Die Prägung "Nicht stören"

Hilfe für Co-Abhängige, Partner und Angehörige von Alkoholikern bei der Coabhängigkeit
Biene1967
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Die Prägung "Nicht stören"

Beitrag von Biene1967 » 26.08.2017, 11:42

Liebe Forumsleser und -schreiber,

zunächst eine Kurzvorstellung:
Ich bin Biene1967 und habe hier einige Zeit schon mitgelesen.
Ich bin erwachsene Tochter eines Alkoholikers und habe einen Partner, der -so mein Verdacht - auch viel Alkohol trinkt.
Ich hoffe hier auf Austausch und natürlich auch auf Rat erfahrener Leser und Schreiber.

Nun mein konkretes Anliegen bzw. Thema:
Von Kindheit an bin ich gewohnt - oder geprägt - nicht zu "stören". Mein Vater war Alkoholiker, meine Mutter hielt die Familie irgendwie zusammen und regelte den Alltag (sie besuchte damals übrigens bereits Angehörigengruppen). Ich war ein unkompliziertes Kind, erfüllte Anforderungen, war gut in der Schule und im Studium und im landläufigen Sinne wohl "tüchtig". Das bin ich immer noch.

Mein Partner (7 Jahre Wochenendbeziehung) trinkt ebenfalls viel (täglich um die 6 Bier, soweit ich das einschätzen kann). Entsprechend erlebe ich Stimmungsschwankungen und Wechsel aus Zuneigung und Abweisung.

Das Paradoxe ist: Obwohl ich darum weiß, dass es nicht an mir liegt, fühle ich mich "störend". Denn wenn er gereizt ist, geht es natürlich gegen mich. Und ich fühle (nicht denke!) mich schuldig. Dass ich meine Bedürfnisse vollkommen zurückschraube, ist meine Schutzstrategie. Weder will ich "reizen" noch kann ich diese uneinschätzbare Reaktion einkalkulieren.

Ich, die "Tüchtige", im sonstigen Alltagsleben gestandene Frau fühle mich nicht mehr imstande, ganz authentisch zu sein. Weil ich nicht weiß, ob das Gegenüber angemessen darauf reagiert.

Mein Partner ist nicht aggressiv im Sinne körperlicher Gewalt oder Anbrüllen, er kann auch unglaublich liebevoll sein.
Doch ich erlebe eine passive Aggression, die mich in einer (vertrauten) und passiven Hab-Acht-Stellung hält.

Ich weiß nicht, ob ich nur noch da bin, um diesen alten Kindheitsknoten aufzulösen: Auch mal "wichtig" sein, auch Bedürfnisse erfüllt bekommen, mehr zu sein, als die Tröstende in für ihn belastenden Situationen.

Ist das typisch? Dass man sich mit wenig zufrieden gibt, weil man (wie als Kind) immer auf mehr hofft und deshalb am Ball bleibt?

Ich weiß gerade noch nicht, ob ich klar genug bin in meiner Fragestellung.
Es treibt mich eben gerade um und ich bin noch etwas ungeordnet.

Viele Grüße
Biene

Morgenrot
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Beitrag von Morgenrot » 26.08.2017, 21:37

hallo Biene,

herzlich willkommen bei uns im Forum.

du beschreibst es ganz gut und verständlich.
Dieses nicht stören zu wollen oder sich ruhig zu verhalten, kenne ich auch sehr gut.
Es ist das Verhalten, womit ich immer versucht oder gehofft habe, das er aufhört zu trinken.
Ich hatte den Gedanken, wenn ich nur gut genug bin, ist die Chance da.
Aber nichts davon hat er getan, nur ich habe mich immer schlechter gefühlt,
weil immer weniger von mir blieb.

lg Morgenrot

Biene1967
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Beitrag von Biene1967 » 27.08.2017, 10:24

