Ich wünsche meiner Mutter den Tod

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum
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karaoke5
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Ich wünsche meiner Mutter den Tod

Beitrag von karaoke5 » 07.01.2017, 17:19

Hallo und entschuldigt den etwas reißerischen Titel, ich werde gleich ausführen warum ich ihn gewählt habe. Ich bin Jan, 26 Jahre alt, habe ein Studium erfolgreich abgeschlossen und lebe (noch bzw. wieder) bei meiner Mutter, die Alkoholikerin ist. Ich glaube gerade in der jetzigen Zeit gibt es so viele Menschen mit Herausforderungen, die noch viel härter sind, als mit einer alkoholkranken Mutter aufzuwachsen, aber trotzdem will ich von mir erzählen.

Falls möglich, hätte ich gerne euere Meinung zu meiner Geschichte und vielleicht einen Ratschlag, falls ihr schon älter oder weiter seid als ich, oder auch nur ein Wort für mich. Aber ich will mit meiner Geschichte nicht nur nehmen, sondern auch geben. Vielleicht findet sich der eine oder die andere in meiner Geschichte wieder und es hilft euch.

Wie jede Geschichte, die hier wohl gepostet wird, beginnt meine Geschichte auch mit der ersten Erinnerung daran, wie Mama getrunken hat. Ich war 9 oder 10, es war der Geburtstag meines Opas im Gasthaus, und Mama hat noch schnell drei Bier runtergekippt, bevor wir ins Gasthaus gingen. Warum oder weshalb verstand ich damals nicht, schließlich hat doch auch Opa oder Papa auf der Feier ein Bier getrunken - ist doch völlig normal.

Auch verstand ich nicht, warum Mama und Papa immer gestritten hatten. Ich habe nur den Lärm, Blut, das Geräusch zerbrochener Gegenstände oder das forsche "Grüß Gott" von Polizisten, die wieder einmal in die Wohnung kamen, wahrgenommen und hatte keine Ahnung, warum sich meine Eltern nicht verstanden hatten. Ich wusste nur, dass ich Angst hatte. Irgendwann war ich groß genug, so um die 14 Jahre, um auf alle Regale in der Küche zu gelangen. Ohne wirklichen Grund habe ich mal gesehen, welche Geräte die Eltern denn so haben. Normalerweise ist das nun der Part, an dem sich ein Kind verbrüht oder irgendwie schneidet un es blutig wird, aber ich habe bloß ein Regal voller leerer Alkoholflaschen entdeckt.

Um die 14 war mir auch klar, dass Mama unterschiedliche Launen hat. So kam es auch dazu, dass ich einen Zusammenhang zwischen den leeren, stinkenden Flaschen und der Charakterveränderung meiner Mutter festgestellt habe. Der Alkohol war schuld daran, dass Mama mal wieder durchdreht und mit einem Messer auf meinen Vater losgeht. Die Lösung war eigentlich sonnenklar - ich musste sie daran hindern, zu trinken.

Daher habe ich einfach immer wieder krank gespielt, um nicht in die Schule zu müssen. So konnte ich kontrollieren, prüfen und verhindern, dass Mama nicht trinkt und es einen der seltenen friedlichen Tage gibt. Im Nachhinein habe ich natürlich nichts verhindert, meiner Mama war einfach manchmal zu schlecht oder zu übel, um aufzustehen und zu trinken - oder es war Sonntags und sie konnte sich nichts kaufen. Ich erinnere mich aber gut an einen Streit, bei dem ich meine Mutter zum ersten mal damit konfrontierte, dass die zu viel sauft. Sie meinte daraufhin nur "Kein Wunder, wenn ich ein schlechtes Kind habe, dass ständig Schule schwänzt und ich mir Sorgen um das Kind machen muss". Vielleicht versteht sie im Himmel dann, dass ich eigentlich wegen ihr zu Hause blieb - ein kläglicher Versuch eines 14 Jährigen, der noch keine Ahnung von der Welt hatte.

So krochen die Jahre dahin und dank des Internets kann man sich - wie ja auch hier im Forum - schnell und mit Gleichgsinnten austauschen. Im echten Leben war es mir zu peinlich, mit Freunden darüber zu reden. Vielmehr versuchte ich wie so viele, das Verhalten meiner Mutter zu vertuschen oder zu verstecken. Schließlich will ich nicht das Kind einer Schnapsdrossel sein - wer will das schon? Friedliche Tage wechselten sich so mit Geschrei, Angst und Krankenhausaufenthalte ab - bis es meinem Vater reichte und er ging, ich war damals 17 Jahre alt.

Ich hatte aber nie das Gefühl, zurückgelassen zu werden. Im Gegenteil, ich war heilfroh, endlich keine Streiterei mehr, keine Angst - und meine Mutter hört zum saufen auf, schließlich sei ja mein Vater Schuld daran, dass sie trinkt. Doch weit gefehlt, sie suchte sich immer neue Gründe zum trinken, eine Reihe von Erlebnissen diente hier als Grund, die Scheidung, der Tod meines Opas, ich (Einzelkind übrigens) oder ihre Arbeitskollegen. Der Hintergrund ist wohl, dass meine Mum in ihrer Kindheit von meiner Oma mütterlicherseits misshandelt wurde, geschlagen, getreten, missbraucht und meine Mama das nie verarbeitet hat. Hinzu kommt, dass meine Mama eine Nervenkrankheit hat (soetwas wie Parkinson) und Alkohol natürlich nervenberuhigend wirkt.

