Ein neues trockenes Leben aufbauen - ein harter Weg

Wie ist das Leben nach dem Alkohol ohne Alkohol? Erfahrungsberichte und Lebensgeschichten von schon länger trockenen Alkoholikern im Alkoholforum
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Thalia1913
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Beitrag von Thalia1913 » 30.03.2017, 11:02

Hallo Freddy,

alles Gute für den Arztbesuch!
Dein Ausflug am Sonntag klingt richtig gut, und ich freue mich für dich, dass du das gemacht hast.

Viele Grüße
Thalia

FatFreddy
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Beitrag von FatFreddy » 02.04.2017, 12:10

Ich grüße das Forum und hoffe, es geht Euch gut!?

Bei mir gibt es grundsätzlich nichts Neues. Meine Abstinenz sehe ich derzeit nicht gefährdet, ich komme zurecht. Ich schreibe bewusst Abstinenz, weil ich mir grundsätzlich nicht mehr vorstellen kann, außerhalb ärztlich verordneten Medikamente irgendwelchen Substanzmißbrauch zu betreiben. Selbst bei Kaffee bin ich moderat. Während ich früher 1 Liter Kaffee getrunken habe, in Phasen der Entgiftung literweise, trinke ich morgens die erste Tasse Kaffee zügig zum Essen und die zweite und letzte der Tages nach dem Frühstück in Ruhe und mit Genuss. Mehr würde ich nicht vertragen, aber ich habe nach der zweiten Tasse auch kein Bedürfnis mehr nach einem weiteren Kaffee.

Auch wenn ich nun ein Gegner von Alkohol und Co bin, heißt das natürlich nicht (!), dass ich nun gegen einen Rückfall immun bin. Für diejenigen, die hier lesen und sich über ihre eigene Situation nicht sicher sind: wenn man erstmal psychisch und vor allem körperlich abhängig ist, schlummert auch bei Trockenheit die Sucht für immer und ewig in einem.

Daher bleibt ich wachsam und durch harte Arbeit, nämlich Therapie und Selbstreflektion, erkenne ich immer mehr, warum und wann ich getrunken habe. So kann ich gegen Entwicklungen, die brenzlig werden und mich überfordern, gegen steuern.

Das hört sich jetzt alles so einfach an. Aber es ist ganz hartes Brot und ich profitiere VIN meinen psychologischen Kenntnissen, denn ich komme aus diesem Bereich, näher mocht me ich hier nicht darauf eingehen.

Das macht es aber auch nicht einfacher, denn oft frage ich mich, wieso ich anderen helfen konnte und selbst Jahrzehnte lang blind war, was mich betraf? Zudem ist es unglaublich hart, zu erkennen, was für eine erbärmliche Kindheit man hatte, wie man zu dem gemacht wurde, was man nun ist. Ich habe lange Zeit vieles ins Unterbewusstsein verdrängt und benebelt vom Alkohol falsche Schlüsse gezogen.

Und das, was ich erkannte, ist erst die Spitze des berühmten Eisberges. Die Frage ist natürlich, wie weit ich bei der Aufarbeitung gehen kann, wie ich die Erkenntnis verkrafte, denn so etwas kann auch nach hinten losgehen. Deswegen ist es wichtig, dass man sich die Unterstützung eines fähigen Therapeuten holt, dem man vertraut und dem man sich öffnet.

Ich habe gestern darüber nachgedacht, weil sich ein ehemaliger Kollege an mich gewandt hst, was mich sehr überraschte, denn wir waren keine Freunde, im Gegenteil. Er hat wohl auch ein massives Alkoholproblem entwickelt und sein Leben geht gerade in die Brüche. Er wollte einige Dinge von mir erfragen. Ich bin kein Therapeut und ich werde mich hüten, jemandem einen Universalrat zu geben. Ich habe ihm gesagt, er soll mit seinem Arzt als erste Anlaufstelle sprechen und sich, wenn er überzeugt davon ist, ein Problem zu haben, an einen sozialpsychiatrischen Dienst oder eine Beratungsstelle wenden. Wir haben in meiner Heimatstadt genug davon.

