Feststellung nach über enem Jahr: Bin doch nicht der Tollste

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum
depardieu
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Feststellung nach über enem Jahr: Bin doch nicht der Tollste

Beitrag von depardieu » 14.01.2017, 10:10

Ich dachte immer das bei mir Alles ganz anders ist und ich das alleine in den Griff bekomme. Insbesondere weil meine jetzt über einjährige Abstinenz sich völlig anderes als sonst ergeben hat. In den 34 Jahren davor hatte ich auch immer wieder abstinente Tagen oder Wochen und wenn es dann wieder losging , dann aber richtig. Vor gut einem Jahr war es dann so, das ich mir abends mein zweites Bier aufmachte ( Kasten mit weiteren 18 vollen Flaschen stand bereit ) aber mir plötzlich total lächerlich vorkam. Habe dann an diesem Tag nichts mehr getrunken, am nächsten Abend aus Routine doch noch mal eine Flasche aufgemacht, ein paar Schlücke getrunken...den Rest dann weg geschüttet und den Kasten mit 17 vollen Flaschen ein paar Tage später beim Getränkemarkt zurück gegeben ( gab natürlich nur Leerpfand, aber *** drauf). Bis heute habe ich nichts mehr getrunken. Aber das Gefährliche daran: Ich hielt mich lange Zeit nun für etwas Besonderes, einen der nach 34 Jahren einfach die Lust verliert und es alleine geschafft hat ! Yeah, sah mich schon in Talkshows sitzen :-) Die ersten ca. sechs Monate fühlte ich mich super, bis heute keinen Saufdruck, alles war wunderbar. Bis dann psychosomatische Probleme auftraten, deren Ursache ich ganz woanders suchte. Seit ein paar Tagen ist mir klar, dass die Probleme nach einem Jahr immer noch mit meiner Jahrzehnte langen Sauferei zu tun haben und ich diese Probleme dauerhaft nicht alleine bewältigen kann. Seitdem ich mich austausche, hier im Forum und seit vorgestern mit Personen die mir nahe stehen, geht es mir wieder viel besser. Ich werde das aber weiterhin so handhaben/ausbauen müssen, damit es mir stabil gut geht. Nächsten Dienstag Arzttermin, denn "sicher ist sicher".

Karsten
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Beitrag von Karsten » 14.01.2017, 10:20

Hallo depardieu,

wir haben ja in der Regel viele Jahre gesoffen. Da kann nach einem Jahr auch noch nicht so viel geschafft worden sein.
Körperlich mag es einen besser gehen, aber die alten Strukturen zu verändern, dauert weitaus länger.

Gruß
Karsten

depardieu
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Beitrag von depardieu » 14.01.2017, 10:24

Hallo Karsten,
danke. Ja, das Licht ist mir jetzt dank dem Forum vor ein paar Tagen aufgegangen. Und da seitdem schlagartig erst einmal alle psychomatischen Beschwerden weg sind - aber garantiert nicht von Dauer - fühle ich auch dadurch in meiner Absicht bestätigt weiterhin an mir zu arbeiten. Wäre ja osnst auch zu einfach gewesen :-)

Karsten
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Beitrag von Karsten » 14.01.2017, 10:44

Hallo depardieu,

eben, auch wenn das nicht Trinken am Anfang relativ einfach ist, das trocken werden geht nicht so einfach.
Bleib dran, es wartet ein gutes Leben auf dich.

Gruß
Karsten

Sunshine_33
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Beitrag von Sunshine_33 » 14.01.2017, 14:02

Hallo depardieu,
Und Willkommen hier im Forum !
Bis dann psychosomatische Probleme auftraten, deren Ursache ich ganz woanders suchte.
Seit ein paar Tagen ist mir klar, dass die Probleme nach einem Jahr immer noch mit meiner Jahrzehnte langen Sauferei zu tun haben
und ich diese Probleme dauerhaft nicht alleine bewältigen kann.
Ja so ist das.
Wir haben unserem Körper UND unserer Seele viel schlimmes mit der Sauferei angetan.
Das heilt nicht alles innerhalb eines halben Jahres, auch nicht innerhalb eines Jahres oder zwei oder drei... es braucht einfach seine Zeit, um das Alkoholtrauma zu überwinden.

Auch bei mir war es so, das ich beispielsweise gesundheitliche Probleme bekam, die ich vorher nicht hatte.
Bzw. von denen ich nicht wußte :shock: weil ich wohl immer alles weggesoffen hatte.
Denn Alkohol ist ja auch ein "gutes" Betäubungsmittel gegen seelischen und körperlichen Schmerz.
Allerdings mit fatalen Folgen ! Nämlich der Gefahr einer Drogen-Abhängigkeit.
Als ich trocken wurde, bermerkte ich nach einiger Zeit, das ich unter PMS leide. Sehr unangenehm.
Und auch unter Wetterfühligkeit, was ich zu Saufzeiten kaum bis gar nicht wahrgenommen hatte.
Es wurde also nicht alles automatisch gut, nur weil ich nicht mehr soff.
Ich mußte mich dann anderen Problemen stellen, aber nüchtern ging doch ganz gut, würde ich mal sagen.