In einen der wenigen Augenblicke, in denen sie sich ihre Sucht eingesteht, hat sie erzählt, sie hätte mit dem Trinken deswegen begonnen, weil sie zu Besuch bei den Schwiegereltern eingeladen war und es Suppe gab. Sie konnte die Suppe wegen des Zitterns (Parkinson) jedoch nicht essen, und hätte sich deswegen einfach einen Schnaps vorher reingezogen. Ich verstehe und respektiere, weshalb sie in dieses Loch gefallen ist, jeder Mensch hat seine Gründe und niemand will etwas Böses. Hier geht es auch um kein Werturteil, ich habe Verständnis dafür, dass meiner Mama Böses widerfahren ist und das alles eigentlich ein verzweifelter Versuch ist, mit ihrer Vergangenheit fertig zu werden.

Doch nun zu meiner Gegenwart. Ich wohne noch bei meiner Mutter (ich bin zwischenzeitlich zu meiner Freundin gezogen, habe mich jedoch getrennt und bin zu meiner Mama zurück). Ich fühle mich in gewisser Weise verbunden, denn wenn ich ausziehe und das alles hinter mich lasse, landet sie objektiv gesehen auf der Straße. Es hat sich damals ergeben, dass ich über mein Bank Konto die Rechnungen für Haus, Strom und Internet bezahle und meine Mum mir das Geld dafür gibt. Hintergrund war, dass sie kein Online Banking hat und sie bei ihrer Bank 4 Euro pro Überweisung zahlt, also habe nichts ahnend gesagt, ich überweise es einfach.

Ein Fehler, denn Jahre später stelle ich fest, sie hat keine Ahnungen von Finanzen, ist nicht in der Lage ihre Rechnungen zu bezahlen, wenn ich nicht dahinter stehe, würde sie also delongiert werden und landet auf der Straße. Ich habe genug Kraft und den Willen von ihr wegzuziehen und zwar im Frieden, ich will kein Drama machen und sagen "So jetzt reichts", gar nicht.

Aber ich weiß genau, dass sie ihr Leben nicht in den Griff bekommt. Sie ist natürlich arbeitslos und hat 5 mal den Job gewechselt in wenigen Jahren, hat ohnehin wenig Geld und würde auf der Straße landen. Ich weiß aber leider genau, dass sie dann zu mir kommen würde, in meine neue Wohnung und trotz der ganzen Geschichte weiß ich, dass ich nicht genug Kraft habe zu sagen "Nein, bei mir kannst du nicht wohnen". Denn trotz allem hat sie sehr wohl ihre nüchternen Stunden und Tage und da erkenne ich die Ansätze von meiner Mama, wie sie eigentlich ohne Alkohol als Person wäre und es bricht mir das Herz, sie so dahin bröckeln zu sehen. Ich verstehe, dass es kein Gut und Böse gibt, sondern nur eine schlimme Krankheit, und dieses Forum dazu, um sich auszutauschen.

Trotz meiner Geschichte bin ich sehr positiv und dankbar für alles. Meine Mama hat viel für mich getan, das erwähnt sie auch immer wieder, wenn ich ihr wieder hoffnungslos den Alkohol ausreden möchte. Sie versteht nicht, dass meine Worte kein Vorwurf sind, sondern ein Versuch, sie zu retten. Ich weiß nun, dass dies eine Entscheidung ist, die sie selber treffen muss und ich mein eigenes Leben weiter bringen muss. Ich habe ein Unternehmen, tolle Freunde, gehe regelmäßig zum Sport, der mir auch viel Kraft und Mut gegeben hat - sich physisch auszupowern, hat mir ungemein geholfen. Ich bete zu Gott, dass ich niemals Alkoholiker werde und habe Angst davor, einer zu werden. Ich trinke sehr selten, zu Silvester etwa nur drei Corona, gott sei Dank schmeckt es mir auch eher nicht so und ich bekomme Magenweh davon.

Nun, ich nehme das ganze auch mit einer Prise Humor, anders kann ich das ganze nicht bewältigen. Dann stehe ich ab und zu da und denke mir "Warum kann Mama bloß keine Bauchschmerzen vom Bier bekommen, so wie ich?" und muss grinsen. Trotzdem ist die Sache ernst und ich weiß, dass sich etwas ändern muss. Gestern habe ich meiner Mutter den Tod gewünscht, eine schlimme Sache, die mich selber sehr schockiert hat. Wie kann ich diesen Gedanken nur wagen? Aber es würde so vieles einfacher machen, keine Sorgen, sie quält sich nicht mehr - sie sagt ja selber, sie will sterben.

Auf jeden Fall Danke, der Post ist viel länger geworden als ich vor hatte aber trotzdem habe ich nur an der Oberfläche gekratzt, um meine Geschichte zu erzählen.

Petter
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Beitrag von Petter » 07.01.2017, 17:28

Hallo karaoke5,

mit Staunen habe ich gerade deinen Text gelesen. Natürlich auch, weil der Titel es in sich hat, oder, wie du es selber geschrieben hast, reißerisch ist.

Meine Eltern haben nicht getrunken, aber ich habe Freunde, denen es ähnlich erging, wie dir.

Ich bin sicher, du wirst hier viele Antworten auf deine klare und differenzierte Schilderung deines Lebens mit deiner Mutter erhalten. Dein sehr menschliches Herangehen an dieses Problem hat mich angefasst. Ich wünsche dir viel Kraft und alles Gute!

Peter

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