Aber mir wurde beim Nachdenken noch einmal folgendes klar, was ich den Unentschlossenen in diesem Forum empfehlen kann: klar, wenn man den Alkoholismus akut behandelt muss erstmal der Körper (und somit der Geist) weg von dem Gift. Je länger man ohne Alk ist, desto mehr verändert sich das Denken und Fühlen, denn der Alkohol verändert vieles negativ. Und erst wenn man länger weg ist und sich Nerven, Emotionen, Interessen und Körper regenerieren, dann kann man dem Grund für den alkoholismus aufarbeiten. Solange man noch in den Nachwehen des Giftes liegt hat es keinen richtigen Sinn, denn die Wahrnehmung ist zum Teil gestört.

Aber eines gilt von Anfang an: es gibt genug Hilfsangebote und Therapien. Ihr müsst euch nicht für den erstbesten Hansel entscheiden. Wichtig ist, dass Ihr mit dem Therapeuten, Sozialarbeiter oder was auch immer kooperiert. Der kann euch nämlich auch nur vor den Kopf schauen. Ihr müsst euch absolut ohne Geheimnisse öffnen, das geht nur, wenn man sich vertraut und sich sympathisch ist.

Ich habe diese Erfahrungen auch erst machen müssen. Ich hatte mal eine ambulante Langzeittherapie und bin über Monate mit der Therapeutin nicht klar gekommen. Ich habe Dinge verheimlicht, wurde rückfallig und habe es verheimlicht, und das lief lange, bis es dann krachte.

Genauso kann es passieren, dass man stationär entgiftet hns mit den Bedingungen im Krankenhaus oder in der Psychiatrie nicht klar kommt. Sehr zu, dass ihr zum Beispiel eine ambulante Betreuung oder eine psychiatrische Pflege bekommt, ihr habt dann für solche Fälle jemanden an eurer Seite, der euch beistehen kann, denn unser Problem, das von fast allen Alkis, ist es, dass wir kein Selbstwertgefühl haben, dass wir wie geprügelte Hunde dastehen und dann gefrustet sind. Dann kommt er wieder, der Drang das mit Alkohol zu behandeln, wo man dann wieder sozusagen groß, mutig und stark wird. Und in Wahrheit überschätzt man sich einfach nur.

Ich habe auch heute noch eine Sozialarbeiterin an meiner Seite. Ich kann nur noch, auch wegen meiner Krankheiten, wenig machen, brauche ständig Auszeiten, weil Körper und Geist ihren Tribut fordern. Es geht nicht mehr wie früher. ABER: früher ging es eigentlich objektiv auch nicht, ich war nur durch den Alkohol immer am Rotieren, künstlich überdreht. Na ja, und dann bin ich eben schon Mitte 50.

Die Hürden um Hilfe zu beantragen sind teilweise, wie auch bei anderen Ämtern wie Jobcenter, sind oft schikanös und hoch. Auch deshalb gebt nicht auf und holt euch Hilfe. Am Anfang haben mein Vater und meine Exfrau geholfen, das war gut, denn sonst hätte ich oft aufgegeben.

Es ist wichtig, dass ihr auslotet, welche Hilfen ihr beantragen könnt, welche Formen von Hilfe es überhaupt gibt. Ihr findet genügend Hilfestellungen hier im Forum, könnt googlen oder einfach zu einem sozialpsychiatrischen Dienst gehen.

Auf jeden Fall habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Stellen, die helfen, auch sehen wollen, dass man ernsthaft trocken werden will und nicht nur solange, bis es neues Geld gibt oder MSN wieder so fit ist, um sich wieder zwei Monate die Kante zu geben.

Ob ich mich nächste Woche melde, weiß ich noch nicht, Dienstag habe ich eine Vorbesprechung beim Arzt und Donnerstag einen Eingriff, der ambulant geplant ist, aber schnell stationär werden könnte, da ich Blutgerinnungsstörungen habe, die Komplikationen verursachen könnten.

Drückt mir bitte die Daumen, bis dann sagt
der Freddy

Martin

Beitrag von Martin » 02.04.2017, 14:46

Hallo Freddy,

da unsere "Forendaumen" sehr gut sind drücke ich dir meine Daumen für Donnerstag.

LG Martin

Aurora
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Beitrag von Aurora » 02.04.2017, 18:21

Lieber Freddy,

vielen Dank für diesen ehrlichen und sehr deutlichen und damit hilfreichen Beitrag!

Ich drück dir auch die Daumen.

Liebe Grüße
Aurora

Sunshine_33
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Beitrag von Sunshine_33 » 02.04.2017, 23:42

Hallo Freddy,
ich verfolge Deinen Thread mit Interesse. Auch ich habe eine Folgeerkrankung durch meine Alkoholkrankheit.

