Vertrauen und Mut / Thalia

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum
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Hans im Glück
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Beitrag von Hans im Glück » 25.03.2017, 01:00

Hallo Thalia

Ich bin fest davon überzeugt, dass eine Umkehr jederzeit möglich ist.

Sich aus eingefahrenen Spuren zu befreien ist aber immer schwierig.

Es bedarf m.M. nicht eines absoluten Tiefpunktes, aber es bedarf eines tiefen inneren Wunsches, seinem Leben einen neuen, einen besseren Sinn zu geben.

Deine Erschütterung verstehe ich gut.
Sie kann auch hilfreich sein, weil sie den Willen zu dem von uns gewählten trockenen Weg bestärken kann.

Wir leiden an einer potentiell tödlichen Krankheit.

Ich wünsche dir ein schönes Wochenende

Hans

FatFreddy
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Beitrag von FatFreddy » 25.03.2017, 01:05

Hallo Thalia!

Das ist schlimm. Mir wurde von Experten gesagt, wenn man die Kurve nicht bekommt, dienen die Entgiftungsstationen als Sterbehospiz. Das Durchschnittsalter ist dann Mitte 50, wenn sie versterben. Ich habe gehört, dass von denen, die vor 7 Jahren wie ich immer wieder und wieder in die Entgiftung gingen, fast alle verstorben sind und zwei oder drei so gut wie tot sind, mit Korsakow dement dahin vegetieren.

Ich weiß, wie knapp es bei mir war. Ich weiß auch, ohne den Cut den Ihr aus meiner Geschichte kennt, hätte ich es niemals geschafft. Ich konnte mir ein Leben ohne Alk und Zigaretten nicht vorstellen, ich konnte mir nicht mehr vorstellen, überhaupt etwas zu ändern. Ich habe damals allen Ernstes geglaubt, dass es schon nicht so schlimm wird, dass ich eben mal wieder 10 Tage ins Krankenhaus gehe, die mich mit Diät und Infusionen aufpäppeln. Und das, obwohl ich damals schon vom Fortschreiten der Leberzirrhose wusste.

So blöde es klingt: all dass Leid, welches ich erdulden musste und mit der Ungewissheit mit dem Krebs, der Zirrhose, dem Diabetes und und und, hat mich letztendlich gerettet. Für wie lange weiß ich nicht, aber selbst wenn es nur ein einziger Tag wäre, würde es sich lohnen.

Diejenigen, die ich durch die Folgen der Alkoholkrankheit verloren habe, sind alleine, verlassen, verdreckt und elendig verreckt. Man kann es nicht anders sagen. Meine zeitweilige Lebenspartnerin war fast ein Jahr trocken und hat den ersten Rückfall danach nicht überlebt. Alle die, für die sie zum Mitsaufen gut genug war, die sich über sie lustig machten, wenn sie nicht aufhören konnte, für die sie die Beste war, wenn sie Fusel für alle ausgegeben hat, all diese "Leute" haben ihr keine Träne nachgeweint und sie längst vergessen.

Nein, so wollen wir alle nicht enden! Darum: verzage nicht, trotze der Krankheit!

Carl Friedrich
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Beitrag von Carl Friedrich » 25.03.2017, 23:31

Hallo Thalia!

So ist die Krankheit. Sie holt sich ihre Opfer. Den einen trifft's, den anderen nicht. Daran können wir nichts ändern. Wir können nur unsere eigenen Lehren aus dem Schicksal der anderen ziehen und sei es, sie uns als Warnung und abschreckendes Beispiel dienen zu lassen, uns dadurch zu motivieren, unseren begonnen Weg konzentriert weiter zu gehen.

Warum hielt "er" sich für stärker, als den Alkohol? Hat er denn nie vor ihm kapituliert? Dachte er vielleicht, er könne irgendwann wieder "normal" trinken? Hatte er überhaupt den unbedingten Vorsatz der dauerhaften Abstinenz? Deine Andeutungen lassen in mir diese Fragen aufkommen.

Nach meiner Meinung -ich kenne dich ja schon eine Weile- bist Du hervorragend aufgestellt. Du bist reflektiert, gebildet, kennst die Tücken des Suchtgedächtnisses, pflegst Distanz zu trinkenden Menschen, tauschst dich regelmäßig über die Krankheit aus und bist mehrere Jahre trocken. Die Papierform spricht eindeutig für dich.

Gruß Carl Friedrich

Hull
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Beitrag von Hull » 13.05.2017, 15:41

Thalia1913 hat geschrieben:Noch ein Alkoholiker an den Folgen seiner (meiner) Krankheit gestorben. Dieser Alkoholiker hat bis zum Schluss nicht glauben können, dass die Krankheit wirklich stärker ist als er.
Gibt es den Punkt, an dem ein Stop, eine Umkehr nicht mehr möglich ist?

