Sehe ich nur Gespenster?

Hilfe für Co-Abhängige, Partner und Angehörige von Alkoholikern bei der Coabhängigkeit
Julchen2017
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Sehe ich nur Gespenster?

Beitrag von Julchen2017 » 10.08.2017, 09:29

Erst mal ein Hallo von mir in die Runde!

Seit einiger Zeit fühle ich mich ziemlich hilflos und habe das Gefühl etwas unternehmen zu müssen.
Ich habe schon viel gelesen und ich glaube im Vergleich mit anderen stehen wir noch ziemlich am Anfang, aber für mich ist die Situation dennoch inakzeptabel.
Ich lebe seit 2 Jahren mit meinem Partner zusammen. Leider spielt Alkohol (aus meiner Sicht) eine wichtige Rolle für ihn. Täglich trinkt er mindestens zwei  0,5l Bier am Abend. Wenn Besuch kommt oder abendliche Anlässe anstehen gerne mehr (6 bis 10 gr. Bier oder Weinschorlen). Diese trinkt er mit hohem Tempo. Anschließend wird er erst kontaktfreudig, später Diskussions- und streitfreudig (mit Personen, die ihm nahestehen). Da war für mich schon häufiger der Punkt, an dem ich den Mann, den ich eigentlich liebe, verlassen wollte. Soviel aber vorab, er wird nie handgreiflich, seine Argumente nur total abstrus.

Nachwirkungen in Form eines Katers kennt er leider nicht. Tage ohne Alkohol beschränken sich auf 2-3 im Monat.
Er ist der festen Überzeugung, dass er alles im Griff hat und auch nicht damit aufhören möchte, weil er keinen Grund dazu sieht. Er ist ein erfolgreicher Ingenieur und wir haben gerade zusammen gebaut. Je mehr ich ihn zu trinkfreien Tagen drängen möchte, desto schlimmer wird es eigentlich. Wenn es komplett eskaliert kann er auch schon mal heulend zusammen brechen,verspricht Besserung und sich Hilfe zu suchen. Spätestens 2 Wochen danach ist alles wieder beim alten :roll:

Nachdem nun einige Tage mit einem Konsum von 5 Bier pro Abend oder 1l Wein hinter uns  liegen, habe ich das unliebsame Thema mal wieder angesprochen, woraufhin er die Fernbedienung des Fernsehers auf dem Boden zerschlug. Ich bin an einer Stelle, an der ich nicht mehr weiter weiß und mir nicht sicher bin, was mit einer Partnerschaft mit ihm auf mich zukommt. Wir sind beide knapp über 30 und wünschen uns eigentlich irgendwann eine Familie. Davor habe ich jedoch angesichts unseres Problems große Angst.

Er meint ich bin bekloppt. Alles wäre völlig im Bereich der Norm und ich sei das Problem. Ist mein Partner bereits Alkoholiker oder sehe ich Gespenster?

Schon mal vielen Dank für eure Zeit das alles überhaupt zu lesen!!
Viele Grüße, J

Aurora
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Beitrag von Aurora » 10.08.2017, 11:10

Liebe Julchen,

herzlich willkommen!
...für mich ist die Situation dennoch inakzeptabel.
Das sagt ja schon was aus...
Er meint ich bin bekloppt. Alles wäre völlig im Bereich der Norm und ich sei das Problem.
Typisches Argument...

Ob dein Partner Alkoholiker ist oder nicht kann ich nicht beurteilen. Das kann im Prinzip auch nur er selbst. Aber von den Trinkmengen und -frequenzen her und so findet da schon ein sehr missbräuchliches Verhalten statt.

Du hast das Gefühl was unternehmen zu müssen. In welche Richtung geht denn das Gefühl? Hast du schon konkrete Vorstellungen oder ist es erst mal noch unsortiert?
ich glaube im Vergleich mit anderen stehen wir noch ziemlich am Anfang,
Der Vergleich mit anderen ist müßig. Wichtig ist, was du fühlst, was dich beschäftig bzw. unglücklich macht. Es ist gut, dass du deine Gefühle da ernst nimmst und nicht erst lange zauderst und was erträgst. Das ist eine gute Grundlage dafür, dass du auch Entschlüsse fassen kannst, egal in welche Richtung die gehen.