Ich kann mich in vielen Deiner Ausführungen durchaus anschließen.
Aber einiges habe ich auch anders erlebt. Das möchte ich hier einfach mal anmerken, wenn ich darf?

Ich möchte dazu einige Punkte mal herauspicken :wink: :
Daher bleibe ich wachsam und durch harte Arbeit, nämlich Therapie und Selbstreflektion, erkenne ich immer mehr, warum und wann ich getrunken habe. So kann ich gegen Entwicklungen, die brenzlig werden und mich überfordern, gegen steuern.
Ja sicher ist es auch Arbeit an sich selbst, wenn man trocken werden will. Aber als so unglaublich hart habe ich es selbst gar nicht empfunden, muss ich sagen.
Natürlich musste ich auch anfangs viel an meinem Leben ändern, da kommt ja wohl kaum jemand drum herum.
Aber ich bin diesen Weg auch irgendwie GERN gegangen (und gehe ihn ja auch noch :wink: ), weil es dabei viel an mir selbst zu entdecken gab und ich viel über mich lernte.
Und mit den Jahren wurde es immer leichter für mich, ein trockenes Leben zu führen.
Der Weg wurde immer "breiter und schöner", wie ich hier mal las, und so empfand ich es auch.
Heute ist mein trockenes Leben für mich völlig selbstverständlich geworden, ich bin knapp 15 Jahre trocken.
Es geht mir gut, ich vermisse nichts und führe ein Leben, in dem ich mich sehr wohl fühle und zufrieden bin.
Die Selbstreflektion, die Du erwähnst, betreibe ich immer noch regelmäßig, aber auch das ist wie ein Automatismus geworden mit den Jahren.
So kommt es mir jedenfalls vor.
Deswegen ist es wichtig, dass man sich die Unterstützung eines fähigen Therapeuten holt, dem man vertraut und dem man sich öffnet.
Ich denke, hier muss jeder seinen eigenen Weg für sich finden, wie viel und welche Hilfe er/sie persönlich benötigt.
Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, das nicht jeder zwingend eine Therapie braucht.
Ich hatte beispielsweise keine Therapie. Und so einige hier im Forum sind auch ohne Therapie seit Jahren erfolgreich trocken.
Das kann man also nicht einfach so über einen Kamm scheren.
Ich hatte eine professionelle Entgiftung im KH. Danach war ich lange in regelmäßiger ärztlicher Betreuung
und ich hatte die Unterstützung meiner Familie.
In dieses Forum fand ich erst, als ich schon 4 Jahre trocken war.
In einer realen SHG war ich später auch mal ne Weile lang. So ungefähr war mein Weg...
Seht zu, dass ihr zum Beispiel eine ambulante Betreuung oder eine psychiatrische Pflege bekommt, ihr habt dann für solche Fälle jemanden an eurer Seite, der euch beistehen kann, denn unser Problem, das von fast allen Alkis, ist es, dass wir kein Selbstwertgefühl haben, dass wir wie geprügelte Hunde dastehen und dann gefrustet sind
Auch das mag ich nicht so verallgemeinernd stehen lassen.
Ich hatte kein mangelndes Selbstwertgefühl, das war eigentlich immer recht gesund, und ich hatte auch keine unglückliche Kindheit.
Ich bin trotzdem Alkoholikerin geworden. Bin da rein gerutscht, immer tiefer und tiefer.
Habe aus Stress gesoffen, vor Einsamkeit, war überfordert als Mutter mit Vollzeitberuf etc., bis ich irgendwann schwer abhängig gesoffen habe.
Das ist nicht gerade untypisch für Alkoholikerinnen, Stichwort "Mothers little helper".
In der Alkoholkrankheit selbst wurde dann mein Selbstwertgefühl schwer angeschlagen.
Ich fühlte mich am Ende sehr wertlos und unfähig, weil ich meine Alkoholsucht nicht allein stoppen konnte.
So zerstörerisch kann Alkohol sein, selbst wenn man nicht grundsätzlich an mangelnden Selbstwertgefühl litt.
Auch deshalb gebt nicht auf und holt euch Hilfe.
Diesen Worten kann ich mich ganz widerspruchslos anschließen ! :wink:
Ich musste das auch erst begreifen, das ich es NICHT ohne Hilfe schaffen kann, meine Alkoholkrankheit zu stoppen.
Ich benötigte ganz dringend ärztliche Hilfe, dazu kam die Unterstützung meiner Familie und auch eine betriebliche Beratungstelle stand mir zur Verfügung.
Ich musste lernen, diese Hilfe anzunehmen, was mir nicht leicht fiel. Aber anders geht es nicht !