Ich bin erschüttert heute, und traurig, und habe das Gefühl, ich habe in einen Spiegel geschaut, der mir meine Zukunft zeigt. Eine mögliche Zukunft, die immer noch möglich ist.
Auch hierfür dient Selbsthilfe, auch wenn's grausam ist. Zu sehen, zu erfahren, wie die Krankheit Leben zerstört, und letztlich beendet, ohne letztlich alle Erfahrungen selbst machen zu müssen, um was zu begreifen.

Thalia
Ich hatte auch solche Bekannte ("Freunde"), die neben allen psychischen Komponenten (Störungen) jetzt langsam die Langzeitschäden an ihrem Körper zu spüren bekommen. Mir scheint aber auch, dass diese Personen längst resigniert haben und sich eher mit Trotz einem scheinbar unbeinflussbaren Fatalismus hingeben.

Auf der anderen Seite kann ich diese Resignation nachvollziehen (nicht nachempfinden), jeder Mensch hat eben eine andere Grundstimmung, und wenn diese grungsätzlich negativ ist, ist das Scheitern vorprogrammiert.

Trockene Grüße

kamarasow
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Beitrag von kamarasow » 13.07.2017, 12:35

Hallo Thalia,
hiermit möchte ich Dir nur für deine Beiträge und Gedankenanstöße danken. Mir hilft es an den Erfahrungen und selbstreflektierten Gedanken Anderer teilzunehmen. Das sortiert die eigene Gedankenwelt.

Viele Grüße

Thalia1913
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Beitrag von Thalia1913 » 14.07.2017, 10:20

Danke Karamasow, das geht mir ganz genauso.
Ich finde es für mich übrigens interessant und hilfreich, auch bei den noch nicht so lange trockenen oder noch fast nassen Alkoholikern zu lesen. Was ich selbst an mir nicht verstanden habe und auch nicht akzeptieren konnte, als ich selber noch "drin" war im Suchtverhalten, das kann ich bei anderen, die heute an dem Punkt sind, viel klarer sehen und verstehen und Mitgefühl empfinden. Und das hilft mir dann auch dabei, Mitgefühl mit mir selber zu entwickeln. Insofern ist der Austausch in Selbsthilfegruppen, ob hier oder anderswo, für mein Dafürhalten in alle Richtungen ein Gewinn.

Dir ein schönes Wochenende!

Thalia

Thalia1913
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Beitrag von Thalia1913 » 05.11.2017, 14:27

Heute feiere ich meinen vierten Trockengeburtstag. Vor vier Jahren habe ich (zum zweiten Mal) aufgehört zu trinken. Seltsam ist, dass ich mich an die ersten trockenen Tage und Wochen gar nicht mehr im Detail erinnern kann. Ich bin mir sicher, dass ich Suchtdruck hatte, denn ich war vorher eine Spiegeltrinkerin und habe es keinen Tag ohne Alkohol ausgehalten. Noch nicht mal einen Vormittag. Ich war bei meiner Hausärztin, weil ich Angst vor dem Entzug hatte, gerade vor dem psychischen. Meine Ärztin war sehr überrascht, dass ich Trinkerin war. Als ich ging, rief sie mich noch einmal zurück, schloss die Tür des Behandlungszimmers und gratulierte mir mit Handschlag und sagte, sie bewundere meinen Mut, mich ihr gegenüber zu offenbaren. Da ich zu dem Zeitpunkt ein seelisches Häufchen Elend war, voller Selbstverachtung und Schuldgefühlen und Scham und Angst, war diese Reaktion meiner Ärztin etwas ganz Besonderes für mich, und ich bin bis heute dankbar, wenn ich daran zurückdenke.

Ich glaube, die Tatsache, dass ich einem Menschen gegenüber laut ausgesprochen habe, dass ich die Kontrolle über den Alkohol verloren hatte (mein inneres Eingeständnis, Alkoholikerin zu sein, kam tatsächlich erst später) war einer der entscheidenden Punkte, die mir am Anfang halfen, Tag für Tag trocken zu bleiben. Denn am Anfang geht es um Tag für Tag.

Ich bin so froh, dass ich jetzt, vier Jahre später, immer noch trocken und mir selbst soviel näher bin als jemals zuvor in meinem Leben.

Trockenheit ist nicht alles, aber ohne Trockenheit ist alles nichts.
Nur nicht trinken reicht nicht.
Tun muss man tun.

Danke dafür.
Thalia

Carl Friedrich
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Beitrag von Carl Friedrich » 05.11.2017, 14:42

Hallo thalia!

Glückwunsch. Ich kenne dich zwar nicht persönlich, aber so wie Du schreibst, habe ich bei dir ein absolut positives Gefühl, dass Dir eine dauerhafte und zufriedene Abstinenz gelingt.

Alles Gute

wünscht
Carl Friedrich.

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