Liebe Grüße
Aurora

Julchen2017
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Beitrag von Julchen2017 » 10.08.2017, 11:25

Liebe Aurora,

danke für deine Antwort!
Nach seinem Ausraster habe ich ihn gesagt, dass ich möchte, dass er geht. Das hat nicht getan...
Am Morgen danach schrieb er mir, dass er bereit wäre in unserem anstehenden Urlaub auf Alkohol zu verzichten, um mir zu zeigen, dass er das noch kann und alles in Ordnung ist.

Nach allem was ich hier gelesen habe, bin ich mir eigentlich ziemlich sicher, dass das zwar ganz nett ist, aber unser Problem nicht lösen wird. Ich erkenne ihn und natürlich auch mich in den Texten der anderen so sehr wieder...

Mein konkreter Plan sieht zur Zeit so aus, dass ich ihn auffordern möchte sich innerhalb der nächsten 2 Wochen professionelle Hilfe zu suchen. Andernfalls würde ich mich von ihm trennen.
Ich habe einfach wahnsinnig Schiss in 5 Jahren da zu stehen und mir selbst eingestehen zu müssen, dass der Ausgang schon von Anfang an klar war. Jetzt sind zumindest noch keine Kinder im Spiel...

lütte69
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Beitrag von lütte69 » 10.08.2017, 12:55

Hallo Julchen,

vertrau einfach deinem Bauchgefühl. Gut für Dich, dass es noch funktioniert. Drohe ihm nur an, was Du wirklich durchziehen willst/kannst, denn sonst machst Du Dich unglaubwürdig.

Du bist nicht bekloppt, siehst alles nur negativ oder missgönnst ihm irgendwas. Wie Aurora schon sagt, wer vergleicht, verliert. Du bist der Maßstab in Deinem Leben.

Viel Kraft und Geduld.

sonnige Grüße
Lütte

Julchen2017
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Beitrag von Julchen2017 » 10.08.2017, 14:14

Danke Lütte, dein Rat wird mich noch einige Zeit beschäftigen! Ich muss mir vorher wirklich sicher sein... Ich bin sehr froh, dass ich dieses Forum gefunden habe. Es bestärkt mich darin nicht nur abzuwarten. Jetzt ist seine Gesundheit und unsere Beziehung vielleicht noch zu retten.
Wenn er sich nicht darauf einlässt, ist ihm sein Stolz und der Alkohol bereits wichtiger als ist. Dann möchte ich auch nicht mehr die Frau an seiner Seite sein, wenn ich so wenig wert bin.
Wenn er uns dagegen eine Chance gibt, will ich alles tun um ihn zu unterstützen.

Sunshine_33
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Beitrag von Sunshine_33 » 10.08.2017, 14:39

Hallo Julchen,
ich sehe keinen Leidensdruck bei Deinem Partner.
Bisschen "Gemecker" und "Generve" von der Partnerin nehmen wir als nasse Alkoholiker in Kauf. Das juckt uns noch nicht wirklich.
Und als nichts anderes empfinden wir das auch.
Wir reagieren nicht mal auf Vorwürfe, Weinen, Drohen und was es sonst noch so alles gäbe.
Dein Partner hat schon allein bei Ansprechen den Problems n Wutanfall bekommen.
Würde so ein Mensch reagieren, der kein Problem mit dem Alk hat, sach ma ehrlich?

Ich denke, Dein Empfinden ist völlig okay, Du siehst keine Gespenster, sondern die unangenehme Realität.
Sicher sind wir hier keine Ärzte, aber Alkoholmissbrauch liegt wohl zumindest vor.
Daraus entwickelt sich häufig eine Alkoholabhängigkeit.
Ich tippe aber mal eher drauf, das Dein XY sich längst in der Suchtspirale befindet.
Und ab dann geht es nur noch bergab.
Das wird von allein nicht wieder besser.
Aufwärts ginge es erst wieder, wenn er die Sucht stoppen könnte (und vor allem auch WOLLTE).