Was ich aber nicht mag, das ist, wenn jemand sagt, das es NUR so und so geht und nicht anders.
Auch wenn wir uns in der Sucht sehr gleichen in unserem Verhalten ("Lügen, Kaufen Saufen", wie das hier mal ein geschätztes Forunmitglied nannte), können die Wege aus der Sucht unterschiedlich sein.
Der eine braucht tatsächliche eine Therapie und sehr viel weitere intensive Betreuung, wähend ein anderer "nur" mit Hilfe einer SHG trocken werden kann.
Es ist egal, wie man trocken wird, es gibt kein besser oder schlechter trocken.

Was ich persönlich noch als sehr wichtig ansehe beim Weg in ein trockenes Leben, das ist die "Risikominimierung", also das Leben nach unseren "Grundbausteinen" hier.
Die sind durch die wertvollen Erfahrungen Betroffener entstanden und ich richte mich noch heute größtenteils danach,
wenn auch mit einigen leichten persönlichen Abwandlungen.
Ich weiß ja mittlerweile, was für mich risikobehaftet ist oder sein könnte und was nicht.
Aber erstmal ist es wichtig, sich eine stabile Trockenheit aufzubauen und das dauert eben seine Zeit.
Und dabei können die Grundbausteine ein wertvolles und sehr wirkungsvolles Werkzeug sein, auf das man nicht verzichten sollte aus "Besserwisserei".
Denn wir wissen "nix besser", wenn wir ganz am Anfang der Abstinenz stehen, und darüber sollte man sich am besten auch ganz klar sein oder werden.

Ich wünsche Dir, lieber Freddy, alles Gute für den bevorstehenden Eingriff. Meine Daumen sind gedrückt, das alle komplikationslos vonstatten geht und Du Dich hier bald wieder melden kannst.

LG Sunshine

FatFreddy
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Beitrag von FatFreddy » 03.04.2017, 12:12

Hallo Sunshine, hallo Aurora, hallo Martin, hallo allen im Forum,

danke für Eure Postings und fürs Daumendrücken.

Sunshine, ich bin Dir dankbar für Deine Anmerkungen, denn so konnte ich über meinen Text noch mal nachdenken und eventuelle Missverständnisse, die bei den Unentschlossenen oder denen, die am Anfang stehen, auszuräumen.

Meine Geschichte ist natürlich meine ganz persönliche Sichtweise. Es gibt zwar, je nach Trinkertyp, Gemeinsamkeiten, bis vielen (nicht bei allen natürlich!) gibt es ein verringertes Selbstwertgefühl, aber jede Geschichte ist individuell.

Die Grundbausteine, die hier im Forum dargestellt sind, halte ich für richtig und sie bilden eine gute Richtschnur, wenn man trocken werden und vor allem bleiben will.

Dabei fällt mir ein, dass ich die Risikominimierung vergessen habe. Deswegen möchte ich darauf hier noch mal eingehen.

Ich bin der Meinung, dass man dann am ehesten trocken bleiben kann, wenn man sein Umfeld einmal durchleuchtet und ggfl. "ausmistet". Die Umstände sind aber auch individuell unterschiedlich. Beispiel: der eine trinkt stets in Gesellschaft, hat ein Umfeld, das mittrinkt. Ich beispielsweise habe fast ausschließlich von Anfang an allein getrunken. Zwar spielte Alkohol seit meinem 17. Lebensjahr eine zentrale Rolle auch im Freundeskreis, aber den habe ich zum Teil deswegen danach ausgesucht. Ich habe später, als ich bereits körperlich abhängig war, bei Entgiftungen mich mit Leuten angefreundet, die ich nur betrunken ertragen konnte. Im nüchternen Zustand hätte ich mich mit diesen Menschen niemals zusammen gesetzt. Der einzige gemeinsame Nenner war der Alkohol. Sonst nichts. Einige haben mich bestohlen, einem habe ich welche vor den Latz gehauen, irgendwann lagen wir alle wieder im Krankenhaus.