Hallo Morgenrot,

Dankeschön für Deine Rückmeldung.
Hier ist es aber eher so dass ich mich "ruhig und brav" verhalte, damit er nicht genervt ist. Darum geht es ....
Sein Trinkverhalten versuche ich nicht zu steuern, ich versuche vielmehr, keinen Anlass für Genervt-sein zu bieten.
Wobei ich insgesamt eine ruhige Person bin, also keine Quasselstrippe oder Dauerfragerin.
Seine Toleranz sinkt immer mehr, diese Stimmungsschwankungen nehmen zu. Als wolle er mich damit in Schach halten. Ich muss also ständig auf seine Stimmung achten, damit es nicht eskaliert.
Da ich sehr harmoniebedürftig bin, ist das dann ein ziemliches Gefälle.

Biene1967
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Beitrag von Biene1967 » 27.08.2017, 10:27

P.S.
Ja genau, wenn ich mich nur "richtig" verhalte, dann ist es friedlich und schön

Martin

Beitrag von Martin » 27.08.2017, 11:49

Hallo Biene,

ich bin Alkoholiker, seit 14 Jahren trocken.

Du kannst dich verhalten wie du willst, es wird nie richtig sein oder etwas bringen.

Für einen nassen Alkoholiker zählt nur dass er in Ruhe trinken kann, alles andere stört nur.

Gehst du ihm aus dem Weg liebst du ihn nicht mehr, suchst du Nähe störst du ihn beim Trinken.

Redest du mit ihm kann es genau so falsch sein wie wenn du still bist.

Ein nasser Alkoholiker ist nicht berechenbar :!:

Möchtest du wirklich so leben :?:

LG Martin

Morgenrot
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Beitrag von Morgenrot » 27.08.2017, 13:28

hallo Biene,

Martin hat recht, du kannst alles machen und alles wird falsch sein.
Ein nasser Alkoholiker findet immer einen Grund um zu trinken.
Wenn du sagst, der Himmel ist heute schön blau und er da anderer Meinung ist, reicht es und er der "unverstandene" wird trinken, weil du ihn nicht verstehst.
Du siehst, da ist nichts berechenbares, und dein Leben wird immer enger,da ist der Rückzug fast zwangsläufig die Folge.
Bei mir war es so, und da war es wichtig irgendwann den ersten Schritt wieder nach draußen zu tun.
Das geht nicht von heute auf morgen, wichtig ist es aber, dass du für dich weißt, dass du keine Schuld an seinem Trinken hast.


lg Morgenrot

Biene1967
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Beitrag von Biene1967 » 27.08.2017, 13:30

Danke Martin,
eine Antwort aus Deiner Perspektive (bzw. in Rückschau darauf) finde ich aufschlussreich.

Ja, genau so ist es. Ziehe ich mich zurück, zeige ich nicht genug Zuwendung. Zeige ich Zuwendung, ist sie falsch.

Ich komme so schwer los von dem Gedanken, ich sei tatsächlich "falsch". Für sein Trinkverhalten fühle ich mich nicht verantwortlich, aber ich versuche so zu sein, dass er nett und liebevoll ist. Gelingt mir selten.
Ich bin noch sehr gefangen in der "wenn ich nur lieb bin wird alles gut"-Rolle.
Ich habe mich ja mal in ihn verliebt, weil er sehr, sehr emotional und weich sein kann, hochsensibel wahrscheinlich auch.
Und ich bin auch so eine .... da fühlte ich mich dann immer sehr verstanden und auf einer Ebene. Es war nie oberflächlich.
Und Angst vor dem Alleinsein habe ich auch, wenn ich ehrlich zu mir selbst bin.
Lieber dies Wenige, Anstrengende als gar nichts .... ?

Biene1967
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Beitrag von Biene1967 » 27.08.2017, 13:32

Ja Morgenrot,
nicht Berechenbar trifft es genau.
Wobei ich eben nicht den Eindruck habe, er sucht einen Grund zum Trinken, sondern er sucht Wege, die Nähe und Distanz zu kontrollieren.

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