Du hast hier schon einiges gelesen, dann weißt Du auch, wie das voraussichtlich weiter geht.
Ein Leben mit einem Alkoholabhängigen, der sich in der nassen Phase seiner Krankheit befindet, ist auch für Angehörige ein Leid.
Für den Betroffenen allerdings auch.
Denn es ist nun mal eine Krankheit und Krankheiten sind selten lustig.

Ich weiß, das mein Tipp nichts helfen wird, denn meist wird noch lange angewartet, bis endlich gehandelt wird.
Ich gebe ihn trotzdem :wink:
Ich würde die Alkoholproblemtik noch einmal ansprechen mit entsprechenden Hinweis darauf, das es noch eine Chance gäbe, wenn er sich professionelle Hilfe sucht.
Ich gehe hierbei allerdings leider nicht von einer Einsicht aus, denn er meint ja, das noch alles im grünen Bereich ist.
Von daher wird es wohl kaum eine positive Reaktion geben.
Sollte das der Fall sein, kann ich Dir nur ganz dringend raten, die Beziehung so schnell wie möglich zu beenden.
Es sei denn, Du möchtest noch viel Jahre lang leiden und im Endeffekt evtl. selbst psychosomatisch erkranken.

Kein schöner Tipp, ich weiß... wo ihr gerade anfangt, etwas gemeinsames aufzubauen.
Nur kann ein Trinker leider kein solides Fundament für auch nur irgendwas bieten :(

Was mir noch auffällt: Du schreibst mehr über ihn als über Dich.
Hier ist es im Grunde ganz egal, was und wieviel er trinkt.
DU bist hier her gekommen, weil DU Hilfe möchtest, oder?
Darum sollte es hier auch um DICH gehen und nicht um ihn.
Ihm kannst Du sowieso nicht helfen, das sollte Dir klar sein. Aber Dir selbst kannst Du helfen !

LG Sunshine

Julchen2017
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Beitrag von Julchen2017 » 10.08.2017, 15:25

Hallo Sunshine,
Puh.... Das muss ich erst mal verdauen :-|
Er ist der erste Mann, der so gut zu mir passt. Unsere Geschichte fing unbeschreiblich an. Als wäre es Bestimmung. Wirklich alles passt. Bis auf das... Das macht es so schwer. Ich hoffe eigentlich darauf, dass er sich darauf einlässt und wenigstens mal mit jemandem spricht.
Er ist eigentlich eine echte Intelligenzbestie und hat so ein gut funktionierendes Hirn. Das macht es für mich noch unbegreiflicher. Ich fange hier aber langsam an zu verstehen, dass das Teil des Ganzen ist.
Ich werde heute Abend nochmal mit ihm sprechen...

lütte69
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Beitrag von lütte69 » 10.08.2017, 16:11

Hallo Julchen,
Er ist eigentlich eine echte Intelligenzbestie und hat so ein gut funktionierendes Hirn
das ist der Sucht so was von herzlich egal. Es trifft den Prof. Dr. Dr. wie den ohne Abschluss und Ausbildung gleicher Maßen und alles was dazwischen liegt ebenfalls.

Du kannst die Sucht als Nicht-Süchtiger nicht verstehen. Ich hab das irgendwann einfach akzeptiert und hatte damit viel Platz in meinem Gedankenkarussell geschaffen.

Sunshine kennt die Sucht aus eigenem Erleben und die Gedanken, die sie zur Reaktion deines Partners geschrieben hat, sind mir auch durch den Kopf geschossen, da ich das ähnlich erlebt habe. Es hat sich bei ihm erst was getan, als ich ausgezogen bin und Nägel mit Köpfen gemacht habe.

Ich wünsche Dir viel Kraft und Geduld für Deinen Weg.

sonnige Grüße
Lütte

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