Eines ist für mich ganz klar:
ALLES ist besser als wieder saufen zu müssen. Denn das war die Hölle auf Erden für mich.
Heute ist mein Leben wieder schön, auch wenn nicht immer alles gut is.
Es gibt auch jetzt immer mal Probleme mit diesem oder jenem, aber ich werde das schaffen.
Und zwar, ohne in Selbstmitleid zu versinken und zu jammern über die Schlechtigkeit der Welt und der Menschen.
Und ohne wieder zu saufen.

Ich wünsche Dir weiterhin hier einen guten Austausch.
Und möchte noch den Hinweis anhängen, das im Erweiterten Bereich der Austausch noch wesentlich intensiver ist und weitere Vorteile bietet :wink:

LG Sunshine

Peerless
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Re: Feststellung nach über enem Jahr: Bin doch nicht der Tol

Beitrag von Peerless » 14.01.2017, 19:22

depardieu hat geschrieben:Ich dachte immer das bei mir Alles ganz anders ist und ich das alleine in den Griff bekomme. Insbesondere weil meine jetzt über einjährige Abstinenz sich völlig anderes als sonst ergeben hat. In den 34 Jahren davor hatte ich auch immer wieder abstinente Tagen oder Wochen und wenn es dann wieder losging , dann aber richtig. Vor gut einem Jahr war es dann so, das ich mir abends mein zweites Bier aufmachte ( Kasten mit weiteren 18 vollen Flaschen stand bereit ) aber mir plötzlich total lächerlich vorkam. Habe dann an diesem Tag nichts mehr getrunken, am nächsten Abend aus Routine doch noch mal eine Flasche aufgemacht, ein paar Schlücke getrunken...den Rest dann weg geschüttet und den Kasten mit 17 vollen Flaschen ein paar Tage später beim Getränkemarkt zurück gegeben ( gab natürlich nur Leerpfand, aber *** drauf). Bis heute habe ich nichts mehr getrunken. Aber das Gefährliche daran: Ich hielt mich lange Zeit nun für etwas Besonderes, einen der nach 34 Jahren einfach die Lust verliert und es alleine geschafft hat ! Yeah, sah mich schon in Talkshows sitzen :-) Die ersten ca. sechs Monate fühlte ich mich super, bis heute keinen Saufdruck, alles war wunderbar. Bis dann psychosomatische Probleme auftraten, deren Ursache ich ganz woanders suchte. Seit ein paar Tagen ist mir klar, dass die Probleme nach einem Jahr immer noch mit meiner Jahrzehnte langen Sauferei zu tun haben und ich diese Probleme dauerhaft nicht alleine bewältigen kann. Seitdem ich mich austausche, hier im Forum und seit vorgestern mit Personen die mir nahe stehen, geht es mir wieder viel besser. Ich werde das aber weiterhin so handhaben/ausbauen müssen, damit es mir stabil gut geht. Nächsten Dienstag Arzttermin, denn "sicher ist sicher".
Hallo,

ich finde, für jemand der trocken ist, ist es wichtig, sich jeden Tag seiner Trockenheit bewusst zu sein - und auch dankbar dafür.

Dann wird es nicht zur Selbstverständlichkeit.

Sobald wir uns keine Gedanken mehr darüber machen, ist ein Rückfall schneller da als gedacht.

Man sollte sich immer bewusst darüber sein, wer man ist: nämlich Alkoholiker und trocken.

Und täglich an seinen Verhaltensweisen arbeiten, wie es hier schon geschrieben wurde.

L.G.
Peerless

Martin

Beitrag von Martin » 14.01.2017, 20:33

Hallo depardieu,
Ich hielt mich lange Zeit nun für etwas Besonderes, einen der nach 34 Jahren einfach die Lust verliert und es alleine geschafft hat
nach so langer Zeit aufzuhören ist schon was "Besonderes", vorallem weil du davon berichten kannst.

Da ich nichts anderes gelesen habe hast du einen kalten Entzug gemacht.

Da hier auch Gäste lesen können, die aufhören möchten, will ich hier darauf hinweisen dass das sehr gefährlich war.

Also bitte nicht nachmachen.

LG Martin

Hans im Glück
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Beitrag von Hans im Glück » 15.01.2017, 10:33

Guten Morgen depardieu,

Ich finde schon, dass du das toll machst.
Du kontest aufhören zu trinken und du bist im ersten Jahr nicht rückfällig geworden.
Das ist eine Leistung, auf die du stolz sein kannst.

Und jetzt hast du auch erkennen können, dass du deinen trockenen Weg nicht alleine gehen muss.

Ist doch super. Gratulation.
Soviele Wege es in die Sucht hinein gibt, soviele Wege gibt es auch hinaus.
Einige sind einfacher, einige sind schwieriger.

Fest steht: in einer Gemeinschaft ist jeder Weg sicherer zu beschreiten.
Und eine der wesentlichen Veränderungen durch den Alkohol ist die Vereinsamung.

Wir sind aber nicht allein.

Also weitermachen.....

Liebe Grüße
Hans

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