Für mich war es wichtig, dass ich die Leute mit offensichtlichen nassen Alkoholproblemen meide, und zwar konsequent. Von den anderen Freunden sind drei geblieben, die ich von Kindheit an kenne, sie haben geringen bis gelegentlichen Alkoholkonsum. Keiner von diesen Dreien würde auf die Idee kommen, in meiner Gegenwart trinken zu wollen oder betrunken zu kommen. Ich habe Glück, dass alle drei Nichtraucher sind, denn, das muss ich leider zugeben, während aus Gründen, die ich nicht mal beschreiben oder fassen kann, seit über drei Jahren kein Suchtdruck auf Alkohol bestanden hat, habe ich in Bezug auf Zigaretten immer wieder mal kurzfristig Druck. In diesen Situationen muss ich mich wirklich zusammen nehmen. Das darf nicht passieren, denn ich leide durch die Qualmerei an COPD Gold 4, bin erheblich geschädigt und dadurch auch körperlich schwer eingeschränkt. Außerdem wäre es für die Alkoholabstinenz schädlich, denn ich sage mir, wenn man erst einmal die eine Sucht zulässt, dann ist die andere nicht mehr weit.

Mein familiäres Umfeld ist problematisch, hat sich aber auch therapeutisch beraten lassen, denn es hatte mit meinen Problemen direkt zu tun. Positiv ist, dass man auch hier ohne Probleme auf Alkohol verzichtet. Meine Eltern, so grauenhaft meine Kindheit auch war, lebten immer schon ziemlich abstinent. Bei meinen Geschwistern sah das anders aus, ist aber auch kein Problem.

Des Weiteren habe ich nun noch einen Vorteil, der aus meiner psychischen Erkrankung, der Sozialphobie, herrührt: dadurch, dass ich nicht weggehe, komme ich auch nicht in Versuchung. Also ich war nur ein Kneipengänger. Wenn ich an Biergärten im Sommer vorbei gehe, ist das bislang kein Problem gewesen.

Aber, wie gesagt: das ist spezifisch meine Situation. Ich kann natürlich nicht sagen, wie es wäre, wenn ich jünger und gesund wäre, ich denke, das könnte problematisch werden. Deswegen kann ich nur raten, dass man sich seine täglichen Gewohnheiten und sein Umfeld kritisch anschaut und dann, ggfl. mit Hilfe, umbaut.

Auch bei mir gibt es viele Situationen, in denen ich früher getrunken habe. Auch ohne Kneipe und Parties. Ich habe alle Gewohnheiten und Tätigkeiten, in denen ich getrunken habe, gelassen. Ich habe früher Kochsessions gemacht, bei denen ich extrem scharfe exotische Sachen gebruzzelt habe und mich dabei in Form getrunken. Ich esse heute auch krankheitsbedingt nur Essen, was wie km Krankenhaus oder im Altenheim gewürzt ist.

Jch habe einen strukturierten Tagesablauf, den hatte ich früher nicht. Selbst als jch noch berufstätig war, hatte ich auf Grund meiner spezialisierten Stellung Narrenfreiheit und konnte ohne Struktur walten. Für mich persönlich gibt es einen Indikator, der mir anzeigt, wann eine Krise kommen kann, was auch wegen meiner Depressionen wichtig ist: wenn mir anfängt, die Struktur auf die Nerven zu gehen und ich das Bedürfnis verspüre, mich zurück zu ziehen und nichts mehr zu machen, das ist eine Zeit, in der ich überfordert oder depressiv werde. Beides in Verbindung mit Angst und Unsicherheit, das waren die Haupttriebfedern, zu trinken.

Ob man ein Umfeld hat, was einem hilft, oder Therapeuten usw., ist egal. Wichtig ist, dass man Unterstützung hat, denn man kann nicht alles allein mit sich ausmachen.

So, wie das diese Woche mit Eingriff etc. wird, weiß ich noch nicht, ich habe seit Freitag mal wieder Probleme mit sehr schmerzhaftem Herpes, im Volksmund wird diese Form auch Gürtelrose genannt. Nur dass ich den Mist diesmal im Gesicht habe :( Ich werde es morgen sehen, was der Arzt sagt.

