiche Laden.
Der gleiche Verkäufer, der mir früher die Whiskey Flaschen aus dem Verschluss geholt hat, kassiert jetzt 6 Kästen Wasser.

Irgendwann vor Monaten hat er mich mal angesprochen auf eine Whiskey Sonderedition, ich habe dankend abgelehnt mit dem Hinweis, dass ich keinen Alkohol mehr trinke.

Keine Rückfrage, kein weiteres Wort dazu.
Ich gehe an den Regalen mit den Spirituosen vorbei und verwende keinen Gedanken daran.

Öfter komme ich auch bei einem Spirituosen spezialladen vorbei, in dem ich viel Geld gelassen habe für Rum und Co.

Manchmal wechsele ich dann einen Blick mit meiner Frau, wir denken indem Moment vermutlich das gleiche.

Was für ein Glück wir haben.
Wenn ich bedenke, wieviele Lebensjahre ich im Suff verbracht habe, ist die Leichtigkeit des neuen trockenen Lebens geradezu beflügelnd.

Warum das so leicht ist: weil ich mit Herz und Hirn begriffen habe:

Ich kann und will nie wieder Alkohol trinken.

Heute vor zwei Jahren wäre mir dieser Gedanke noch ungeheuerlich erschienen. Genauso wie der Gedanke, ich könnte krank sein, alkoholkrank.
Ich hab die Kurve gekriegt.

Es kann nichts ungeschehen gemacht werden.
Meine peinlichen Auftritte, meine üble Launenhaftigkeit, wenn ich betrunken war. Das bleibt ein Teil meiner Historie, die ich mit Gelassenheit zu ertragen versuche. Das bedeutet, dass mir manchmal Entgleisungen in den Sinn kommen, bei denen ich mich in Grund und Boden schämen möchte.

Solange ich das noch so empfinde und mir nicht schön zu reden versuche, ist alles in Ordnung.

Ich habe Gewohnheiten geändert, zum Abend wird keine Flasche Wein entkorkt, sondern ein Tee gekocht. Das ist ganz selbstverständlich geworden.
Neben der Sucht, war auch die Gewohnheit und Gedankenlosigkeit ein Grund Alkohol trinken. Ganz banal.

So habe ich mich früher wirklich gefragt, was man denn trinken kann, wenn man keinen Alkohol trinkt. Und die gedankliche Verknüpfung zwischen dem Trinken von Alkohol und der Gemütlichkeit.
Die mußte ich für mich auch erstmal durchschauen, um sie überwinden zu können.

Neulich habe ich den letzten Korkenzieher, der sich in einer Schublade versteckt hat, weggeworfen.

So isses, bis demnächst.

Liebe Grüße
Hans

Schneegans
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Beitrag von Schneegans » 24.05.2015, 22:32

hallo hans,

beide Zusammenfassungen von dir lesen sich für mich traumhaft!

hoffentlich kann ich in 2 jahren auch so wohlwollend und zufrieden auf mein leben blicken, nachdem ich in so vielen dingen erstmal den durchblick bekommen und die zusammenhänge klar erkennen kann.

bleibe weiterhin auf deinem idealen weg und ich werde dir mal weiterhin kräftig nacheifern :wink:

liebe grüße von der (immernoch Wochen zählenden) schneegans

Hans im Glück
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Beitrag von Hans im Glück » 24.06.2015, 23:23

Zwischenstand 3

Warum schreibe ich hier?

Weil ich trockener Alkoholiker bin.

Weil ich Tag und Nacht schreiben kann, wenn mir danach zu Mute ist, wenn Ich es brauche.

Weil ich hier viele wichtige Eindrücke gewonnen habe.
Weil ich tolle Menschen kennen lernen durfte, die meine Sicht der Welt verändert haben.

Weil es mir gut geht.
Weil ich eine Menge positives für mich erreicht habe, über das ich berichten kann.
Weil ich in meinem TB blättern kann, mich selbst im Verlauf beobachten kann.
Weil ich wahrgenommen werde und mich bestätigt fühle.

Weil ich ein wenig zurückgeben kann und andere unterstützen kann.
Weil ich einen Zusammenhalt empfinde.
Weil ich fauler Sack nicht aufstehen und aus dem Haus gehen muss, um eine SHG zu haben.
Weil es somit keinen Grund gibt, nicht in einer SHG tätig zu sein.
Weil das geschriebene Wort länger verweilt, für mich ein größeres Gewicht hat.

Weil ich niemals wieder der verführerischen Stimme verfallen will, ich könne wieder trinken.
Weil ich weiß, dass diese Stimme in mir schweigt, aber nicht tot ist.
Weil ich eine zweite Chance vielleicht nicht bekomme.

...und weil es mir Freude macht.

Hans

Seidenraupe
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Beitrag von Seidenraupe » 25.06.2015, 08:25

Hallo Hans,

das liest sich seeeehr gut :)
Ist es nicht toll, wie gut es einem als trockener Alkoholiker geht!?
Erhalte dir deine Freude, Zufriedenheit, aber auch deine Achtsamkeit bezüglich
deiner inneren Stimme.

Schöne Restwoche

Seidenraupe

silberkralle
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Beitrag von silberkralle » 25.06.2015, 08:31

glück auf hans

einfach nur schön

schöne zeit

:D
matthias

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