Ich habe an das Forum noch eine Frage: ich habe meiner Sozialarbeiterin immer vertraut. Sie weiß, dass ich alles meide, was mich an frühere Zeiten erinnert. Wenn ich im Supermarkt einkaufe nehme ich heutzutage den Alk in Regalen und Kästen überhaupt nicht wahr. Bis Freitag. Da hat sie mich gefahren, im Auto geraucht, was ich angesichts der Tatsache, dass ich Cortisonaerosole inhalieren muss, weil ich keine Luft bekomme, eine Sauerei ist. Aber es ist ihr Auto.... Dann im Laden, sie nutzt solche Fahrten um für sich einzukaufen, ist mir das erste mal die Regalwand mit dem Fusel aufgefallen, weil sie dort ausgiebig Liköre und Brandy angeschaut hat. Sie kaufte dann zwei Flaschen und eine große Packung Pralinen mit Schluck. Ich habe erst mal nichts gesagt, das ist meine scheiß Erziehung. Ich kann das nicht, ich habe Angst, dass sie nicht mehr für mich da ist, denn sie ist die einzige, die mich - bisher immer zuverlässig - unterstützt. Ich wurde als Kind so von meiner Mutter traktiert, dass sie nicht mehr meine Mutter ist, mich nicht mehr mag usw. Vielleicht ahnen einige von euch, was ich meine. Verlustängste.

Deshalb meine Frage: wie würdet Ihr damit umgehen? Ich empfand es als respektlos, in meiner Gegenwart Fusel in den gemeinsamen Einkaufswagen zu geben. Bewerte ich das über? Ich meine, sie hätte sich den Dreck ja auch nach Feierabend kaufen können? Bin ich zu empfindlich?

Danke im voraus,
Euer Freddy

Martin

Beitrag von Martin » 03.04.2017, 13:25

Hallo Freddy,
Ich muss sagen, dass ich sehr dankbar bin, dass meine Sozialarbeiterin mir teilweise mehr als es mit ihrem Arbeitgeber vereinbart wurde zur Seite steht. Auch mal so, zum Reden.
sie hätte sich den Dreck ja auch nach Feierabend kaufen können? Bin ich zu empfindlich?
ich unterstelle ihr mal dass sie in dem Moment evtl. nicht daran gedacht hat.

Wer weiss was sie an dem Tag alles im Kopf hatte ?

Meinst du du könntest mit ihr darüber reden, sie ist doch auch nur ein Mensch.

LG Martin

FatFreddy
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Beitrag von FatFreddy » 03.04.2017, 15:28

Hallo Martin,

Danke für die Antwort. Ja, ich werde sie darauf ansprechen. Ich weiß, dass sie wohl ab und zu mal reinhaut, also man sieht es auch ein wenig. Das ist aber zunächst einmal ihre Privatangelegenheit. Für mich ist es dadurch, wie ich aufgewachsen bin in dieser unsagbar instabilen Beziehung zur Mutter oft sehr schwer, die Dinge adäquat einzuordnen. Ich kenne oft nur schwarz oder weiß. Und durch die Depressionen schwankt der Stimmung oft extrem. Hängt auch mit dem Blutzucker zusammen.

Fällt übrigens einigen Angehörigen negativ auf, dass jetzt meine Stimmungen sowie schwanken und ich mich "verändert" habe, früher wäre ich "verträglicher" gewesen. Es ist gut, dass Veränderungen bemerkt werden, es ist Pech für manche aus meinem Umfeld, dass sie nicht nicht verändern oder nun feststellen, dass wir auseinander driften. Damit muss man leben. Ich habe auch Mitpatienten gehabt, da ist der Partner mit dem trockenen Menschen nicht klar gekommen und die Beziehung ging in die Brüche. Das passiert oft. Die Leute merken eines nicht: früher war ich vielleicht für sie einfacher, weil meine Krisen und Schwankungen vom Alkohol zugedeckt waren. Deswegen habe ich wohl Spiegel getrunken, so war ich immer in der gleichen Stimmung. Es sei denn, es hat nicht mehr gewirkt.

Jedenfalls werde ich sie fragen, ob ihr das bewusst war, dass mich diese Situation hätte belasten können? Ich weiß, dass in diesen Berufen wir auch in Pflegeberufen und bei Medizinern teilweise mit Alkohol kompensiert wird, aber ich würde es dennoch begrüßen, wenn ich Konsum und Kauf nicht mit ansehen müsste. Ich habe, abgesehen von meiner Geschichte, viel Leid bin Betroffenen, aber noch mehr von Angehörigen, Partnern und Kindern erlebt. Wirklich viel Leid und auch Gewalt. Deswegen lehne ich heute jede Art von Droge ab. Ich bin auch gegen Legalisierung von Drogen etc.

Und sie sieht doch auch da Leid jeden Tag im Job.

Wie gesagt, ich lehne das komplett ab.

Ich halte euch auf dem Laufenden, was nun weiter wird wegen der Eingriffe usw.
Bis dahin eine angenehme Woche für alle!

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